Therapy? – Interview am 29.03.2012

In Köln ist es an diesem Donnerstagnachmittag recht stürmisch. Das passt ja zu Therapy?, die mal wieder in der Stadt sind und mit „A Brief Crack Of Light“ ein ordentliches Brett im Gepäck haben. Auch nach mehr als zwanzig Jahren treten die Herren immer noch ordentlich auf das Gaspedal. Geändert hat sich aber trotzdem so einiges. Sänger Andy Cairns erscheint frisch geduscht, parfümiert und mit einem Tee(!) zum Interviewtermin. Er dürfte die gesündeste Gesichtsfarbe seit den letzten dreißig Jahren haben und einige Kilos sind auch von den Rippen runter. Mit anderen Worten, der Mann scheint topfit zu sein. Die Salatvariationen am bereitgestellten Buffet deuten dann mehr als nur an, dass Therapy? im Jahre 2012 auf Tour wohl bewusster und gesünder leben. Man(n) geht ja auch mit großen Schritten auf die 50 zu. Auch Schlagzeuger Neil Copper macht einen aufgeräumten Eindruck. So steht einem Gespräch über „A Brief Crack Of Light“, dem Leben auf Tour, dem Zustand der Musikindustrie und Gott und der Welt nichts mehr im Wege. Irgendwann landen vermutlich alle (Nord-)Iren beim Thema Bono, womit wir dann wieder bei Gott wären…

 

Hallo Jungs! Danke, dass ihr euch für dieses Interview vor der Show noch Zeit nehmt! „A Brief Crack Of Light“ ist ja schon euer dreizehntes Studioalbum…

Andy (begeistert):…ja, ist es! Das ist verrückt, oder?

Wie ist es für euch, nach all den Jahren mit Therapy? immer noch unterwegs zu sein? Ein Ende scheint ja noch lange nicht in Sicht?!

Andy: Es ist komisch, aber es fühlt sich gar nicht so an, als wären das schon zwanzig Jahre. Ich genieße es immer noch sehr ein Teil dieser Band zu sein. Besonders die letzten zehn Jahre genieße ich das sehr. Die letzten fünf Jahre sogar noch intensiver. Wir sind jetzt auch viel besser. Es fühlt sich jetzt auch realer, ehrlicher an als dies vorher der Fall war. Wir haben jetzt viel größere Kontrolle was mit und um die Band herum passiert.

Neil: Es ist jetzt einfach wesentlich schöner und befriedigender, wenn man mehr Kontrolle hat.

Fühlt es sich für euch denn jetzt ehrlicher an als in den 90ern?

Andy: Die 90er waren schon lustig und toll. Man darf ja auch nicht vergessen, dass wir in den 90ern großen kommerziellen Erfolg hatten. Gitarrenmusik, wie wir sie machen, war da ja gerade in Mode. Ich für meinen Teil war aber kein so guter Musiker, wie ich es heute bin. Wir waren auch nicht unbedingt eine Band, eine Einheit. Ähm, und wir hatten damals nie die Zeit uns auch mal zurückzulehnen und zu gucken und reflektieren, was um uns herum alles so passiert. Die jetzige Bandbesetzung ist perfekt. Wir sind ja auch alle älter und weiser geworden. Wir denken auch nicht mehr daran, was erfolgreich sein könnte und was nicht. Ich möchte das noch ein bisschen aus der Sicht der Kids von heute erklären. Wenn man aufwächst, dann willst du Sänger oder Tänzer werden und sitzt über Stunden auf deinem Bett und denkst darüber nach wie es ist, wenn du eine Single rausbringst, einen Hit landest, einen Award bekommst oder auf dem Cover eines berühmten Magazins landest und wenn dann der Moment kommt, wo du dann tatsächlich ein Rockstar wirst, dann lehnst du dich zurück. Das alles gilt für Therapy? eben nicht. Wir sind eine kleine Band, die mal ein bisschen Erfolg hatte – mehr nicht. Wir sind immer noch wir selbst. Wir denken da nicht an die Karriere oder so. Wir haben einen Punk-Background und wir spielen auch heute noch in diesen Punkläden. Wir fühlten uns nie wohl dabei in Irland mit Freunden oder Popacts im Fernsehen aufzutreten. Heute sehen wir das noch aus einem anderen Blickwinkel und ganz ehrlich, da ist so viel Scheiße da draußen.

Aber damals war ja auch nicht alles schlecht. Ich habe euch erstmals bei Rock am Ring gesehen, ich glaube, das war 94…

Andy (begeistert):….Oh ja, das war eine tolle Show. Ich liebe diese Show.

Ja, das war eine tolle Zeit. Ihr erinnert euch da tatsächlich noch dran?

Andy: Natürlich! So wie du das auch noch in Erinnerung hast, ist das auch bei uns haften geblieben. Das war ein tolles Festival damals.

Definitiv! Zurück zur neuen Platte. Die habt ihr ja in zwei verschiedenen Sessions aufgenommen. Warum habt ihr diesen Weg gewählt und gibt es da noch Material, welches später veröffentlicht werden soll?

Neil: Wir hatten das garnicht von Anfang an so geplant. Wir wollten das garnicht so produzieren, das hat sich einfach so ergeben. Wir haben heute einfach mehr Kontrolle über den ganzen Prozess und dann hat sich das einfach so ergeben. Wir haben die Platte ja auch produziert und sind sehr glücklich damit, wie wir heute arbeiten können. Wir hatten dann noch ein bisschen Zeit, noch ein paar Sachen zu schreiben und wieder ins Studio zu gehen. Wir nahmen zuerst vierzehn Songs auf. Oder Andy? Was meinst du?

Andy: Ja, ich denke auch, es waren zunächst vierzehn Songs.

Neil: Genau. Wir nahmen die auf, dann gingen wir nach Hause und hörten uns die dort noch mal an. Und dann fängt man natürlich an dies alles kritisch zu sehen. Das könnte man doch noch besser machen und das. Das passt nicht und solche Sachen halt. Andy hatte zu Hause dann auch noch ein paar Ideen und so kam es dann, dass wir ein zweites Mal ins Studio gingen, noch mal mit so zehn Tracks für das Album. Es war unter dem Strich einfach so, dass wir gesagt haben, dass eine zweite Studiosession nicht schaden kann und wir einfach mal gucken, was dabei rauskommt. Mal gucken, was mit dem Material noch so passieren wird.

Das ist ja eine sehr energiegeladene Platte. Sehr druckvoll und laut. Eigentlich werden Bands mit zunehmendem Alter ja etwas gemäßigter. Warum ihr nicht, was ist euer Geheimnis?

Andy: Ich denke es kommt daher – wobei ich natürlich nicht für Neil sprechen kann, sondern nur für mich – dass ich einfach diesen Punk-Background habe. Noise hat mich schon immer interessiert und da liegen einfach meine Wurzeln. Die ersten Bands, die ich geliebt habe, waren die Buzzcocks und die Ramones. Das waren so meine ersten Einflüsse. Und weißt du, ich kann mir auch heute eine Amy Winehouse Platte anhören. Hey, das ist guter Rock and Roll. Was mich betrifft höre ich heute auch eine Menge neuer Musik. Vielleicht überrascht es dich jetzt, aber das ist weniger Gitarrenmusik, sondern Dub und elektronische Musik. Das kann aber auch eine Menge Energie freisetzen, wie man das von der Punkmusik auch kennt.

Hat euch diese Musik denn speziell jetzt für euer neues Album inspiriert?

Andy: Weißt du, wir in der Band hören alle ganz unterschiedliche Sachen. Das hat natürlich Einfluss. Therapy? funktioniert eigentlich auf folgende Weise: es gibt dann da eine Idee für einen Bassteil, ich schreibe dann beispielsweise ein Riff aus der Ecke die mich inspiriert, dies kann dann durchaus aus der Black Flag Ecke kommen und dann spiele ich das Michael und Neil vor. Michael hat dann seine Durmmaschine und Neil und Michael arbeiten dann daran. Wobei dies bei Michael dann eher in die Black Metal Schiene geht. Neil ordnet das dann und bringt den Soul rein und arbeitet das dann so aus, dass es für ihn funktioniert. Ich könnte das nicht. Wenn ich das machen müsste, würde sich das immer gleich anhören – wie ein Punktrack eben. Jeder von uns bringt eben seine Einflüsse ein und macht das, was er am besten kann. Nur so kann es ja auch funktionieren.

Gab es denn im Studio diesen einen magischen Moment, von dem gerne gesprochen wird? Diesen Moment, wo ihr tatsächlich realisiert habt, dass die Platte eine bestimmte Richtung hat und gut wird?

Neil: Wenn man im Studio arbeitet, dann hat man nicht wirklich Zeit sich zurückzulehnen und das in Ruhe zu hören. Das passiert eher nach den Aufnahmen, wenn man damit dann nach Hause geht.

Andy: Richtig, wir hatten dazu nicht die Zeit. Wir nahmen schnell auf. Im Nebenraum mixte Michael dann die Tracks, wir hörten das garnicht. Wir hörten uns den Mix aller Songs nicht zur selben Zeit an. Das geschah wesentlich später. Wir waren dann später selber von unserem Instrumentaltrack überrascht und wie Michael da die Basslinien verarbeitet hat. Dann nahmen wir mit „Living In The Shadow“ und „Plague Bell“ auch noch zwei Songs auf. Ich denke, dies sind wirklich coole Rocksongs. Die gehen so in die 90er Therapy? Richtung und sind sehr direkt. Musik, wie wir sie gerne und schon immer spielen. Na ja, jedenfalls kannst du dann tatsächlich erst alles hören, wenn du zu Hause bist. Im Studio hast du einfach keine Idee, ob die Platte jetzt gut ist oder nicht.

Neil: Ich denke, dass in den Jahren, wo ich jetzt mit den Jungs unterwegs bin, sich erst immer nach zwei bis drei Jahren sagen lässt, wie ein Album tatsächlich geworden ist. Und natürlich spiegelt eine Platte ja auch immer das wieder, was da gerade in unseren Köpfen vorging. Während man in dem ganzen Prozess noch drinsteckt, kann man darüber garnicht nachdenken. Es braucht einfach zwei bis drei Jahre um zu sehen, was damals los war. Dann kommen ja auch noch die Texte von Andy dazu. Die muss man ja auch mit Abstand betrachten und gucken, was zu dieser Zeit in ihm vorging.

Wie wichtig ist denn euer Land für den Songwriting-Prozess? Spielte das eine Rolle?

Andy: Hmm, ich denke eigentlich nicht so sehr. Es spielte eigentlich nicht so sehr eine Rolle. Bei dem Album davor war das eher der Fall. Ich liebe mein Land – immer. Wir haben „Crooked Timber“ mit vielen Freunden aus Irland aufgenommen. Da gibt es wirklich eine tolle Musikszene. Irland hat sich aber seitdem schon wieder sehr stark verändert. Da ist seit den 90ern eine Menge Scheiße passiert. Gerade was die Politik betrifft ist das einfach scheiße. Für diesen ganzen kapitalistischen Mist trägt keiner die Konsequenzen. Die Leute haben bei uns einfach große Probleme und keinen der Herrschaften interessiert das. Ich möchte da drüber aber nicht schreiben. Diesen ganzen Mist der Wirtschaft und der Politik wollte ich nicht in Songs verarbeiten. Das sollen andere machen. Ich denke Bono wird das tun. Es reicht ja, wenn die Iren einen Weltretter haben….

Neil (bricht in schallendes Gelächter aus)

Andy: …ich schreibe lieber über Sachen, die in meinem Kopf vorgehen.

Aus Gründen der Fairness muss ich sagen, dass ich U2 mag.

Andy: Oh! Aber versteh mich jetzt bitte nicht falsch, ich meine das jetzt garnicht abwertend, aber wenn es um irische Politik – überhaupt um Politik geht – dann macht das bei uns Bono.

Interessiert mich auch eigentlich weniger, ich mag auch nur die Musik von U2.

Andy: Yeah, das ist richtig so.

Noch mal zurück zur aktuellen Platte. Bevor ihr mit den Aufnahmen begonnen habt, habt ihr ja auch eine Menge eurer alten Songs wieder gespielt. Ich denke da speziell an „Troublegum“. Hatte das einen direkten Einfluss auf das neue Album?

Andy: Das hast du gut gehört. Da sind in der Tat ein paar Songs auf der Platte, die auch tatsächlich 92 oder 93 geschrieben worden sein könnten. Wir haben uns jetzt aber nicht hingesetzt und gesagt, dass wir ein Konzeptalbum machen wollen oder gar „Troublegum 2“. Der Typ, der damals „Troublegum“ geschrieben hat war sehr wütend. Und hey, jetzt nach zwanzig Jahren ist der Typ immer noch da, das bin nämlich ich. Aber es sind zwanzig Jahre vergangen und heute sind wir bessere Musiker und natürlich auch erwachsener geworden. Die Zeiten haben sich einfach geändert. Trotzdem ist „Troubelgum“ natürlich ein Teil der Bandgeschichte – das war von damals bis heute einfach so ein organischer Entwicklungsprozess.

Sind die Geschichten auf „A Brief Crack Of Light“ denn reine Fiktion?

Andy: Ein Mix. Vieles ist Realität, aber ich habe vorher auch viele Bücher gelesen. Fakt ist einfach, dass die Musik schon fertig war und dann schrieb ich einen Großteil der Texte in so einer traurigen und melancholischen Stimmung. Manchmal fielen mir die Texte aber auch ein während ich einen Film guckte. Den größten Einfluss hatten aber sich die vielen Bücher, die ich gelesen habe. Das war aber auch schon immer so bei mir.

Welche Bücher denn?

Andy: Wenn du dir beispielsweise den Song „Living In The Shadow Of The Terrible Thing“ anguckst, dann geht es da um das Älterwerden. Das kennt ja jeder – irgendwie. Die Reise fängt ja quasi mit unserer Geburt an. Da hat mich „The Odyssey“ von Homer sehr inspiriert. Kleine Dinge eben, die eben helfen, dass die Songs funktionieren.

Ihr seid ja schon seit so vielen Jahren dabei. Was denkt ihr über das Musikgeschäft von heute und welche Auswirkung hat das für junge Bands und Künstler?

Neil: Es ist eigentlich noch immer wie früher. Es kann ein wirklich guter, aber eben auch ein sehr schlechter Platz sein. Wenn man sich anguckt, wie sich das ganze Geschäft verändert hat, Himmel. Als Therapy? starteten konsumierte man Musik noch völlig anders. Man beschaffte sich Musik auch noch völlig anders. Da hat ein immens großer Wandel stattgefunden. Das sind große Unterschiede. Heute hat eine junge Band aber auch viele Möglichkeiten. Es ist wie ein Schwamm. Man kann sich Sachen schnell runterladen und dann mit anderen teilen – und solche Sachen. Auf der anderen Seite: hat sich denn wirklich so viel geändert? Früher hat man für seine besten Freunde auch Tapes mit Musik zusammengestellt, die sie sich anhören sollten. Heute läuft das eben digital. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, wenn die Musik geteilt wird. Das lief doch schon immer so. Ich glaube, das größte Problem, welches wir im Moment im Musikgeschäft haben, ist das die Leute einfach wahllos Filme, Musik und so Sachen ins Netz stellen und sich nicht über die Konsequenzen im Klaren sind. Hey, ich lebe davon. Ich lebe von der Musik und muss mein Geld damit verdienen und dann ist das natürlich nicht gut und das macht einen großen Unterschied, ob Fans miteinander Musik teilen – Bootlegs hat es auch schon immer gegeben – oder sonst alles frei im Netz verfügbar ist. Ich denke, die gute Seite daran ist, dass die großen Majorlabels nicht mehr alles kontrollieren können. Gerade die Kids können ihre Sachen jetzt direkt ins Internet stellen und teilen und ihr eigenes Ding machen. Die schlechte Seite, wo die ganzen Majorlabels nicht mehr da sind ist natürlich, dass die jungen Bands immer noch einen brauchen, der in sie investiert. Ich denke, wenn man da nicht aufpasst, dann haben wir bald nur noch Bands, die Musik aufnehmen, die gut genug ist um im Radio gespielt zu werden und die Vielfalt darunter leidet. Und plötzlich haben wir nur noch Mittelklasse-Kids, mit finanzstarken Eltern im Rücken, die Musik machen. Ich persönlich denke, dass die besten Bands aus der Arbeiterklasse kommen. Ich habe die Horrorvorstellung, dass demnächst nur noch diejenigen eine Band gründen, die reiche Eltern haben. Das ist nicht gut.

Na ja, die Jugendlichen von heute gehen ja auch lieber in Castingshows und irgendwie will jeder ein Star sein.

Neil: Jaja, ganz genau. Das ist doch exakt das Problem. Als wir aufwuchsen hatten wir Top Of The Pops oder The Old Grey Whistle Test. Und heute? Da sitzen schon die kleinen Kinder vor dem Fernseher und machen dann ihre ersten Erfahrungen mit Musik in dem sie Castingshows gucken. Da sitzen dann drei Leute und fällen Urteile und sagen du bist gut, du bist scheiße und dann stelle man sich mal vor, was in so einem Kinderkopf vorgeht! „Oh, die beurteilen mich, die stecken mich in eine Kategorie und erzählen mir ob ich gut bin oder nicht". Fuck that! FUCK THAT! Ich habe kein Vertrauen in eine Jury. Ich denke, der ganze Mist bricht bald zusammen. Ich hoffe es jedenfalls. Und ich hoffe, dass dann wieder gute Musik eine Rolle spielt. Es ist doch recht einfach heutzutage ins Radio zu kommen. Elektronische Musik und Dance-Music kann man ganz einfach und schnell stricken, wenn man aber eine Band hat, dann braucht das Zeit. Du musst von den Drums bis zum Gesang alles aufnehmen. Du brauchst das ganze Equipment. Das kostet natürlich. Selbst so ein beschissenes Mikrofon kostet richtig Geld. Und es braucht Zeit.

Andy: Ich stimme Neil da zu. Mir persönlich sind die Castingshows völlig egal. Es ist aber nicht gut, wenn für die Kids von heute das der erste Berührungspunkt mit Musik ist. Der Kerl, der mit uns am Mix für die neue Platte gearbeitet hat, arbeitet auch mit Kindern. Der unterrichtet Kinder und der erzählte mir, dass die Kinder – vier bis fünf Jahre alt – heute alle gleich singen. Die versuchen nur noch zu kopieren und realisieren garnicht, dass sie alle eine individuelle Stimme haben.

(Andy verdeutlicht die Tonleiter singend was er meint).

Du meinst diese Mariah Carey Schiene?

Andy: Ja, so in der Art. Die versuchen nur noch zu kopieren und entwickeln gar keine Persönlichkeit mehr.

Ist es denn heute nicht überhaupt schwierig für neue Künstler noch etwas Eigenständiges auf die Beine zu stellen? Es war doch irgendwie schon alles da.

Andy: Nun, es gibt nur zwölf Noten und daraus müssen die Leute was machen. Dekonstruktion kann aber auch eine Formel sein. Es ist natürlich hart. Es gibt aber so viele unterschiedliche Stile. Ich höre mir gerne ein Noise Album an und dann im nächsten Moment eine Kick Ass Rock and Roll Platte. Und dann wieder Dub. Es geht also.

Neil: Ich denke, wenn man eine Platte aufnimmt, dann sollte man sich nicht so sehr auf einen Stil festlegen. Man sollte unabhängig sein. Das machen, was man will. Auch nicht krampfhaft versuchen etwas Neues zu kreieren. Das wird nicht funktionieren. Es sollte ja auch immer noch Spaß machen. Es gibt doch nicht Schöneres wie mit den Jungs im Proberaum Krach zu machen. Wenn wir DREI Musik machen oder aufnehmen, dann müssen sich auch alle wohl dabei und damit fühlen. Und keiner sollte uns sagen, wir sollen dies oder das machen. Ich persönlich denke, dass dies heute auch ein großes Problem ist und viele den jungen Bands sagen, wie und was sie machen sollen. Sie sind dann einfach nicht mehr sie selbst. Die kriegen dann einfach einen Stempel verpasst. Das wird aber nicht funktionieren.

Noch mal zurück zum Internet. Hat dies denn tatsächlich so viel verändert? Oder ist es nicht noch immer so, dass die Musik einfach gut sein sollte, die den Leuten dann auch noch gefällt?

Andy: Natürlich! Ich denke allerdings, wenn du für ein Major Label arbeitest, wie Lady Gaga, Green Day oder auch die Foo Fighters, dann lebest du einfach in einer anderen Welt. Die gute Sache am Internet ist allerdings, dass man sich alles schnell besorgen kann. Wir sitzen jetzt hier und unterhalten uns über eine Band, sagen wir Lemon, und dann kannst du deinen Laptop öffnen und dich darüber informieren. Morgen gehe ich in München in einen Plattenladen und frage dann einfach nach einer Platte dieser Band. Vor zehn Jahren wäre das alles so noch nicht möglich gewesen. Jetzt kann ich mich innerhalb von 24 Stunden im Internet komplett über die Band informieren, habe mir das Album schon im Laden besorgt und kann es mir dann mit den Jungs im Bus anhören. Das ist doch toll. Was mich ankotzt ist diese Klickmentalität. Weißt du was ich meine? Da sitzen die Leute dann vor dem Rechner, hören sich für ein paar Sekunden eine Band an und klicken dann zur nächsten Band weiter. Keiner nimmt sich mehr wirklich Zeit. Als ich aufgewachsen bin, habe ich mir eine Platte gekauft, bin damit nach Hause gerannt, dann habe ich die Kopfhörer aufgesetzt und war in einer anderen Welt. Joy Division, James Brown, Cheap Trick, Ramones, Black Flag und solche Sachen. Das war brillant. Ich bin aber trotzdem optimistisch was die Zukunft betrifft. Jetzt macht die Internetgeneration Musik und die machen das auch gut. Gerade auf dem elektronischen Sektor. Das hat sich sowieso alles verlagert. Heute kauft keiner mehr Therapy? Platten. Aber für die junge Generation gibt es heute doch tolle Möglichkeiten.

Wenn man auf Tour ist, dann ist das ja nicht gerade der gesündeste Lebensstil. Ihr habt es ja irgendwie geschafft, die letzten zwanzig Jahre die Kurve zu kriegen. Habt ihr für die jungen Bands Tipps, wie man das überleben kann?

Andy (lacht): Ich brauchte zwanzig Jahre um zu lernen, dass ich nicht jede Nacht eine große Party feiern kann und ein bisschen auf mich achten sollte. Ich denke, der wichtigste Teil des Tages ist bis zum Soundcheck. Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber bis zum Soundcheck und zum Gig ist eine lange Zeit und die muss man überbrücken. Man kann sich dann die Stadt angucken und vielleicht ein bisschen spazieren gehen. Diese Erfahrung macht man in zwanzig Jahren und man sollte dann nicht aus Langeweile trinken oder sonstigen Quatsch machen. Wären wir noch eine junge Band, dann wäre ich letzte Nacht in Berlin garantiert abgestürzt und hätte den Weg nicht mehr ins Bett gefunden. Es ist aber ein Lernprozess und wenn man diesen Beruf liebt, dann kann man eben nicht zwanzig Jahre lang jede Nacht Party machen.

Neil: Wenn man auf Tour ist, dann findet man auch ziemlich schnell heraus, was für einen gut ist und was nicht. Es gibt so viele Musiker, die können das Tourleben garnicht genießen. Ich meine, man lebt ja auch während dieser Zeit auf ganz engem Raum zusammen und muss die Eigenarten von jedem akzeptieren. Auch das ist ein Lernprozess. Du musst jeden sein eigenes Ding machen lassen. Sonst funktioniert das Zusammenleben nicht.

Andy: Ich kann nur sagen genießt das Tourleben. Egal unter welchen Umständen. Wir kennen auch Bands, die sind sehr groß in England, die kommen aber nicht nach Deutschland, weil ihnen da zu wenige Zuschauer kommen. Ist doch Mist. Wir spielen überall. In kleinen Clubs, großen Hallen und auf Festivals. Als wir das erste Mal nach Deutschland kamen spielten wir als Vorband für die Band von Farin Urlaub, den Typ von Die Ärzte. Weißt du wen ich meine? Den von King Kong? Die Ärzte?

Farin Urlaub ist schon richtig.

Andy: Ja, Farin Urlaub, genau. Die Zuschauer mochten uns nicht. Fuck, was ist das? Aber sollten wir deshalb nicht mehr nach Deutschland kommen? Es gibt viele Bands, die dann sagen, dass sie nie wieder nach Deutschland kommen. Manche hängen auch gerne nur mit Stars und Berühmtheiten rum. Das ist auch nicht unsere Welt. Uns geht es um Rock and Roll und die Musik. Das ist alles.

Neil: Unsere Arbeit ist die eines Musikers. Und wir wollen für die Leute natürlich auch eine gute Arbeit abliefern und wenn man dann in Moskau oder Kiew spielt und man stellt fest, dass die Fans mehr als beim letzten Mal geworden sind, dann ist das ein gutes Gefühl und für diese Fans wollen wir einfach eine tolle Show abliefern. Darum geht es doch.

In diesem Zusammenhang: ist die enge Bindung zwischen Therapy? und seinen Fans ein wichtiger Bestandteil der Band? Seid ihr noch nervös vor den Konzerten?

Andy: Definitiv! Manchmal bin ich vor einer Show sehr nervös. Wie jeder Mensch habe ich auch gute und schlechte Tage. Und an den schlechten bin ich dann sehr nervös. Wenn ich dann auf die Bühne gehe, dann spielt aber nur noch die Musik eine Rolle. Vorher kann es aber auch sein, dass ich mit meinen Gedanken bei Problemen zu Hause bin – eben so Sachen, die jeder andere auch von seiner Arbeit kennt. Die Fans sind aber schon sehr wichtig und da ist es für uns völlig egal, ob wir in einem kleinen Club spielen oder auf einem großen Festival. Wichtig ist immer, dass man alles gibt. Es gibt natürlich gute und schlechte Tage. Aber der nächste Gig ist natürlich der Wichtigste! Ehrlich, das ist für uns was zählt.

Gibt es denn noch einen Ort, wo ihr gerne mal spielen würdet?

Andy: Ich würde gerne mal in Indien und China spielen. Ich war da noch nie. Ich war schon in Japan oder Australien, aber dort noch nie. Die meisten Leute sagen ja, Rock and Roll würde da nicht funktionieren und das wäre kein Markt für Rockmusik, aber hey. Metallica haben in Indien gespielt! Es geht also. Therapy? hat da natürlich keine Fanbasis, aber ich würde das gerne mal machen.

So exotische Orte können aber tatsächlich nach hinten losgehen. Auf der letzten Tour habe ich U2 in Istanbul gesehen und die Leute haben zu Tausenden fluchtartig das Stadion verlassen.

Andy (überrascht). Ach komm, nicht wirklich jetzt, oder?

Doch! Die konnten damit überhaupt nichts anfangen. Hättest mal das Gesicht von Bono sehen sollen.

Andy (grinst): Wirklich? Die konnten damit nichts anfangen?

Neil (schallendes Gelächter)

Andy: Ja, die haben ganz andere Elemente in ihrer Musik, eine ganz andere Sprache. Wir haben ja eine große, asiatische Bevölkerung und ich finde die Musik sehr interessant. Die haben eine ganz andere Struktur und Klänge in der Musik. Findet man aber auch im Dubstep. Ich höre mir das gerne an.

Letzt Frage: Habt ihr schon Zukunftspläne?

Andy: Nun wir haben einige Dinge schon diskutiert.

Denkt ihr denn in längeren Abschnitten?

Andy: Ja, das ist tatsächlich so. Wir haben schon diskutiert, welches Album wir als nächstes aufnehmen wollen. Die Trilogie in diesem Stil soll beendet werden und dann habe ich schon eine Idee für ein weiteres Album. Und dann sind wir natürlich noch bis zum Ende des Jahres auf Tour.

Danke Jungs für das ausführliche Gespräch!

Nein, wir haben zu danken, sehr gerne!

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich bei Hanno Klänhardt und Oktober Promotion und natürlich bei Therapy? für die freundliche Unterstützung!)

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