Chester Bennington (Linkin Park)/Ryan Chuck (Orgy) - Interview am 06.10.2009

Chester Bennington von Linkin Park hat eine neue Band und ein neues Album am Start und da besteht natürlich Redebedarf. Am 06.10.2009 stellte er sich mit seinem Freund und Bandkumpel Ryan Shuck der Pressemeute um bereitwillig Auskunft über sein neues Projekt zu geben. Wir trafen uns mit den beiden Charakterköpfen im Kölner Hyatt und bevor es ans Eingemachte ging entbrannte zwischen Chester und Ryan noch ein kleiner Wortwechsel zu Limp Bizkit und Fred Durst. Auslöser war das Video von „Behind Blue Eyes“ – ein The Who Song, den Durst gecovert hat und der gerade auf MTV lief.

Chester: Was soll so was? Das kann ja nie im Leben an das Original ranreichen?
Ryan: Was die machen ist doch Rap-Rock. Dafür sind die Jungs doch bekannt. Gerade Fred Durst kennt man dafür. Das Ding ist doch durch und zwar komplett. Crossover ist nicht zurück, auch wenn einige was anderes sagen.
Chester: Wer sagt das? Crossover ist totgespielt. Und wenn, sollte man das anderen Bands überlassen. Ich sage nur Faith No More.
Ryan: Ach scheiße, lass und über was anderes reden.

Lasst euch nicht stören, ich höre euch gerne weiter zu.

Ryan: Nee, komm´ lass uns mal wieder ernst werden.

In Ordnung, dann fangen wir mal an.

Chester: Genau, willkommen im Wahnsinn!

Wie geht es euch, ihr habt ja einen wahren Interviewmarathon zu bewältigen?

Chester: Ach, das ist doch sehr komfortabel hier, das ist alles schon so in Ordnung.

Anlass für eure Promotour ist ja eure neue Band Dead By Sunrise. Welche Idee steht hinter dem Album, was war der Antrieb dafür?

Chester: Nun, ich arbeitet schon seit geraumer Zeit an ein paar wirklich guten Songs. Keine Linkin Park Songs. Die klangen anders, aber für mich klangen die „fucking great“. Ryan und ich sind schon seit langer, langer Zeit wirklich enge Freunde. Jedenfalls half er mir dann bei diesen Songs. Ich hatte keine Idee, was mit denen passieren würde und wohin der Weg führen sollte, aber dann zeichnete sich schnell ab, dass dies ein Bandprojekt werden würde. Wir arbeiteten dann weiter an den Songs.

Wann genau kam euch denn die Idee für eine völlig neue Band? Das war doch erst als Chester Bennington Soloprojekt gedacht und nun ist es doch ein Bandprojekt?

Chester: Ja, so ist es. Es war nie so nach dem Motto: Hey, das sind nur meine Songs, da darf sonst keiner Hand anlegen. Wir gingen ins Studio, spielten zwei oder drei Songs akustisch und sangen dazu. Am nächsten Tag kam Ryan an und fragte mich, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn er an den Songs arbeiten würde. Ich sagte zu ihm, dass er Spaß haben soll und was auch immer er damit machen will, er es tun soll. Nach einem weiteren Tag stellte ich dann fest, dass die Jungs etwas ganz anderes damit angestellt hatten, anders wie ich es bisher gemacht hatte. Das war „fucking cool“. Und dies war der Moment, wo Ryan und ich die Band starteten. Ab dann war es kein Soloding mehr. Das startete alles im Sommer 2005.

Im Sommer 2005?

Chester: Jaja, da wurde das ganze geboren, es standen dann nur immer wieder andere Dinge an und die Geschichte lag eine zeitlang auf Eis.

Wo genau sind denn die Unterschiede zwischen Linkin Park und Dead By Sunrise?

Chester: Mike Shinoda

Mehr nicht?

Chester: Ja! Ich würde z.B. nie sagen, dass ich Linkin Park bin. Das bin ich nicht, das ist Mike. Ich bin nur der Sänger, dafür bin ich bekannt. Der Sound und die Essenz von Linkin Park kommt jedoch von Mike und seiner Musik. Diese Band hier – Dead By Sunrise – das bin ich. Das sind meine Songs, die habe ich geschrieben.

Hast Du denn bei diesem Album mit neuen Sounds experimentiert? Hast Du einige Gitarren und Keyboards eingespielt? Teile des Programmierens hast Du doch auch übernommen?

Chester: Ja, definitiv. Aber wir alle haben eine Menge gemacht und gespielt. Ich machte ein bisschen Gitarre oder habe ein paar Drums programmiert. Einige Keyboardparts. Ich habe während des Entstehungsprozesses mit einigen Dingen rumgespielt und verschiedene Sachen ausprobiert. Wir wollten für uns etwas Neues kreieren und haben dann viel rumexperimentiert. Mein Part bei Linkin Park ist ja der des Sängers. Ich mag es auch nicht mit der Gitarre auf der Bühne zu stehen. Jetzt im Studio war das etwas anders. Live setze ich aber meinen ganzen Körper ein und ein Instrument wäre da nur störend. Ich kann nicht gleichzeitig singen und spielen. Und ganz ehrlich, ich bin dafür auch einfach nicht gut genug. Nicht so wie – scheiße, jetzt fällt mir sein Name nicht ein. Dieser wunderbare Gentleman von Muse. Der Sänger.

Matt Bellamy?

Chester (begeistert): Ja, Bellamy, das ist sein Name. Hast Du den mal live gesehen?

Ja.

Chester: Der ist Wahnsinn. Was der mit der Gitarre macht, während er singt. Ach Quatsch, der spielt Gitarre, Keyboard, singt diese schweren Parts und rennt noch über die Bühne und das alles gleichzeitig. Ich könnte das nicht. Das bin ich einfach nicht. Im Studio funktioniert das, aber nicht auf der Bühne. Und davon abgesehen, sind meine Bandkollegen da viel talentierter wie ich und die sollen einfach mit dem Material machen, was immer sie wollen.

Hat euch eine bestimmte Musik zu diesem Album inspiriert?

Ryan: Alles und nichts!

Ein weit gefasster Begriff.

Ryan: Ja, aber im Grunde ist es so. Während der Aufnahmen hören wir sowieso kaum Musik, da sind wir so im Prozess unserer Arbeit drin, dass da kein Platz für andere Musik ist. Einflüsse haben wir natürlich viele. Ich denke die 90er waren eine unglaubliche Ära.

Oh ja, das kannst Du laut sagen.

Ryan: Da kamen so viele tolle Platten raus. Da gab es so viele Alben, die einfach „fucking great“ waren. Und zwar vom Anfang bis zum Ende. Ich meine, hör Dir die Scheiben an. Da kann man jetzt 100 Alben nehmen, die alle großartig waren. Von Alice In Chains, über das erste Pearl Jam Album, Mother Love Bone zu Nine Inch Nails. Du kannst da fast jede Scheibe nennen. Man kann die Liste der wirklich, wirklich tollen Alben noch stundenlang fortsetzen.
Chester: Das Ding mit den 90ern Bands ist doch, dass dies wirklich ein Jahrzehnt der Alben war. Heute hört man einen Song und denkt der ist „fucking great“ und dann hört man sich das ganze Album an und dann war es wirklich nur dieser eine Song, der gut war. Da ist nicht mehr. Ähm, ja, dieses Album kannste dann echt vergessen. Die verschwenden so viel Geld für einen großen Song und mehr kommt dann nicht. Wir haben bei Linkin Park, Orgy oder jetzt bei Dead By Sunrise immer darauf geachtet, dass es ein Album wird und nicht eine Ansammlung von Songs. Musik, die ich schreibe, hat so einen grungigen Vibe. Ich schreibe eben auf diese Art. So ist die Musik in meinem Kopf und so bringe ich die dann auch zu Papier. Ähm, das ist eben meine Art von Musik. Wie Ryan schon sagte, das ist unser musikalischer Background und wir wurden davon sehr stark beeinflusst.

Sind die Texte eigentlich Fiktion? Die hören sich für mich sehr persönlich und privat an.

Chester: Die sind keine Fiktion!
Ryan: Definitiv sind die keine Fiktion!
Chester: Schön, dass Du das den Lyrics anhörst. Ich könnte gar nicht über andere Charaktere schreiben oder mir Geschichten ausdenken. Ich kann nur über mich und mein Leben schreiben. Das Ding ist, ich kann darüber gar nicht sprechen. Ich spreche durch meine Musik und meine Texte. Das ist ein sehr, sehr persönliches Album. Wenn ich anfange darüber zu sprechen, sagen die Leute immer, ich soll mehr erzählen, das wäre alles so interessant. Ich kann das gar nicht so. Meine Gefühle fließen in meine Texte ein. Das ist die Art wie ich schreibe, wie ich schon immer geschrieben habe. Ich habe über meine Alkohol- und Drogenprobleme geschrieben und ähm, ähm, „Fuck“. Siehst Du? Mein Gehirn spielt mir da jetzt einen Streich, wenn ich darüber reden soll. Das ist nicht einfach. Es ist jedenfalls so, dass ich über die Dinge schreibe, die mich betreffen. Bei Linkin Park ist das natürlich anders, aber Dead By Sunrise, das bin ich. Bei Linkin Park singe ich ja die Songs von Mike und wie er sich gerade fühlt. Nicht so bei Dead By Sunrise.

Ist es nicht schwierig Teil von zwei Bands zu sein? Wie haben denn Deine Bandkollegen von Linkin Park auf Dead By Sunrise reagiert?

Chester: Es könnte ein Problem sein, ist es aber nicht. Ich erzählte den Jungs von Linkin Park von Dead By Sunrise und die Reaktionen waren sehr positiv, völlig unkompliziert. Hätte einer von den Jungs damit Probleme gehabt, dann hätte ich es gelassen.

Dann würde es Dead By Sunrise nicht geben?

Chester: So ist es! Wir sind ja nicht nur als Band zusammen, sondern wir sind Freunde! Hier neben mir sitzt z.B. mein Bruder. Wir sind alle sehr, sehr enge Freunde. Das ist meine Familie, verstehst Du was ich meine? Das geht weit über die Band hinaus. Auch bei Linkin Park. Die sind sehr offen dafür, was ich hier tue. Die haben überhaupt keine Probleme damit. Im Gegenteil, die unterstützen mich und sagen, dass es cool ist, was ich bei Dead By Sunrise mache. Das ist einfach toll, wenn man von Freunden so unterstützt wird. Ich habe noch letzte Nacht mit den Jungs telefoniert. „Hey Chester, was machst Du gerade?“ „Hey was ist im Linkin Park Land gerade los?“ So läuft das dann. Wir sind immer sehr eng miteinander verbunden.

Seid ihr denn schon auf die Reaktionen der Leute auf Dead By Sunrise und das Album gespannt? Speziell die der Linkin Park Fans?

Chester: Es gab mal so eine Zeit, ja. Sobald wir aber das Studio verlassen haben, war es das für uns. Dann geht es daran über das Album zu sprechen. Das ist eh schwierig. Es hat noch keiner die Scheibe gehört, die Single ist nicht draußen und dann sollen wir über Dinge sprechen, die noch kein Mensch kennt. Um auf die Frage zurückzukommen. Es wird immer Leute geben, die uns nicht mögen und ebenso gibt es Leute die unsere Songs lieben werden. So ist doch das Spiel. Es gibt auch Menschen, die mich hassen und sagen „Chester sollte sterben“. „Hey, cool, danke für Deine Meinung“. Ich mache eben nicht Musik für jeden. Wir haben eine Menge Songs auf die MySpace-Seite gepackt und es waren doch viele dabei, die unsere Songs mögen. „Inside Of Me“ wurde sehr oft runtergeladen.
Ryan: Das ist der am meisten runtergeladene Song in Japan. Der ist auf Nummer 1. Wir können das gar nicht glauben. Wir haben schon viele Fans und dies ist erst der Anfang.
Chester: Unsere erste Show fand vor 200 Leuten oder so statt. Fucking Kickass. Ich war sehr, sehr nervös, es war schließlich das erste Mal mit der neuen Band. Die Reaktionen waren aber sehr, sehr positiv. Keiner ging raus. Ich bin sehr stolz auf die Platte. Manche werden sie mögen, andere nicht, aber hey, das ist schon in Ordnung so.

Ist es heute nicht schwer noch einen eigenen Musikstil zu finden und zu kreieren, wo doch alles schon mal da war?

Ryan: Nicht, wenn man ehrlich ist. Musik sollte immer ehrlich sein. Manche versuchen krampfhaft originell zu sein, sind es aber nicht, weil sie dann etwas anderes verkörpern, was eigentlich ihrem Naturell entspricht. Ehrlichkeit ist sehr, sehr wichtig.
Chester: Und es ist ja nicht falsch, wenn man von anderer Musik beeinflusst wird.
Ryan: Wenn ein Orgy-Song vielleicht Referenzen eines anderen Songs enthält, dann ist das für mich völlig in Ordnung, so lange er sich großartig anhört, mir gefällt und das ist, was wir machen wollen. Originalität kann man auch auf vielen verschiedenen Wegen angehen, es sollte aber nicht krampfhaft wirken. Wer sagt denn überhaupt was originell ist und was nicht? Sei einfach Du selbst! Das ist doch das Ding.
Chester: Aber natürlich hast Du recht. Es ist heute schier unmöglich einzigartig zu sein. Jeder Akkord wurde schon mal gespielt. Als ich anfing die Songs zu schreiben, habe ich mir darüber aber gar keine Gedanken gemacht, sondern einfach das niedergeschrieben, was in meinem Kopf war, wie ich mich gefühlt habe. Das ist einfach echt und das macht dann für mich auch die Einzigartigkeit aus. Das Ziel von Musik sollte aber nie sein etwas zu machen, wo man nicht hintersteht. Mach das was Du fühlst und was Dir gefällt.

Was denkt ihr denn in diesem Zusammenhang über das Internet? Hat sich das Musikgeschäft wirklich verändert oder ist es nicht so, wie es schon immer war: Musik sollte gut sein und die Leute sollten die mögen?

Chester: YES! Das ist doch der Grund, warum die Leute Alben kaufen. Das ist der Grund, warum die Leute Orgy-Alben, Linkin Park-Alben und hoffentlich Dead By Sunrise-Alben kaufen. Das ist der Grund, warum die Leute Alice In Chains-Alben kaufen. Es gibt Musiker, die haben ein oder zwei gute Songs. Die kann man dann runterladen und für ein paar Dollar bei itunes erwerben. Ich sag da: Fuck You Very Much! Warum dieser eine Song? Warum wird da kein Wert auf ein Album gelegt? Das ist eben die heutige Zeit. Die Musikindustrie hat das auch erkannt. Trotzdem, ein gutes Album wird gekauft. Das andere ist nicht mein Ding, ich lege Wert auf vollwertige Alben.

Wie sehen denn eure Zukunftspläne mit Dead By Sunrise aus?

Chester: Wir planen eine Tour und ein paar Shows.

Kommt ihr auch nach Deutschland?

Ryan: Definitiv, Definitiv
Chester: Und dann schreiben wir weiter Songs.

Dies war also nicht eine einmalige Geschichte?

Chester: Auf keinen Fall. Es wird natürlich auch weiter mit Orgy und Linkin Park gehen, Songs aufnehmen, touren und ebenso mit Dead By Sunrise.

Ich glaube, euer Promoter ist schon ganz nervös, der winkt die ganze Zeit schon. Vielen Dank für eure Zeit und die ausführlichen Antworten!

Chester: Wir haben Dir zu danken!
Ryan: Endlich ging es nur um Musik, das haben wir heute schon ganz anders erlebt. Wir danken Dir ganz herzlich dafür.

Der Interviewmarathon und die Promo ist für die Jungs noch nicht beendet und Termin auf Termin folgt (auch in den nächsten Tagen). Es bleibt festzuhalten, dass Chester Bennington und Ryan Shuck extrem sympathische und nette Gesprächspartner sind, deren Augen leuchten, wie die eines kleinen Kindes an Weihnachten, sobald sie über Musik reden dürfen. Schön, dass die Jungs sich diese Begeisterung beibehalten haben. Schade, dass das Interview nach knapp 25 Minuten vorbei war, wir hatten doch noch so viele Fragen…

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich für die freundliche Unterstützung bei Nils Schröder, Warner und natürlich bei Chester Bennington und Ryan Shuck!)

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