Turbostaat – Interview am 12.04.2010

Hallo Jungs, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für ein Interview nehmt? Habt ihr einen Interviewmarathon durch? Hand aufs Herz, ist das die dunkle Seite des Jobs oder macht dies auch durchaus Spaß?

Also das macht auf jeden Fall auch schon Spaß. Es gibt natürlich auch bescheuerte Interviews, die man sich auch schenken könnte, aber das weiß man natürlich erst nachher. Das sind dann die Interviews, wo man auch merkt, dass die Leute eigentlich keine Lust haben und das nur machen – ja – weil sie es eben machen müssen. Im Grunde ist es aber sehr schön, wenn sich die Leute für das interessieren, was du machst.

Euer neues Album „Das Island Manöver“ ist seit letzter Woche draußen. Habt ihr schon die Feedbacks dazu gelesen und seid ihr damit zufrieden? Oder interessiert euch das nicht?

Doch, das interessiert uns natürlich schon. Ein bisschen habe ich schon gelesen, aber ganz bestimmt nicht alles. Ich krieg vermutlich auch nur die guten und positiven Meinungen gezeigt (grinst).

Ihr seid ja nun schon etwas länger im Geschäft und kennt die ganze Mühle und Mechanismen, ist man da vor einer Veröffentlichung überhaupt noch aufgeregt? Speziell was die Fanmeinung betrifft?

Ja, definitiv. Diesmal waren wir sehr aufgeregt.

Kriegt ihr da eigentlich direkt die Reaktionen mit? Lest ihr z.B. im Internet, was die Leute über euer Album denken?

Man kriegt das alles mit. Wir kriegen natürlich auch die Rezensionen geschickt. Die lesen wir natürlich auch, aber nicht immer komplett. Man unterhält sich ja dann auch mit dem Menschen, der das geschrieben hat. So wie wir jetzt auch. Und das ist dann auch schön, weil man dann auch mal nachhaken kann, was die Leute denn jetzt genau meinen – also bei denen, die einem am Herzen liegen.

Das Island Manöver klingt für mich recht dunkel und düster – war dies so etwas wie das Konzept hinter dem Album?

Nö, also ein Konzept nicht. Wir haben uns jetzt nicht hingesetzt und was zusammen gesponnen. Es ist eigentlich einfach so gekommen. Es ist auch nicht so, dass man das 1:1 vom eigenen Leben ablesen könnte, so nach dem Motto „Oh, da waren die und die Probleme“. Im Grunde ist das einfach so gekommen.
Eure Texte machen mich ehrlich gesagt fertig.

Was soll das denn heißen (lacht)?

Die sind ja nicht sofort greifbar und zum Teil sehr sperrig. Das gleicht manchmal einer Schnitzeljagd und man puzzelt sich die einzelnen Teile selber zusammen ohne zu wissen, ob die Interpretation überhaupt richtig ist. Ist das von euch bewusst so gewählt worden? Sollen sich die Zuhörer ihr eigens Kopfkino anwerfen? Deine Texte muss man sich ja erarbeiten.

Ja, dieses Erarbeiten – mal abgesehen davon, dass es nicht bewusst so gewählt ist, denn ich schreibe eben so – ist dieses Erarbeiten ein wichtiger Punkt an dieser Geschichte. Die Leute sollen in erster Linie sich das anhören und dann selber etwas damit anfangen. Dieses reine konsumieren und ein paar Worte, die gerade zum Gesang und zur Musik gut passen, mag ich nicht. Ich würde dann lieber Instrumentalmusik machen. Ich mag auch nicht so gerne Parolen dreschen, weil ich nicht an die Parolen glaube und weil das andere wesentlich besser können. Ich bin kein guter Politiker. Ich kann auch solche Dinge nicht gut auf den Punkt bringen. Ich schreibe halt aus meinem Kosmos heraus. Ich versuche dementsprechend dann auch eine Geschichte zu erzählen, die auch eine Moral hat. Wenn man sich damit beschäftigt, kann man das auch ergründen. Dafür sind dann auch relativ viele Schilder drin, damit man das auch kann.

Kommen denn die Ideen aus dem direkten Umfeld und sind von Deinem Leben beeinflusst oder sind dies eher fiktive Geschichten? Oder ein Mix aus beiden Welten?

Das ist von Lied zu Lied unterschiedlich. Es gibt auf der Platte Lieder, die 1:1 aus meinem Leben kommen. Leute die mich kennen, wissen dann worum es geht. Es gibt dann wieder Geschichten die ich gehört habe oder sogar Texte, wo ich mich noch mal hingesetzt und überlegt habe, was ich anders machen könnte.

Besprecht ihr untereinander Deine Texte? Oder ist das rein Deine Baustelle?

Da lassen mich die anderen dann schon einfach machen. Ich bin da aber auch ziemlich eigen, wenn da jemand einen Artikel ändern will, dann geht das nur über einen schriftlichen Antrag…

…in dreifacher Durchschrift…

jaja (lacht), da bin ich – sagen wir mal – ziemlich emotionslos. Natürlich bespreche ich die Texte mit unserem Sänger. Am Ende der Produktion habe ich dann auch eine E-Mail geschrieben und zu jedem Lied in ein bis zwei Sätzen erklärt, worum es grob geht.

Habt ihr schon mal ernsthaft darüber diskutiert ein komplettes Album in englischer Sprache aufzunehmen?

Nö. Also auch davor die Bands, in denen ich gespielt habe, habe ich immer in deutscher Sprache geschrieben: a, weil das deutschsprachige Punkbands waren und b, weil das meine Muttersprache ist. Ich denke in dieser Sprache und kann mich auch in dieser Sprache ausdrücken. Ich könnte mich auch in englischer Sprache gar nicht so ausdrücken. Das würde mich selber auch nicht zufrieden machen.

Welche Musik hat euch denn zu dem Album inspiriert?

Die 90er Musik. Eigentlich diese Sachen, mit denen wir angefangen haben. Die Sachen, die aus Detroit kamen und auch so Slomo- und Hardcorekram. Ganz konkret aber eigentlich nichts, ne.

Nerven euch eigentlich Vergleiche mit den üblichen Verdächtigen? Wenn es um Turbostaat geht wird ja oftmals einmal die Palette des Punk und Hardcore hoch und runterzitiert. Wir haben dann ja auch noch eine Band in Berlin – die Beatsteaks – die werden ja auch oft herangezogen.

Mit den Beatsteaks haben wir ja auch was zu tun und man muss ganz offensichtlich feststellen, dass wir jetzt hier nicht sitzen würden, wenn die Beatsteaks uns so nicht immer ins Rampenlicht geschubst hätten. Musikalisch haben wir nicht so viel miteinander zu tun und das kann man nicht unbedingt vergleichen. Ich habe mit so Vergleichen aber kein Problem, nur manchmal trägt das auch komische Blüten.

Habt ihr eigentlich alle denselben musikalischen Background und Einfluss?

Nee, nicht wirklich.

Der Titelsong der neuen Scheibe erinnert mich ein bisschen an Interpol oder sogar Velvet Underground.

Ich kann da jetzt nur für mich sprechen, aber ich habe Velvet Underground immer gehasst. Mit dieser beschissenen Nico, das war nix für mich, das habe ich wirklich gehasst. Im letzten Jahr habe ich allerdings die Platte ziemlich oft gehört. Komisch, jetzt wo Du das sagst, das stimmt schon irgendwie.

Also eigentlich kommt ihr aus verschiedenen musikalischen Ecken?

Also der Sänger Jan und ich kommen knallhart aus diesem Dorf und wir haben uns dann…Das Ding ist einfach, wir kommen aus einer Kleinstadt. Das ist nicht wie in einer Großstadt, wo es verschiedene Läden gibt. Das gibt es da einfach nicht. Da gibt es einen Laden, da gehen dann Punks, Waver, Mods, Skins und alles was ein bisschen alternativer ist hin. Da spielen dann auch immer nur Bands, die eben auch alternativer sind. Daraus ergibt sich eine ganz eigene Szene und ein eigener Geschmack. Obwohl wir aus verschiedenen Richtungen kommen – unser Schlagzeuger z.B. liebt diese ganze DC-Hardcoresachen – wir haben uns dann trotzdem getroffen und hatten auch dieselbe Idee. Weil wir in dieser Kleinstadt Husum jeder in seiner Band spielte, hat sich so was wie eine eigene Kultur gebildet. Du kennst das vielleicht auch?

Ich komme zwar auch vom Dorf, aber das ist direkt vor den Toren von Köln. Die Szenen hier sind aber ganz furchtbar, weil die alle die Nase ziemlich hoch tragen. Es ist z.B. unmöglich die Bad Brains und Bruce Springsteen gleichzeitig zu mögen, weil das nicht sein darf. So ist hier teilweise die Denke.

Wir kommen aus einem Dorf mit 20.000 Einwohnern. In unserem Laden dort, ging eben alles hin, was nicht Rechts war. Da lief dann alles an Musik.

Wie ist „Fünfwürstchengriff“ entstanden? Ist dieser bisweilen minimalistische Track euer Spaßsong der Scheibe? Erinnert mich ein wenig an Trio.

Ja, also…

…das ist übrigens nicht negativ gemeint.

Ich würde mir auch nie anmaßen, etwas gegen Trio zu sagen, da ich Trio sehr verehre – die ganze Band übrigens. Ähm, ja, ich habe den mit unserem Sänger zu Hause einfach gemacht. Spaßsong passt schon. Das ist dann eben so eine Nummer, die man in drei Minuten mal eben so macht – mit Text und Musik.

Achtet ihr im Studio eigentlich bewusst drauf, dass die Songs auch live funktionieren? „Strandgut“ scheint ja wie für die Bühne gemacht zu sein.

Das ist das Besondere, was Moses Schneider gesagt hat. Das passiert alles vorher. Wir üben und dann gehen wir ins Studio und nehmen das auf. Die Platte ist ja live eingespielt und wenn Du dann irgendwo eine Glocke hörst, dann ist das live. Das wird auch so auf die Bühne gebracht. Wir finden das gerade auch so sexy, weil das eben alles live ist.

Wenn ich mir euer Cover und Artwork so angucke, legt ihr auch darauf sehr viel Wert. Ihr unterteilt euer Album ja sogar in A und B Seite. Legt ihr besonders viel Wert auf diese gute alte Tradition?

Wir machen das immer so, weil wir in Platten denken. Ich denke in einer Schallplatte. Das ist auch das, was ich zu Hause stehen habe, nämlich einen Schallplattenspieler. Zu einer Platte gehört eben eine A- und eine B-Seite. Wir reden dann auch ganz anders, so nach dem Motto „Möchtest Du wirklich, dass die B-Seite mit diesem Lied anfängt?“. Die Platte ist für uns das Hauptprodukt, die CD interessiert mich im Grunde nicht, das ist ein Wegwerfprodukt. Ich höre mir das auch nicht an, denn CDs klingen vom Sound auch einfach Scheiße. Ich bin absoluter Verfechter von Vinyl.

Könnt´ ihr in Zeiten des Internets euren jüngeren Fans das noch vermitteln und die Haptik eines Albums näher bringen?

Das weiß ich nicht, ob man denen das begreiflich machen kann. Aus der Szene, aus der wir kommen, ist die Platte aber das Medium, da kennt man das nicht anders. Wir denken nicht anders. Manchmal wird Vinyl wieder moderner, manchmal eben nicht.
Wie lange hat denn der Entstehungsprozess des gesamten Albums gedauert? Vom Schreiben bis zum finalen Entwurf des Artworks und Booklets?

Wir haben uns letztes Jahr im Januar zusammengesetzt und dann für uns gesagt, dass wir im Sommer anfangen die Platte aufzunehmen. Bis dahin müssen dann logischerweise die Lieder geschrieben sein. Im März hatten wir nicht einen Song. Es ging dann so langsam los, man muss sich eben erst wieder ein bisschen einschießen. Wir sind dann von Mitte bis Ende September aufnehmen gegangen. Im Oktober haben wir dann gemischt. Wir haben im Januar auch alles noch mal neu mischen lassen.

Warum das?

Wir haben die Platte digital mischen lassen. Ähm, die klang saugut. Der hat das echt super gemacht. Dann kam die Plattenfirma und hat gesagt, dass sie die Singles neu mischen wollen und zwar analog. Jo, das wurde dann neu gemischt und das klang unglaublich. Dann hat unser Mischer das alles noch mal analog gemischt. Dafür sind wir auch sehr dankbar, dass wir das alles analog mischen durften. Dieser A/B Vergleich ist der helle Wahnsinn. Das ist jetzt auch nicht so ein Nerdkram oder so, den Unterschied würden sogar meine Eltern hören – also im direkten Vergleich.

Was macht ihr denn lieber? Im Studio rumfrickeln und neue Ideen entwickeln oder dann doch lieber Liveauftritte?

Für die Band kann ich auf jeden Fall sagen, dass wir am liebsten auf der Bühne stehen. Das ist das, warum wir das alles machen. Ich persönlich bin auch gerne im Studio oder bei mir zu Hause. Ich denke mir auch gerne Sachen aus, das ist eben mein Ding. Als Band aber, stehen wir am liebsten auf der Bühne.
Hat euch der Erfolg verändert? Und spürt ihr mittlerweile auch Neid von Kollegen und sind evtl. alte Freundschaften zerbrochen?

Nee. Das ist so krass nicht, nee. Es verändert sich natürlich immer über die Jahre etwas, aber nee, ich habe das jetzt so jedenfalls nicht erlebt.

Viele haben euch in der Vergangenheit ja für diese DIY-Attitüde gelobt. Jetzt werden einige wieder bemängeln, dass ihr einen Major im Rücken habt und auch das ganze Promotionspielchen mitmacht. Belastet es euch, dass jetzt auch die Kritiker und Bewahrer des guten Geschmacks wieder aus ihren Löchern gekrochen kommen?

Bei uns hält sich das immer sehr in Grenzen. Dieses Bashing hat so nie stattgefunden. Es gab natürlich auch mal Fans, die dann gesagt haben, dass sie das nicht mehr mitragen können. Man sagt dann „Ja schade, Du bist ein netter Typ“. Das ist aber nie so richtig Agro. Die Situation war folgende: Unser Label wollte nicht mehr weitermachen, ergo mussten wir uns eine neue Plattenfirma suchen. Es kamen dann viele Angebote und wir haben das beste Angebot rausgesucht. Das Beste heißt dann aber nicht, dass damit das meiste Geld gemeint ist. Es ging darum, dass wir selber bestimmen können. Es ging dann auch um das Vinyl. Ich meine, wer macht schon solche Angebot, das ist doch total super. Für uns war einfach klar, dass wir zu dieser Firma gingen. Wir wollten einfach gewährleistet haben, dass wir diese Möglichkeiten einfach kriegen. Das hätten wir übrigens bei einigen Indies nicht machen können. Diese Grenze zwischen Indie und Major ist da nicht mehr so krass, wie das vielleicht in den 80ern oder 90ern noch der Fall war. Gerade Indies, die wenig Geld haben, sind natürlich auch darauf angewiesen, dass ihre Sachen dann funktionieren.
Ihr seid dann auch völlig autark und frei in den Entscheidungen?

Ähm, das kommt darauf an, worum es geht. Wenn es um einen Videodreh geht, dann müssen wir uns natürlich absprechen, denn das bezahlen ja schließlich die. Auch die Singles ist deren Ding, dann müssen wir uns eben einigen. Wir könnten uns natürlich auch stur stellen, aber davon hätten wir wahrscheinlich auch nichts.

In Deutschland gibt es mittlerweile ja eine Schwemme dieser beschissenen Castingshows. Erklärt doch bitte unseren Lesern, warum es sich lohnt ein Instrument zu spielen und den steinigen Weg über die Dörfer zu gehen und nicht zu einer Marionette eines selbsternannten Poptitans zu verkommen!

Das kommt darauf an, was Du möchtest. Wenn Du Dir irgendwie die Nasennebenhöhlen mit Koks wegätzen möchtest oder so rumhampeln möchtest, dann solltest Du eben nicht über die Dörfer gehen. Wenn Du ein gesichertes Einkommen haben möchtest, dann auch auf keinen Fall. Dann vielleicht besser eine Banklehre anfangen, dann kann man auch ruhiger schlafen. Wenn man aber Bock auf Musik hat, dann solltest Du in einer Band spielen. Ich mag mein Leben so. Wenn man gerne verreist, ist man auch richtig.

Habt ihr denn mal an einem Punkt gestanden, wo man das alles in Frage gestellt hat? Irgendwann möchte man ja auch vielleicht mal was im Kühlschrank haben.

Haben wir nicht gehabt, weil das nicht unsere Denke ist. Das muss man auch immer wieder sagen, weil einem das die Leute auch nicht glauben, aber uns ging es nur um Musik und weil wir in einer Band sein wollten. Es ging auch nicht um Erfolg. Bei uns war das unausgesprochen klar. Keiner von uns hatte einen festen Job oder wenn doch, dann ist er einfach nicht hingegangen, weil dann wieder eine Tour anstand. Es ging immer um die Band, danach kommt der Rest. Hunger von uns hat jetzt auch keiner geschoben, das muss man in Deutschland ja auch nicht wirklich, dann holt man sich Geld vom Amt. Man hat das alles nur gemacht oder ist jobben gegangen um auf Tour gehen zu können. Das ist so unsere Wertigkeit.

Wann fing diese Wertigkeit denn an?

Das war auch keine bewusste Entscheidung. Ich habe mit zwölf in Punkbands angefangen, ja und irgendwann haben wir Turbostaat gegründet. Im Grunde ist das immer noch derselbe kindsköpfige Scheiß wie damals – nur ein bisschen größer gedacht.
Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit der Platte und der Tour!

Wir danken Dir für das Gespräch!

 

http://www.turbostaat.de/

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich für die tolle Unterstützung bei Thorsten Ammann von der Promotion Werft und natürlich bei Turbostaat! Und auch ein Dank an Eins Live – auch für die Nutzung der Räumlichkeiten und die nette Bewirtung!)

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