Beatsteaks - Interview am 19.03.2011

Die beste Liveband Deutschlands ist wieder auf Tour, Zeit für ein paar Fragen. Torsten und Bernd von den Beatsteaks geben vor dem Dortmunder Konzert ganz entspannt Auskunft über die aktuelle Gemütslage.
Hallo Jungs, wie geht es euch? Euer Tourplan im März ist ja recht stramm, noch keine Ermüdungserscheinungen?
Torsten: Nee, überhaupt nicht. Das ist alles ganz entspannt. Der Tourplan ist aber auch gar nicht so stramm, wie er aussieht. Jetzt ist zwar Tour, aber wenn man mal ehrlich ist, dann spielen wir nicht mehr als drei Konzerte am Stück. Wir haben ganz oft jetzt nur ein Konzert und dann einen Tag frei oder zwei Konzerte und dann einen Tag frei. Wir schlafen in Hotels, haben einen tollen Nightliner, haben ein eigenes Catering - also wer hier jammert, der fliegt raus. Ermüdungserscheinungen auch nicht, denn wir sind ja jetzt gerade seit drei, vier Monaten mit der Platte unterwegs. Wir haben dafür vielleicht ein Jahr gearbeitet und hatten davor diese Pause, mit anderen Worten, wir hatten wieder so einen Bock live zu spielen, dass jetzt keiner daran denkt sich zu erholen oder so. Wir hatten sowieso noch eine kleine Pause, weil Armin dummerweise krank geworden war und wir sowieso immer gucken, dass wir zwischendurch nach Hause kommen. Es läuft eigentlich alles total entspannt.
Bevor ihr den Rest von Europa betourt habt ihr ja ein bisschen Pause. Kann man da überhaupt abschalten und wie lange braucht ihr, um wieder runterzukommen?
Torsten: Ach, wir sind ja immer nur kurz unterwegs und dann kommen wir ja schon wieder nach Hause und da kann dann jeder seinen Kram erledigen. Es ist ja nicht so, dass wir ein dreiviertel Jahr am Stück unterwegs sind. Wie gesagt, alles total entspannt. Wer dann zu Hause noch viel zu tun hat, hat dann ein bisschen Stress. Es gibt dann immer tausend Sachen zu tun, aber hey, das ist eben der Job. Ich will mich da überhaupt nicht beschweren, weil das einfach ein geiler Job ist. Nicht nur ein geiler Job, sondern den geilsten, den man machen kann. Andere müssen jeden Tag von 8 bis 17 Uhr ins Büro gehen. Wir haben eben das totale Glück diesen Job machen zu können und wenn man nach Hause kommt, hat man auch noch mal drei bis vier Tage frei. Am Wochenende haben wir dann zu Hause noch mal Freizeit und wie gesagt, wer da jammert, der fliegt raus. Fertig. Das wäre ja wohl jammern auf sehr hohem Niveau.
Wer hatte eigentlich die Idee für die Europa-Tour und wie kamen die Daten dafür zustande?
Torsten: Wir spielen von Finnland bis Spanien eigentlich durch.
Bernd: Wir haben ja eine Bookingagentur die sich hinsetzt und Gedanken macht.
Torsten: Gut ist ja, dass wir in Deutschland spielen können, aber eben auch noch in Europa. Vor Jahren hat sich eben abgezeichnet, dass es in Skandinavien super funktioniert, im Osten total Spaß
macht. So kommt das dann zustande.
Seid ihr vor den Konzerten eigentlich noch nervös, wird das irgendwann zu einer gewissen Routine oder ist das einfach die pure Freude und Lust auf die Bühne, die Songs und natürlich die Fans?
Bernd: Wenn man mal die Routine weg subtrahiert, dann ist es so, wie du sagst. Natürlich freut man sich auf das Konzert und die Fans. Und ganz ehrlich, wenn man da nicht mehr aufgeregt ist, dann
ist da irgendwas kaputtgegangen.
Torsten: Das sehe ich auch so.
Wie haltet ihr euch fit? So ein Konzert ist ja auch mit körperlicher Anstrengung verbunden?
Bernd: Vorm Konzert viel trinken.
Torsten: Wasser trinken wohlgemerkt. Nee, jetzt mal ernsthaft. Ich habe vor der Tour angefangen mit dem Laufen und jetzt habe ich eine Pause gemacht und da fängt der Speck schon wieder an zu
wachsen.
Lebt und erlebt ihr heute bewusster was rund um die Band geschieht, ihr seid ja keine achtzehn mehr?
Torsten: Auf jeden Fall. Das ist ja jetzt auch viel mehr der Mittelpunkt. Das ist ja jetzt auch der Beruf. Sonst war das ja eher das Hobby. Jetzt hat man ja auch so eine gewisse Verantwortung. Es sind vierzig Leute mit uns auf Tour und zu Hause arbeiten halt ein paar Leute für die Band, man hat Firmen gegründet und muss sich um die Steuern und so eine Scheiße kümmern und ja, das wird ja immer mehr zu so einem Gebäude. Früher war das ja eher so ein Zelt, was man ab und zu mal aufgebaut hat. Heute muss alles laufen, auch die Wasserleitung, damit das alles funktioniert, damit man nicht irgendwann auf die Fresse fliegt. Man ist da schon bewusster.
Vor eurem aktuellen Album „Boombox" gab es eine längere Pause. Habt ihr euch da regelmäßig gesehen oder brauchte jeder Einzelne Abstand von den anderen?
Torsten: Also bewusst, so nach dem Motto „ich habe jetzt die Schnauze voll von dir" hat man das nicht gemacht. Man hat sich trotzdem nicht ständig gesehen, weil jeder so seinen Kram zu erledigen
hatte. Familie, Sachen aus der Welt geschafft, die nicht ganz unwichtig waren. So haben wir uns eigentlich nur auf Kindergeburtstagen getroffen oder zu Helloween, wenn eines der Gören geladen hat,
ähm, und so hat man sich wirklich eine realtiv lange Zeit nicht gesehen. Früher waren wir mal zusammen in einer Kneipe oder Pub, aber das passiert jetzt relativ selten. Thomas und Bernd treffen sich
wahrscheinlich noch eher...
Bernd:...aber nicht mehr so wie früher.
Torsten: Ja, man dann so seinen eigenen Freundeskreis und Familie natürlich auch noch. So hat sich das auseinanderentwickelt. Das war aber jetzt auch nicht bewusst. Wenn man sich dann wieder gesehen
hat, dann war auch alles wieder gut. Es war jetzt nicht so, dass man versucht hat dies ernsthaft zu vermeiden. Das war überhaupt nicht so und eigentlich ging es dann auch wieder relativ schnell los
mit den Arbeiten.
Wenn ich so manchen Artikel richtig deute, war zu dieser Zeit auch gar nicht klar, wie es mit der Band weitergehen könnte und ob es überhaupt noch mal ein Album gibt. Was war passiert?
Bernd: Ach, das ist falsch verstanden worden. Du musst dir halt irgendwann die Frage stellen, ob das, was du machst, noch irgendeine Relevanz hat. Das muss jeder für sich selbst beantworten und
jeder selbst mit sich klar kommen. Es stand aber nie zur Debatte, ob das aufhört. Möglicherweise hätte man dann die Karten neu mischen müssen.
Torsten: Aufhören? Nee, daran hat wirklich keiner gedacht. Es wird halt schwerer. Wenn man älter wird, dann hat halt jeder auch seine Eigenheiten. Alle dann wieder in ein Boot zu bekommen und dann
auch in eine Richtung war halt ein bisschen komplizierter. Es sind ja jetzt auch viel mehr Sachen um uns herum. Mit 16, 17, 18, 19 ist alles andere um dich herum einfach scheißegal. Da kannste im
Proberaum rumsitzen und saufen oder auf der Gitarre rumdengeln, aber jetzt zählen andere Sachen. Du hast ja auch Familie und das ist eben auch wichtig. Das lenkt einen dann leider oder
glücklicherweise - je nachdem, was man gerade für eine Scheiße am laufen hat - eben auch ab.
Der Aufnahmeprozess war diesmal ja auch anders. Wann war denn klar, dass Moses Schneider diesmal nicht den sechsten Mann geben wird?
Entscheidend war eigentlich, als wir letztes Jahr auf Tour waren. Wir waren da in Österreich in so einem Hotel und da hat Teute gesagt, dass er nicht mehr in einem anderen Studio singen möchte, sondern lieber im Proberaum. Da haben wir dann gesagt, dass wir dann auch direkt da aufnehmen können. Dann haben wir in Berlin Moses und Torsten (der Manager) gebeten uns das Equipment zu stellen und der Plattenfirma ein bisschen Geld aus dem Kreuz zu leiern und als wir nach Hause kamen, stand das alles da.
Vom Musikgeschmack her kommt ihr teilweise ja aus völlig verschiedenen Ecken. Ich finde, das hört man dem Album auch an, da ist von Reggae über Dub bis hin zum Rock, Punk und Hardcore alles dabei. Seid ihr euch schnell klar über die musikalische Ausrichtung gewesen?
Bernd: Das ist aber nicht nur bei dieser Platte so, sondern war bei den Platten davor ja auch schon so.
Ich finde aber nicht so extrem wie auf dieser.
Torsten: Ja, das ist extremer. Wahrscheinlich auch, weil wir das jetzt besser können. Die musikalischen Vorlieben von uns waren ja schon immer da. Es gibt immer Bands, auf die sich alle einigen
können. Oasis, Seeed, Slayer oder AC/DC, aber auch die kommen aus ganz verschiedenen Lagern. Jetzt sind wir aber vielleicht in der Lage, das zu spielen oder umzusetzen. Wir haben auch viel von diesem
alten Roots-Reggae gehört. Jetzt kann man das auch einfach spielen. Vielleicht haben wir das vorher nicht so hingekriegt. Jetzt macht man die Sachen halt klar oder klarer. Da gibt es dann einen „Milk
& Honey-" Song, einen Reggae-Song und ein Hardcore-Song und alles für sich steht so.
Bernd: Wir geben aber nie eine Richtung vor. Das machen wir nie. Es ist ja auch total unterschiedlich, mit was jeder so ankommt.
Torsten: Selbst die Demonummern können in eine ganz andere Richtung gehen. Von einem Gute-Laune-Punk-Song von Peter...
Bernd:...ist auf der Platte nichts mehr übrig.
Torsten: Nee, gar nichts. Heißt ja auch nicht, dass es immer nur eine Hardcore-Nummer von Bernd sein muss. Bernd hat ja auch Balladen angeschleppt, die haben es eben noch nicht auf das Album
geschafft, vielleicht beim nächsten Mal.
Bernd: Schön ist ja auch, dass man bis zum Schluss nicht weiß, also bis die Platte in unsere Hand liegt, wie es letztlich wird.
Ihr schreibt ja auch alle Songs für eure Alben. Wer hat denn letztlich die Entscheidungsgewalt darüber? Der Urheber oder wird das demokratisch entschieden?
Bernd: Wer den Song geschrieben hat, darf auch entscheiden.
Torsten: Genau so. Jeder probiert auch immer alles aus. Die Platte hat dann auch fünf Bassisten, fünf Schlagzeuger, fünf Gitarristen und fünf Sänger. Das ist aber auch gut, denn so bleibt das Beste
übrig und das nimmt man dann auch.
Wie lange hat sich der Aufnahmeprozess eigentlich hingezogen?
Torsten: Wir haben für die Platte insgesamt ein Jahr gebraucht. Vom ersten Demo vielleicht sogar noch länger, aber ernsthaft war das ein Jahr.
Macht euch als ausgesprochener Liveband die Arbeit im Studio eigentlich Spaß oder ist das das notwendige Übel, um wieder auf Tour gehen zu können?
Bernd: Ganz ehrlich, ich glaube, das sieht jeder anders von uns.
Torsten: Ja, mal ist es so und dann wieder so. Natürlich spielen wir lieber Konzerte als beispielsweise das achtzehnte Bassdemo von „Milk & Honey" aufzunehmen. Auf der anderen Seite haben wir
innerhalb von ein paar Stunden Songs eingeprügelt und das macht natürlich schon eine Menge Bock, wie ich finde.
Seid ihr mit den Reaktionen auf „Boombox" zufrieden?
Bernd: Das kriegt man ja automatisch doch irgendwie mit. Ich bemühe mich jetzt nicht um Aussagen für und über das Album, aber Reaktionen kriegt man doch mit. Da freut man sich aber auch drüber. Ich kann mich aber auch drüber freuen, weil ich keine Erwartungshaltung habe. Was ich mir erhoffe ist immer, dass ich eine Meinung kriege. Das ist auch egal, ob die nun gut oder schlecht ist, Hauptsache eine Meinung. Das ist mir schon wichtig. Wie die ausfallen? - keine Ahnung.
Als Band seid ihr über die Jahre ja immer weiter gewachsen und ein Stückchen bekannter und erfolgreicher geworden. Ich erinnere mich noch daran, wie Bela B. euch immer angepriesen hat. Mittlerweile kennt euch jedes „Rockkind". Hat euch der Erfolg verändert? Hat der Erfolg die Menschen um euch herum verändert?
Torsten: Es sind mehr Menschen um uns herum geworden.
Bernd: Es sind mehr, ja. Auf Tour besonders. Aber warum sollten wir uns verändern?
Torsten: Nee, wir nicht. Zu Hause sind es immer die gleichen Leute die um einen kreisen. Das ist schon alles ganz normal. Man kann ein paar Sachen aber auch nicht weghalten, die eben sehr groß sind.
Gerade heute in der Westfalenhalle. Da gibt es für alles einen Assistenten, einen Bühnenmanager, Produktionsleiter, vier Catering-Ladies und und und. Das ist schon eine andere Nummer als noch vor ein
paar Jahren.
Bernd: Das Selbstbewusstsein hat sich verändert. Das ist schon anders als vor ein paar Jahren. Jetzt weiß man „das mache ich und das kann ich."
Seid ihr denn mal enttäuscht worden? So Erfolge bringt ja auch immer Neider mit sich?
Torsten: Puh, ich weiß nicht. Das ist ja noch alles normal bei uns. Bei uns gibt es ja auch nichts zu holen. Es ist ja nicht so, dass, wenn man mit uns befreundet ist, ein Haus auf Malibu abfällt. Ich habe ja selber kein Haus. Ich denke da eher an einen Elton John, der vielleicht um sich herum so Speichellecker hat oder so ein Bono und so. Bei uns ist ja wirklich alles noch normal. Es gibt ein paar Kumpels, die mal blöde Sprüche machen „ey gib mal ein Bier mehr aus, du bist ja bei dieser Band", aber dann erklärt man mal kurz wie das bei uns läuft und wir im Keller eben nicht die Millionen umschaufeln und dann ist es wieder gut. Was heißt Neider? Klar gibt es auch Typen die besser spielen wie ich und auf mich neidisch sind, aber dann ist er eben in der falschen Band. Ich habe eben das Glück, dass ich in dieser coolen Band spielen darf. Eigentlich ist alles total normal. Oder? Ist doch so. Ich kann ja auch völlig normal durch die Straßen laufen ohne, dass mir einer alle paar Minuten ein Foto abringt.
Bewegt ihr euch mittlerweile anders bei offiziellen Anlässen wie Interviews, TV-Auftritten etc.?
Torsten: Nee! Dieses Beat-TV, was wir machen, sind wir. Die geben ja nicht vor, macht jetzt mal das und das, sondern wir machen und die halten einfach drauf. So versuche ich auch bei jedem
Interview zu sein und auch bei jedem Fernsehauftritt. Wir dürfen jetzt zu Harald Schmidt und das ist natürlich total krass. Hallo? Ich verehre den Typ total.
Bernd: Vor einiger Zeit kam mal einer an und meinte: „Hey, kann ich mal deine Jacke haben?" „Watt willst du?" „Deine Jacke. Du bist doch der von den Beatsteaks, du kannst dir doch eine neue kaufen."
„Nee, kannste nicht, du spinnst wohl." Da kann man dann auch ruhig so eine Arroganz an den Tag legen, denn das ist einfach unverschämt. Das passiert aber wirklich selten.
Torsten: Und dann gibt es noch die, die meinen, dass man sie von den Konzerten kennt. „Hey, kennste mich noch?" „Ähm, nee." „Warum nicht, ich war die letzten Konzerte auch in der ersten Reihe."
Teilweise seid ihr ja auch Väter, verändert einen das als Musiker?
Bernd: Total! Total! Ich glaube jeder Künstler, egal ob Musiker, Bildhauer oder Maler, steht auch ein bisschen gerne im Vordergrund. Da erdet ein Kind einen unglaublich. Ein Kind lehrt dich nämlich,
dass du eben nicht im Vordergrund stehst und es eigentlich total unwichtig ist, was du da machst. Es gibt da gerade jemanden, der ist mit ganz anderen Dingen beschäftigt und das erdet ungemein. Und
das macht genau aus diesem Grund saumäßig viel Spaß.
Torsten: Das macht schon Spaß mit einem Kind, das stimmt. Wir hatten da ein Konzert in Berlin und am nächsten Tag ist man vielleicht noch etwas weich im Keks, weil man ein bis zwei Bier mehr
getrunken hat, aber dann kannste am nächsten Tag nicht im Bademantel auf der Couch sitzen. Dann geht es eben auf den Spielplatz und dann sitzt du da mit dem Kaffee.
Wie denkt ihr über das Internet? Segen oder Fluch?
Torsten: Ich glaube, das wir sich durchsetzen, wie Zähneputzen. Ich glaube ja, dass dies eine Sache ist, die man auch benutzt und dann so Informationen hin- und herschickt. Nee, ich finde das
Internet super geil, ich bin auch ein großer Fan von Facebook. Wenn man es so nutzt, wie man es nutzen will, dann ist das doch eine super Sache. Gut, man ist ein bisschen gläsern, aber na ja.
Bernd: Nutze, was du nutzen kannst und lasse dich nicht benutzen.
Wie sehen denn eure Zukunftspläne nach der Tour aus?
Bernd: Tour, Tour, Tour.
Torsten: Ich hoffe, dass die Tour noch was dauert. Wir werden mit der Platte auch nächstes Jahr noch unterwegs sein, sonst hätte sich die ganze Scheiße ja nicht gelohnt. Wir wollen in Polen noch ein
bisschen spielen, da kommen ja nur 400 Leute, das ist ja noch ausbaufähig. Da kann man ja noch ein paar Mal hinfahren.
Ich danke euch für das Gespräch!
Wir danken dir für deine Zeit und Fragen!
(Torsten Schlimbach bedankt sich bei Cornelia Filipov, Warner und natürlich den Beatsteaks für die freundliche Unterstützung!)