Tocotronic - Interview am 12.01.2022

Foto: Gloria Endres de Olivera. All rights reserve

Tocotronic haben mit „Nie Wieder Krieg“ ein neues Album in den Startlöchern stehen. Ein fantastisches Werk zudem – dazu bald mehr. Dies ist Anlass genug um mit dem sympathischen Jan Müller über das Album, aber auch die Pandemie zu sprechen – natürlich coronakonform.

 

 

 

Hallo und vielen Dank für Deine Zeit um über euer neues Album zu sprechen! Eine wichtige Frage in diesen Zeiten: seid ihr und eure Lieben gesund? Ja, alle gesund - erstaunlicherweise und immer noch. Mal gucken, wie es die nächsten Wochen so wird.

Hat Corona und die Pandemie den Entstehungsprozess für „Nie Wieder Krieg“ verändert oder hat Dirk die ersten Skizzen wieder mit dem Smartphone aufgenommen und euch und eurem Produzenten Moses Schneider die Ideen dann präsentiert?

Die Songs entstanden ja schon vorher und wir sind dann mit dem Album in die Pandemie hineingeglitten. Das hat dann schon etwas verändert. Wir mussten beispielsweise einen Studiotermin verschieben. Dann gab es ja die Regelung, dass man nicht mit so vielen sich treffen konnte und dann sind wir einzeln bei Moses Schneider gewesen. Das Album ist dann schon sehr überschattet von der Pandemie gewesen. Ich selber kann der Pandemie ja nichts Positives abgewinnen, aber wenn man sich dann damit arrangiert hatte alles um ein Jahr zu verschieben, dann hat einem das zumindest viel Zeit verschafft. Eigentlich war das Album sogar rechtzeitig fertig, aber wir konnten so noch mal die ganzen Titel, die Grafik und Video-Clips über- oder erarbeiten und da hatten wir dann auch wirklich viel Zeit alles zu bedenken und das hat, glaube ich, dem Album gutgetan.

Wann wurden die Songs geschrieben und aufgenommen?

Geschrieben wurden sie eigentlich schon 2019 und aufgenommen dann tatsächlich in dieser Pandemie 2020. Ein Teil der Songs ist ja in den Hansa Studios live aufgenommen. Der andere Teil ist dann bei Moses Schneider im Transporterraum aufgenommen worden. Wobei das Schlagzeug und die Gitarren sind sämtlicherweise im Hansa Studio aufgenommen. Das ist so eine Mischung aus zwei Studios und zwei Aufnahmeverfahren. Das ist auch alles im Jahr 2020 geschehen.

Du erwähnst gerade die live aufgenommenen Songs - war das vorab ein bewusstes Konzept oder hat sich das so ergeben?

Das war tatsächlich ein bewusstes Konzept. Es ist ja so, dass das Markenzeichen von Moses sowieso die Live-Aufnahme ist. Wir sind dann beim roten Album davon abgekommen. Auf dem letzten Album „Die Unendlichkeit“ ist auch keine einzige Live-Aufnahme zu hören. Jetzt haben wir eine Mischung gemacht. Wir sind von dem Songmaterial ausgegangen und haben geschaut, welcher Song sich für Live-Aufnahmen eignet und welcher ist besser dafür geeignet das peu à peu aufzunehmen.

Hat euch der Aufnahmeprozess auch geholfen die Pandemie psychisch zu verarbeiten? Die Pandemie hat euch ja sicher auch wirtschaftlich getroffen und dann habt ihr das gemacht, was man als Musiker in den Zeiten machen konnte: Songs schreiben und aufnehmen – live spielen ging ja nur bedingt.

Genau, wir hatten letztes Jahr auch ein paar pandemiegerechte Konzerte. Wirtschaftlich hat uns das getroffen, keine Frage. Wir sind aber ja schon so lange aktiv, dass es für uns mal in Ordnung war ein Jahr so zu verbringen. Ich stelle mir das aber sehr schwer vor, wenn man gerade erst anfängt, das erste Album angeht und dann 2020 rausbringt – für die muss das wirklich schlimm sein. Bisher halten sich meine psychischen Schäden da echt in Grenzen. Es nervt und so, klar. Es tritt in der Gesellschaft zudem vieles Unschöne zutage. Dinge, die sich eh schon angedeutet haben. Der ganze Rechtsextremismus, eine weitgehend rechtsextreme Partei, die da im Bundestag sitzt und die sich dann auf die Coronaleugner-Schiene draufsetzt – was klar war – aber natürlich ist man auch erschrocken, welches antiaufklärerische Potenzial diese Esoterik-Szene trägt und wie hemmungslos die sich mit Rechtsextremisten verbrüdern. Das sind dann schon Sachen, die mich schockiert haben. Bei mir ging es aber nie in die Richtung, dass mich das irgendwie psychisch angegriffen hat. Ich bin auch froh, dass es dann so schnell diese Impfung gab. Man vergisst ja auch viele Dinge. Wenn ich da an den Winter 20/21 zurückdenke, da hatte ich schon Angst mich anzustecken und ja, jetzt bin ich hier und geboostert und denke, dass mir nicht mehr so viel passiert. Ich bin auch froh in einer Branche tätig zu sein, in der es sehr wenig Coronaleugner-Potenzial gibt – von einigen Ausnahmen abgesehen. Ich fand die von Die Ärzte initiierte Impfkampagne sehr toll. Ich meine, wir Musiker sind wirklich schwer gebeutelt von dieser Pandemie und doch gibt es da so viel Klarheit und Vernunft, weil fast alle von uns wissen, dass es irgendwann mal weitergeht und je konsequenter wir uns verhalten umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwann weitergeht.

Noch mal zurück zum Album: „Nie Wieder Krieg“ funktioniert, wie ich finde, als Ganzes und hat so einen roten Faden, vielleicht sogar wie eine Tragikomödie. Das Album hat eine tolle Dramaturgie. Hattet ihr während der Aufnahmen den Fokus schon auf das gesamte Album gelegt – beispielsweise die Anordnung der Songs oder habt ich euch erst rangetastet?

Vielen Dank, es freut mich alles sehr, was Du sagst. Das freut einen als Band total, wenn das so gesehen wird, nämlich, dass das Album auch als Album gehört wird. Es ist natürlich total legitim sich die einzelnen Songs rauszugreifen, aber es ist schön, dass gehört wird, dass man einen Mehrwert hat, wenn man das Album als Ganzes hört. Das freut mich ungemein. Beim letzten Album war natürlich, aufgrund der Biografie von Dirk, klar wie der zeitliche Ablauf des Albums sein wird. Jetzt war es nicht ganz so, aber es hat sich doch relativ schnell während der Aufnahmen ergeben, welche Reihenfolge es sein soll. Es war beispielsweise direkt klar, dass der Titelsong der Opener auch ist. Und auch der Rest stand schnell fest. Ich glaube, da wurden später noch ein bis zwei Songs vertauscht, mehr nicht. So arbeiten wir auch schon seit einiger Zeit, dass wir uns ziemlich früh Gedanken über die Reihenfolge machen. Ich habe neulich noch überlegt wie es früher bei uns war. Da wurde die Platte aufgenommen, also die alten Platten wie „Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren“, da wurden die Songs aufgenommen und dann hat man sich bei ein paar Bier zusammengesetzt und die Reihenfolge gemacht. Oft hat das auch Dirk mit Thorsten Weßel „Taucher“, der damals unser Verleger war, gemacht. Das war eher so eine relativ unbeschwerte Sache. Jetzt machen wir uns vielmehr Gedanken darüber, aber das macht auch Spaß. Im Idealfall soll es dann ja auch den Effekt erzielen, dass es als Album wahrgenommen wird.

Die Texte handeln sehr viel von Verletzlichkeit und Einsamkeit. Ist auch dies eine direkte Reaktion auf die Situation, die die Menschheit gerade im Griff hat?

Es hat bestimmt was damit zu tun, aber die Texte sind ja schon vorher entstanden. Ich sag ja immer – ohne da irgendwie selbst esoterisch veranlagt zu sein -, dass Dirk da eine gewisse Sensorik hat und irgendwie Sachen, die sich ereignen oder ereignen werden, wahrzunehmen. Ich fand das sehr faszinierend, wie gut dies dann in die Zeiten passt, weil es den Leuten einfach so geht wie im Titelsong. Wir leben eben in sehr ungewöhnlichen Zeiten, aber die Texte sind vorher entstanden und ich hoffe natürlich sehr, dass es kein Corona-Album ist.

In diesem Zusammenhang: es gibt im Internet ja sogar eine Pandemie-Tracklist mit Tocotronic-Songs, ihr habt die, glaube ich, auch weiter getweetet…

Das hat uns sehr gefreut. Auch, dass jemand so eine Kenntnis über unser Werk hat und sich die Mühe macht eine Playlist zusammenzustellen. Das hat uns auch total verblüfft.   

Vom Titel würde da jetzt ja auch „Hoffnung“ reinpassen, einen eurer schönsten Songs, wie ich finde. Das Gitarrensolo ist ja so ein Gänsehautmoment auf der Platte…

Oh ja, das Gitarrensolo von Rick. Da habe ich mich auch gefreut, als er das dann schickte. Das war die erste Lockdown-Zeit, glaube ich. Da war Rick in Hamburg. Als er damit ankam, war das für mich auch so ein Gänsehautmoment und ich dachte „Wow, das ist mal so ein richtiges Solo Solo. Das hätte es früher nie bei uns gegeben.“ Ja, es ist einfach echt schön.

Wenn ihr Lust darauf habt: den Song bitte auch unbedingt live spielen.

Du, das kann ich Dir jetzt schon zusichern.

Musikalisch ist das ein sehr schönes Album. Es strahlt an der einen oder anderen Stelle sehr viel Optimismus aus. Wolltet ihr mit der Musik einen direkten Gegenpol zum jeweiligen Text setzen?

Im Idealfall ja. Es wäre vielleicht ein bisschen too much gewesen, die Texte, wie Du sagst, die diese Anteile haben und die Musik das noch verstärken lassen. Eine gewisse Leichtigkeit dagegen zu setzen war auf jeden Fall unser Ansinnen und wenn das hörbar ist, dann ist das umso schöner.

Blendet man, während man in dieser Schreib- und Aufnahmeblase steckt, eigentlich aus für was Tocotronic bisher wahrgenommen wurden? Stichwort Erwartungshaltungen oder einen bestimmten Sound?

Es ist eher unsere eigene Erwartungshaltung. Ich glaube, was für uns ganz wichtig ist, dass schon klar ist, dass wir als Band einen Sound haben. Ich bin aber sowieso nicht ein Fan davon, dass sich eine Band alle naselang neu findet oder erfindet. Manche Leute finden das total toll. Nehmen wir mal ein Album von Radiohead „Kid A“. Viele Leute fanden das ja total super. Es ist bestimmt auch ein wichtiges Album. Ich war eh nie so ein Radiohead-Fan und ich fand das so ein bisschen den billigen Weg - so ein bisschen Elektronik-Gefrickel. Wir haben das auch in Form von Remixen gemacht, aber dann waren das eher andere Leute für uns. Ich finde es irgendwie schön, wenn eine Band schon bei ihrem Kern bleibt. Überraschend kann natürlich auch schön sein, klar. Wir als Band ticken aber nicht so, so funktionieren wir nicht als Band.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Soap&Skin bei dem wunderschönen, gleichwohl sehr traurigen „Ich Tauche Auf“?

Das ist ja kein Duett im klassischen Sinne und das lässt sich auch alleine singen. Das sind ja nicht zwei verteilte Rollen. Irgendwie lag es aber in der Luft, dass wir mal jemanden dazu nehmen. Wir kamen dann recht schnell auf Anja, also Soap&Skin, und dachten, dass ihre Stimme da gut reinpassen würde. Wir kennen sie und ihre Songs ja gut. Auf jeden Fall haben wir ihr das geschickt und erfreulicherweise hatte sie auch Lust dazu. So nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich könnte mir auch keine passendere Person dafür vorstellen. Es ist etwas ganz Besonderes geworden.

Der Songtitel „Jugend Ohne Gott Gegen Faschismus“ kann man so direkt wieder auf ein T-Shirt drucken. Ist es für euch als Band in der heutigen Zeit ein unbedingtes Bedürfnis und noch wichtiger denn je Haltung zu zeigen, auch wenn man mitunter damit aneckt?

Haltung zeigen finde ich dieser Tag sehr wichtig, aber sich gegen Faschismus zu bekennen wäre auch ein bisschen kokett, denn das ist ja eigentlich klar wo wir stehen. Gott sei Dank gibt es ja einen recht breiten Konsens gegen Faschismus und Rechtsextremismus. Wir alle haben da ja eine Verantwortung. Dirk kam mit diesem Titel auf uns zu. Ich war zunächst verwundert und auch verblüfft, aber letztlich ist er einfach nur schön, weil es auch was Originelles hat.

Es ist von sehr leise bis rumpelig alles auf dem Album vertreten. Welche Einflüsse hattet ihr denn während „Nie Wieder Krieg“ entstand?

Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Die Einflüsse werden, je länger man lebt, ja immer größer. Man lernt ja immer mehr Musik kennen. Was man früher gehört hat, verschwindet vielleicht, anderes bleibt aber auch. Was ich für uns und die krachigen Lieder immer sehr wichtig finde, ist der Sound von Neil Young. Dann gibt es ja so eine gewisse Renaissance an Gitarrenmusik und die kann man vielleicht als Einfluss nennen. Kurt Vile und Courtney Barnett ist Musik, die uns in den letzten Jahren sehr nahegegangen ist. Diese Coolness, die da drinsteckt, hat uns schon sehr interessiert.

Gibt es jemanden dem ihr neues Material als Erstes vorführt/vorspielt? Jemand, der euch - außer Moses Schneider - seine Meinung und seinen ersten Eindruck mitteilt?

Familie und unseren Frauen natürlich. Unserem Manager, Stephan Rath, der ist ja auch selber Musiker bei den Goldenen Zitronen und dann natürlich dem engeren Freundeskreis. Wobei das auch immer so ein peinlicher Moment ist. Da sitzt man dann da zusammen „Und? Und? Wie findest Du es?“. Es war durch Corona natürlich wesentlich reduzierter, weil man einfach weniger zusammenkommt.

Du hast es ja schon erwähnt: ihr habt in den Hansa Studios aufgenommen. Dieser Ort ist natürlich historisch sehr stark aufgeladen. Da haben ja schon viele Künstler – von Bowie bis U2 – aufgenommen. Ist man sich dessen bewusst oder blendet man dies während der Aufnahmen völlig aus?

Diese Aura ist definitiv da. In den Räumlichkeiten wo wir aufgenommen haben, also diese Etage, ist es gar nicht so spektakulär, aber diese Aura gibt es auf jeden Fall. Ein Tonstudio hat sowieso eine Aura. Es gibt da immer diesen einen Moment, wo man auf den Knopf drückt und dann gilt es. Ich liebe das sehr. Dass wir ins Hansa Studio gehen, war ein Vorschlag von Moses. Moses ist oft da und er hat da ja auch tatsächlich gelernt. Das waren auch seine ersten Studiojobs. Wir waren tatsächlich sehr lange in keinem klassischen Tonstudio mehr. Das waren die Black Box Studios in Frankreich, aber das ist wirklich schon sehr lange her.

Wo ich Dich gerade spreche: Du machst ja viel im Internet, Deinen Podcast beispielsweise. Wie steht ihr zum Internet? Segen oder Fluch für einen Musiker? Ihr kennt ja auch noch die Zeiten als Musiker vor dem Internet.

Also für mich ist das ein Segen zu Zeit. Gerade in der Pandemie hat das geholfen. Ich konnte meinen Reflektor Podcast machen. Klar, als Musiker verkauft man nicht mehr so viele Tonträger wie in den 90ern, weil wir jetzt einfach im Streaming-Zeitalter angekommen sind. Da ist für uns natürlich finanziell nachteilig, aber es ist halt so. Es bietet ja auch Vorteile. Ich bin beispielsweise begeisterter Streaming-Nutzer und benutze das auch für meinen Podcast sehr viel zur Recherche. Wenn ich das alles über Plattenkauf machen müsste, wäre das so gar nicht möglich. Insofern ist es Segen und Fluch. Finanziell ist das eher schwierig und wovon wir vorher sprachen: dem Albumformat ist es sicher auch nicht zuträglich, weil der nächste Song nur ein Klick entfernt ist. Es ist eben anders, aber ich kann da kein Besser oder Schlechter finden. Ich fokussiere mich da aber lieber auf die Vorteile als das jetzt zu bejammern.

Die Tour steht ja bereits in den Startlöchern. Gibt es schon verschiedene Notpläne, falls Corona dann doch wieder einen Strich durch die Rechnung macht?

Wir freuen uns sehr auf die Tour und die wird dieses Jahr stattfinden, da bin ich mir ganz sicher.

Das ist doch ein schönes Schlusswort: vielen Dank und viel Erfolg mit dem schönen und tollen neuen Album!

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich bei Florian Striedl und PublicCreations, Universal und natürlich bei Jan MÜller und Tocotronic für die freundliche Unterstützung)

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