Nick Cave: Stranger Than Kindness

 

 

Nick Cave: Stranger Than Kindness

Kiepenheuer & Witsch

VÖ: 11.02.2021

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Glücklich können sich alle jene Menschen schätzen, welche letztes Jahr die Ausstellung über Nick Cave in Kopenhagen besuchen konnten. Ob die Ausstellung jemals nach Deutschland kommem wird, ist nicht klar und selbstverständlich aufgrund der aktuellen Lage alles andere als planbar. Die Ausstellung in Dänemark sollte eine kreative Reise in die Welt von Nick Cave darstellen. In acht Räumen konnte man Songtexte, Artefakte, Literatur und noch viele andere Dinge bewundern. Die knapp 300 Objekte stammten übrigens aus der Privatsammlung von Nick Cave, dem Nick Cave-Archiv in Melbourne, den Sammlungen der Dänischen Königlichen Bibliothek und von privaten Leihgebern – so, wie man das eben von Kunstausstellung gewohnt ist. Nick Cave ist sicherlich einer der interessantesten und faszinierendsten Menschen der zeitgenössischen Musik und somit machte dieser Rahmen absolut Sinn.

 

Mit „Stranger Than Kindness“ wurde bereits letztes Jahr auch das entsprechende Buch dazu aufgelegt. Der Kiepenheuer & Witsch-Verlag bringt das Buch nun auch für den deutschsprachigen Markt heraus. Man hat per kleinem Kunstgriff das eigentliche Werk so belassen wie es ist. Die englischen Texte wurden nämlich innerhalb des Buches abgegruckt. Man hat allerdings ein kleines Büchlein dazu gelegt, welches die Übersetzung der Texte aus dem Englischen enthält. Dies ist eine erstklassige Lösung, denn so wird der Charme des eigentlichen Werkes nicht verfälscht. Die Aufmachung ist sowieso erstklassig. Auch die deutsche Ausgabe ist von den Maßen sehr groß ausgefallen ( 21.1 x 2.6 x 27.9 cm). So kommen die vielen Abbildungen wundervoll zur Geltung! Das Covermotiv ist zudem nicht nur auf den Deckel gedruckt worden, sondern das Postkartenformat wurde geklebt. Diese Metaszene hätte nicht besser gewählt werden können! Cave, wie er da neben seinem jüngeren Ich sitzt und die verschüttete Tinte aufwischt, passt hervorragend zu dem schwer zu fassenden Künstler, der wie kaum ein anderer die Independent-Szene der 80er und 90er prägte.  

 

Ist Nick Cave Musiker? Sänger? Songschreiber? Oder doch eher Schriftsteller? Die Grenzen verschwimmen, sind fließend. Der Australier hat immerhin mehrere Romane und Gedichte geschrieben. In seiner nun schon mehr als 4 Dekaden dauernden Karriere hat er zudem einen beachtlichen Katalog an Songtexten zusammengetragen. All dies findet man auch in „Stranger Than Kindness“ wieder. Der Inhalt wurde sehr sorgfältig und durchdacht ausgewählt und kuratiert. Das Mysterium Nick Cave wird hier aus vielen verschiedenen Richtungen beleuchtet. Es gibt jede Menge Original-Textentwürfe, Scrapbooks, Bilder – auch einige wenige aus seiner Kindheit und Jugendzeit - oder einen alten Einkaufzettel zu bewundern.

 

Jesus und Maria spielen auch immer wieder eine Rolle. Die von ihm selbst zusammengestellten Bücher, die hier abgebildet werden, kommen immer wieder darauf zurück. „Stranger Than Kindness“ gibt sich große Mühe, die unergründlichen Tiefen von Caves Auseinandersetzung mit der Religion zu erforschen. Für sein Schaffen ist dies ja auch von elementarer Bedeutung. Er selber hat die religiösen Bilder und Fotos übrigens an diversen Orten gefunden oder auf dem Flohmarkt gekauft und nach seinen Vorstellungen gestaltet. Als Betrachter und Leser taucht man so nicht nur in das persönliche Archiv von Cave hinein, sondern ein kleines Stückchen in seine Gedankenwelt. Die Legende Nick Cave kriegt so ein Gesicht, wird mitunter aber noch überlebensgrößer. Wie kaum ein anderer vermag es Cave intellektuell zu fordern, nur um dann im nächsten Moment eine Straßenkötermentalität an den Tag zu legen, die zu gleichen Teilen verstörend und faszinierend ist. Beispiele sind da sicher die in „Stranger Than Kindness“ abgebildeten Zeichnungen jener von ihm gemalten nackten Frauen aus dem Hyatt in Mainz aus dem Jahr 2006 oder dem Hotel Vier Jahreszeiten aus 2019. Es handelt sich dabei um schnelle und doch sehr kunstvolle Zeichnungen. Die Darstellungen sind aber teilweise sehr sexualisiert und die Handlungen mehr als eindeutig.

 

Das Essay von Dancer Steinke zu Beginn des Buchs ist sehr aufschlussreich. Hier gibt eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Caves spirituellem Kampf. Dies wird in den Kontext von alltäglichen Glaubensfragen gesetzt. Cave kommt in seinen Lyrics ja immer wieder darauf zurück – mal direkt und ohne Umschweife, dann wiederum andeutend. Trauer und Verlust spielen natürlich immer eine Rolle. Cave hat die Menschen ja an der Trauer über den Tod seine Sohnes Arthurs teilhaben lassen. Das jüngste Album „Ghosteen“ ist gar eine Abrechnung mit Trauer und Verlust.

 

Anschaulich werden auch die frühen Tage abgebildet, als Cave noch auf der Suche nach seiner künstlerischen Identität war. Sein Vater übte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss aus, wodurch Cave seine lebenslange Liebe zu Worten und umfangreiche Texte mit auf den Weg bekam.

 

Was hat das Buch noch zu bieten? Beispielsweise Notizbücher mit eingeklebten Haarsträhnen seiner Verflossenen. Allerdings gibt es auch eine wunderschöne Erzählung darüber wie er beim ersten Treffen mit Susie Bick von ihrer Aura tief beeindruckt war. Bick wurde bekanntlich seine Ehefrau und Muse. Wir sehen zudem Wortfetzen, die Cave in seiner Drogenphase mit seinem eigenen Blut geschrieben hat. Nick Cave hat stets Grenzen ausgelotet und oft auch überschritten – auch davon erzählt „Stranger Than Kindness“.

 

Fazit: „Stranger Than Kindness“ ist keine Biografie, dies sollte einem klar sein. Dafür gewährt einem dieses tolle Buch Einblicke in den kreativen Prozess von Nick Cave. Viele Artefakte darf man hier im Großformat bewundern. Wer die Ausstellung in Dänemark nicht besuchen konnte, kriegt durch dieses Buch eine lebendige Vorstellungskraft davon geliefert. „Stranger Than Kindness“ bereichert das große Schaffen und den Backkatalog von Nick Cave auf wunderbare Art und Weise. Je mehr man sich mit diesem Buch beschäftigt, umso mehr kriegt man eine Verbindung zu den Songs und dem Künstler. „Stranger Than Kindness“ alleine ist pure Kunst und zudem eine sensationelle Ablenkung von dem Wahnsinn da draußen! Prädikat: sehr empfehlenswert!

 

https://www.nickcave.com/

https://www.kiwi-verlag.de/buch/nick-cave-stranger-than-kindness-9783462000665

 

Text: Torsten Schlimbach

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