Iggy Pop: Live At Montreux Jazz Festival 2023
earMUSIC/Edel
VÖ: 24.01.2025
Wertung: 11,5/12
Tipp!
Wer hat nicht schon alles beim legendären Montreux Jazz Festival gespielt?! Manches war gediegen, vieles hatte auch nur am Rande mit Jazz zu tun, aber so wild wie Iggy Pop hat es vermutlich noch keiner krachen lassen. Sein vorletztes Werk „Free“ rechtfertigt den Auftritt bei einem Jazz Festival durchaus. Unnötig zu erwähnen, dass der Mann bei seinem Auftritt anderes im Sinn hatte. Der Godfather of Punk, wie er gerne genannt wird, ist live auch in fortgeschrittenem Alter immer noch eine Sensation. Bei seinem Auftritt war er immerhin schon 76 Jahre alt. Dieses Ereignis wurde natürlich für die Nachwelt festgehalten und liegt nun im Doppelpack, bestehend aus CD und Blu-ray, vor.
Die Weste von Iggy fliegt schon kurz nach dem Betreten der Bühne weg und so steht der kleine große Mann mit nacktem Oberkörper wie eh und je auf den Brettern. Auf den Brettern, die er seit Jahrzehnten wie kaum ein anderer beackert. Seine Haut ist die eines Mannes, der bald 80 Lenze zählt. Das muss man ästhetisch nicht sonderlich schön finden, aber dafür würde Iggy nicht mal seinen obligatorischen Mittelfinger auspacken. Es dürfte ihm schlicht egal sein. Er hat sich über die Jahrzehnte nicht geändert und zieht dabei stoisch sein Ding und seine Show durch.
Der Körper von Pop hat schon einiges mitgemacht: Drogensucht, ausgekugelte Schulter, kaputte Knie, ein verkürztes Bein, Rückenoperation, Hüfte defekt und dazu noch Skoliose, eine Wirbelsäulenerkrankung – und doch fegt er noch über die Bühne. Die Bewegungen mögen langsamer sein und er springt mit seinen brüchigen Knochen auch nicht mehr wie früher ins Publikum und doch reibt man sich immer wieder verwundert die Augen, was dieser geschundene Körper noch alles mitmacht. Iggy Pop ist uneitel genug die Kamera ganz nahe an sich ranzulassen und somit ist man bei bester Bildqualität hautnah dabei – sofern die Kameras schnell genug sind den Mann einzufangen. Der Sound ist knackig und diesem Torso angemessen.
Sein sehr beachtliches und ruppiges Spätwerk „Every Looser“ von 2003 findet sich in der Setlist mit „Modern Day Ripoff“ oder auch dem Abschluss des Sets mit „Frenzy“ wieder. „T.V. Eye“ fegt wie ein Tsunami über die Menge hinweg. Die Bläsersektion tut dem Ganzen übrigens richtig gut und die Trompete von Leron Thomas ist bei vielen Songs das Salz in der Suppe. Überhaupt ist die Band sehr tight und breitet Iggy den musikalischen Teppich aus. „Raw Power“ kommt dabei reicht knackig und frisch aus den Boxen. „The Passenger“ wird von den Zuschauern vor Ort dankbar zum Mitsingen angenommen. „Lust For Life“ klingt mit der sehr präsenten Trompete zunächst gewöhnungsbedürftig, ist schließlich aber eine Songgranate, die unkaputtbar ist. Dies gilt selbstverständlich auch für „I Wanna Be Your Dog“ und „Search And Destroy“. Dazwischen ist das Tempo nicht immer bis zum Anschlag durchgetreten, wie bei „Endless Sea“ oder später auch beim düsteren sich dahinschleppende „Nightclubbing“, sondern lässt Iggy und den Zuschauern auch mal Zeit zum Verschnaufen.
Fazit: Iggy Pop ist ein Phänomen. Es grenzt an ein Wunder, dass der Mann die wilden Jahre des Rock überlebt hat und immer noch die Bühnen dieser Welt beackert. Das vorliegende Set stellt das mal wieder eindrucksvoll unter Beweis. Es wäre eine fast perfekte Veröffentlichung, wenn man sich beim Booklet etwas mehr Mühe gegeben hätte, denn das Blättchen wird dem guten Gesamteindruck - auch des Digipacks – nicht gerecht und darum gibt es 0,5 Punkte Abzug in der B-Note. Ansonsten ist das hier ein absoluter Pflichtkauf im Jahre 2025!
Text: Torsten Schlimbach
Iggy Pop: Lust For Life (Deluxe Edition)
Universal
VÖ: 29.05.2020
Wertung: 11/12
Tipp!
„The Idiot“ war noch taufrisch, da legte Iggy Pop 1977 mit „Lust For Life“ schon das nächste Album nach. Der Vorgänger ließ die Handschrift von Bowie noch deutlicher erkennen. „Lust For Life“ wurde von den beiden Herren nach der „Station To Station“-Tour von Bowie in den Hansa Studios in Berlin aufgenommen. Jetzt wird das Werk noch mal neu aufgelegt und ist Teil der „Bowie Years“, jener umfangreichen Songsammlung, oder kann auch als Deluxe Edition im schönen Digipack erworben werden.
„Lust For Life“ steht in der Aufmachung „The Idiot“ in nichts nach. Ein umfangreiches Booklet mit vielen Fotos, den Songtexten, Informationen zu den jeweiligen Songs und zwei Texte von Youth (Killing Joke) und Siouxsie Sioux (Siouxsie And The Banshees) lassen kaum Wünsche offen. Insgesamt eine feine Geschichte und man hat sich auch durchaus Mühe gegeben, die Deluxe Edition optisch sehr schön in Szene zu setzen. Selbstverständlich wurden die Songs selber neu gemastert.
Bowie hatte bei „Lust For Life“ eine ähnliche Rolle wie bei „The Idiot“ übernommen. Er spielt Piano, singt im Background, hat ein Großteil der Musik geschrieben und produziert. Die Songs klingen trotzdem deutlich mehr nach Pop - anders wie noch beim Vorgänger. Mit dem Titelstück ist auch die bekannteste Solo-Nummer von Pop vertreten. Durch den Film „Trainspotting“ wurde der Track quasi zur Hymne einer ganzen Generation. „The Passenger“ ist der andere große Hit der Platte. „Sixteen“ bollert auf einem Rhythmus durch den Rockgarten. „Some Weird Sin“ klingt gar so, als hätte Pop die Stooges wieder mit am Start gehabt. Die Nummer hat zudem eine unverschämt eingängige Hookline, sodass man dem Stück Hitqualitäten attestieren muss.
„Tonight“ ist ein fluffiger Poptrack, der ganz deutlich die Handschrift von Bowie erkennen lässt. Das kann man ebenfalls unter Hit verbuchen. „Success“ bollert herrlich durch die Garage. Die Laune ist prächtig und überträgt sich auch auf den Zuhörer. „Turn Blue“ mäandert fast sieben Minuten dahin und der gute Iggy gibt uns da fast schon den Crooner oder jault auch mal wie ein läufiger Kater. Das ist ganz weit vom Punk entfernt. Das schludrige „Neighborhood Threat“ kommt ja wieder in die richtige Bahn, während „Fall In Love With Me“ noch mal schön schräg das Album ausklingen lässt.
Als Bonus-CD liegt dem Set „T.V. Eye 1977 Live“ beio. Im Gegensatz zu den Live-Tracks von „The Idiot“ ist die Klangqualität hier durchaus gut. So kommen „Funtime“, „I Got A Right“ oder „Lust For Life“ richtig gut zur Geltung. „Nightclubbing“ wird von Pop mit seiner Band gar bis zur Unkenntlichkeit zerlegt. Das unvermeidliche „I Wann Be Your Dog“ ist der grandiose Abschluss dieser energiegeladenen Songsammlung!
Fazit: „Lust For Life“ ist genau das: Albumtitel, Cover und Songs zeigen nach dem düsteren Vorgänger einen Iggy, der es wieder krachen lässt und Lust auf das Leben hat. Das macht Laune und wenn er lärmt, dann lauert da trotzdem noch eine tolle Melodie oder Hookline. Das Album gehört in jede Sammlung. Punkt. Der Deluxe Edition liegt eine famose Live-Aufnahme bei, welche die damalige Zeit von Herrn Pop sehr schön würdigt.
Text: Torsten Schlimbach
Iggy Pop: The Idiot (Deluxe Edition)
Universal
VÖ: 29.05.2020
Wertung: 10/12
Tipp!
Die musikalische Geschichte von Iggy Pop und David Bowie wird anhand der üppigen Veröffentlichung „The Bowie Years“ noch mal erzählt. Herauskamen seinerzeit die Alben „The Idiot“ und „Lust For Life“. Die beiden Werke wurden nun neu aufgelegt und mit jeder Menge Bonusmaterial angereichert. Selbstverständlich wurden die Alben neu gemastert. Das Live-Album„TV Eye“, seltene Outtakes, alternative Mixe und ein Buch runden die Geschichte sehr schön ab. Es gibt neben der Box aber auch beide Werke als Deluxe Edition mit jeweils einer Live-CD zu kaufen. Selbige nehmen wir hier unter die Lupe!
Zunächst fällt da natürlich die wundervolle Aufmachung als schickes Digipack ins Auge. Das üppige Booklet enthält neben Fotos, den Songtexten und Songinformationen auch noch zwei Texte von Nick Rhodes(!) von Duran Duran und Martin Gore(!) von Depeche Mode. Alles in allem macht sich das sehr gut im Iggy Pop oder wahlweise auch David Bowie-Schrein!
Man hört dem Album den Einfluss von Bowie nicht nur an, wenn man sich das Cover von „The Idiot“ anguckt, dann dürften die Parallelen zu „Heroes“ unschwer zu erkennen sein. Das Album selber, hat an seinem morbiden Charme nichts verloren. Düster schälen sich die Songs aus den Boxen. Kein Wunder, hatte sich Pop zuvor selbst in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und Bowie war wohl dem weißen Pulver verfallen. Bowie war es allerdings auch, der Pop wieder auf die Beine half. Er hatte mit Kraftwerk und Neu! auch ein paar interessante Künstler und deren Alben im Gepäck, die er seinem Schützling näherbrachte. „Nightclubbing“ passt da perfekt ins Bild. Kein Wunder, dass ein gewisser Trent Reznor viele Jahre später davon für seine Nine Inch Nails angefixt wurde.
„Funtime“ ist ein kaputter Glam-Track, der auf Bass-Synthies rumreitet. „China Girl“ muss man ja nicht weiter vorstellen. Bowie machte den Song Jahre später zum Hit. Die Pop-Variante ist aber kaputter und wesentlich aufregender! „Tiny Girls“ wurde mal von Martin Gore adaptiert, aber eigentlich ist die Nummer nicht weiter erwähnenswert. Jedenfalls nicht, wenn darauf mit „Mass Production“ ein derartiges monotones Synthie-Gewitter folgt, welches die totale Hoffnungslosigkeit zu repräsentieren scheint.
Der Deluxe Version liegt eine zweite CD mit Live-Aufnahmen vom 7.3.1977 im Rainbow Theater in London bei. Die Aufnahmen haben aber fast nur dokumentarischen Charakter, denn der Sound ist, wenn man ganz ehrlich ist, nicht sonderlich gut. Mehr als Bootlegcharakter haben die Songs von „Raw Power“ über „1969“, „Funtime“ „Gimme Danger“ oder „I Wanna Be Your Dog“ bis zu „China Girl“ nicht zu bieten.
Fazit: Eigentlich müsste „The Idiot“ von Iggy Pop eines seiner bekanntesten Werke sein – ist es aber nicht. Vielleicht sind die Songs für die große Masse dann doch zu sperrig. Für Iggy Pop und David Bowie war die damalige Zusammenarbeit jedenfalls sehr fruchtbar und künstlerisch ist das über jeden Zweifel erhaben. Die Deluxe Ausgabe ist wunderbar aufgemacht und für Fans ist die Live-CD auch sicher ein Fest und man nimmt den schlechten Klang dann auch einfach so hin. Unter dem Strich darf das Album eigentlich in keiner anständigen Sammlung fehlen!
Text: Torsten Schlimbach
Iggy Pop: Original Album Classics (3 CDs)
Sony
VÖ: 22.04.2011
Wertung: 8/12
Die Original Album Classics Reihe hat nun auch Iggy Pop im Programm. Für knapp 7(!) € kann man sich nun die drei Alben „New Values", „Soldier" und „Party" in einer zweckmäßigen Box zulegen. Die
einzelnen CDs wiederum werden im Pappschuber geliefert. Für diesen Kaufpreis ist das absolut in Ordnung und wer mehr Informationen zu den einzelnen Alben benötigt, guckt sich - wie immer - auf den
entsprechenden Seiten von Sony und Legacy um.
Die hier präsentierten Alben befassen sich mit einer Iggy Pop-Phase, die mittlerweile weitestgehend vergessen ist und auch nicht unzählige Hits abgeworfen hat, geschweige denn zu seinen besten Songs
zu zählen ist. „Lust For Life" und „The Idiot" waren Geschichte und auch David Bowie war zunächst nicht mehr mit an Bord. Iggy Pop musste sich neu orientieren und suchte sich eine neue Nische.
Beinhartfans haben diese Alben selbstverständlich längst im Schrank stehen. Es gibt aber auch immer wieder neue Generationen, die Iggy Pop gerade erst entdecken. Neben seinen wirklich herausragenden
Alben und Songs und seinen Werken mit den Stooges, die Musikgeschichte geschrieben haben, bietet diese Box nun aber auch einen Einblick in eine andere Schaffensphase.
„New Values" markiert eine neue Iggy Pop Ära. Der Übergang von Punk zu New Wave ist in der Nachbetrachtung auch auf diesem Album schon präsent. Es wurde sich gesammelt und nach neuen musikalischen
Wegen gesucht. Die Songs klingen zunächst recht handzahm und die Produktion nimmt selbigen auch einiges an Druck raus. Die Stimme steht im Vordergrund und wer behauptet, dass Mr. Osterberg nicht
singen könnte, wird durch die warme Stimme eines Besseren belehrt. Mit „I´m Bored" befindet sich dann sogar doch eine Art Klassiker auf „New Values" wieder. Überhaupt kommt dieses Album oftmals viel
zu schlecht weg. Das poppige „Tell Me A Story" hat gar Ohrwurmqualitäten, was unbestritten am Backgroundgesang liegt. Ein Hauch von den Rolling Stones dieser Zeit weht durch diesen Track. Auch das
vom Bass getriebene „Five Foot One" kann überzeugen und knüpft gar an große Iggy-Momente an. Mit „Curiosity" gibt es gar ein Stück welches Honky Tonk Piano, Bowie und die Stooges verbindet. So ein
entspanntes Ding wie „Don´t Look Down" mit Backgroundgesang hätte mit der entsprechenden Produktion sogar Hitqualitäten. Die beiden Bonustracks „Chains" und „Pretty Flamingo" sind nett, mehr aber
auch nicht.
Bei den Aufnahmen zu „Soldier" lief nicht alles rund und in letzter Konsequenz hört man dies dem Album auch an. Reichlich zerschossen wirkt dieses und eine Richtung ist nicht klar erkennbar.
Eigentlich sollte auch Bowie wieder dabei sein, aber Williamson hatte etwas dagegen, der wiederum von Iggy vor die Tür gesetzt wurde. Bei „Play It Safe" ist dann Bowie doch noch dabei. Ansonsten gibt
es hier viel Licht und Schatten. Wenn man Glen Matloch glauben darf, dann waren die Songs ursprünglich wesentlich druckvoller und die Gitarren mehr im Vordergrund. Iggy entfernte vieles von den
Leadgitarren, da er auch noch von Steve New sitzen gelassen wurde. „Soldier" stand also von Anfang an unter keinem guten Stern. Dabei ist das Material alles andere als schlecht. Das fängt beim
Wolfsgeheul von „Loco Mosquito" an und zieht sich über das düstere „Ambition", den Rocker „Knocking ´Em Down (In The City)" und „Play It Safe", wo Herr Bowie im Hintergrund hörbar vertreten ist. Es
gibt zwar auch viel Leeflauf, auf der anderen Seite entdeckt man Iggy Pop hier auch völlig neu. Eine Nummer wie „Mr. Dynamite" ist schon eine Show für sich. Die düstere Atmosphäre hebt das noch mal
auf eine neue Stufe und das Pianospiel darf man sich auch nicht entgehen lassen. Die beiden Bonustracks „Low Life" und „Drop A Hook" gehen voll und ganz in Ordnung. Unter dem Strich hat „Soldier"
durchaus seine Momente und unterstreicht die Vielseitigkeit von Iggy Pop. Der Mann hat nämlich mehr drauf, als mit nacktem Oberkörper über die Bühne zu toben!
Den Abschluss bildet hier das Album „Party". Dieses Werk ist mittlerweile komplett vergessen und dürfte nur noch bei den Hardcore-Fans hoch im Kurs stehen. Warum eigentlich? Von Produktionsseite ist
diese Scheibe sogar die Beste der Box. Endlich stimmt die Abmischung wieder und die Instrumente sind nicht nur seltsam kraftlos im Hintergrund zu hören. Als „Party" erschien gehörte Iggy Pop auch
irgendwie zum ausrangierten alten Eisen. Neue Klänge beherrschten die Szenerie und eine jüngere Generation übernahm das Ruder. Iggy Pop lies zwar einige Klänge der 80er auch in "Party" einfließen,
insgesamt ist das Album aber doch sehr bissig, laut und punkig ausgefallen. „Eggs On Plate" ist doch ein schöner Schlag mitten voll auf die Zwölf. Die Gitarre sägt wie zu den besten Zeiten. Auch so
ein Stampfer wie „Houston Is Hot Tonight" lässt sich doch gut an. Mit „Pumpin´ For Jill" und „Bang Bang" finden sich gar zwei Songs mit Klassikerpotenzial auf dem Album wieder. Die Bonusnummern sind
letztlich Albumfüller, aber gut, dass man sie mal gehört hat.
Fazit: Jeder, der nur ansatzweise etwas für die Musik von Iggy Pop übrig hat, sollte sich diese Album Classics Box zulegen. Die drei enthaltenen Alben sind wesentlich besser wie ihr Ruf und zeigen
teilweise eine gänzlich andere Seite von Iggy Pop. Die Produktion ist gerade bei den ersten beiden Scheiben zwar Käse, aber die Songs selber können streckenweise voll und ganz überzeugen. Wie immer
bei Herrn Pop, lohnt es auch mal, genauer auf die Texte zu achten. Sollte letztlich in keiner Iggy Pop Sammlung fehlen!
Text: Torsten Schlimbach