Westernhagen: MTV Unplugged

Westernhagen: MTV Unplugged

Virgin/Universal

VÖ: 28.10.2016

 

Wertung: 9/12

 

Zweieinhalb Jahrzehnte hat es gedauert, bis Westernhagen dann doch noch „MTV Unplugged“ eine Zusage erteilt hat. So lange ist es nämlich schon her, dass der gute Marius eine Anfrage abgelehnt hat. Jetzt, da sich kaum noch einer dafür interessiert und das Format derart inflationär ausgeschlachtet wird, hat er sich dann doch nach dazu entschlossen den Stecker zu ziehen. Früher glich das einem Ritterschlag, aber seit dort beispielsweise auch Cro und Revolverheld auftreten dürfen, setzt man wohl eher auf Masse statt Klasse. Vielleicht sollte Westernhagen dieses Format auch retten!?! Wenn dies der Anspruch war, dann ist dieses Unterfangen gelungen!

 

Westernhagen hat natürlich den entsprechenden Backkatalog im Rücken, um so einen Abend problemlos zu stemmen. Er mag zwar mittlerweile nicht mehr der musikalische Heilsbringer der Nation sein und das Interesse an seiner Musik und Person ist merklich abgeflacht, aber das ändert nichts an seinem teilweise herausragenden Schaffen. Wer den Mann noch auf seinem Karrierehöhepunkt erlebt hat, bringt mit ihm natürlich die ganz großen Stadien in Verbindung. Er kann aber auch eben einen sehr intimen Rahmen mühelos stemmen. Für „MTV Unplugged“ hat er sich dann auch noch ganz vorzügliche Musiker mit in das Boot geholt. In erster Linie wäre da Carl Carlton zu nennen, der sowohl bei Maffay wie auch Lindenberg an den sechs Saiten brilliert. Und Gitarrenarbeit gibt es auf „MTV Unplugged“ sehr viel zu verrichten. Brad Rice und der schon erwähnte Carl Carlton liefern hier erstklassige und sehr gefühlvolle Arbeit ab. Die Slide Guitar sorgt an der einen oder anderen Stelle für das Salz in der Suppe.

 

Das Format schreit ja auch gerne nach einer großen Portion Kitsch. „Weil Ich Dich Liebe“ ist dafür natürlich prädestiniert. Das wird dann auch noch mit ordentlich Streichern musikalisch untermalt. Das Lied gibt das aber auch her und ja, es ist eine sehr schöne Version. Das rotzige und rockige „Alphatier“ sorgt ja gleich danach für das ausgleichende Gegengewicht. Das hat dann aber auch nur noch bedingt etwas von „Unplugged“. Im Grunde funktioniert diese Veröffentlichung ja auch als Retrospektive. Viele Klassiker und Hits tummeln sich da. Westernhagen hat sich mit seinem Team und seinen Musikern aber anscheinend auch sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie man die einzelnen Songs sezieren und neu zusammensetzen kann. Hier wurde nicht nur der Stecker gezogen, sondern durch viele liebevolle, akustische Details und Arrangements die komplette Geschichte aufgefrischt.

 

Gäste gibt es natürlich auch. Die hätte es mitunter aber nicht gebraucht. Bei dem unvermeidlichen „Mit Pfefferminz Bin Ich Dein Prinz“ darf Lindenberg hinter der Schießbude trommeln. Das hätte aber auch ohne den Udo funktioniert. Namedropping gehört aber eben auch zu diesem Format. Die Herzensdame Lindiwe Suttle darf bei „Luft Zum Atmen“ auch mit ordentlich Akzent mitträllen. Nun ja, da kommt „Lass Uns Leben“ mit seiner Tochter MiMi schon zwingender daher – so lange Westernhagen singt. Bei allem Respekt, auch hier wäre es besser gewesen, wenn er das Ding alleine gesungen hätte. Zum Glück steigen zeitig alle Anwesenden im Raum ein und dann passt es ja wieder.

 

„Willenlos“ wird wie ein altes, irisches Folkstück präsentiert. Das reißt mit. „Schweigen Ist Feige“ ist alles andere als stromlos, rockt, ist aktuell wie nie und zeigt, dass Westernhagen mit 67 immer noch ein Rocker ist. Das Kehlige beherrscht er auch immer noch. „Nur Ein Traum“ wird mit Mundharmonika und einer Americana-Instrumentierung vorgetragen. Sowieso ist vieles hier sehr an der amerikanischen Musiktradition angelehnt. Aufgrund der hervorragenden Musiker und der sechs Backgroundsängerinnen und -sänger gelingt dieses Unterfangen auch ganz vorzüglich. Man höre sich nur „Mit 18“ an. Jan Plewka von Selig ist bei dieser Honky Tonk-Version dabei. Ein schönes Duett. Mit „Heroes“ hat sich Westernhagen in ganz große Fußstapfen vorgewagt. Dies gehört ja zu dem Konzept der Show, dass man sich mindestens einen berühmten Song eines anderen Künstlers vornimmt. Es ist letztlich eine ganz ordentliche Version, aber an den großen Bowie kommt das natürlich nicht heran.

 

„Sexy“ ist leider immer noch reichlich ausgelutscht und hört sich nach Pflichtübung an. Das ruhige „Wieder Hier“ wird dem Westernhagen von heute da eher gerecht. Eines der größten Kunststücke dieser Veranstaltung war wohl, dass „Freiheit“ nicht mit Pathos beladen wurde und Westernhagen dem Stück seine Würde zurückgibt. „Johnny W.“ ist – na klar - der Rausschmeißer. Vorher erzählt Westernhagen noch mal, was dieses Projekt für ihn und seine Mitstreiter bedeutet. Es klingt sehr ehrlich.

 

Fazit: Westernhagen spielt sicherlich nicht mehr die Rolle, die er einst als Musiker und Person des öffentlichen Lebens in Deutschland eingenommen hat. Gründe gibt es dafür sehr viele. Mit „MTV Unplugged“ überrascht er nun aber fast auf ganzer Linie. Nicht alles funktioniert, aber vieles wirkt frisch, authentisch und sehr würdevoll. Es war goldrichtig, dass der Mann einst eine Anfrage für „MTV Unplugged“ ablehnte. Jetzt hat er die nötige Reife um diesen intimen Rahmen nicht zu seiner Ego-Show zu machen. Die Songs sind weitestgehend wundervoll arrangiert worden. „MTV Unplugged“ wie es sein sollte - trotz so manchem Stromschlag.

 

http://www.westernhagen.de/

 

Test: Torsten Schlimbach

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