Florence + The Machine: Dance Fever

Florence + The Machine: Dance Fever

Universal

VÖ: 13.05.2022

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Auch Florence Welch musste ihre Pläne, wie so viele andere aus der Musikbranche auch, im Jahr 2020 über den Haufen werfen. Eigentlich war sie in New York mit ihrem Notizbuch voller Gedichte unterwegs, um mit den Aufnahmen für ein neues Album zu beginnen. Es kam anders und Covid-19 ließ Welch zurück nach London kehren. In London entstand dann auch „Dance Fever“. Während des Lockdowns vermisste die Dame mit der besonderen Stimme das Tanzen in Clubs und auf Festivals ganz besonders. Das fünfte Album ist dennoch keine Ansammlung von knalligen Dance-Tracks.

 

Der Albumtitel führt einen mitunter auf die falsche Fährte. Ebenso der Auftakt mit dem grandiosen „King“. Euphorisch startet Florence Welch in dieses Werk. Das Schlagzeug scheppert sehr erdig dazu und der Bass drückt und pumpt das Stück ordentlich nach vorne. Handgemachte Musik, die stark nach Indie-Kapelle klingt. Mit dem nicht minder tollen „Free“ – nun aber auch mit elektronischen Elementen – geht es weiter. Jetzt darf auch getanzt und das Leben gefeiert werden. Schon „Choreomania“ ist zunächst aber anders - ruhiger, vertrackter. Der Beginn erinnert sogar ganz kurz an Radiohead. In der zweiten Hälfte bahnt sich das Stück aber bombastisch seinen Weg.

 

„Back In Town“ lebt fast nur noch von dieser einzigartigen Stimme. Zwischen James Blake und Gospel singt, flüstert und greint Welch ihre Zeilen. Ein sehr erhabener Moment von „Dance Fever“. „Girls Against God“ hat diesen wundervollen, mehrstimmigen Gesang zu bieten, welcher wiederum für eine dicke Gänsepelle sorgt. „Dream Girl Evil“ ist so eine tyische Florence + The Machine-Nummer. Ein Hit, der mit unglaublich viel Grandezza vorgetragen wird – düster und geheimnisvoll! „Prayer Factory“ ist nur etwas mehr als eine Minute lang – erinnert in vielen Momenten an die Verrücktheit und das Kunstverständnis einer anderen Künstlerin. In „Heaven Is Here“ kommt dies dann vollends zum Tragen: Björk! Zwischen diesen beiden Tracks gibt es mit „Cassandra“ einen Song, der wiederum in der Tradition der großen Damen wie Joni Mitchell oder Emmylou Harris steht. Nach und nach wird daraus natürlich ein Florence + The Machine-Song, der noch bombastisch ausgearbeitet wurde.

 

„Daffodil“ ist voller Melancholie bis hin zur Schwermut. „My Love“ löst dann aber das ein, was der Albumtitel mitunter suggeriert: „Dance Fever“. „Restraint“ lässt dann für 48 Sekunden noch einen Marilyn Manson-Moment in das Album einziehen! „The Bomb“ ist herrlich entschlackt und verströmt eine luftig und leichte (Folk-)Atmosphäre. „Morning Elvis“ kommt auf leisen Sohlen und endet schließlich in diesem Bombast, der bei Florence + The Machine nie peinlich wirkt.

 

Fazit: Das fünfte Album von Florence + The Machine ist ein sehr vielfältiges und abwechslungsreiches Album. An der einen oder anderen Stelle kann getanzt werden, aber „Dance Fever“ ist eher eine Zuhörerplatte. Das Album muss man sich mitunter sogar erarbeiten. Die Songs sind mit sehr vielen, liebevollen Details ausstaffiert worden und es erschließt sich auch nicht alles beim ersten Hören. Florence Welch geht hier musikalisch einen weiten Weg von Indieklängen bis hin zu Björk und über Radiohead zum großen Mainstreampop, aber auch Folk und Gospel. Ein Werk für Musikliebhaber!

 

https://florenceandthemachine.net/

 

Text: Torsten Schlimbach

Florence + The Machine: How Big, How Blue, How Beautiful

Florence + The Machine: How Big, How Blue, How Beautiful

Universal

VÖ: 29.05.2015

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Es dürfte für einen erfolgreichen Künstler mit jedem neuen Album immens schwer sein, die Erwartungshaltungen zu erfüllen und dabei auch noch sämtliche Wiederholungen zu umschiffen. Wie das geht, kann man sich jetzt bei dem neuen Album von Florence + The Machine anhören. Das dritte Album „How Big, How Blue, How Beautiful“ ist herausragend, vernachlässigt dabei zu keiner Zeit ihre musikalische Vergangenheit und schlägt doch ein neues Kapitel auf. Dies drückt sie ja schon mit dem Artwork und dem Cover aus, welches auch gut in die 80er gepasst hätte. Die Musik tut dies nicht, man könnte da sogar von zeitlos sprechen. Musikalische Referenzen an die vergangenen Jahrzehnte lassen sich zwar überall ausmachen und doch ist das Album fest im Hier und Jetzt verankert und wird auch in der Zukunft nicht altbacken klingen.

 

Florence Welch hat nach der letzten Tour einfach mal angefangen zu leben, ein normales Leben. Sie hat sich verliebt, sich wieder getrennt und die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung gemacht. Auch diese Realität spiegelt sich im Covermotiv wieder. Die Zeit der Fabelwesen und der Seen sind vorbei. „How Big, How Blue, How Beautiful“ spiegelt das Leben wieder. Vielleicht auch ein bisschen den Himmel über L.A., denn dort verweilte sie, als dieses Album erste Konturen annahm und jetzt in diesen elf Songs mündet. Elf Songs, die von Liebe, Sehnsucht und Schmerz handeln. So nahbar war Florence Welch wohl noch nie. Jetzt, mit 28 Jahren, scheint sie in der Welt von uns Sterblichen angekommen zu sein. Natürlich ist sie immer noch die Drama-Queen, aber jetzt auf eine sehr persönliche Art und Weise.

 

Musikalisch ist „How Big, How Blue, How Beautiful“ eine Ansammlung von potenziellen Hits. Hier zündet jeder Song. Es ist kein Füllmaterial weit und breit auszumachen. Markus Dravs hat ihr dazu die passende Produktion geliefert. Big Sounds, große Gesten, mehr Mehr. Das ist bombastisch, aber nie auf eine unschöne Art. „Ship To Wreck“ fängt forsch an, klingt aber trotzdem luftig. Schöner – ja was eigentlich? Indiefolkpoprock. Vielleicht. Dazu diese Stimme, die mal nach hinten überkippt, aber immer präsent ist. „What Kind Of Man“ führt einen zunächst an der Nase herum. Langsam, wie in Zeitlupe, kommt der dezent arrangierte Sound aus den Boxen und dann durschneidet die markante Gitarre die Stille und dengelt sich fortwährend durch das Stück, als wären die 90er nie vorbei gewesen. Und es gibt Bläser. Das Album ist voll von Bläsern. Wann haben diese auf einer Indiepopplatte letztmalig so toll geklungen? Auf diesem Album wurden sie jedenfalls ganz famos arrangiert. Der Titelsong „How Big, How Blue, How Beautiful“ ist in dieser Hinsicht sogar das Meisterstück.

 

Diese Opulenz hätte auch schnell in die Hose gehen können, aber da Florence Welch mit ihrer Stimme umzugehen weiß, singt sie nicht gegen eine Klangwand an, sondern harmoniert wunderbar mit selbiger. „Queen Of Peace“ ist für sich gesehen sogar recht unspektakulär – von der Bläsersektion mal abgesehen – aber trotzdem ein wundervoller Ohrwurm mit einer guten Hookline. Bis hierhin war das ein lautes, forderndes Album. „Various Storms & Saints“ ist die Ballade, die im Grunde nur von der Stimme und dem Chor im Hintergrund lebt. Gospel auf Florence Welch-Art. „Delilah“ zieht nach und nach das Tempo an, während sich „Long & Lost“ eher düster anschleicht. Tori Amos hat auch mal so agiert. Mit „Caught“ wird anschließend die ganze Schwere über Bord geschmissen. Es ist ja auch nicht alles hoffnungslos, auch nicht für Florence Welch. „Third Eye“ hätte auch auf den Vorgängern ein Plätzchen gefunden und würde sich auch als Single ganz gut machen. Und wie schön ist bitte das sakrale „St. Jude“! Ein erhabener Moment der Platte. „Mother“ ist noch mal volle Kapelle, aber auch mit sehr ruhigen, schwebenden und düsteren Augenblicken. Ein dickes Ausrufezeichen wird so hinter „How Big, How Blue, How Beautiful“ gesetzt.

 

Fazit: Florence + The Machine ist mehr denn je die große Show von Florence Welch. Die Band ist da eher Mittel zum Zweck. Es ist ein großartiges Album, gar eine bombastische Platte. Es ist eine Indiepop-Platte mit vielen Gitarren. Es geht um Liebe, Schmerz, Verlust, Warten und Bangen. Florence Welch hat sich mit diesem Album in die Welt der Sterblichen begeben und sich doch ganz alleine ganz hoch auf den (Indie)Popthron geschwungen. Es ist ein Drama, aber ein verdammt großartiges!

 

http://florenceandthemachine.net/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Florence + the Machine: Ceremonials

Florence + the Machine: Ceremonials

Universal

VÖ: 28.10.2011

 

Wertung: 9/12

 

„Lungs“ von Florence Welch ist schon wieder ein paar Tage alt, hat aber garantiert noch keine Staubschicht angesetzt. Das mag daran liegen, dass es dort die etwas andere Popmusik zu hören gibt. Als Florence + the Machine bereiste die junge Dame einst eben mit dieser Platte die Welt. Zurück in London machte sie sich fortan an das Schreiben von neuen Songs, die nun auf „Ceremonials“ zu finden sind. Entstanden ist das Zweitwerk im legendären Studio 3 der Abbey Road Studios. Fünf Wochen verbrachte die 25-jährige dort mit ihrer Band um alles unter Dach und Fach zu bringen. Als wichtigen Partner hatte sie abermals Produzent Paul Epworth an ihrer Seite. Irgendwer musste ihre Visionen ja auch umsetzen.

 

Visionen gab es diesmal nämlich viele. Nicht, dass dies bei „Lungs“ anders war, aber diesmal sollte alles noch eine Spur größer und üppiger werden. Ist ihr gelungen und zwar in allen Belangen. Mittlerweile ist sie sogar zu einer Art Fashion-Ikone aufgestiegen und macht ebenso auf den Laufstegen eine gute Figur. Ihr gewöhnungsbedürftiger Goth-Look entspricht zwar nicht dem gängigen Schönheitsideal, aber genau dies macht ja gerade die Faszination aus. Das Albumcover ist in dieser Hinsicht dann auch eine zwiespältige Angelegenheit.

 

Im weitesten Sinne ist „Ceremonials“ ein Popalbum. Paradox, dass die eigentlichen Pophörer mit der Platte sicher nichts anfangen können, diese Rechnung geht nämlich nicht auf. Wenn man so will, dann ist das sogar der Gegenentwurf zur gängigen Popmusik. Mit den ganzen Wegwerfproduktionen amerikanischer Prägung hat dieses Album nämlich so rein gar nichts zu tun. In den ganzen Helden-Comics gibt es immer einen Gegenspieler – Gut und Böse. Florence Welch taugt perfekt als Gegenspielerin einer Lady Gaga. Die Frage nach der Guten und der Bösen erübrigt sich.

 

„Ceremonials“ ist bisweilen recht dunkel ausgefallen. Das letzte Stück „Leave My Body“ treibt es dabei gar auf die Spitze. Der Beat hämmert beklemmend in Richtung Abgrund und der Gesang wächst gar zu einem bedrohlichen Chor an. Das ist Art-Pop der Güteklasse A. Sowieso wird hier nicht der einfache Weg eingeschlagen. Der sperrige Anfang „Only If For A Night“ ist nun auch nicht gerade dafür geeignet gleich das große Hitfeuerwerk abzubrennen. Gibt es aber auch! „Shake It Out“ schwingt sich auf zu einer Hymne. Aber auch das hat mit Reißbrettpop nichts am Hut. Die Stimmen haben nicht unbedingt viele Gemeinsamkeiten und trotzdem erinnert das an den versponnen – nennen wir es mal – Elfenpop von Kate Bush. In ihren zugänglichsten Momenten hat auch eine Björk vor 1 ½ Jahrzehnten ähnlich agiert. Noch deutlicher wird das bei „What The Water Gave Me“. Zudem zeigt gerade die Nummer, dass die junge Dame auch stimmlich kein Leichtgewicht ist und sie es spielerisch schafft so ein Ding zu tragen und dabei mit Leichtigkeit die Tonlagen und Stimmungen wechseln kann. Der grandiose Songaufbau hebt das Stück meilenweit vom Poprest ab. Eine gehörige Spur Indie schwingt sowieso immer mit. Selbst der Kitsch der Ballade „Never Let Me Go“ strahlt etwas Erhabenes aus und die Kirmesnummer „Breaking Down“ entwickelt sich gar wieder zu einer kleinen Art-Pophymne. Davon gibt es auf „Ceremonials“ sowieso viele. „Lover To Lover“, „No Light, No Light“ oder das bombastische „Seven Devils“ mit Wagnerreferenzen fallen allesamt darunter. Das wird dann auch nicht in das gängige Popschema von knapp drei Minuten gepresst, sondern nicht selten auf über fünf Minuten ausgedehnt!

 

Fazit: Florence Welch legt als Florence + the Machine mit „Ceremonials“ einen würdigen Nachfolger von „Lungs“ vor. Diesmal ist alles sogar noch eine Spur größer! Das ist Art-Pop der besonderen Art. Man muss eigentlich den musizierenden Damen und Sängerinnen von der Insel die Füße küssen, dass sie so zahlreich antreten um ihren amerikanischen Kolleginnen die Stirn zu bieten. Der Mainstreampophörer wird sich an der Platte die Zähne ausbeißen, alle anderen sollten unbedingt die Welt von Florence Welch betreten – und genießen!

 

http://florenceandthemachine.net/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch