Marillion: With Friends At St David's

Marillion: With Friends At St David's

earMUSIC/Edel

VÖ: 28.05.2021

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Vor der Pandemie nahmen Marillion 2019 das Album „With Friends Fromn The Orchestra“ mit einem Streicherquartett auf. Dazu gesellten sich noch Sam Morris (Horn) und Emma Halnan (Querflöte). Herausgekommen sind Neuinterpretationen einiger geschätzter Marillion-Stücke. Das Werk schrie förmlich danach auch vor Publikum aufgeführt zu werden. Marillion gingen noch im selben Jahr auf Tour. Selbstverständlich wurde da auch das eine oder andere Ereignis mitgeschnitten. Nun wird das Cardiff-Konzert aus dem November 2019 veröffentlicht. Musikliebhaber vermissen ja gerade sehr schmerzlich Live-Konzerte und somit verkürzt diese Veröffentlichung nicht nur die Wartezeit bis zum nächsten regulären Album, sondern bis man endlich wieder echte Konzerte vor Ort genießen kann und nicht nur im Internet oder aus der Konserve.

 

Steve Hogarth sagt, dass diese Tour vielleicht sogar die Lieblings-Tour von Marillion war. Ob man das jetzt unbedingt auf die Goldwaage legen muss, sei mal dahingestellt. Das ist ja auch noch alles frisch in Erinnerung und Musiker lieben ihr aktuelles Baby sicher immer sehr innig. Gefallen hat Hogarth auf jeden Fall, dass die Band auch einfach mal die sechs „klassischen“ Musiker dabei beobachten konnte, wie die Songs mit neuen musikalischen Nuancen verfeinert werden. Die Arrangements dazu stammen vom Marillion Produzent, wodurch die Vorgaben also voll und ganz auf die eigentliche Band zugeschnitten waren.

 

Mit dem Longtrack „Gaza“ starten die Musiker in dieses epochale Live-Erlebnis. Man kann sich alleine in diesem Großwerk verlieren. Der Song hat so viele Ebenen, die jetzt noch um den klassischen Anteil erweitert wurden. Höchst emotional wird man mit auf eine musikalische Reise genommen. Schon hier ist klar, dass die Musik von Marillion prädestiniert für eine solche Umsetzung ist. Die letzten Dekaden gab es ja immer mal wieder eine Zusammenarbeit von Rock- und Popmusikern mit Orchestern oder klassischen Musikern. Ganz ehrlich, größtenteils ging das in die Hose und es hörte sich stets an, als würden diese verschiedenen Welten gegeneinander und nicht miteinander spielen. „With Friends At St David's“ zeigt, dass es auch anders geht.

 

Ein Song wie „Zeperated Out“ präsentiert sich zudem in einem gänzlich anderen Licht. Drama, Tragik, große Geste, Musical, Jahrmarkt – alles ist hier drin. Und natürlich rockt das zwischendrin sogar recht trocken. Das schwelgerische „Beyond You“ sorgt dafür, dass man sich schnell in das Album verliebt. Die Sologitarre bei „Seasons End“ ist dann für die Gänsehaut zuständig. Diese epische Nummer zeigt auch, dass Steve Hogarth ein Ausnahmesänger ist. Er beherrscht die ganze Klaviatur, von gefühlvoll bis angriffslustig.

 

Mit „The New Kings“ und „The Sky Above The Rain“ folgen zwei Longtracks aufeinander. Alle Musiker können sich in der knappen halben Stunde mal so richtig austoben. Das große Drama bricht sich in mehr als achtzehn Minuten in „Ocean Cloud“ Bahn. Aufbau, Intensität und Atmosphäre sind schon sensationell ausgearbeitet worden. Da kommet ein verhältnismäßig kurzer Song wie „Fantastic Place“, mit einer Spielzeit von unter sieben Minuten, anschließend genau richtig. Das Stück folgt ja fast schon herkömmlichen Songstrukturen. „This Strange Engine“ entfaltet sich zum Schluss ja noch mal über siebzehn Minuten.

 

Fazit: „With Friends At St David's“ ist ein richtig, richtig gutes und schönes Live-Album von Marillion. Die Zusammenarbeit mit den „klassischen“ Musikern könnte perfekter nicht sein und harmoniert ganz wundervoll. Als Zuhörer kann man die Songs so neu entdecken und eintauchen in epische Welten. Covid-19 sorgt bei uns ja immer noch dafür, dass der komplette Live-Sektor auf Eis liegt und da kann dieses Album hier allen Konzertsüchtigen zumindest ein bisschen Linderung verschaffen!

 

https://www.marillion.com/index.htm

 

Text: Torsten Schlimbach

Marillion: Live At The Royal Albert Hall (2 CDs)

Marillion: Live At The Royal Albert Hall (2 CDs)

earMUSIC/Racket Records

VÖ: 27.07.2018

 

Wertung: 8/12

 

Die Band Marillion hat eine immens lange Karriere vorzuweisen. Es gab in den 80ern zwar schon einige Besetzungswechsel und mit Steve Rothery ist nur noch ein Gründungsmitglied dabei, aber das aktuelle Line-up hält sich schon lange und ist recht konstant. Konstanz beweisen auch die zahlreichen Fans, die Marillion immer treu folgten. Umso erstaunlicher ist es, dass die Vertreter des Neo-Progressiven Rocks am 13. Oktober 2017 erstmals in der legendären und altehrwürdigen Royal Albert Hall auftraten. Die Anhänger reisten für dieses Ereignis aus der ganzen Welt an. Natürlich wurde das auch festgehalten und wird nun in verschiedenen Konfigurationen veröffentlicht.

 

Zur Besprechung liegt uns die Doppel-CD vor. Zu der wohl beeindruckenden Lightshow, die Marillion im Herbst des vergangenen Jahres in die Royal Albert Hall mitbrachten, kann somit an dieser Stelle nichts gesagt werden. Trailer und Videos dazu sind aber im Internet zu finden und somit kann man durchaus festhalten, dass der Kauf einer Blu-ray durchaus Sinn machen würde. Die Doppel-CD gibt es übrigens schon zum Preis einer Einzel-CD zu kaufen. Auch dieses Format ist sehr schön geraten, denn das Digipack macht optisch durchaus einen gelungenen Eindruck.

 

Der Sound ist ebenfalls nicht von schlechten Eltern. Das ist derart fein austariert, dass einem da schon mal die Kinnlade vor Staunen auf den Tisch knallen kann. Die Abmischung ist absolut brillant und jedes Instrument fein säuberlich zu hören. Auch der Gesang ist schlichtweg in der obersten Genre-Liga einzusortieren. Inwiefern da im Studio noch mal nachgeholfen und mit Overdubs gearbeitet wurde, lässt sich nicht so leicht beantworten. Das ist derart klar, dass man zeitweise das Gefühl hat, dass dies ein Studioaufnahme ist oder die Songs live im Studio eingespielt wurden. Dies ist aber auch das Manko der Aufnahme, denn ein Livegefühl stellt sich kaum ein. Das Publikum ist kaum zu hören, lediglich nach „The Leavers“ und „Neverland“ deuten sich ein paar Freudengesänge an. Vermutlich saßen die Leute in ihren bequemen Sesseln und lauschten andächtig der Darbietung! Das ist ja auch durchaus angebracht, man höre sich nur mal das klare Gitarrensolo bei „The New Kings“ an.

 

In zwei Teilen ist das angelegt. Es wurde erstmals das komplette Studioalbum „F*** Everyone And Run (F E A R)“ gespielt. Die zweite Hälfte stellt „In Praise Of Folly and Guests“ vor, ein Streicherquartett mit Flöte und Französischem Horn, das dem Rest der Show mit einigen der beliebtesten Marillion Live-Songs zusätzliche Tiefe und Emotionen verleiht. Man kann sich in die Songs fallen lassen. Man muss sich aber auch darauf einlassen, denn sonst wird das schnell zu eintönig. Das Album eignet sich auch keinesfalls um im Hintergrund zu dudeln.

 

Fazit: Marillion veröffentlicht mit „Live At The Royal Albert Hall“ ein Album für die Fans. Wer Hits sucht, wird hier nicht fündig werden. Dafür kriegt man einen beeindruckenden Klang geboten und tolles Storytelling. Musik, in die man sich reinfallen lassen kann. Für Fans ist das ein absoluter Genuss, aber neue kommen mit dieser Veröffentlichung sicher kaum noch dazu. Darum geht es aber auch nicht. Man hört definitiv, dass hier Musiker am Werk sind, die ihr Handwerk verstehen!

 

http://www.marillion.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Marillion: F.E.A.R.

Marillion: F.E.A.R.

earMUSIC/Edel

VÖ: 23.09.2016

 

Wertung: 7/12

 

Das achtzehnte Studioalbum von Marillion hört auf den schönen Titel „Fuck Everyone And Run“.  Da dies aber anscheinend dann doch etwas hart klingt, hat man für das Cover die Abkürzung „F.E.A.R.“ gewählt. Marillion machen das auf ihre ganz eigene und genüssliche Art.  Und so ist auch die Musik auf diesem Mammutwerk, welches sich fast auf siebzig Minuten streckt, ausgefallen. Neue Anhänger kommen sicher nicht mehr dazu, aber die Fans werden „F.E.A.R.“ lieben. Marillion haben wieder alles in dieses Album gepackt – ohne sich dabei zu wiederholen. Dies dürfte sicher ein schwieriges Unterfangen gewesen sein, denn wer auf eine derart lange Karriere blicken kann, kommt ja unweigerlich auf das eigene Schaffen zurück.

 

„F.E.A.R“ ist trotzdem nicht frei von einigen Längen. Diesem New Artrock hätte doch eine Begrenzung ganz gut getan. Marillion waren stets eine Band, die sich auch mal epische Freiheiten genommen hat, es fällt trotzdem schwer bei „F.E.A.R.“ vollends am Ball zu bleiben. Man findet hier wunderschöne Melodien und ganz tolle Arrangements vor. Die Instrumentierung ist sowieso über jeden Zweifel erhaben und von Folk über Pop bis zum Metal beherrschen die Herren sämtliche Spielarten im Schlaf. Manche Passagen und Soundscapes laden sogar regelrecht zum Träumen ein. Und dann ist da noch die andere Seite der Platte, die sich endlos zu ziehen scheint und mit gähnender Langeweile aufwartet. Dies bringt weder die bombastischen Songteile weiter, noch kann man sich als Zuhörer darin verlieren oder verlieben.

 

Die Übergänge sind zudem fließend, sodass es einem schwerfällt nachzuvollziehen, wo sich die Band gerade überhaupt befindet. Natürlich beherrschen Marillion ihr Handwerk – auch in kompositorischer Hinsicht – so gut, dass es von laut nach leise, von verträumt bis zum krachigen Ausbruch, immer nur ein Wimpernschlag ist. Man lässt sich dann auch gerne auf eine Reise mitnehmen. Und das ist dann die große Stärke von „F.E.A.R.“ und Marillion. Die Band schafft es nämlich immer noch mit ihren Soundlandschaften – sofern man bereit dafür ist – den Hörer an die Hand zu nehmen und in eine andere Welt zu entführen. Inbrunst und Leidenschaft gibt es hier im Übermaß. Klanglich ist das schon sehr aufwendig. Bis zur Effekthascherei ist es allerdings auch nur ein kleiner Schritt.

 

Fazit: „F.E.A.R.“ hat fünf neue Songs von Marillion zu bieten, die sich auf knapp siebzig Minuten ausdehnen. Dies musste dann auch in siebzehn(!) Einzelstücke unterteilt werden. Es gibt also mal wieder viel zu entdecken. Vieles ist toll, manches langatmig. Unter dem Strich ist das ein solides Album von Marillion, welches die Fans begeistern wird. Manchmal würde man sich wünschen, dass die Band die Kapazität einer CD nicht ausschöpfen würde, denn da werden doch ein paar Runden zu viel gedreht.

 

http://www.marillion.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch