Blood Red Shoes - Interview am 30.10.2019

Laura-Mary Carter und Steven Ansell sind als Blood Red Shoes dem geneigten Alternativhörer durchaus sehr bekannt. Das Duo war vor ein paar Wochen noch im Vorprogramm der Pixies zu bewundern, startet aber jetzt schon wieder die eigene Headliner Tour im Bürgerhaus Stollwerck in Köln. Vorab durften wir mit den beiden über das aktuelle Album "Get Tragic", die Tour mit den Pixies und eine Frauenquote im Musikgeschäft sprechen. Ein paar sehr interessante Einblicke traten dabei zu Tage!

 

Vielen Dank, dass wir so kurz nach dem Soundcheck in dieser schönen Location ein Interview führen können. Ich habe euch vor ein paar Wochen zusammen mit den Pixies im Palladium gesehen, aber das Venue hier ist viel schöner. Wie geht es euch?

Laura-Mary Carter: Danke, uns geht es gut. Es ist eine lange und anstrengende Tour. Heute beginnt unsere Headliner-Tour. Dies bedeutet auch, dass wir nun doppelt so viel Zeit haben und auch die doppelte Anzahl an Songs spielen - oder mehr. Im Vorprogramm der Pixies war das ja nur ein verküzrtes Set von uns. Wir sind aber auch aufgeregt, dass nun unsere eigene Tour startet.

Auf eurem aktuellen Album "Get Tragic” sind sehr düstere Lyrics zu finden, die sich um Selbstzweifel, Angstzustände und Trennungen drehen. Gab es irgendwelche Ereignisse außerhalb der Band, die eine zentrale Rolle für diese Atmosphäre gespielt haben?

Laura-Mary Carter: Wenn ich so darüber nachdenke, dann spielten da eine Menge Dinge eine Rolle. Wir sind schon so lange in dieser Band und brauchten einfach mal diese lange Pause. Wir mussten auch einfach ein normales Leben leben. Gleichzeitig blickten wir aber auch auf unsere Karriere zurück und dann gab es auch noch diesen demografischen Wandel der Musikindustrie. Die kann ganz schön korrupt sein und wir haben da auch einige sehr unschöne Erfahrungen gemacht. Und natürlich spielt auch das Verhältnis von mir zu Steve und von Steve zu mir - das sind ja zwei verschiedene Sichtweisen - eine Rolle. Wir sind jetzt seit 15 Jahren in dieser Band und es ist auch manchmal hart, wenn man über einen so langen Zeitraum in einer Band ist. Die Liebe spielte dann auch noch eine Rolle und ja, ich denke, es ist ein sehr persönliches Album geworden.

Gibt es einen Song auf "Get Tragic", auf den ihr als Band besonders stolz seid?

Laura-Mary Carter: Auf "Get Tragic"?...ich denke, dass da ein paar sind, auf die wir ganz stolz sind und auch stolz sein können. Wenn ich einen benennen soll, dann ist es "Eye To Eye". Es war der Beginn von einem neuen Sound und neuen Kapitel von uns als Band. Es war auch der erste Song, wo wir dachten, dass dies eines Tages in einem neuen Album enden könnte. Ich persönlich bin auch ganz stolz auf "Beverly", weil der Text so unglaublich intensiv ist. Ich bin damit sehr, sehr glücklich.

Wem präsentiert ihr denn zuerst euer neues Material? Von wem kriegt ihr zuerst ein Feedback?

Laura-Mary Carter: Wir haben jetzt eigentlich keine speziellen Leute, denen wir unser Material zuerst zeigen oder die es immer zuerst hören dürfen. Bei dem Album war es aber so, dass es ein paar Kollaborationen gab. Unser Freund Ed Harcourt war bei "Beverly" dabei oder die Wytches bei "Nearer" und da kriegt man natürlich direkt ein Feedback. Um ehrlich zu sein, haben wir aber gar nicht so viele Leute um uns herum. Es gibt da nicht diese große Maschinerie. Meistens sind das nur Steven und ich. Das ist auch gut so. Wenn andere Leute dann doch mal ankommen und mit negativen Kommentaren unsere unfertigen Arbeiten kommentieren, dann geben wir denen schon zu verstehen, dass wir das eben auf unsere Art und Weise machen.

Was war denn die beste Reaktion, die ihr über einen Song von "Get Tragic" mitbekommen habt?

Laura-Mary Carter: Wir haben sehr viel Lobe für "Mexican Dress" bekommen, das blieb irgendwie hängen. Nichts bestimmtes, aber grundsätzlich waren die Reaktionen sehr positiv. Für uns als Band ist dieses Live-Ding aber immer noch die beste Reaktion. Wenn man seine neuen Songs dem Publikum live vorstellt und dann sieht, wie die Songs angenommen werden - das ist schon jedes Mal besonders. Ich liebe das. Und sich dann mit den Fans zu unterhalten, ist auch ganz toll. Viele finden nämlich, dass unser erstes Album das beste Album sei und jetzt haben wir auch schon öfters gehört, dass "Get Tragic" da rankommt. Das ist cool.

Steven Ansell: Das war auch das erste Mal, dass das passiert ist.

Schreibt ihr eure Songs denn zusammen? Oder arbeitet jeder zunächst alleine für sich?

Steven Ansell: Das sind wir beide. Zusammen.

Laura-Mary Carter: Keine anderen Leute.

Steven Ansell: Jeder bringt seine Ideen ein. Bei dem neuen Album hat aber jeder zunächst separat an seinem Material gearbeit. Bei den alten Sachen waren wir zusammen in einem Raum, aber jetzt nicht mehr.

Laura-Mary Carter: Wir leben ja auch an völlig verschiedenen Orten, da ist es schon nicht so leicht zusammen an neuem Material zu arbeiten.

Steven Ansell: Du arbeitest so natürlich auch noch härter an deinem eigenen Material, bevor du es dem anderen präsentierst.

Ich habe gehört und gelesen, dass ihr unglaublich viel Material für "Get Tragic" hattet - wird es dann irgendwann den Nachfolger geben oder was passiert damit?

Steven Ansell: Unfassbar viel Material.

Laura-Mary Carter: Das ist ja auch nicht alles fertig. Wir haben ja nur die wichtigen Ideen weiter verfolgt.

Steven Ansell: Man muss auch ehrlich sagen, dass das nicht veröffentlichte Material nicht gut genug war. Ganz ehrlich, in dem Arbeitsprozess von so einem Album fällt auch sehr viel Mist an. Man ändert den Sound und es ist dann schon schwierig an manchen Ideen weiterzuarbeiten. Wenn wir beide der Meinung sind, dass es gut ist, dann wird es verwendet. Aber ganz ehrlich, da ist eine ganze Menge an Stoff, der nicht gut genug ist jemals veröffentlicht zu werden.

Ist es für euch als Band eigentlich schwierig euren eigenen musikalischen Weg zu finden und zu gehen? Es war ja schon alles irgendwann mal da.

Laura-Mary Carter: Ja, es ist hart. Sehr hart. Ähm, das ist manchmal wie den heiligen Gral zu suchen.

Steven Ansell: Ich denke, gerade in der alternativen Rockmusik ist es schon sehr schwer da noch etwas ganz Neues zu machen. Es ist in der Musikindustrie als Rockband schon sehr hart originell zu sein. Es ist ja alles gemacht und das auch noch verdammt gut.

Laura-Mary Carter: Ich meine, hör dir die Pixies an. Die haben so unglaublich tolles Material und so vielfältiges.

Steven Ansell (begeistert): Die bringen mich jedes Mal wieder um. Die sind so unglaublich gut.

Laura-Mary Carter: Und das nehmen wir auch von der gemeinsamen Tour mit, nämlich, dass die Pixies immer ihr eigenes Ding gemacht haben und nicht unbedingt einer Community angehört haben.

Steven Ansell: Genau, sei immer du selbst und guck nicht, was andere machen!

Die Pixies Fans haben euch auch ganz schnell in das Herz geschlossen. Die kannten euch zum Teil ja gar nicht.

Steven Ansell: Das war auch die Idee hinter der Tour mit den Pixies. Die Leute kannten uns nicht und die haben im Vorfeld auch einen Scheiß auf die Blood Red Shoes gegeben. Die kannten auch unsere Songs nicht. Wir hatten genau eine halbe Stunde Zeit, die Leute dann von uns zu überzeugen. Diese Herausforderung war sehr gut für uns.

Ihr tourt ja momentan sehr viel. Einige Musiker haben mir erzählt, dass das Leben „on the road“ sehr stressig und langweilig sein kann. Wie ist das für euch?

Laura-Mary Carter: Das stimmt auf jeden Fall. Das ist sehr anstrengend. Die Leute sagen immer, dass wir ein so tolles und unangestrengtes Leben führen. Es ist toll, klar, aber trotzdem anstrengend. Es ist auch körperlich anstrengend. Manchmal hat man auch keine zehn Minuten für sich. Es ist auch schon anders, wenn man durch die Welt als Urlauber reist. Eine Tour ist auch richtige harte Arbeit. Hart auf eine andere Art und Weise. Es kann auch sehr stressig sein.

Steven Ansell: Was aber definitiv nicht stimmt, dass es langweilig ist.

Laura-Mary Carter: Nein, das habe ich auch nicht gesagt.

Steven Ansell: Das Leben auf Tour ist definitiv immer ein Drama.

In diesem Zusammenhang: das ist ja auch körperlich sehr anstrengend, wie haltet ihr euch fit oder wie geht ihr mit der Anstrengung um?

Laura-Mary Carter: Ich habe nach und nach gemerkt, dass der Schlaf sehr wichtig ist. Man sollte immer dafür sorgen, dass man genug schläft. Eine Auszeit ist auch sehr wichtig. Man sollte auch mal Zeit ausserhalb verbringen. Das kann aber sehr hart sein, sich da freie Zeit für einen halbstündgen Sparziergang zu verschaffen. Manchmal ist das einfach nicht drin.

Steven Ansell: Man muss einfach lernen, sich jeden Tag auch mal ein bisschen Zeit und Raum nur für sich selber zu nehmen. Wenn man das nicht macht, dann ist man spätestens nach drei Wochen auf Tour, auch wenn alles richtig gut läuft, reif für die Psychatrie. Die Tourmaschinerie kann dich schon auffressen. Freie Zeit ist daher ganz wichtig.

Laura-Mary Carter: Es ist manchmal aber unmöglich.

Steven Ansell: Wir beide lieben die Pixies. Und was war? Wir haben nichts oder kaum was von deren Shows gesehen. Wir fuhren zum Venue, dann Soundcheck, Interviews, umziehen, was essen, Konzert, runter von der Bühne, Sachen verladen - so sieht jeder Tag aus. Manchmal hat man da nicht mal 20 Minuten für sich selber.

Laura-Mary Carter: Manche Abende hatte ich nicht mal Zeit zum Abendessen, weil wir dann schon wieder auf die Bühne mussten. Das passierte sehr oft.

Steven Ansell: Die Reisezeit ist das Ding. Da kannste dann nicht mal eben rausgehen, du musst ja dann und dann am nächsten Ort sein.

Laura-Mary Carter: Der freie Raum für einen selber ist letztlich der Schlüssel. Und gesundes Essen.

Steven Ansell: Man sollte immer gucken, dass man wenigstens was Grünes auf dem Teller hat, aber auch das klappt nicht immer.

So ein kleiner Club wie dieser hier, ist sicher auch toll, wo doch das Publikum so nahe ist.

Gab es denn einen ganz besonderen Moment auf Tour und was machte diesen so speziell für euch?

Steven Ansell: Jemals? Oh, das wird schwer zu beantworten.

Laura-Mary Carter: Ich denke, das war die Pixies-Tour. Das war so cool. Wir sind mit den Pixies aufgewachsen und dann durften wir mit denen touren - unglaublich. Ich liebe diese Band. Merkt man das eigentlich?

Kaum...

(lacht)....es erfüllte sich eben ein Traum und das war für mich ein Höhepunkt unserer Karriere.

Konntet ihr die Pixies denn treffen und sprechen?

(beide begeistert) Jajaja.

Steven Ansell: Charles (Anmerk: Black Francis) war so toll. Der ist schon sehr, sehr cool. Und total verrückt. Sehr verrückt. Der spricht übrigens, wie er singt. Der schreit einen an beim Sprechen ungefähr so (ahmt den Sänger der Pixies nach und schreit laut) "Hey Kinder, wie geht es euch?". Und dann realisiert man, dass das der Typ aus den Songs ist, die man so sehr liebt. Das war alles so unglaublich cool.

Was ist denn der wichtigste Song für euch?

Steven Ansell: Von unseren Songs? Einen unserer Songs zu nennen ist wirklich sehr hart.

(beide überlegen)

Laura-Mary Carter: "Boring By The Sea". Nur Spaß!

Steven Ansell (total begeistert): Ohne Scheiß, ich wollte auch gerade "It´s Boring By The Sea" sagen. Der Song gab uns eine Karriere. Der Song, das sind wir. Wenn es einen Song gibt, um unseren Sound und uns zu beschreiben, dann ist es der. Der Song ist sehr aggressiv und der Text sagt "Fickt euch". Das sind wir. Für uns war der Song so einer kleiner "Teen Spirit"-Moment

Eure Tage sind ja voll von Musik. Hört ihr privat denn auch noch Musik oder genießt ihr dann auch mal die Stille?

Steven Ansell: Wir hören immer Musik. Überall.

Laura-Mary Carter: Manchmal hört jeder nur für sich, manchmal aber auch alle zusammen und dann spielen wir uns auch wieder gegenseitig Sachen vor.

Steven Ansell: So entdecken wir auch immer neue Sachen. Wir haben ja einen sehr ähnlichen Geschmack und meistens gefällt es ja, wenn der eine dem anderen was Unbekanntes vorspielt.

Was würdet ihr denn machen, wenn es mit der Musikkarriere nicht geklappt hätte?

Laura-Mary Carter: Ich wäre Privatdetektiv.

Steven Ansell: Echt? Das wußte ich ja noch nicht. Das ist cool, da bin ich dabei.

Auch im Jahr 2019 ist die Rock- und Alternative-Szene noch weit von Gleichberechtigung von männlichen und weiblichen Künstlern entfernt. Glaubt ihr, dass eine Frauen-Quote auf Festivals die richtige Lösung wäre?

Laura-Mary Carter: Du meinst dieses 50/50 Ding?

Ja, auch

Laura-Mary Carter: Ich denke, es kann eine gute Sache sein um vielleicht das Bewußtsein der Leute zu sensibilisieren. Auf der anderen Seite denke ich aber auch, dass es total verrückt ist, per Quote Frauen auf die Hauptbühne zu schicken, weil das nichts ändern wird. Und nur weil eine Frau dann der Künstler ist, muss sie, wenn sie nicht gut ist, nicht durch dieses 50/50 Ding gepusht werden. Ich will da stehen, weil ich mir das verdient habe. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich bin nicht komplett gegen das 50/50 Ding. Natürlich kann das Sprechen über 50/50 helfen. Gerade wenn man als Frau in diesem Geschäft startet, dann ist das schon sehr schwer und durch die 50/50 Diskussion erfolgt vielleicht an den richtigen Stellen ein Umdenken.

Steven Ansell: Die Leute im Hintergrund sind ja auch wichtig. Egal wer der da irgendwas entscheidet, es sind meistens Männer. Die Crew eines Festivals sollte 50/50 sein. Die Leute, die ein Festival zusammenstellen sollten 50/50 sein. Es sind nur Männer. Immer.

Laura-Mary Carter: Das ist wahr.

Steven Ansell: Wenn die Leute im Hintergrund auch mal Frauen wären, dann würde sich vielleicht etwas ändern. Es ist doch eigentlich völlig egal, wer da auf der Bühne steht. Die Leute im Hintergrund bestimmen das doch. Wenn da die entsprechenden Leute sind, dann wird sich vielleicht auch etwas verändern. Wir haben beide in allen Bereichen gemeinsam zu entscheiden, schreiben die ganzen Songs zusammen und teilen das Geld, das wir verdienen, zur Hälfte. Menschen in der Musikindustrie fragen nach Antworten von mir, als wäre ich der alleine Entscheidungsträger. Das bin ich nicht. Wir sind komplett gleich, aber Menschen behandeln mich sehr anders, weil ich ein Mann bin und das ist verdammt scheiße. Wir brauchen doch kein 50/50, wir brauchen mehr Frauen in den wichtigen Positionen. Ein Mann entscheidet, ob ein Mann auf der Bühne spielt, das ist doch der Punkt.

Laura-Mary Carter: Frauen in Bands müssen immer etwas härter arbeiten und das ist nicht fair. Eine Quote wird das aber nicht ändern und automatisch zur Gleichbehandlung führen, wenn die Entscheidungsträger ausschließlich Männer sind!

Ein wichtiger Schlussatz, vielen Dank für das Interview!

 

(Torsten Schlimbach bedankt sich bei Annett Bonkowski und Verstärker Promotion und natürlich bei den Blood Red Shoes für die freundliche Unterstützung!)

Empfehlen Sie diese Seite auf:

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch