Blood Red Shoes: Get Tragic

Blood Red Shoes: Get Tragic

Jazz Life/Rough Trade

VÖ: 25.01.2019

 

Wertung: 8,5/12

 

Das letzte Album der Blood Red Shoes wurde vor fast fünf Jahren veröffentlicht. Dies ist im Musikgeschäft eine halbe Ewigkeit. Nachdem das Duo aus Brighton noch für die Aufnahmen für das Werk aus dem Jahre 2014 die Zelte in Berlin aufschlug, fiel die Wahl nun auf L.A., wo man zusammen mit Nick Launay an den neuen Songs arbeitete. „Get Tragic“ ist das nunmehr fünfte reguläre Studioalbum. Es klingt in vielerlei Hinsicht wie ein Neuanfang.

 

Laura-Mary Carter erzählt, dass sie nach der letzten Tour nicht mehr wussten, ob sie überhaupt noch eine Band wären. Steven Ansell wird da noch deutlicher und gibt freimütig zu, dass jeder jeden hasste. Während die Gitarristin nur den Hinflug nach L.A. buchte, tauchte der gute Steven in das Nachtleben auf der Insel ein. Es herrschte Funkstille zwischen den beiden. Der Klassiker. Man raufte sich dann anscheinend doch wieder zusammen, denn sonst würde es „Get Tragic“ ja jetzt nicht geben. Die beiden stellten die Zeiger aber auch wieder auf Anfang und machten einiges anders. Ansell flog während des Prozesses auch wieder zurück und als er von Leeds aus dann Carter anrief, erfuhr er, dass sie sich den Arm gebrochen hatte. Irgendwie schien alles gegen ein neues Album der Blood Red Shoes zu sprechen.

 

Die beiden machten daraus eine Tugend und somit ist „Get Tragic“ auch kein Gitarrenalbum. Jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne und für das, wofür man die Blood Red Shoes kennt und liebt. Daran haben sicher einige Fans schwer zu schlucken. Die Songs sind nämlich teilweise sehr stark von Synthesizern dominiert. „Get Tragic“ ist anders, aber auf gar keinen Fall schlecht.

 

„Beverly“ hört sich beispielsweise wie eine sehr düstere Version von Kylie Minogue an. „Find My Own Remorse“ wird von beiden Protagonisten gesanglich getragen, aber Steven Ansell hat da den dominierenden Part inne. Auch diese Nummer ist eher düster und langsam. Man darf da durchaus von Indie-Pop sprechen, mit der Betonung auf dem Wörtchen Pop. Diese Richtung gibt schon der Auftakt „Eye To Eye“ vor. Auch hier hört sich Carter wie eine coole Variante von Kylie Minogue an. „Mexican Dress“ mutet glatt wie der Titeltrack einer dieser coolen Serien an. Mit Loops arbeitet „Bangs“ und kriegt vielleicht den Preis für den coolsten Indie-Track des Jahres verliehen. Die Nummer hat bei übermäßigem Konsum allerdings auch das Zeug dazu, einem gehörig auf die Nerven zu gehen. „Nearer“ schafft den Spagat von den 90ern in das Hier und Jetzt. Cooler Bass, versponnene Gitarre. Einfach mal tanzen? „Howl“ ist doch ein lässiger Anlass dafür, der zudem noch ordentlich knallt. „Anxiety“ ist da nur eine weitere Variation des bisher Gehörten. „Vertigo“ könnte auch eine dieser Hochglanzproduktionen sein, wie man sie von den Imagine Dragons und Konsorten her kennt. „Ellijah“ ist dafür der großartigste Abschluss, den man sich für „Get Tragic“ wünschen konnte. Geheimnisvoll, düster und sehr facettenreich!

 

Fazit: „Get Tragic“ ist anders als alles, was die Blood Red Shoes bisher gemacht haben. Das Duo aus Brighton hat einen neuen Ansatz und Weg gefunden um das Projekt weiter spannend zu halten. Ein zeitgenössisches Album, welches durchaus dem Indie- und Alternativbereich zuzuordnen ist. Zudem gibt es sehr viel zu entdecken und das Album wächst nach und nach sogar! Ein gutes Zeichen!

 

https://bloodredshoes.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

Blood Red Shoes: dito

Blood Red Shoes: dito

Jazz Life/[PIAS] Cooperative/Rough Trade

28.02.2014

 

Wertung: 9/12

 

Gebetsmühlenartig wird ja gerne wiederholt, dass sich diese Indie-Duos eigentlich selbst limitieren würden und der Sound sich von Album zu Album wiederholt. Hat nicht jede Band, egal in welcher Besetzung und Konstellation, einen ganz ureigenen Sound? Abgesehen davon ticken die Blood Red Shoes aus Brighton sowieso ein kleines bisschen anders. War das letzte Album noch eine große, bombastische Spielwiese, geht die Reise nun in eine neue Richtung. Natürlich wurde dabei auch wieder Bewährtes aus der Vergangenheit eingepackt.

 

Laura-Mary Carter und Steven Ansell nahmen diese zwölf Songs unter dem Eindruck einer neuen Heimat auf, lebten letztlich aber in einer Art Kokon. Die Einflüsse von außerhalb beschränkten sich dann tatsächlich darauf, dass sie lediglich alles aufsogen, was ihnen Berlin zu bieten hatte. Ansonsten lebten die beiden völlig unabhängig und machten was ihnen immer gerade in den Kram passte. Da war kein Produzent, kein Promoter, kein Labelmensch und auch sonst keiner, der auf irgendeine Art und Weise reinquatschen konnte. Insofern ist es nur konsequent, dass die Platte nur den Namen des Duos trägt.

 

„Welcome Home“ ist zu Beginn dann auch gleich mal eine Ansage. Bedrohlich Klänge fräsen sich da dem geneigten Zuhörer entgegen. Kein Gesang, nur schönster Krach. „Everything All At Once“ drückt weiter auf das Gas. Eine Art Refrain sorgt allerdings dafür, dass die Nummer glatt noch Hitqualitäten hat. Ansonsten drückt und pumpt es, dass sämtliche Stoner Rocker dagegen wie Schulkinder aussehen. Da staunt man schon mal ein bisschen. „An Animal“ kotzt einem Steven Ansell förmlich vor die Füße. Indiemusik der besonderen Art. Live werden einem die Ohren bluten. Die Blood Red Shoes haben unter dem ganzen Radau aber auch immer ganz wundervolle Melodien versteckt. Wo den Ting Tings die Ideen ausgingen, fangen die beiden hier erst an. „Grey Smoke“ packt dann endlich auch noch den Groove aus. Dazu singt Laura-Mary Carter auf ihre geheimnisvolle Art wie aus einem Paralleluniversum.

 

„Far Away“ ist aber schon Pop, oder? So ein Breeders-Pop, also ein Pixies-Songs. „The Perfect Mess“ durchschneidet danach messerscharf wieder sämtliche zarte Bande. Wem die Black Keys zu brav geworden sind, findet bei diesem Duo neue Nahrung. Der gemeinsame Gesang wertet dieses Stück noch mal auf. Wer dazu nicht mit aller Dringlichkeit durch seine Wohnung toben will, muss ein Trauerkloß sein. „Behind A Wall“ ist die so dringend benötigte Verschnaufpause und mit „Stranger“ wird es glatt ein bisschen bealtesesque. „Speech Come“ erinnert an die frühen Yeah Yeah Yeahs, während „Don´t Get Caught“ in all seiner Simplizität ordentliche Hitqualitäten für die Indiedisco an den Tag legt. Zu „Just For A While“ verdüstert sich endgültig der Himmel. Tiefschwarze Nacht breitet sich aus. Das tut weh, ist aber gleichzeitig ganz wundervoll. Die Blood Red Shoes vereinen eben auch kuriose Widersprüche. „Tightwire“ beendet diesen Ritt auf der Rasierklinge mit einer Art Mantra. Durchatmen ist danach nicht die schlechteste Idee, bevor man sich erneut in die Abründe von den Blood Red Shoes begibt.

 

Fazit: Laura-Mary Carter und Steven Ansell haben sich für ihr neues Album alle musikalischen Freiheiten dieser Welt genommen. Keine Beschränkungen, alles ist möglich und alles wird ausgelotet. Das knallt, das scheppert und das ist laut. Da werden Schichten aufgetürmt, nur um diese im nächsten Augenblick wieder einzureißen. Das Duo arbeitet aber nicht mit Taschenspielertricks, denn es brodeln überall wundervolle Melodien, die mit aller Macht an die Oberfläche wollen. Kreuzberg hat den beiden gut getan – zumindest musikalisch.

 

http://www.bloodredshoes.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

Blood Red Shoes: In Time To Voices

Blood Red Shoes: In Time To Voices

Cooperative Music/Universal

VÖ: 30.03.2012

 

Wertung: 9/12

 

Laura-Mary Carter und Steven Ansell sind nun auch in der digitalen Welt angekommen. Der Vorgänger des neuen Blood Red Shoes Albums wurde ja noch weitestgehend mit einer analogen Tape-Maschine aufgenommen, die jetzt bei „In Time To Voices“ traurig in der Ecke verstaubte. Ein digitales Pult sollte es sein und wie das oftmals der Fall bei einem neuen Spielzeug ist, bieten sich ganz neue Möglichkeiten. Die zunächst anvisierten drei Wochen für die Aufnahmen reichten folgerichtig nicht aus.

 

Damit die schöne digitale Welt unter dem Strich aber nicht dafür verantwortlich ist, dass vom rauen Blood Red Shoes Sound nichts mehr übrig bleibt, schleppten die beiden Helden aus Brighton jede Menge Effektgeräte ins Studio. Die Gefahr war also groß, dass die beiden sich verzetteln. Der ganze Kram wollte ja nicht nur ausprobiert werden, sondern auch irgendwie auf „In Time To Voices“ ein Plätzchen finden. Steven Ansell würde vermutlich jetzt noch im Studio frickeln. Gut, dass Laura-Mary Carter den Fokus auf die eigentlichen Songs gelegt hat.

 

Aber jetzt nur keine Berührungsängste, die neue Platte der Blood Red Shoes ist jetzt nicht komplett aus dem Ruder gelaufen oder die totale Abkehr vom bewährten Sound. Es gibt mehr Bombast und der Klang ist insgesamt wesentlich ausgefeilter. Die Punk-Wurzeln verleugnen die beiden mit diesem Album selbstverständlich nicht und wer sagt denn, dass Melancholie nichts im Punk verloren hat? Ja, die Blood Red Shoes entdecken hier eine raue Form der melancholischen Zwischentöne. Das kann auch mal grollen wie bei „7 Years“. Der Titelsong „In Time To Voices“ ist noch der sanfte Einstieg für die Fans. Mit „Lost Kids“ ist dann endgültig ein raumgreifender, bombastischer Sound zu vernehmen. Nicht nur aufgrund der Besetzung Frau/Mann erinnert diese Scheibe auch an das letzte Album von The Kills. Der dreckige Heavy-Rock-Sound von „Cold“ oder das mit viel Pop aufgepeppte „Two Dead Minutes“ gehen jedenfalls in diese Richtung.

 

„Silence And The Drones“ hingegen ist die minimalistische, kaputte Ballade. Es stampft, es röchelt und es tut weh. Bei den Blood Red Shoes schwingt auch immer etwas faszinierendes morbides mit. Auf dieser Ebene ist das Duo aus Brighton unschlagbar. Der Blues ist dabei gar nicht soweit weg wie man denken könnte. „Night Light“ schleppt sich ähnlich langsam daher und scheint in seiner unendlichen Traurigkeit den Sümpfen entsprungen zu sein. Ist auch ganz gut so, denn sonst wäre das Album auch zu eintönig und die Blood Red Shoes würden sich zu sehr limitieren.

 

Fazit: Vielleicht wird der eine oder andere Altfan von „In Time To Voices“ etwas zu sehr überfordert, da die Blood Red Shoes hier jede Menge Effekte auffahren und ihren Sound insgesamt bombastischer ausrichten. Wer ein offenes Ohr dafür hat, bekommt ein tolles Album geliefert, denn natürlich ist unter den ganzen Schichten immer noch der Rotz der Straßen von Brighton versteckt!

 

http://www.bloodredshoes.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch