Rory Gallagher: Check Shirt Wizard – Live In ´77

Rory Gallagher: Check Shirt Wizard – Live In ´77

Universal

VÖ: 06.03.2020

 

Wertung: 12/12

Tipp!

 

Es gibt Musiker, die haben Studioalben immer als notwendiges Übel angesehen, um ihre Songs unter die Leute zu bringen. Rory Gallagher muss einer von dieser Sorte gewesen sein. Der Mann, der 1995 viel zu früh mit 47 Jahren verstarb, blühte hörbar auf den Brettern, die die Welt bedeuteten, auf und hob seine Musik live noch mal auf ein gänzlich anderes Level. Selbst aus der Konserve ist spür- und hörbar, dass der Mann sich erst auf seinen Konzerten so richtig wohlfühlte. Jetzt kann man das anhand der neuen Veröffentlichung „Check Shirt Wizard – Live In ´77“ überprüfen. Die 20 bisher unveröffentlichten Songs sind aus vier Konzerten in London, Brighton, Sheffield und Newcastle zusammengestellt worden.

 

Die Eröffnung macht hier „Do You Read Me“ aus Brighton aus dem Januar 1977. Man kann erahnen, welche Bedeutung der Mann schon damals hatte. Die Leute holen ihren Helden mit lauten „Rory, Rory-Rufen“ auf die Bühne. Er lässt sich nicht lumpen und gibt Vollgas. Der brillante Klang und die famos aufspielende Band sorgen dafür, dass man Bauklötze staunt. Ja, der Mann hatte eine ganz besondere Gabe und konnte mittels der sechs Saiten mit seinem Publikum kommunizieren. Das klingt zudem, wie bei „Moonchild“ – übrigens ebenfalls aus Brighton – alles so spielerisch leicht.

 

„Calling Card“ aus dem Hammersmith Odeon ist ein Irrsinnsritt auf den sechs Saiten. Zunächst lockt einen der gute Rory auf die falsche Fährte und man wähnt sich im entspannten Bluesland – und dann bricht doch noch die Hölle los. Er spielt sich in einen irrsinnigen Rausch. „Secret Agent“ aus Sheffield legt noch ein paar Briketts drauf. Ist das noch Blues? Ist das Hard Rock? Heavy? Egal, es ist Rory Gallagher in all seiner Pracht. Auch der Gesang kann sich hören lassen.

 

Mitgeschnitten wurde das alles übrigens vom Jethro Tull Maison Rouge-Mobilstudio. Das Ergebnis ist wirklich beeindruckend. „Tattoo´d Lady“ bringt schließlich auch noch die Lässigkeit mit, die oftmals den verbissenen Gitarristen abgeht. Gallagher war aber auch nicht verbissen, er spielte ja fast schon intuitiv, wie man dem schwebende „A Million Miles Away“ anhören kann. „I Take What I Want“ rockt wie Sau und „Walk On Hot Coals“ ist eine Sternstunde auf den sechs Saiten.

 

„Out On The Western Plain“ klingt – genau – nach Saloon, staubigen Straßen und Cowboys. „Barley & Grape Rag“ ist der vertonte Spaß. Wenn die elektrische Gitarre die Ehefrau von Gallagher war, dann war die Akustikgitarre mindestens die Geliebte. „Pistol Slapper Blues“ lässt in dieser Hinsicht keine Fragen offen. „Too Much Alcohol“ ist eine nette Fingerübung, während „Going To My Hometown“ auch noch groovt. Die Menge feiert das hörbar ab. „Jack-Knife Beat“ zeigt, dass es von einem gefühlvollen Spiel bis zur gepflegten Härte nur ein kleiner Weg ist. Wenn die letzten Klänge von „Country Mile“ aus der Newcastle City Hall verklungen sind, weiß man, dass man da gerade einem der besten Live-Gitarristen überhaupt gelauscht hat.

 

Fazit: Wer auch nur im Ansatz handgemachte Live-Musik schätzt und dabei noch ein besonderes Faible für die Gitarre hat, sollte, nein muss, „Check Shirt Wizard – Live In ´77“ von Rory Gallagher unbedingt in seine Sammlung aufnehmen. Hier wird die ganze Vielfalt, von Blues bis Heavy, von zart bis hart, von elektrisch bis akustisch auf derart brillante Art und Weise gespielt, dass es wie das ultimative Live-Vermächtnis überhaupt wirkt. Essenziell!

 

http://www.rorygallagher.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Rory Gallagher: Blues

Rory Gallagher: Blues (Deluxe Edition)

Universal

VÖ: 31.05.2019

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Rory Gallagher ist einer der größten Gitarristen, den die Welt je gehört hat – und leider auch einer der am sträflich unterschätzten Gitarristen. Bei seinen Kollegen wurde und wird er über alle Maßen geschätzt und gelobt, die breite Öffentlichkeit hat seinen Namen aber nicht unbedingt auf dem Schirm. Die Musik von Gallagher ist, so scheint es jedenfalls, etwas für die Nerds, Liebhaber und Spezialisten. Dies könnte auch an der Tatsache liegen, dass er in erster Linie immer dem Blues verpflichtet war und sich bis zu seinem Tod in den 90ern nie um irgendwelche Trends gekümmert hat. Musikstile kamen und gingen, Rory Gallagher blieb stets dem Blues treu.

 

Nun werden von Gallagher ein paar ganz spezielle Schmankerl veröffentlicht. Das schlicht „Blues“ betitelte Werk hält nämlich jede Menge unveröffentlichtes Material bereit. Selbstverständlich hat das Label verschiedene Konfigurationen geschnürt. Das reicht von der Einzel-CD über eine limitierte blaue Doppel-Vinyl bis hin zur üppigen Deluxe Variante, die 3CDs und 36 Songs zu bieten hat. Selbige liegt hier auf dem Tisch zur Besprechung. Die Haptik und Optik ist schon mal erstklassig. Das Digipack hat auch inhaltlich sehr viel an Mehrwert zu bieten. Das Booklet ist sehr umfangreich ausgefallen. Die Liner Notes von Jas Obrecht sind sehr detailreich und so hat man als Leser noch mal die Möglichkeit, den Werdegang und die Liebe zum Blues von Gallagher nachzuvollziehen. Selbstverständlich gibt es auch ein paar Fotos und die wichtigsten Informationen zu den einzelnen Songs!

 

Die Anordnung der Songs ist übrigens nicht chronologisch erfolgt. Mit „Don't Start Me Talkin'“ aus der Jinx Album Session von 1982 startet die Sause mit einem allseits bekannten Rhythmus. Die Mundharmonika steht dabei fast gleichberechtigt neben der Gitarre. Gallagher entlockt den sechs Saiten mal wieder Töne, wie nur er es auf seine ureigene Art kann. „Nothin' But The Devil“ ist Blues der alten Schule. Langsam schleppt sich die Musik durch die Sümpfe. Die Aufnahme ist übrigens von 1975. „Off The Handle“ ist aus der BBC Radio 2 Paul Jones Blues Show aus dem Jahre 1986. Dieses großartige Stück ist allerdings nicht die einzige Aufnahme aus einer Radio Session. Beeindruckend ist auch immer wieder die Qualität der einzelnen Tracks was den Klang betrifft. „I Could've Had Religion“ haut einen schier aus den Schuhen. Abgesehen davon ist diese puristische Aufnahme so etwas wie die Essenz eines ganzen Genres! Mit „Drop Down Baby“ gibt es zudem einen tollen Lonnie Donnegan Song. Direkt danach folgt mit „I´m Ready“ der Altmeister Muddy Waters. Gallagher war sich seiner Wurzeln stets bewusst.

 

Das Talent des guten Rory wird anhand eines Songs wie „Who´s That Coming“ deutlich. Dieser alternative Acoustic Take unterstreicht eindrucksvoll, dass der Mann unfassbar talentiert war und die Musik intuitiv durch ihn durchgeflossen sein muss. Abgesehen davon ist das auch brillant gesungen! „Should've Learnt My Lesson“ geht in die Richtung, wie Eric Clapton den Blues auch spielen würde. „Bankers Blues“ ist der pure Spaß und mehr eine Fingerübung für den Saloon. Die zweite CD ist übrigens so etwas wie der Akustikteil des Sets. „Whole Lot Of People“ und „Walkin´ The Blues“ sind weitere Songs in diesem Gewand. Letztgenannte Nummer ist übrigens von 1987 und somit schon aus der Spätphase von Gallagher. Herausragend ist auch hier mal wieder das Mundharmonikaspiel.

 

Die dritte CD des Sets widmet sich den Live-Songs. Das schmissige „When My Baby She Left Me“ eröffnet den Reigen aus den verschiedenen Epochen in denen Gallagher live aufgetreten ist. „Comin´ Home Baby“ ist von 1989 und somit jüngeren Datums.  „Born Under A Bad Sign“ ist aus dem Rockpalast von 91 und der jüngste Song. Wenn man eine Nummer für das Improvisationstalent von Gallagher aus dem Hut ziehen müsste, dann könnte man „All Around Man“ nehmen, denn hier arbeitet sich der Mann über elf Minuten an den sechs Saiten ab. „Tore Down“ kommt dagegen schnell und hart auf den Punkt. Gallagher war eben auch extrem breit aufgestellt – auch innerhalb eines Genres!

 

Fazit: Das schlicht „Blues“ betitelte Set von Rory Gallagher speist sich fast zu 90 % aus unveröffentlichtem Material. Hier wird die ganze Bandbreite des Blues abgedeckt. Die Songs unterstreichen, dass der Mann wahrlich ein Virtuose war. Zu empfehlen ist unbedingt die Deluxe Variante, da hier die ganze Spielwiese abgedeckt wird, nämlich von Studioaufnahmen über Akustiktakes bis hin zu den Livesongs. Das ist die Bluesvollbedienung eines Vollblutmusikers!

 

http://www.rorygallagher.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Rory Gallagher: Notes From San Francisco (Limited 2CD Deluxe Legacy Edition)

Rory Gallagher: Notes From San Francisco (Limited 2CD Deluxe Legacy Edition)

Sony

VÖ: 03.06.2011

 

Wertung: 9/12

 

Rory Gallagher darf man sicher zu den ganz großen Saitenattisten zählen. Er war bis zu seinem Tod 1995 ein wahrer Virtuose und wird von seinen Kollegen immer als einer der prägenden Einflüsse genannt. Seine Musik war stets geprägt vom Blues-Rock oder vom puren Blues in all seinen Farben und Schattierungen. Der Ire hatte allerdings einen ganz entscheidendes Talent, welches ihn letztlich von einer Vielzahl seiner Kollegen abhob: Improvisation! Nicht nur live war das immer wieder ein Ereignis, sondern auch auf einer Vielzahl seiner Studioalben. Nicht selten wehte durch seine Songs auch immer ein gewisser Jam-Charakter. Nicht umsonst wollten die Stones den Mann gerne in ihren Reihen haben, nachdem Mick Taylor ausgeschieden war. Gallagher hatte allerdings ganz andere Ambitionen.

 

Eine davon war „Notes From San Francisco“. Dieses Album wurde aber nie fertiggestellt. Gallagher war mit der Abmischung einfach nicht zufrieden und somit verschwanden die Songs für Jahrzehnte im Schrank. Nun erscheint das Werk also doch noch. Die heutige Technologie macht es möglich und natürlich haben seine Nachlassverwalter dem ganzen Projekt nun doch zugestimmt. Ein netter Nebeneffekt ist dabei natürlich auch, dass sie auch am Geldsegen partizipieren und somit bleibt natürlich auch ein fader Beigeschmack. Man kann zwar die berechtigte Frage stellen, ob Rory Gallagher „Notes From San Francisco“ nun so veröffentlicht hätte, aber letztlich ist es müßig darüber zu diskutieren. Fakt ist jedenfalls, dass sein Bruder und langjähriger Manager Dónal und dessen Sohn Daniel mit den Mitteln der heutigen Technik das Album nun fertiggestellt haben. Gehen wir einfach mal davon aus, dass sie das ganz im Sinne des Künstlers getan haben und nach seinen damaligen Vorstellungen gehandelt haben.

 

„Notes From San Francisco“ ist aber noch viel mehr als Musik. Der Gitarrist schickte auch regelmäßig seine Notizen per Postkarte nach Irland. Dem wird mit der Deluxe Edition ganz besonders gehuldigt. Wer sich dieses Album zulegen möchte, der sollte bitte gleich zu dieser limitierten Ausgabe greifen. Die Aufmachung als Digibook ist ein Traum. Das Cover kommt hier sowieso besser zur Geltung, aber auch der Rest rechtfertigt den Kauf der Deluxe Edition. Ebenso sind im Innenteil originalgetreue Faksimile der handschriftlichen Songtexte zu finden. Viele Fotos und weitere Gimmicks lassen das Fanherz sowieso höher schlagen. Als besonderes Schmankerl liegen noch vier Postkarten mit Rory Gallagher Briefmarken bei. Die Gestaltung ist schon mal zum Niederknien!

 

„Notes From San Francisco“ besteht aus zwei Teilen. Zunächst wäre da das Studio-Album und dann liegt auch noch eine Live-CD bei. Das eigentliche Album selber wurde aber anscheinend als zu kurz befunden und somit hat man noch drei Bonus Tracks hinzugefügt. Das Studio-Werk ist eine komische Angelegenheit. Zunächst lief das Teil in Dauerschleife, aber so richtig packen konnte es einen nicht. Ein paar Tage auf Seite gelegt und dann schlägt es teilweise wie ein Blitz ein.

 

Der fulminante Einstieg mit „Rue The Day“ knallt gleich ordentlich rein. Rory Gallagher klingt rotzig wie selten und das Honky Tonk Piano übernimmt überraschenderweise die Führung der Nummer. „Persuasion“ kommt ebenfalls recht schmissig rüber und Gallagher lässt sein Können an der Axt mehrfach aufblitzen. Das gilt auch für die versponnen Licks und Solos von „B Girl“. Der Rest der Nummer langweilt allerdings auch ein bisschen. Dies gilt ganz und garnicht für den Bluesstampfer „Mississippi Sheiks“. So hat man Gallagher kennen und lieben gelernt. Mit der Ballade „Wheels Within Wheels“ ist er nahe an Clapton-Gefilden dran. Mr. Slowhand hat auch unüberhörbaren Einfluss auf das Gitarrenspiel gehabt – oder umgekehrt, gibt da ja immer wieder unterschiedliche Meinungen. Als Bonus Track wurde auch noch eine alternative Version auf die Scheibe gepackt. Ist aber nicht sonderlich anders ausgefallen. Auch die Rolling Stones haben ihre Duftmarken bei „Brute Force & Ignorance“ hinterlassen. „Fuel To The Fire“ beendet die ursprüngliche Version fast traditionell. Austoben darf sich Gallagher dann bei „Cut A Dash“, bevor er sich bei „Out On The Tiles“ bei Hendrix bedient und verbeugt. Insgesamt klingt das Album sehr druckvoll und wenn man so will, dann ist das auch sehr gut abgemischt.

 

Die Live-CD zeigt dann das ganze Spektrum von Gallagher. Wie ein Derwisch pflügt er sich durch die Songs von „Follow Me“ über „I´m Leavin´“ bis hin zu „Sea Cruise“. Daneben wird auch immer wieder dem guten, alten Blues gehuldigt und wie bei „Bought And Sold“ ordentlich die Bühne nieder gestampft. Gallagher bezeichnete das als Rückkehr zu „Meat & Potatoes Rock & Roll“. Das kann man so stehen lassen. Die Live-CD ist insofern fast die eigentliche Sensation, denn hier wird sehr gut eingefangen, was Gallagher auch für eine Bühnenpräsenz hatte.

 

Fazit: Es wäre wirklich eine Schande gewesen, wenn „Notes From San Francisco“ nicht doch noch das offizielle Licht der Welt erblickt hätte. Hier gibt es die Rory Gallagher Vollbedienung. Man sollte gleich zur Limited Deluxe Legacy Edition greifen. Diese wundervolle Aufmachung und Gestaltung sollte man sich einfach nicht entgehen lassen. Die Live-CD ist ebenfalls sehr gelungen und zeigt, dass der Mann zwischen Blues und Rock & Roll zu den ganz Großen gehörte.

 

http://www.rorygallagher.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch