The Gaslight Anthem – Interview am 26.10.2010

The Gaslight Anthem sind anlässlich ihrer aktuellen Tour in der Stadt und werden heute noch das Kölner E-Werk in den Grundfesten erschüttern. Dies ist doch eine gute Gelegenheit für ein Gespräch und somit finden wir uns nach einigen Irrungen und Wirrungen und einem sehr lauten Soundcheck, dem wir beiwohnen durften, in den Niederrungen des Clubs mit Drummer Benny Horowitz im gemütlichen und kleinen Backstageraum wieder. Draußen rennt der Rest der Band und der Vorgruppen laut und wild durcheinander, aber hier drinnen ist ein Ort der Ruhe. Selbige strahlt der sympathische Mann hinter der Schießbude ebenfalls aus.

Hallo Benny! Vielen Dank für Deine Zeit. Benny, wann habt ihr begonnen, die Songs für „American Slang“ zu schreiben?

Ähm, wir begannen…nein, anders. Wir hatten einige Tourneen, bevor wir nach Hause kamen. Beim Soundcheck spielten wir dann – wie heute auch – mit einigen Ideen herum und da entwickelten sich dann auch schon bestimmte Dinge. Auch die Originaltexte von „American Slang“ und „The Queen Of Lower Chelsea” sind auf der Tour entstanden. Das waren aber komplett andere Texte. Wir beendeten die Songs dann, als wir nach Hause kamen. Wir brauchten nach der Tour allerdings erst mal zwei Wochen, um wieder runterzukommen und in der Zeit hatten wir dann auch andere Dinge zu tun und haben uns zunächst nicht getroffen. Ja und dann schrieben wir das Album.

Gibt dieses Album denn eure Erfahrungen, die ihr auf Tour gesammelt habt und auch euren schnellen Aufstieg im Musikgeschäft, wieder?

Ähm, ich denke schon. Da sind schon eine Menge Sachen drin, die das einfach wiedergeben. Die Texte von Brian reflektieren das schon ganz gut, ja. Brian ist sehr gut darin verschiedene Dinge zu sehen, die aufzunehmen und er hat ein feines Gespür dafür, wie sich die Leute fühlen. Es ist eine interessante Zeit in den Staaten. Da ist eine ganze Menge los und gerade wo wir herkommen – New Jersey. Wir sind ja auch schon etwas älter, alle Ende zwanzig, ich werde in sechs Tagen 30 und ja, da sieht man viele Sachen auch mit anderen Augen. Aber, um zurück auf Deine Frage zu kommen, ja, das Album reflektiert schon sehr gut, was alles um uns herum passierte, als wir es schrieben und aufnahmen.

Welche Musik hat euch denn zu diesem Album inspiriert? Was sind eure musikalischen Basics?

Oh, das ist eine ganze Menge Zeug und dann auch noch so unterschiedlich. Ich denke, für „American Slang“ war es britische Musik, die uns inspiriert hat. Wir haben sehr viel Eric Clapton gehört, auch Derek & The Dominos, natürlich die Stones und ich selber bin von Motown besessen und ich wollte unbedingt ein bisschen von dem Sound auf der Platte haben. Weißt du, diese Beats und Rhythmen?! Verschiedene Sachen bringen einen Song ja voran und machen den aggressiv und da ist Punkrock natürlich auch immer ein Einfluss.

Sind die Texte denn Fiktion? Oder aus dem realen Leben?

Ich weiß es nicht. Ich finde es immer lustig und schön, wie die Leute und Fans die Texte interpretieren. Ich denke, dass es letztlich eine Mischung aus beiden Welten ist. Trotzdem sollten sich die Leute ihre eigenen Gedanken machen und jeder für sich interpretieren. Ich denke, Brian ist ein wirklich guter Geschichtenerzähler. Viele Leute fühlen sich seinen Geschichten verbunden und sagen dann oftmals, dass sie das auch so fühlen. Das geht selbst mir so.

Wie wichtig ist denn euer Land und ganz besonders eure Stadt für euch und den Songwriting-Prozess?

Es ist sehr wichtig für uns. Wir wollen ja auch eine wahre Geschichte erzählen und kein Science Fiction. Wir sind nun mal alle aus Amerika und aus New Jersey/New York. Wenn man ernsthaft Musik machen will und das aus dem Herzen kommt, dann ist der Ort, wo man herkommt und aufgewachsen ist, besonders wichtig. Alles andere würde ja nicht funktionieren, weil man das nicht kennen kann. Es hat auch etwas mit Politik und Stolz zu tun.

Gab es im Studio einen speziellen Moment, wo ihr wusstet, dass „American Slang“ eine besondere Platte sein wird und vielleicht sogar der ganz große Wurf?

(lacht) Nein, nein, nein. Wenn ich im Studio bin, dann bin ich derart kritisch, dass ich das Album gar nicht unvoreingenommen hören kann. Man ist da so in dem Prozess drin, dass man da für alles andere blind ist. Wenn das Album beendet ist, dann höre ich auch auf mir das anzuhören. Das dauert dann schon einen ganzen Monat um Abstand zu bekommen und noch mal in das Album rein zuhören. Erst dann kann ich mich ruhig hinsetzen und das Album in seiner Gesamtheit hören. Wenn man im Studio ist, geht man ja auch immer Stück für Stück vor, man hat ja nie das ganze Teil vor Augen. Das sind ja immer nur Bruchstücke daraus, mit denen man sich gerade intensiv und kritisch beschäftigt.

Was war denn die beste Reaktion und Kritik, die Du über „American Slang“ gehört hast?

Ich denke es waren die Fans. Als wir anfingen die Songs live zu spielen und ich sah dann die Reaktionen von den Fans, waren das sehr schöne Momente. Es ist zwar toll, wenn die Kritiker von Musikzeitungen das Album auch mögen, aber für mich ist das nicht so wichtig. Wichtig sind mir die Fans und es gibt doch nichts Schöneres, wenn die auch noch das lieben, was man da tut. Ich sah, dass die Leute die Songs von „American Slang“ auf den Konzerte sehr genossen haben und das war einfach unglaublich toll für mich.

Welche Idee steckte eigentlich hinter eurem Videotagebuch?

Ähm, da ging es eigentlich um die Basisdinge. Wir wollten den Fans das näher bringen und denen diesen Prozess auch mal zugänglich machen. Für uns selber ist das alles auch toll. Ich denke, wenn ich mir das in zwanzig Jahren angucke, wird das ziemlich cool sein, wenn ich mir da den ganzen Prozess noch mal angucken kann. Ich muss da immer an das „Nothing Else Matters“-Video von Metallica denken. Als ich das erste Mal ein Studio betrat – da war ich vierzehn Jahre – um mit meiner damaligen Band ein Demo aufzunehmen, dachte ich immer, dass alle Studios wie dieses im „Nothing Else Matters“-Video aussehen. Das war irgendwie schon immer in meinem Kopf drin. Und dieses Video ist ein ganzes Stück besser als „Some Kind Of Monsters“, obwohl das lustig ist.

Ihr macht ja immer lange Tourneen und seit eine ganze Zeit lang von zu Hause weg. Einige Bands finden ja, dass das mit sehr viel Stress verbunden ist und auch sehr langweilig sein kann. Wie denkst du darüber?

Oh, so sehe ich das nicht. Natürlich kann das stressig sein. Das hängt aber auch von der eigenen physischen Konstitution ab. Reisen kann immer stressig sein, auch für den Körper. Man ist ja viele, viele Wochen auf Tour und das merkt man dem Körper schon an. Du fühlst dich da teilweise wie tot und dann sollst du raus und Musik machen. Ja, es kann hart sein, klar. Aber es ist immer noch besser als zu Hause zu sitzen und nichts zu tun und so ganz nebenbei ist das ja eine Sache, die man liebt. Was kann es Schöneres geben als mit seinen Freunden live zu spielen? Das ist wie eine Sucht. Immer, wenn ich einen Musiker treffe, der wieder rumjammert, weil das Touren doch so anstrengend ist, dann sage ich „Fuck You“ da draußen stehen Hundert Leute, die deinen Platz gerne einnehmen würden. Es gibt in unserem Job eben auch Dinge, die vielleicht nicht ganz so viel Spaß machen, aber hey, halte einfach den Mund, denn das gibt es in jedem anderen Beruf auch und wir haben zufällig den tollsten Job der Welt.

Gibt oder gab es auf dieser Tour einen ganz speziellen Moment für Dich?

Wir spielen zum ersten Mal im Hammersmith in London und das ist für mich ein ganz besonderer Ort. Hier wurden schon viele tolle Livealben aufgenommen, wie von The Clash, Springsteen, Motörhead. Alle diese Leute haben in diesem berühmten Ort schon tolle Livealben aufgenommen.

Für Dich als Drummer sind die Konzerte ja auch körperlich sehr anstrengend. Was machst Du denn, um Dich gesund zu halten.

Schlafen! Schlafen ist sehr, sehr wichtig. Wenn ich da an meine Anfangszeiten der Touren mit Anfang 20 denke, dann hat sich schon einiges verändert. Jetzt verlässt man die ganzen Partys eben früher. Als ich jünger war, wollte ich nichts verpassen, aber jetzt ist das anders und ich weiß, dass ich sonst am nächsten Tag die Quittung dafür kriege. Ich weiß ja auch, wenn ich mich früh hinlege, dass ich ja nichts verpasse, denn am nächsten Tag werden all´ diese Geschichten ja wieder passieren. Ganz ehrlich, für mich ist die Show der wichtigste Punkt. Erst die Show und alles andere kommt dann an zweiter oder dritter Stelle. Ich habe über die Jahre auch eine Menge über das Aufwärmen gelernt. Es hilft mir wirklich sehr. Etwa eine Stunde vor der Show fange ich damit an. Das ist zudem eine schöne Routine. Ich brauche das und liebe meine Routine, sonst fühle ich mich auch zu gestresst, wenn ich nicht meinen täglichen Ablauf habe und das wäre schlecht für mein Spiel. Ich mag es nicht, wenn es jeden Tag anders abläuft.

Warum ist für Dich der Job als Drummer der beste Teil der Band?

(lacht) Ich finde alles andere scheiße. Ich mag es der Motor zu sein, der Band die Energie zu geben. Ich mag es auch im Hintergrund zu sein. Der Musikfan beachtet den Drummer ja nicht allzu sehr, aber Leute, die selber Musik machen oder eine Menge davon verstehen, die wissen, dass gerade bei Livekonzerten der Drummer alles zusammenhält, der Taktgeber eben. Ich bin gerne dieser Junge. Einige Drummer mögen es nicht, dass sie beispielsweise nicht so viel Aufmerksamkeit kriegen, ich mag das sehr gerne. Ich möchte einfach nicht das Gesicht der Band sein. Das ist auch der Grund, warum ich die Autos fahren möchte, ich möchte die Kontrolle behalten.

Wann hast Du eigentlich mit dem Schlagzeugspielen angefangen? Und wie lange hast Du geübt?

Das ist lustig. Ich bekam mein erstes Set, da war ich elf Jahre alt. Ich konnte aber nicht die ganze Zeit üben. Als ich bei meiner ersten Band einstieg, wechselte auch mein Drumset den Ort und zog in gewisser Hinsicht in das Haus des Gitarristen ein. Ich war da übrigens 13. Ich hatte dann Jahre kein Drumset im Haus. Ich bin in Apartments aufgewachsen und die einzige Chance für mich zu spielen war, wenn ich mich mit der Band traf. Zu Hause ging das einfach nicht. Ich schlug dann auf die Couch, Teller und alles was sich mir bot ein. Ich wohne wieder in einem Apartment und wenn ich heutzutage üben möchte, dann muss ich die Bahn nehmen und nach New York in ein Studio fahren, was 20 $ die Stunde kostet. Ich mache das natürlich, aber einfach ist das nicht.

Uff, das ist aber verdammt hart.

Ja, aber ich kenne es ja auch gar nicht anders, vermutlich käme ich völlig aus dem Rhythmus, wenn es anders laufen würde.

Was ist eigentlich für Dich der wichtigste Song von The Gaslight Anthem und warum?

Ich würde „Drive“ sagen. Es ist der erste Song, den wir wirklich zusammengeschrieben haben. Wir wussten nicht, ob der gut ist, wir wussten nicht, um was es da überhaupt geht, aber was wir wussten war, dass wir etwas gemeinsam geschafft haben. Wenn ich eines Tages zurück gucke, dann werde ich immer an diesen Moment denken und das macht mich stolz auf The Gaslight Anthem.

Was denkst Du eigentlich über das Internet? Ist das für euch als Musiker eher schlecht oder doch gut?

Beides, das ist ja das Verrückte. Man kann heute alles machen. Manche Leute denken ja auch, es nimmt der Musik den Zauber und ein 13-jähriges Kind könnte heute auch all das mit dem Computer machen, was andere seit 20 Jahren machen. Sie setzen das dann auf Myspace und dann noch ein nettes Foto dazu und fertig. Das Internet gibt der Welt einfach viel Scheißmusik, aber auf der anderen Seite kann man da auch so viel tolle Sachen entdecken wie nie zuvor. Die Idee des Punkrock kommt da doch auch wieder voll und ganz durch. Man kann heute alles alleine machen, seinen ganz eigenen Stil aufnehmen und alles selbst entwerfen und kann das ins Internet stellen und einer Menge Leuten zugänglich machen.

In dem Zusammenhang kann man auch sagen, das der Style und das Image ja mittlerweile mehr zählen, wie die eigentliche Musik. Was denkst Du darüber?

Das kann es. Definitiv! Das ist die Entscheidung der Leute, die Musik machen. Für manche Leute kommt das eben an erster Stelle. Uns ist zunächst mal die Musik viel, viel wichtiger. Und das kommt dann an dritter, vierter, fünfter Stelle. Es gehört aber dazu. Wenn ich mir all´ meine Lieblingsbands angucke, dann hatten die alle einen Style und ein Image. Die Leute sagen, dass Led Zeppelin die beste Rockband waren – und das stimmt natürlich – aber guck dir an, wie die rum gelaufen sind. Alle großen Bands waren so. Guck die Rolling Stones an, die Beatles natürlich. Das hatte immer viel mit Image zu tun. Das gehört heute natürlich auch immer noch dazu und wer was anderes sagt, der lügt einfach. Es muss ja nicht der wichtigste Faktor für eine Band sein. Für uns ist er es definitiv nicht.

Schreibt ihr eigentlich im Moment schon neue Songs?

(breites Grinsen) Wir denken gerade darüber nach. Wir sind gerade viel unterwegs, aber ja, wir denken schon an das neue Album und die Richtung nach. Aber ich denke, wenn du in einem kreativen Beruf bist, egal ob als Schriftsteller, Maler, Musiker oder was auch immer, hört man nie auf, über seine Kunst nachzudenken und permanent an etwas zu arbeiten. Immer! Das ist doch gerade das tolle an dem Beruf. Du kannst da sowieso 100 Jahre alt werden, man lernt nie aus. Das ist ein ständiger Lernprozess und wenn man an neuen Sachen arbeitet, bringt einen das natürlich auch weiter.

Habt ihr eigentlich Pläne für eine DVD-Veröffentlichung?

Konkrete Pläne gibt es nicht, aber auch darüber denken wir nach. Gerade ich mag es, mir auf einer DVD Livekonzerte anzugucken.

Welche?

Es läuft da immer auf eine Menge Led Zeppelin Zeug hinaus. Bonham bei „Moby Dick“ ist einfach aus einer anderen Welt. Was er da mit seinen Händen macht ist einfach nur wooaaah. So Zeug halt. Ich sah gerade auch die neue Tom Petty DVD. Das sind zwar vier Stunden, aber das wird nicht langweilig und das ist ziemlich cool. The Refused sind eine meiner Lieblingsbands und ich liebe auch deren DVD. Ich bin glücklich, dass ich die zwei Mal live sehen konnte. Ich war da so fünfzehn Jahre alt. Ich sah die auch als Vorband von Snapcase.

Wo siehst Du denn The Gaslight Anthem in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass wir immer noch eine Band sind und gute Musik schreiben und aufnehmen. Sollte wir keine guten Songs mehr schreiben, dann hoffe ich, dass wir cool genug sind die Band aufzulösen. Gute Musik ist wichtig. Wenn das nicht mehr sein sollte, dann müssen wir die Band eben begraben. Wie die Musikindustrie dann aussieht, weiß ich nicht. Ich bin mir sicher, dass es komplett anders aussehen wird, wie jetzt, aber ich habe keine Ahnung wie. Wie du eben schon sagtest, hat das Internet einiges verändert und das wird noch weiter gehen. Wir sehen ja schon seit Jahren das Sterben der Labels und die müssen neue Wege finden um noch Geld zu machen – allerdings sind die auch nicht besonders erfolgreich.

Hat euch der Erfolg der letzten Monate eigentlich verändert?

Ja, das hat er. Man sagt zwar immer, das wäre nicht so, aber das stimmt nicht. Ich denke, es ist falsch, dass sich Dinge nicht ändern. Wenn ich drei Jahre zurück denke, dann haben wir hier in Deutschland noch vor 50 Leuten gespielt. Hier in Köln in einem Laden der sich Underground nennt. Keiner arbeitete für uns, wir haben alles selber gemacht. Nun haben wir eine Menge Leute, die für uns arbeiten und die Leute richten ihr Leben nach uns aus. Man hat da ja auch eine Verantwortung. Und wir haben ja auch ein bisschen Geld gemacht. Du musst da einfach eine Balance finden um das Leben für einen selber komfortabel einzurichten. Wichtig ist nur, dass man keine Marionette der Industrie wird. Wir haben da bisher immer noch die Balance gefunden. Das ist aber schwierig. Wir sind aber auch älter geworden, teilweise verheiratet und dann denkt man auch über Kinder nach. Wir denken an die Zukunft, an Häuser, Familie und The Gaslight Anthem versetzt uns in die Situation all´ dies zu tun, aber man muss eben die Balance finden.

Unsere Zeit ist leider um, ich danke Dir sehr für unser Gespräch und Deine Zeit.

Moment, ich habe zu danken für das Interesse an The Gaslight Anthem und für das Interview. Cool, dass ihr über uns berichtet.

 

http://gaslightanthem.com/

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich für die freundliche Unterstützung bei Janna und Sven von Verstärker Promotion und natürlich bei The Gaslight Anthem und speziell bei Benny!)

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