Travis: 10 Songs

Travis: 10 Songs

BMG

VÖ: 09.10.2020

 

Wertung: 8,5/12

 

Wie kaum eine andere Band, transportierten die Schotten von Travis einst die britischen Stimmungen. Die andere Band war Oasis, die wiederum das Proletenhafte in die Welt hinaustrug. Die Radaukapelle ist längst (oder noch) Geschichte, aber Travis wagen sich mit „10 Songs“ mal wieder zurück in die Öffentlichkeit. Natürlich anders als angedacht. Was ist im Corona-Jahr 2020 auch schon normal? Hört man sich „10 Songs“ von Travis an, dann ist das ein großes Stück Normalität – sofern man den Werdegang der Band bisher verfolgt hat. Es stellt sich jedenfalls sofort dieses wohlige Gefühl ein - nach Hause kommen.

 

Kann man im Falle von „10 Songs“ überhaupt von einem Bandalbum sprechen? Zumindest hat Fran Healy sämtliche Lieder geschrieben und komponiert. Glücklicherweise ist die Mannschaft von früher immer noch zusammen und somit ist das schon ein wachechtes Travis-Werk. „This Is No Rehearsal/This Is The Take“ sind die ersten Worte des Albums. Grandios. Überhaupt ist „Waving At The Window“ eine tolle Nummer. Erstaunlich, dass selbige im Moloch L.A. entstanden ist und nicht irgendwo in der Einsamkeit Schottlands.

 

Die Veränderungen sind in Feinheiten und Nuancen zu finden. „The Only Thing“ ist ein Duett mit Susanna Hoffs von den Bangles und auch, wenn das Piano und der langsame dahinschleppende Rhythmus typisch für Travis ist, weht aufgrund der Gitarre auch eine bisschen Americana- und Country-Flair durch die Szenerie. Was sich musikalisch wie ein wunderschönes Liebeslied anhört, ist in Wahrheit ein Lied über eine verblassende und beendete Liebe. Danach folgt mit „Valentine“ der einzige richtige Rocksong des Albums. Das ist ja schon mehr als man erwartet hat. „All I Want To Do Is Rock“ lässt da grüßen. Mit dem luftig und leichten „Butterflies“ packt Healy aber wieder die wärmende Travis-Decke aus. „A Million Hearts“ öffnet dann die Tür für die Melancholie. Healy hat es auf diesem Album mit Rehearsal und Take, denn auch hier textet er wieder um diese beiden Wörter herum.

 

„A Ghost“ ist eine Uptempo-Nummer und lädt zum Tanzen ein. Auch bei dieser Nummer sollte man auf die Feinheiten achten. Beispielsweise auf das formvollendete Bassspiel. Die Melodie ist selbstverständlich unfassbar toll. „All Fall Down“ zur Akustikgitarre ist zwar ganz nett, aber das hat man unter dem Travis-Banner schon besser gehört. „Kissing In The Wind“ driftet zu sehr in die Jammerecke ab, dafür wird man dann aber mit „Nina´s Song“ und einer unwiderstehlichen Mitschunkelmelodie entschädigt. „No Love Lost“ ist der perfekte Herbstsong und der perfekte Albumausklang.

 

Fazit: Was soll man zu und über „10 Songs“ von Travis sagen? Die Jungs können keine schlechten Alben! Es ist gut, dass es immer mal wieder ein neues Album gibt. Gerade jetzt in Corona-Zeiten umarmen einen die Songs wie eine wärmende, trostspendende Decke. „10 Songs“ ist der Soundtrack für die letzten Monate des Jahres 2020! Gut, dass wir Travis haben!

 

https://www.travisonline.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Travis: Live At Glastonbury 99

Travis: Live At Glastonbury 99

Craft Recordings/Universal

VÖ: 21.06.2019

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Als Travis für das Glastonbury Festival 1999 gebucht wurde, konnte ja noch keiner wissen, dass man damit einen derartigen Volltreffer landen würde. Die Band spielte da noch auf der Other Stage und war noch keiner der ganz großen Namen. „The Man Who“ war ja auch erst kurze Zeit im Handel. Menschen, die diesen Auftritt sahen, sprechen immer noch davon, dass es eines der besten Konzerte von Travis war - bis heute. 2000 war Travis bereits Headliner in Glastonbury. Der legendäre Auftritt im Jahr zuvor wurde bisher nie offiziell veröffentlicht. Dies ändert sich nun auch im Zuge der Feierlichkeiten für „The Man Who“.

 

Die Aufmachung dieser Veröffentlichung ist eher spartanisch. Ein Booklet hat man gleich ganz weggelassen. Fotos gibt es auch keine – es sei denn, man bezeichnet die Abbildungen, die sich unter dem Gelb der Gestaltung erahnen lassen, als solche. Material hätte es doch bestimmt genug gegeben. Auch ein paar Liner Notes wären nett gewesen. Zumal die Band ja selbst genug zu dem Auftritt zu erzählen hat. Die Herren fanden damals nämlich, dass es eher unterdurchschnittlich gelaufen war. Fran Healy hat sich den Gig erst Jahre später angeschaut – auf Youtube.

 

Die sechzehn Songs spiegeln die damaligen Gegebenheiten sehr gut wieder: eine Band die an der Schwelle zum großen Durchbruch steht. Es ist aber auch eine Band, die nichts zu verlieren hat und dementsprechend ungestüm agiert. Schon der Opener „Blue Flashing Light“ hat immer wieder krachige Rockparts zu bieten. Bei der dritten Nummer „Writing To Reach You“ dürfte dem Festivalpublikum gedämmert haben, dass die Herren von Travis ein herausragendes Händchen für Melodien haben. „Good Feeling“ ist dafür fast schon experimentell. Zwischen Glam und Saloon spottet das jeder Beschreibung.

 

„U16 Girls“ zeigt Travis gar als eine Art Garagen- und Punkband. Ja, die Herren konnten rocken. Der Titel „All I Want To Do Is Rock“ ist das programmatisch. Dazu gesellt sich dann eine verträumte Nummer wie „As You Are“ oder der Übersong „Why Does It Always Rain On Me?“ und über das wundervolle „Driftwood“ muss man gar nicht erst reden. Alle, die damals diesen Gig live vor Ort gesehen haben, können sich glücklich schätzen. Mit dem krachenden „Turn“ setzten sie vor „Happy“ zum Schluss auch noch mal ein dickes Ausrufezeichen.

 

Fazit: Eigentlich sind Live-Alben auf CD und LP ja völlig aus der Mode gekommen. Als Beilage für eine Blu-ray Veröffentlichung macht das ja auch meist mehr Sinn. Von Travis gibt es jetzt den großartigen Auftritt von 1999 vom Glastonbury Festival aber auf CD und LP zu kaufen. Die Aufmachung ist leider etwas schludrig, die Musik dafür umso großartiger. Eine Band kurz vor dem großen Durchbruch, die herausragend aufspielt – da geht jedem Musikliebhaber das Herz auf!

 

https://www.travisonline.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Travis: The Man Who (2CDs)

Travis: The Man Who (2CDs)

Craft Recordings/Universal Music

VÖ: 21.06.2019

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

1999 war ein ganz beachtliches Jahr für Musikliebhaber. „The Man Who“ von Travis war eines der prägenden Alben jenes Jahres. Das Werk avancierte sogar zu einer Art Blaupause des Britpop. Über Nacht wurde die Band mit ihrem zweiten Album berühmt. Travis spielten fortan auf allen gängigen Festivals, wurden ein Jahr später sogar Headliner beim berühmten Glastonbury und waren irgendwie schon ziemlich präsent. Die eigenen Konzerte fanden aber noch in Hallen und nicht in Arenen statt. Bei dem Quartett lief das alles in geordneten und gesunden Bahnen ab. Mittlerweile ist die Kapelle wieder etwas aus dem Blickwinkel verschwunden oder kann sich noch einer an das letzte Album „Everything At Once“ aus dem Jahre 2016 erinnern? Coldplay hat eigentlich den Status inne, den Travis verdient hätte. Vermutlich würde es eine Band wie Coldplay gar nicht ohne Travis und „The Man Who“ geben.

 

Jetzt, 20 Jahre später, wird „The Man Who“ noch mal gewürdigt. Das Album kommt mit einer üppigen Bonus-CD daher. Die Mitglieder von Travis haben dafür 19 Titel ausgesucht, die nun noch mal einen etwas umfangreicheren Blick auf das Meisterwerk gewähren. Am Artwork hat man glücklicherweise nichts geändert. Das Digipack ist die logische Verpackung für die beiden CDs. Das Booklet ist recht üppig und bietet auch tatsächlich einen Mehrwert.

 

Ist „The Man Who“ nun ein Spiegelbild des Musikjahres 1999? Hat es aufgrund der Kategorisierung Britpop Staub angesetzt? In erster Linie ist das Album immer noch ein Kleinod und über die Jahre hat sich zudem herauskristallisiert, dass es den Test der Zeit bestanden hat und schlicht und ergreifend zeitlos ist. Mit „Writing To Reach You“ fängt das Album – für Travis-Verhältnisse – mit einem treibenden Schlagzeugrhythmus an. „The Fear“ und „As You Are“ überzeugen mit einer Melancholie, die allerdings bei „The Last Laugh Of The Laughter“ ins Weinerliche zu kippen droht. Dazwischen gibt es mit „Driftwood“ einen jener Songs, warum „The Man Who“ ein Megaseller wurde. Live, gesungen aus Tausenden Kehlen, ist die Nummer noch mal zwingender.

 

„Turn“ ist einer der rockigeren Songs. Würde hier Liam Gallagher singen, dann wäre das eine astreine Oasis-Nummer. „Why Does It Always Rain On Me“ ist vermutlich auf ewig der Song, der für Travis steht. „Luv“ sorgt mit einem sehnsuchtsvollen Mundharmonikaspiel für eine Gänsehaut. „She´s So Strange“ ist fast schon psychedelisch, während sich „Slide Show“ ganz zum Schluss als Britpop-Perle entpuppt. Nach einem Moment der Stille gibt es noch mal ein krachiges Ende. „The Man Who“ verabschiedet sich somit keineswegs auf leisen Sohlen.

 

Und so krachig fängt mit „Green Behind The Ears“ die zweite CD an – gar so, als wäre Travis eine Garagenband. Von dieser Sorte gibt es gleich mehrere Nummern. Das ziemlich lässige „Yeah Yeah Yeah Yeah“ haut auch ordentlich auf den Putz. Und mit „High As A Kite“ geht es in diesem Stil sogar noch weiter. Das klingt dann nach den Manic Street Preachers in deren Rockphasen. „Be My Baby“ ist eine ganz nette Coverversion. An „Baby One More Time“ als Akustikversion des Britney Spears Hits dürfte sich der Eine oder Andere ja auch noch gut erinnern. Die Live-Versionen von „Driftwood“ und „Slide Show“ sind natürlich wie gemalt für eine solche Bonus-Disc! Das schöne Piano-Stück „River“ wird zur Weihnachtszeit wieder herausgeholt und darf dann gerne wieder für eine dicke Gänsepelle sorgen. „Days Of Our Lives“ – mit Dylan-Zitat – oder „We Are Monkeys“ unterstreichen die Wandlungsfähigkeit von Travis.  

 

Fazit: „The Man Who“ von Travis hat nun auch schon zwanzig Jahre auf dem Buckel. Das Album ist sehr gut gealtert und entpuppt sich als zeitlos. Hymnen für die Ewigkeit und Melodien, die auch heute noch die Herzen erobern, gibt es auf diesem Meisterwerk gleich mehrfach. Jetzt wird dieses Werk noch mal mit einer Bonus-CD veröffentlicht, die durchaus einen Mehrwert zu bieten hat – auch, wenn das Material größtenteils bekannt sein dürfte. „The Man Who“ gehört sowieso in jede gut sortierte Musiksammlung und wer da bisher noch eine Lücke hat, sollte nun schleunigst zugreifen und diese schließen!

 

https://www.travisonline.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch