The Beach Boys: Feel Flows – The Sunflower & Surf´s Up Sessions 1969 – 1971

The Beach Boys: Feel Flows – The Sunflower & Surf´s Up Sessions 1969 – 1971

Universal

VÖ: 27.08.2021

 

Wertung: 9/12

 

Es gibt eine Zeit vor dem Meisterwerk und eine danach. „Pet Sounds“ ist auf ewig der Meilenstein im Backkatalog der Beach Boys. Was danach musikalisch passierte wurde meist komplett unterschätzt. Da hätten wir beispielsweise „Sunflower“, sogar ein sträflich unterschätztes Album. Es war auch jenes Album, als die Band Capitol verließ und selber mit Reprise ins Rennen ging. Musikalisch war die Herangehensweise auch eine andere und der Fokus lag nicht mehr alleine auf Brian Wilson. Das Songwriting war wesentlich vielfältiger aufgestellt. Jetzt wird eine 5 CD-Box – wahlweise auch als 2 CD-Version - oder 4 LP-Box und 2 LPs veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um „The Sunflower & Surf´s Up Sessions 1969 – 1971“.

 

Auf „The Sunflower“ sticht Dennis Wilson als Songwriter hervor und tritt dabei wieder etwas aus dem großen Schatten von Brian Wilson heraus. „Slip On Through“ und „It's About Time“ sind schöne Rocksong, die auch mal etwas forscher zu Sache gehen. „Got To Know The Woman“ ist sogar ein Griff in das Kuriositätenkabinett. Natürlich liefert auch Wilson wieder großartige Beiträge ab. „Add Some Music To Your Day“ ist abermals einer jener Songs, für die man die Beach Boys so liebt. Der Harmoniegesang ist großartig. Die Instrumentierung klingt zwar nach Hippie, aber im Herzen ist das vielleicht sogar ein Punk-Stück - nicht musikalisch, aber von der Attitüde. Mit „All I Wanna Do“ erfindet der Mann quasi im Vorbeigehen Shoegaze. „This Whole World“ mag nach einer typischen Beach Boys-Nummer aus seiner Feder klingen, der Track hat aber neben Glöckchen auch noch dieses treibende Element. Starker Song. „Sunflower“ floppte letztlich an der Kasse. Schade eigentlich, denn es ist ein wirklich gutes bis sehr gutes Album.

 

Nun wurde selbiges alleine bei der 2CD-Version um achtzehn(!) bisher unveröffentlichte Bonus Tracks erweitert. Es gibt den wundervollen „Loop De Loop“ Mix von 1969, der nach Western, Kirmes und Motorradrennen klingt – also ziemlich irre. „Susie Cincinnati“ ist grandios. Die Nummer rockt und swingt. Hierbei handelt es sich um einen Mix von 2020. „Good Time“ mit Mundharmonika oder der Rockstampfer „I´m Goin´ Your Way“ sind ziemlich lässig und zeigen die Beach Boys von einer anderen Seite. „Where Is She“ ist eine Antwort auf die Beatles jener Zeit. „Break Away“ besteht aus 17 Sekunden Backgroundgesang. „Our Sweet Love“ wiederum hat nur die Streicher-Elemten zu bieten. Von „This Whole World“ gibt es sogar eine Live-Version von 1988 zu hören. Ganz zum Schluss ist noch die ziemlich nervige Werbung zu „Sunflower“, die ähnliche Qualitäten wie Seitenbacher aufweist, untergebracht worden. Kein Wunder, dass das Album kein finanzieller Erfolg war, wenn dies die Werbung dazu war. Trotzdem interessant, dass man das hier noch mal dargeboten bekommt. Es ist ja auch ein Stück Zeitgeschichte! Insgesamt sind die Bonus Tracks eine echte Bereicherung.

 

Der Nachfolger „Surf´s Up“ ist kein Meisterwerk, aber trotzdem durchaus gut. Wenn man ganz ehrlich ist, dann ist das sogar das letzte sehr anständige Album, bevor die Beach Boys beliebig, belanglos und teilweise sogar unhörbar kitschig wurden. „Disney Girls“ ist mit Gepfeife und dem Schunkelunterbau schon sehr gewöhnungsbedürftig. Dafür gibt es mit „Student Demonstration Time“ einen Rocksong, der nicht nur zitiert, sondern auch ein bisschen den Glam adaptiert. Songs wie „Don't Go Near the Water“ und „Lookin' at Tomorrow (A Welfare Song)“ befassen sich vermutlich auch mit dem Innenleben der Band und damit war es zu diesem Zeitpunkt sicher nicht gerade zum Besten bestellt. Am Schluss lief Wilson aber noch mal zur Höchstform auf. „A Day In The Life Of A Tree“, „Till I Die“ und „Surf´s Up“ dürften von McCartney, sagen wir mal zu „Abbey Road“-Zeiten, inspiriert worden sein. Dagegen fällt „Feel Flows“ vor Langeweile über seine eigenen musikalischen Füße.

 

Auch hier gibt es wieder eine stattliche Anzahl von unveröffentlichtem Bonus Material. Das schmissige „It´s A New Day“ macht da unglaublich viel Laune. „Lady (Fallin´ In Love)“ ist atmosphärisch ganz toll aufgebaut. Einen gefälligen Song wie „Behold The Night“ nimmt man gerne mal mit, ob man den aber öfters ansteuern wird, ist dann doch fraglich. „Sweet And Bitter“ klingt wie ein Song einer UK-Band, also toll! Quatsch wie „My Solution“ ist eben ein Spiegelbild jener Tage. Ein paar Tracks, die lediglich die Backing Vocals zu bieten haben, sowie die Werbung für „Surf´s Up“ sind dann auch noch mit dabei.

 

Fazit: „The Sunflower“ und „Surf´s Up“ werden im Beach Boys-Katalog ziemlich sträflich behandelt und auch unterschätzt. Jetzt werden die beiden Werke in einer Box mit jeder Menge Bonusmaterial erneut unter die Fans und Leute gebracht. Auch die gekürzte Ausgabe mit 2 CDs lohnt sich, denn die beiden Silberlinge sind randvoll mit interessantem Material. Man kann auch hier auf große Entdeckungsreise gehen!

 

https://www.thebeachboys.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

The Beach Boys: Greatest Hits

The Beach Boys: Greatest Hits

EMI

VÖ: 21.09.2012

 

Von The Beach Boys kommt mal wieder eine „Greatest Hits“ CD in die Läden. Bitte nicht noch so eine völlig sinnlose Zusammenstellung ist man da versucht zu sagen. Ganz so einfach kann man es sich allerdings nicht machen, denn die vorliegende erscheint immerhin im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bandjubiläum. Nach den ganzen Konzerten im Zuge der Feierlichkeiten, dem neuen Studioalbum „That´s Why God Made The Radio“ stellt dies den nächsten Höhepunkt dar, denn gleichzeitig werden auch zwölf Studioalben wiederveröffentlicht. Natürlich hat man den Sound noch mal auf den neusten Stand gebracht und somit sind die Scheiben allesamt digitally remastered!

 

Die einfache Ausgabe der „Greatest Hits“ richtet sich allerdings nur an all jene, die noch überhaupt nichts von den Beach Boys im Schrank stehen haben und nur die Hits haben wollen oder brauchen. Man sollte dann doch noch ein paar Euro mehr investieren und direkt zu „The Greatest Hits: 50 Big Ones“ greifen. Hier gibt es nämlich satte 29 Tracks mehr, natürlich alle remastert. Die Single „Isn´t It Time“ wurde dazu neu abgemischt. Optisch dürfte das Lift-Top-Boxset auch mehr hergeben. Das Booklet enthält zudem exeklusive Liner Notes von David Wild, Mitherausgeber des Rolling Stone. Man kann allerdings auch noch ein bisschen warten, denn später im Jahr – Hallo Weihnachtsmann! Hallo Christkind – soll noch ein umfangreiches 50th Anniversary Boxset folgen!

 

Wer hätte gedacht, dass sich Brian Wilson, Al Jardine, Mike Love, Bruce Johnston und David Marks noch mal an einen Tisch setzen und eine gemeinsame Tour als The Beach Boys planen? Richtig, auf die Idee wären nicht mal die kühnsten Optimisten gekommen. Ein neues Album schien sowieso nie ein wirkliches Thema zu sein. Und dann kam doch alles anders. Insofern macht diese Zusammenstellung dann sogar wieder Sinn, da es mit „That´s Why God Made The Radio“ auch einen Track der aktuellen Scheibe gibt. Das reicht im Grunde auch völlig aus, denn das dazugehörige Album ist zwar nett, reicht aber beileibe nicht an die Klasse der alten Songs heran – so ehrlich muss dann auch selbst der Beinhartfan sein.

 

„Surfin´ U.S.A.“, „Wouldn´t It Be Nice“, „God Only Knows“, „California Girls“ und natürlich „Good Vibrations“ (im Mono-Mix) unterstreichen nachhaltig, die besondere Klasse dieser Band. Viele Songs liegen übrigens im Stereo Mix vor, manche auch erstmalig und „Do It Again“, „Surfin´ Safari“, „Be True To Your School“ und „Rock And Roll Music“ wurden dieses Jahr gar komplett remastert. Die Songs strahlen so eine ganz neue Dynamik aus, ist allerdings auch gewöhnungsbedürftig.

 

Fazit: Die neuerliche „Greatest Hits“ von The Beach Boys ist klanglich die beste Zusammenstellung der Band. Da man hier auch neues Material vorfindet, ist es selbstredend auch die aktuellste Werkschau. Wer damit auskommt und sowieso noch nichts von den Jungs im Schrank hat, sollte hier zugreifen. Alle anderen warten dann auf das ultimative Boxset! Eine Wertung entfällt, da die Promo-CD ohne Booklet vorliegt und dies mitunter die ganze Geschichte noch mal aufwerten würde!

 

http://www.thebeachboys.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

The Beach Boys: SMILE

The Beach Boys: SMILE

EMI

VÖ: 28.10.2011

 

Wertung: 8/12

 

„SMILE“ der Beach Boys ist so ziemlich die geheimnisvollste Platte der Musikgeschichte, die niemals veröffentlicht wurde. Unzählige Berichte wurden darüber schon verfasst. Keiner wusste so genau was es mit „SMILE“ auf sich hatte, aber nach „Pet Sounds“ erhoffte und erwartete man sich ganz Großes. Mythen, Legenden und Märchen gibt es jede Menge - nur wie sieht es mit der Wahrheit, also der Musik aus? Brian Wilson, der geniale Kopf dahinter, hat ja vor nicht allzu langer Zeit schon mal musikalisch Stellung bezogen. Was fehlt ist natürlich immer noch das Originalalbum.

 

Zwischen Sommer 1966 und Anfang 1967 nahmen die Beach Boys verschiedene Songs und Fragmente für ein neues Album auf. Die Geschichte ist bekannt, das alles verschwand schließlich in den Archiven und schlummerte selig vor sich hin. Die Nachfrage nach den Songs ist seitdem allerdings ungebrochen. Mittlerweile hat man den Eindruck, dass dies alles von Generation an Generation weitergegeben wird. Das hat eine Eigendynamik entwickelt, die schon manchmal groteske Züge angenommen hat. Teile davon wurden ja sowieso für spätere Alben verwendet.

 

Nun wird gleich alles zugänglich gemacht. Ob dies nun tatsächlich auch der letzte kleine Mosaikstein ist, können die Beteiligten nur selber beantworten. Fakt ist, dass die „SMILE“ Sessions nun in allen erdenklichen Formaten erscheinen. Wer nur die rudimentären Songs braucht, die letztlich auch auf dem Album landen sollten, wird mit der Einzel-CD bestens bedient sein. Es gibt allerdings auch noch eine Box, die noch viel weiter ins Detail einsteigt. Neben Instrumental- und Alternativtracks gibt es dort sogar Gesprächsfetzen aus dem Studio zu hören. Das Artwork entstand übrigens in Zusammenarbeit mit dem Pop-Art-Künstler Frank Holmes.

 

Was sich Wilson und Van Dyke Parks hier erschaffen haben ist in höchstem Maße ungewöhnlich. Für die damalige Zeit sowieso. Das nun vorliegende Album ist eigentlich gar kein Album im klassischen Sinne. Songs gibt es nicht. Die Grenzen sind fließend und gehen ineinander über. Mit Ausnahme der Singles vielleicht. „Heroes And Villains“ und der brillante Überhit „Good Vibrations“ halten „SMILE“ in gewisser Weise zusammen. Der Rest setzt sich aus Fragmenten, Kollagen, Songteilen, Ideen und teilweise auch unhörbarem Material zusammen. Tempo- und Stilwechsel können im Sekundentakt passieren. Das ist in höchstem Maße faszinierend, aber eben auch anstrengend. Gängige Strukturen werden komplett auf den Kopf gestellt. Das Konzeptalbum hat natürlich auch den berühmten Harmoniegesang zu bieten. Trotzdem ist es nicht einfach da dran zu bleiben, da alles ineinander übergeht. Mit diesen Songs muss und wird man sich noch lange beschäftigen.

 

Fazit: Nun wird „SMILE“ doch noch veröffentlicht. Zwar dürften diese Sessionsauszüge nicht unbedingt mit dem eigentlich angedachten Album gleichzusetzen zu sein, aber der Blick hinter die Kulissen vermittelt mehr als nur einen Eindruck in diese Popoper. Das ist progressiver als so manches Album des Progrocks. Man muss sich dieses Konzept förmlich erarbeiten. Genau darin liegt ja auch der Reiz und die Brillanz blickt an allen Ecken und Enden durch. Der Mythos wird nicht zerstört, aber endlich gelüftet.

 

http://www.beachboys-smile.de

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch