Frank Turner - Interview am 03.09.2015

Frank Turner startet heute in Köln seine Clubtour durch Deutschland. Eigentlich könnte der Mann größere Hallen füllen, warum er trotzdem in die kleinen Clubs wollte, verrät er uns im Interview. Abgesehen davon unterstreicht er mal wieder, dass er einer der sympathischsten Zeitgenossen ist, die im Musikzirkus rumlaufen. Dave Grohl zieh dich warm an, du bist nicht mehr alleine!

 

Hallo Frank, zunächst mal vielen Dank, dass du uns das Interview ermöglichst! Wie geht’s?

Oh, sehr, sehr gut! Es ist toll wieder in Deutschland zu sein. Ich bin eben hier aufgewacht. Das ist verrückt, weil ich in England eingeschlafen bin. Wir sind mit dem Bus angereist. Aber alles ist gut. Heute ist der erste Tag der Welttour und ja, jetzt kann es richtig losgehen. Ich fühle mich richtig gut.

Der erste Tag der Welttour? Du bist doch ständig auf Tour und hast doch auch in UK dieses Jahr die Clubs bespielt.

(lacht). Ja, das stimmt. Aber für mich fühlt es sich so an, als wäre heute der erste Tag der Welttour, weil wir auch jetzt richtig unser Zuhause verlassen haben.

Wie gefiel dir die Club-Tour denn bis hierhin?

Richtig großartig. Die Shows in UK waren toll und heute hier in Köln schlagen wir ein neues Kapitel auf. Wir haben hier zwar schon größere Hallen bespielt – und werden das auch sicher wieder tun. Die kleinen Clubs zu bespielen macht eine Menge Spaß. Meine einzigen Bedenken sind, dass nicht alle Leute Tickets kriegen werden. Ich bin mir dieser Tatsache durchaus bewusst. Das hält mich jetzt nicht davon ab heute doch aufzutreten (lacht), aber wir werden wiederkommen und dann auch wieder in größeren Hallen spielen und dann kriegt auch jeder seine Tickets.

Du hast es ja gerade auch schon erwähnt: du kannst hier locker die größeren Hallen füllen. Die Fans sind sehr erfreut über die kleinen Clubs. Was war für dich der Hauptgrund diese Tour in kleinem Rahmen zu machen?

Für uns ist das purer Spaß. Wenn ich uns sage, dann meine ich meine Band und mich. Wir sind jetzt schon so lange auf Tour und wir haben von Festivals bis zu größeren Hallen eine ganze Menge bespielt. Mit dem letzten Album sind wir achtzehn Monate getourt. Jetzt wollten wir die neuen Songs zunächst mal in den kleinen Clubs vorstellen, weil ich denke, dass die da perfekt hinpassen. Und in Deutschland ist auch der perfekte Ort dafür, weil wir hier tolle Fans haben. Ich weiß, das sagen wahrscheinlich alle Bands, aber ich meine das ganz ehrlich. Deutschland war immer gut zu mir und es macht mir einfach Spaß in diesen kleinen Locations den direkten Kontakt mit dem Publikum herzustellen. Augenkontakt, du verstehst?

Gab es auf der laufenden Tour einen ganz besonderen Moment und was macht diesen so speziell für dich?

Ähm. Also. Verdammt, das ist eine wirklich gute Frage. Obwohl, wenn ich ehrlich bin, dann ist das keine dieser Clubshows. Es ist sogar eine Dreitagesveranstaltung. Ich meine das Reading-Festival in UK. Es ist aus ganz verschiedenen Gründen so speziell für mich. Es war quasi mein 20. Geburtstag mit Reading-Festival. Ich spielte da nicht, war aber eben immer als Zuschauer dabei. Jetzt war ich auf der Festival-Stage der Headliner und spielte eine Solo-Show. Die Leute, die mich gebucht haben, waren so unglaublich nett zu mir. Das war toll und in dieser Form sehr speziell, denn so erlebt man das nicht immer. Für mich hat sich das angefühlt, als wäre ich nach Hause gekommen. Das Publikum war einfach fantastisch. Ich dachte immer, dass eine Soloshow auf einem Festival – und dann auch noch als Headliner – nicht funktionieren könnte. Es funktionierte. Und wie es funktionierte. Es war für mich einfach unglaublich, das werde ich sicher nie vergessen.

Wo du gerade das fantastische Publikum beim Reading-Festival angesprochen hast: wenn du das UK- und US-Publikum und den Rest von Europa vergleichst, wie unterscheidet sich aus deiner Sicht das Publikum?

Da gibt es schon ein paar Unterschiede, aber das sind eher Kleinigkeiten. Ich denke aber, dass ganz aktuell die Gemeinsamkeiten größer als die Unterschiede sind. Das will natürlich keiner so sehen und jeder – egal ob US, UK oder Deutschland – hält sich für das beste Publikum. (lacht) Sind wir mal ehrlich, das ist doch so. Ich habe aber auch schon in Russland oder China gespielt und erst da merkt man, wie groß die Unterschiede sind. Ich erinnere mich sogar an meine allererste Show in Deutschland, die war nämlich hier.

Hier im Underground oder gegenüber in der Live Music Hall?

Nee, tatsächlich hier im Underground. Ich habe da für The Gaslight Anthem eröffnet. Und du wirst es nicht glauben, ich saß damals vor dem Konzert genau auf diesem Platz hier. Ich war ein bisschen traurig, weil ich dachte, dass mich sowieso keiner verstehen wird. Für meine Songs sind die Texte ja auch sehr wichtig und eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass sich da überhaupt jemand mit befasst oder sie versteht. Und nach zwei Songs fühlte ich mich dann wie ein Idiot. Das Kölner-Publikum war einfach fantastisch. Und auch das hat mir gezeigt, dass es da einfach mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Ich war wirklich sehr froh, dass ich mich so geirrt hatte. Und auch das ist ein Grund, warum ich die Shows in Deutschland so mag. Das war damals bei euch hier einfach ein toller Start für mich.

Und seitdem bist du ja fast ununterbrochen auf Tour. Ich höre von Bands immer wieder, die das Leben auf Tour stressig und langweilig finden. Wie sieht das aus deiner Sicht aus?

Klar, natürlich kann das stressig sein und manchmal ist es auch langweilig. Aber mal ganz ehrlich, ist das Zuhause denn anders? Ich denke, und das ist ja eigentlich schon wieder lustig, mein normales Leben ist einfach das Tourleben. Ich habe ja kein anderes Leben, weil ich so viel spiele. Und wenn ich nicht toure, dann ist das für mich wie Ferien. Jetzt, wo ich zurück on the Road bin, fühlt es sich für mich wie das normale Leben an. Natürlich gibt es auch bei mir schlechte Tag und da habe ich keine Lust in einen „fucking“ Flieger zu steigen. Oder ich bin woanders und habe einen schlechten Tag und will am liebsten nach Hause fliegen. Aber schlechte Tage hat doch jeder mal. Bei mir sind es aber wirklich ganz wenige.

Und du hast ja schon wirklich viele Shows gespielt. Wenn ich es richtig nachgelesen habe, dann müssten das jetzt über 1.700 Konzerte sein.

Lass es mich bitte auf deutscher Sprache versuchen. (spricht in fast perfektem Deutsch) Heute ist Show 1.721.

Das ist wirklich eine stattliche Anzahl. Das stellt dich doch auch physisch vor ein paar Herausforderungen. Wie machst du das und wie hälst du dich fit und gesund?

Das ist eine wirklich gute Frage. Ich habe mir vor zwei Jahren den Rücken auf der Tour verletzt. Das war wirklich richtig scheiße. Seitdem mache ich vor der Show immer ein paar Dehn- und Stretchingübungen. Und dann mache ich auch Fitness auf der Tour. Und selbstverständlich versuche ich keine Scheiße zu essen. Und glaub mir, auf der Tour ist es wirklich sehr einfach Scheiße zu essen. Guck dich mal um. Da hinten ist ein fucking Burger King und ein paar Ecken weiter erinnere ich mich an einen fucking McDonalds. Das ist wirklich die größte Herausforderung auf Tour. Es kocht ja auch keiner und ich habe auch nirgends die Gelegenheit zu kochen. Man muss sich da wirklich nach frischem Essen, Salat und Früchten umgucken.

Was sind für dich denn die Höhen und Tiefen als Solokünstler im Gegensatz zu einer Band?

Ich habe ja das Glück, dass ich beides habe. Wenn ich Soloshows mache, dann bin ich darüber sehr glücklich und wenn ich Bandshows mache, dann bin ich auch darüber sehr glücklich. Im Grunde gibt es aber ein Gerüst bei dem was ich mache, nämlich mich und meine Gitarre. Wenn ich Konzerte mit einer Band spiele, dann ist das mehr Show. Dann gibt es beispielsweise eine feste Setliste. Wenn ich eine Soloshow spiele gibt es die nicht.

Du hast keine Setliste wenn du eine Soloshow spielst?

Nein, wirklich nicht. Ich habe da ein paar Dinge im Kopf, aber mehr auch nicht. Meist sind das dann drei oder vier Songs, mehr nicht. Ich reagiere dann oft auf das Publikum. Das ist mit einer Band natürlich anders, da muss man das im Vorfeld schon absprechen und ich schreibe eine Setliste für die Band. Du siehst, es unterscheidet sich schon sehr.

Kommen wir mal zu deiner neuen Platte „Positive Songs For Negative People“. Gibt es da jemandem, dem du deine neuen Songs zuerst vorgespielt hast? Von wem hast du eine erste Meinung und Einschätzung des Materials erhalten?

Als ich dieses Album gemacht habe, habe ich viel über Debütalben nachgedacht. Debüts sind irgendwie immer anders. Ich wollte, dass sich dieses Album wie ein Debüt anfühlt und anhört. Das Material gibt es teilweise schon seit zwei Jahren. Wir haben ja fast jeden Tag Soundcheck und da haben wir davon schon sehr viel ausprobiert. Dann haben wir das Zeug live gespielt. Wirklich viel Zeug von der neuen Platte wurde schon live gespielt, bevor es überhaupt aufgenommen wurde und ins Studio ging. Die Reaktionen kamen dann natürlich vom Publikum. Ich liebe das. Und da kriegt man dann auch immer eine gute Reaktion. Wenn die Leute ganz still bleiben, dann weiß man, dass es scheiße ist.

Gibt es denn auf „Positive Songs For Negative People“ einen Song auf den du besonders stolz bist?

Eine sehr schwierige Frage. Das ist, als müsste ich mich zwischen meinen Kindern entscheiden. (lacht) Hast du Kinder?

Ja, drei Stück.

Siehst du.Und du liebst sie alle. Und so ist es mit diesen Songs. Man sollte da einfach keinen bevorzugen. Wenn ich mich aber für einen Favoriten entscheiden müsste, dann wäre es der Song „Josephine“. Ich tue mich aber schwer damit den zu erklären. Die Suche nach dem perfekten Partner, die sich als schwierig gestaltet. Aber die Leute sollen den Track selber interpretieren, mir bedeutet er sehr viel.

Wie wichtig war denn dein Land und deine Stadt für den Songwriting-Prozess. Du bist ja jetzt mal sesshaft geworden und hast eine Wohnung.

(lacht) Ja, ich bin nicht mehr obdachlos. Ich finde mittlerweile das Konzept eines Zuhauses für mich sehr wichtig. Das bedeutet in meinem Fall London und England. Das ist aber nicht gleichzusetzen damit, dass London jetzt die beste und schönste Stadt der Welt wäre. Wäre ich in Köln geboren oder würde hier leben, dann wäre es Köln. Aber ja, ich sitze manchmal da und denke beim Schreiben über England nach und was England bedeutet. Für mich bedeutet. Ich werde dann manchmal richtig traurig oder wütend, weil dieses ganze Einteilen in Nationen eine verdammt dumme Idee ist. Guck dich doch mal um was gerade in der Welt abgeht...

...in Deutschland...

...nein, nein, nein. Ich weiß was du jetzt sagen willst. Aber das ist ja kein deutsches Problem. Abgesehen davon sitzen wir beide hier und ich gucke dir in die Augen und weiß, dass du keines dieser Arschlöcher bist. Ich stieg heute aus dem Bus und guckte den Menschen die hier arbeiten in die Augen und wusste, dass die nicht zu diesen Arschlöchern gehören. Oder Idioten. In England gibt es doch so viele Idioten. Ist ja auch eine tolle Leistung von denen im richtigen Land geboren zu sein. Fuck you! Das interessiert doch überhaupt keinen. Ihr habt nichts dafür getan! Es ist nicht eure Leistung! Um noch mal die Kurve zu deiner Frage zu kriegen: ein Zuhause ist ein interessantes Konzept und das kann überall sein. Entschuldige, dass ich mich gerade so aufgeregt habe, ich wollte heute nicht politisch werden, lass uns noch mal über Musik sprechen.

Gerne. Gab es denn einen speziellen Moment im Studio, wo du wusstest, dass „Positive Songs For Negative People“ auf dem richtigen Weg ist.

(begeistert) Ja! Tag 1!

Tag 1?

Ja wirklich, direkt am ersten Tag. Wir haben die Platte ja in neun Tagen aufgenommen. Vorab versuchte ich den richtigen Produzenten zu finden. Wir wollten es schnell haben und keine so langwierige Sache daraus machen. Wir wollten uns da nicht endlos verzetteln und manche Produzenten arbeiten nun mal so, dass sie alles immer und immer wieder aufnehmen wollen und dann das Beste zusammenschneiden oder solche Sachen. Ich landete schließlich bei Butch Walker. Ich weiß nicht ob du ihn kennst. Er selbst ist auch ein Singer/Songwriter. Ich besprach dann mit Butch wie ich es gerne hätte und dann machten wir uns an die Arbeit. Mein Gesang und Teile der Gitarre wurden teilweise extra aufgenommen, der Rest ist live im Studio eingespielt. Butch hat das ganze Equipment perfekt ausgerichtet und dann arbeitet er so: "spielt mal einen Song, dass ich mal höre um was es geht." Wir spielten dann und dachten, das es noch viel besser geht und Butch sagte dann, ok Jungs, das ist die perfekte Aufnahme. Wir schrien dann alle „was?“. Und Butch meinte dann nur, dass alles Weitere den Song nur zerstören würde. Wir fragten dann, ob wir den denn mal hören könnten. Er meinte dann nur, dass wir schon den Nächsten spielen sollten. So haben wir gearbeitet und das war ein verdammt gutes Gefühl.

Was war denn bisher die beste Reaktion, die du für deine neue Platte erhalten hast?

Ahm. Das ist eine schwierige Frage. Ich hole mal etwas aus. Also ich weiß es nicht wirklich. Es ist ja lustig, weil das schon mein sechstes Album ist. Viele Leute wissen ja jetzt wer ich bin. Viele Leute wissen was ich tue. Ich habe schon viele Dinge in meinem Leben über mich gelesen. Ich will die Leute auch nicht ignorieren, wenn sie was zu meiner Musik schreiben. Ich lese aber auch nicht jedes fucking Review. Ich freue mich immer, wenn die Leute die Platte hören so wie sie ist. Es gibt ja auch immer wieder Leute, die direkt abwinken „früher war alles besser“ und der Platte keine Chance geben. Ich versuche bei jeder Platte die Dinge etwas anders anzugehen und ich weiß dann auch, dass einige dann den Weg nicht mitgehen wollen. Ich möchte mich aber auch nicht wiederholen und vielleicht steigen dann ein paar neue Leute ein. Ich mag es einfach, wenn die Leute die Platte und die Songs als Gesamtes hören. Für mich ist es einfach nur wichtig, dass die Leute die Musik hören.

Ist es für dich als Künstler eigentlich schwierig noch neue Sachen zu kreieren, wo doch alles eigentlich schon mal da war?

Ja, das stimmt. Das denke ich auch. Und ich kann mich auch nicht dagegen wehren, dass in meiner Musik auch meine Einflüsse zu hören sind, diese Mischung aus Country und Punkrock. Lass mich das noch ein bisschen erklären. Ich denke, der Sound wird oftmals völlig überbewertet. Es kommt auf den Spirit, die Stimme, den Charakter an. Das ist es was es braucht. Ich hoffe einfach, dass ich musikalisch den Leuten was Originelles bieten kann. Das muss aber ja nicht gleichbedeutend mit einem modernen Sound oder einer tollen Produktion sein. Ich mach da einfach mein Ding. Und natürlich hat man das alles schon mal gehört. Ich meine, wie viele Akkorde gibt es denn? Die Popkultur gibt es jetzt seit sechzig Jahren und da wurde alles schon mal gemacht. Es gibt da eben nur ein paar Schlüssel. Natürlich ist das hart da noch neue Wege zu gehen. Ich bin aber auch so ein Lyrik-Typ und das ist mein Weg um zu einem Song zu finden.

Bob Dylan-Style.

Genau! Das ist es. Bob Dylan. Damals hat das doch alles angefangen.

Wie denkst du denn über das Internet? Ist es für dich als Musiker eher gut oder schlecht?

Ich denke, es ist verlorene Zeit gegen oder für das Internet zu sein. Es existiert ja und da braucht man sich darüber eigentlich keine Gedanken mehr machen. Es kommt darauf an wie man es nutzt. Es hat das Musikgeschäft natürlich kolossal verändert, klar. Letztlich bringt das Internet gute und schlechte Seiten mit. Man könnte jetzt sagen, dass es für die ganzen Geschäftsmodelle schlecht wäre. Aber ganz ehrlich, die Geschäftsmodelle interessieren mich nicht. Ich möchte allerdings auch nicht, dass die Leute beschissen oder bestohlen werden. Das alte Musikgeschäft basierte eben noch darauf, dass man das Plastik (hält seine aktuelle CD hoch) nicht kopieren konnte. Das ist jetzt eben anders. Manchmal sind die Leute aber auch einfach zu nostalgisch. Als ich ein Kind war las ich über die Cro-Mags. Ich liebte damals Hardcore. Ich rannte also in jeden Plattenladen und wollte etwas von den Cro-Mags kaufen. Ich brauchte ein ganzes verdammtes Jahr um etwas von denen zu finden. Kein Plattenladen hatte etwas von den Cro-Mags. Heute haben es die Kids doch viel leichter. Wenn die nach den Cro-Mags suchen würden, hätten sie das zwei Sekunden später auf dem Rechner. Natürlich gibt es jetzt die Leute, die sagen, dass man das doch viel mehr zu schätzen wüsste, wenn man da lange nach suchen müsste. Ich halte das für totalen Quatsch. Ich finde es sehr cool, dass man die Musik auf direktem Wege findet, nach der man gesucht hat. Was das Musikgeschäft allgemein betrifft denke ich, dass da immer noch nach einem Mittelweg gesucht wird um das am laufen zu halten. Es geht eben um das Geld, aber das ist die Welt in der wir leben. Es geht aber auch kleiner und wenn man das liebt, was man tut, dann kann man auch davon leben. Ich lebe ja auch davon und eine Menge Musiker tun dies ebenfalls und das ist doch gut.

In diesem Zusammenhang: man hat mittlerweile ja auch das Gefühl, dass Image und Style wesentlich wichtiger wie die Musik sind. Wie sind da deine Erfahrungen?

Ja, die Leute sind überall. Ich denke, dies ist für mich heutzutage eine sehr interessante Frage. Als ich aufwuchs interessierten mich nur die Punkbands. Ich wollte dann auch so angezogen sein und dann sah ich Minor Threat und die spielten in Jeans und T-Shirt. Und das wiederum fand ich viel cooler. Kein Style und so ein Scheiß, nur die Musik zählt. Jetzt, wo ich älter bin, sehe ich das ein bisschen anders. Gerade bei der letzten Platte – kennst du eigentlich Stiff Records?

Die haben doch The Damned, Madness oder Devo rausgebracht, oder?

Genau die. Jedenfalls hatten die einen anderen Style. Und daran haben wir uns jetzt ein bisschen orientiert und jetzt tragen wir weiße Hemden auf der Bühne. Das kommt jetzt nicht aus dem Antrieb heraus, weil wir denken, dass wir unbedingt einen eigenen Look brauchen. Wir machen das eher aus einem spaßigen Aspekt heraus und betreiben das nicht sonderlich seriös. Und es hat auch Vorteile. (lacht) Wenn wir auf der Bühne sind, dann schwitzen wir sehr viel und das sieht man mit einem weißen Hemd nicht so schnell. Für mich kommt aber immer an allererster Stelle die Musik. Darum geht es, sonst nichts! Als Kind wollte ich überhaupt keinen Style. Haut mir ab damit. Ich bin doch nicht beim Militär.

Was war denn die erste Band, in die du dich „verliebt“ hast?

(in einer Zehntelsekunde) Iron Maiden!

Iron Maiden?

(beigeistert) Ja! Iron Maiden hat für mich alles verändert. Ich war so zehn Jahre und in Rock and Roll-Musik nicht gerade bewandert. Meine Eltern hörten Klassik- und Kirchenmusik. Das interessierte mich aber nicht und war auch nicht Teil meines Lebens. Dann hörte ich „Killers“ von Iron Maiden und alles war anders. Daran kann ich mich noch heute erinnern als wäre es gestern gewesen. Was zur Hölle ist das? (singt das Riff) Das will ich haben. Innerhalb von sechs Monaten kauften meine Eltern mir eine billige Gitarre.

Bist du immer noch ein großer Maiden-Fan?

(begeistert) Fuck Yeah! Fuck Yeah! Ich habe sogar ein Iron Maiden Tattoo auf meinem Bein. (krempelt die Hose hoch und offenbart einen riesigen Eddie).

Was ist für dich denn der wichtigste Song und warum?

Von mir oder jemand anderem?

Gemeint war von jemand anderem, gerne aber auch von dir.

Dann lass uns von jemand anderem nehmen. Obwohl, ich kann mich da gar nicht für einen Song entscheiden. Das ist ein gute Frage.

Vielleicht ein Maiden-Song?

Hm, ja vielleicht. Obwohl, das würde wahrscheinlich auch nicht stimmen. Es ist so verdammt schwierig einen zu nehmen. Hast du einen? Komm, sag mal ob du einen hast.

Ja, ich kann mich da schnell entscheiden. „Bad“ von U2.

Ha, das freut mich, dass du das sagst. Von U2 kommt man zu Springsteen. Ich ärgere mich gerade, dass ich da nicht direkt drauf gekommen bin. Wenn ich einen Song nennen müsste, dann wäre es „Born To Run“ von Springsteen. Immer wenn ich den höre, dann denke ich über die Möglichkeiten der Rockmusik nach. Es ist auf seine Weise ein sehr simpler Song, auf eine Art aber auch ein sehr ambitionierter Song. Der Text ist sehr schön, der sagt alles und nichts. Es ist ein Song über Hoffnung, dass wir alle etwas tun können. Dieser Song hat einfach alles.

Du bist ja als Künstler sehr ausgelastet. Du nimmst Songs auf, gehst ins Studio, bist dauernd auf Tour. Hörst du privat eigentlich noch viel Musik oder hast du es eher dann mal gerne etwas ruhiger?

Auf jeden Fall! Ich versuche auch so viel Musik zu hören wie ich kann. Es gibt natürlich auch mal Tage, da hätte ich gerne etwas Ruhe – zumindest ein bisschen. Im Moment höre ich sehr viel alten Country. Hank Williams und solche Sachen. Als ich mit der Musik angefangen habe, wusste ich praktisch nichts über Country, aber das sind ja auch die Säulen der Musik. Zur Zeit kann ich nichts anderes als die alten Sachen hören.

Was würdest du eigentlich machen, wenn du kein Musiker wärst?

Oh Fuck. Also viele meiner Freunde sagen ja, dass ich mich gut mit historischen Dingen auskenne. Das ist in gewisser Weise auch mein Hobby. Ich renne durch London und suche nach historischen Orten. Meine Freunde sagen immer, dass ich auch ein guter Touristenführer sein könnte.

Wir haben hier übrigens eine sehr schöne Kirche.

(begeistert) Da war ich schon mehrmals drin, die ist sehr schön. Morgen sind wir in Konstanz. Da ist doch der Bodensee, oder? Meine Freunde haben mir gesagt, dass ich im Bodensee schwimmen muss. Ich werde also morgen versuchen im Bodensee zu schwimmen.

Der könnte jetzt im September aber etwas kalt sein.

(lacht) Vielleicht halte ich auch nur meine Füße rein. Oder wasche die dort. Auf jeden Fall bin ich ein Historie-Nerd.

Hast du schon Pläne für die Zeit nach der Tour? Machst du mal eine längere Musikpause?

Die Tour startet ja heute und geht bis kurz vor Weihnachten. Dann habe ich mal zehn Tage Pause und nächstes Jahr geht es dann weiter und ich spiele dann auch wieder auf Festivals. Aber da ist schon eine lange Pause und darüber freue ich mich auch. Vielleicht mache ist aber auch mal sechs Monate Pause und gehe in Costa Rica wandern oder so. Vielleicht ist mein Kopf dann aber auch schon wieder mit neuen Songs voll, die dann einfach raus müssen.

Letzte Frage, Frank. Wenn du einen Song oder Album eines anderen Künstlers aufnehmen könntest, wie sähe da deine Wahl aus?

„August And Everything After“ von den Counting Crows. Das ist ein unglaubliches Album. Als ich ein Kind war, war meine Schwester in die Platte verliebt. Ich nicht so sehr, ich eher in Pantera. Als ich dann eine Gitarre bekam, wollte ich Songs lernen und Pantera zu lernen ist sauschwer. Die Counting Crows sind es nicht und so kam ich auf dieses Album. Dieses Album lehrte mich das Songwriting. Ich würde es sogar auf die ersten drei Platten ausdehnen. Die meisten Leute nennen ja immer nur die erste Platte, aber die ersten drei sind für mich brillant. „August And Everything After“ ist ein Meisterwerk, es ist perfekt!

Wir bedanken uns für das Gespräch!

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich bei Daniela C. Düssler von der Promotion Werft, Universal und natürlich Frank Turner für die freundliche Unterstützung!)

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