U2: Songs Of Experience

U2: Songs Of Experience

Universal

VÖ: 01.12.2017

 

Wertung: 9/12

 

Ein neues U2-Album ist immer eine höchst polarisierende Angelegenheit. Die Fachpresse und die musikinteressierte Masse hat immer eine Meinung zu dieser Band und der jeweilig (aktuellen) Musik. Selten wird das mit einem gewissen Maß an Objektivität bewerkstelligt. Daumen hoch. Daumen runter. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Oftmals wird das mit einem großen Kübel Häme begleitet. Sind wir mal ehrlich, dies war, wenn es um diese Iren hier geht, schon immer der Fall. Die vermeintlich coolen Kids hörten in den 80ern ganz sicher keine U2-Musik. Mit einem Faible für U2 war man auf dem Schulhof schon automatisch in der Außenseiterrolle. Das Image, welches der Band von der Presse verpasst wurde - und woran die vielen ikonischen Fotos von Anton Corbijn auch ihren kleinen Teil zu beigetragen haben dürften –, das Engagement und das politische Selbstverständnis der Band trugen auch dazu bei, dass jeder seine Meinung über die vier Herren in die Welt hinausposaunte. Wanderprediger war noch einer der harmloseren Varianten. Bono stand dabei meist im Zentrum der Kritik. Aktuell wieder mehr denn je. Warum? Kann man überall nachlesen – selbst in jeder Rezension zum neuen Werk. Ein neues Album wird nämlich diesen Dezember auch mal wieder veröffentlicht. Es ist ein gutes Album geworden, aber man befasst sich abermals wieder nur am Rande mit der Musik. Das ist auf der einen Seite ziemlich schade, auf der anderen aber auch ganz schwach von der einschlägigen Presse!

 

„Songs Of Experience“ heißt das neue Album und ist der Nachfolger von „Songs Of Innocence“. Die beiden Alben sind – was sich schon anhand der Titel unschwer erkennen lässt – miteinander verbunden. Eigentlich war eine Veröffentlichung auch schon viel früher angepeilt. Bonos Fahrradunfall im Central Park in New York und – wie man mittlerweile weiß - nicht näher definierte Ereignisse die Gesundheit des Sängers betreffend, sorgten dafür, dass das Album nicht rechtzeitig fertig wurde. Die weltpolitische Lage wollte zudem auch noch neu bewertet werden. Man schob hastig eine Jubiläumstour für „The Joshua Tree“ ein, was besonders für die Fans eine extrem feine Sache war, da dieses Meisterwerk diesen Sommer auf jedem U2-Konzert in Gänze gespielt wurde.

 

Im Vorfeld von „Songs Of Experience“ wurden schon stattliche fünf(!) Songs – mehr oder weniger – veröffentlicht. „The Little Things That Give You Away“ feierte auf der „Joshua Tree“-Tour sogar schon die Live-Premiere. Mit „You're The Best Thing About Me“ wurde vorab eine Single raus gehauen, die für das Album eigentlich nichts Gutes verheißen sollte. Radiotauglicher und seelenloser Pop im Coldplay-Style ließen einen da erschaudern. Es ging aber auch visuell ganz schlimm, denn „The Blackout“ wurde mit einem ganz und gar scheußlichen Video begleitet. Wir hätten dann noch „American Soul“, ebenfalls eine Nummer, die vorab offiziell vorgestellt wurde und die den Refrain von „Volcano“ von „Songs Of Innocence“ aufgreift und „Get Out Of Your Own Way“, einen musikalisch luftig und leichten Song, der gut in die Sommermonate gepasst hätte. Zielsicher griff die Band mit dem vorab veröffentlichten Material komplett daneben. Das muss aber anscheinend so sein, da den Herren auch bei den letzten Alben dafür ein Händchen fehlte.

 

Die Erwartungshaltung konnte im Vorfeld also nicht weiter im Keller sein. Hört man sich „Songs Of Experience“ in Ruhe und zur Gänze an, dann ist die Überraschung umso größer. Man nimmt U2 endlich mal wieder ab, was man da zu hören bekommt. Die Unschuld wird von der Erfahrung abgelöst und dies mit unglaublich viel Liebe und Herz! Nein, dieses „Songs Of Experience“ ist alles andere als ein Rockalbum. Popmusik? Unbedingt. Kitschig? Aber sicher doch. Melancholisch? Selbstverständlich. Dies wird aber in derart großartige Melodien verpackt, dass einem warm um das Herz wird! „Songs Of Experience“ ist zudem ein Album der alten Tradition verpflichtet, sprich es sollte als Einheit gesehen werden und ist keine Ansammlung von Songs! Es gibt allerdings einige harte Brüche, die man in Kauf nehmen muss. Und sollte. Dazu später mehr.

 

Gleich mehrere Produzenten waren an „Songs Of Experience“ beteiligt. Popzulieferer Ryan Tedder ist abermals dabei, ebenso Altbekannte wie Steve Lillywhite und Jacknife Lee. Mit Andy Barlow ist aber auch ein Mann involviert, der mit seiner eigenen Band Lamb ganz weit von dem entfernt ist, was man eigentlich mit U2 in Verbindung bringt. Aufgenommen wurde in Dublin, New York und Los Angeles. Die nächste Verbindung zu „Songs Of Innocence“ erschließt sich dadurch, dass dies hier - in Anlehnung an William Blakes Gedichtsband-Sammlung „Songs Of Innocence And Experience“ - der 2. Teil ist. Als Ratgeber und weitere Inspiration diente Bono der Professor des Trinitiy College Brendan Kennelly,  welcher dem Sänger mit auf den Weg gab, die Texte so zu verfassen als ob er tot wäre. Herausgekommen sind Texte, die intime Briefe an Orte und Menschen wie seine Familie, Freunde, Fans und ihn selbst sein sollen. Was sich jetzt vielleicht esoterisch liest, ist aber alles andere als das! Es sind berührende und wundervolle Geschichten. Allerdings versteckt sich textlich hinter so manch schöner Melodie auch harte Tobak.

 

Stürzen wir uns mal hinein in das Vergnügen! „Love Is All We Have Left“ ist ein ziemlich ungewöhnlicher Opener. Dieser sphärische und düstere Track kann als Ouvertüre gesehen werden. Selbst der Autotune-Effekt – und wer verwendet im Jahr 2017 denn bitte noch Autotune?! – ist ziemlich passend. Kopfhörer auf und eintauchen in diese Sounds der Albumeröffnung, die schon für die erste Gänsehaut sorgen! Bei „Lights Of Home“ befasst sich Bono mit der Sterblichkeit. Auch mit seiner eigenen Sterblichkeit. Musikalisch wird das allerdings gänzlich anders verpackt wie erwartet. Und hier öffnet sich auch eine Tür, durch die U2 so noch nicht gegangen sind. Man wird nämlich mit Versatzstücken des Desert Rock begrüßt. Natürlich nicht so, wie man das von den Queens Of The Stone Age kennt, aber die Anleihen beim Wüstenrock sind ziemlich offensichtlich und extrem lässig umgesetzt worden. Dies ist eine weitere Errungenschaft von „Songs Of Experience“, denn die Band beschreitet hier durchaus neue Wege. In erster Linie ist da The Edge zu nennen. Viele werden bemängeln, dass sein typischer Gitarrensound nicht vorhanden ist, dass er zu weit im Mix hinten agiert. Ist das wirklich so? Das Album ist nämlich auch ein The Edge-Album, er macht nur Dinge, die man so von ihm nicht gewohnt ist. Dazu gehört eben auch der Auftakt von „Lights Of Home“. Das Slide-Solo, welches er da kurz andeutet, ist ebenfalls ziemlich cool. Bono hingegen gibt uns zunächst den indianerhaften Schamanen und Adam macht das, was er fast auf dem kompletten Album macht: er groovt wie Sau! Die Nummer hat übrigens einen ziemlich poppigen Refrain und zum Ende hin steigen die Chöre empor. Da sage noch einer, dass die Band nicht bereit wäre auch mal neue Dinge auszuprobieren. Natürlich sind das immer noch U2 – allerdings mit geänderten Vorzeichen! Es haut auch noch hin!

 

Jetzt folgt der erste richtige Bruch des Albums. „You're The Best Thing About Me“ ist fürchterliche Chartsmusik auf James Blunt-Niveau. Das Ding nervt. Einzig und alleine dazu angelegt, irgendwie ins Radio gehievt zu werden, fehlt dem Song die Seele. Geschenkt, denn das war auch schon der Tiefpunkt der Platte. „Get Out Of Your Own Way“ ist zwar ähnlich - und wenn man böse wäre, könnte man auch das als Anbiederung an die Charts verstehen, denn der Refrain und die vielen „Haaaaaaaaaaasss“ legen es auch darauf an - aber die Melodie ist wirklich gelungen und die luftige und leichte Atmosphäre sorgt schon dafür, dass sich die Stimmung beim Hörer aufhellt. Mit anderen Worten: der Song versteht es Emotionen zu erzeugen. Zum Ende hin wird der Track gar noch gesteigert, wodurch sich Wiederholungen und Abnutzungen gar nicht erst breitmachen.

Mit diesem Stilmittel arbeitet die Band auf diesem Album gleich mehrmals, denn auch bei „Landlady“ oder „Love Is Bigger Than Anything In Its Way“ wird nach hinten raus noch eine Art Mitsing-Teil eingebaut, der jeweils Gänsehautpotenzial hat – sofern man in der richtigen Stimmung dafür ist.

 

Mit „American Soul“ folgt dann der nächste Bruch im Albumfluss. Immerhin gibt es hier eine Überleitung von Kendrick Lamar und somit ist das für den Hörer ein sanfter Übergang in diese rockige Nummer. Lamar, der für seine klaren und politischen Texte bekannt ist, wurde aber auch nicht ohne Grund ausgewählt. „American Soul“ ist der kritischste Text auf dem Album und geht ganz klar in Richtung Trump. Hier spricht Bono ein Thema an, auf welches er seit Jahren immer wieder zurückkommt: Amerika ist weniger ein Land und vielmehr eine Idee. Musikalisch ist man da hin- und hergerissen. Die Fuzz-Gitarre ist schon recht amtlich, aber den Refrain von „Volcano“ zu übernehmen ist kreativ nicht gerade glücklich – nett ausgedrückt. Wie man „Songs Of Innocence“ und „Songs Of Experience“ besser miteinander verbinden kann, zeigte sich ja bei „Lights Of Home“ und der identischen Zeile aus „Iris“ mit der „Free yourself to be yourself, if only you could see yourself“´, die musikalisch aber eben anders verpackt wurde.

 

„Summer Of Love“ dürfte sich mit dem Thema Syrien (Aleppo) auseinandersetzen. Es gibt aber – wie immer bei U2 – auch eine zweite und dritte Ebene und der Hörer muss sich da schon seine eigenen Gedanken machen. Übrigens ist das abermals ein Song, bei dem Adam richtig toll glänzen kann. Auch The Edge steuert ein paar wirklich schöne Licks bei. Das Gitarrenspiel setzt sowieso sehr schöne und sehnsuchtsvolle Akzente. Auch, wenn das Stück sommerlich daherkommt, schwebt musikalisch eine ganz große Portion Melancholie mit. Auch hier kann man durchaus die Wüste am Horizont blinzeln sehen. Gleichzeitig ist das aber – wie so viele Teile des Albums – unglaublich retro, dass einem da sogar Assoziationen zur Hippie-Musik in den Sinn kommen kann. Freilich nicht die bekiffte Variante, aber was die Stimmung und Atmosphäre betrifft schon. Ach ja, Lady Gaga ist auch dabei, aber wenn man es nicht wüsste, dann wäre es auch egal.

 

„Red Flag Day“ ist das nächste Highlight. Bitte unbedingt live spielen! Man sieht vor dem geistigen Auge nämlich, wie Adam dazu einer abgeht. Das ist ein ziemliches Groove-Monster. Die Funk-Gitarre haut auch gut hin. Bono erzählt ja gerne, dass The Clash einer der Einflüsse von U2 sind, hier kann man das auch mal hören. Insgesamt geht „Red Flag Day“ deutlich in die „War“-Richtung und dürfte somit Altfans in Verzückung versetzen. „The Showman“ ist von Bono für Bono, mit anderen Worten: er besingt sich selbst. Der Song ist faszinierend und nervig zugleich. Die ungewöhnliche Struktur kann einem schnell auf den Zeiger gehen, auf der anderen Seite ist auch das eher retro und reicht bis in die 50er zurück.

 

Nun folgt mit „The Little Things That You Give Away“ der klassischste U2-Song des gesamten Albums. Eine Hymne, die unter die Haut geht. Mitunter ist der Band da sogar noch mal ein ganz großer Wurf gelungen. Das Ding steigert sich wundervoll und die treibende, markante Gitarre ist auch wieder da. Larry lässt es da auch mal etwas scheppern. Bisher spielte er eher im Dienste der Mannschaft. Mit „Landlady“ folgt atmosphärisch das nächste Hippie-Ding. Das ist eine kitschige Ballade, keine Frage, aber auch eine sehr gute. Bono singt den liebevollen Text wunderschön. Für solche Gelegenheiten hat man diese Wort (wunderschön) in seinem Sprachgebrauch. Die Ode an Bonos Frau Ali besticht mit einer großartigen Melodieführung und abermals ist das, was The Edge und Adam da machen, ganz wundervoll.

 

Dann erfährt das Album mit „The Blackout“ den nächsten Bruch. Für den Beginn hat man sich mal eben bei „Even Better Than The Real Thing“ bedient. Kann man freilich so machen. Adam steigt dann ein und treibt das Stück mit sehr viel verzerrtem Groove vor sich her. Auch hier wird der Adressat wieder Trump sein. Insgesamt ist das aber einer dieser Haudrauf-Nummern, bei denen auf den Konzerten zwar gerne gesprungen wird, aber das nutzt sich auch schnell ab. Viel schöner ist da „Love Is Bigger Than Any Thing In Its Way“ - ein Brief von Bono an den eigenen Nachwuchs. Eine Hymne, die durchaus zu berühren versteht. An dem Synth-Sound werden sich zwar die Geister scheiden, aber das macht den Song auch aus. Starkes, gleichwohl auch kitschiges Stück. Mit „13 (There Is A Light)“ gibt es einen ganz ruhigen Closer, so wie man das schon von vielen U2-Alben her kennt. Und die Erfahrung hat uns gelehrt, dass da oftmals alle Körperhaare im Achtung stehen – so auch hier. Der letzte Song spannt dann abermals einen Bogen zum Vorgänger und der markanten Zeile aus „Song For Someone“. „13 (There Is A Light)“ ist aber um Lichtjahre besser, da das Bemühte weg ist, der Refrain nicht mehr geleiert wird. Ein erhabener Abschluss eines – über weite Teile – tollen Albums.

 

Was man so hört, soll der Bonustrack „Book Of Your Heart“ auch ein ziemlich guter Song sein. Uns wurde für eine Rezension allerdings die Standard-Version zur Verfügung gestellt, darum kann an dieser Stelle zu den Bonustracks nichts gesagt werden. Mitunter sollte man aber direkt über den Kauf einer Deluxe Version nachdenken – oder gleich zur großen Box greifen.

 

Fazit: Tja, während die Bands der coolen Kids aus den 80ern schon längst nicht mehr existieren oder bei der nächsten Möbelhauseröffnung spielen, gehen die uncoolen Kids noch auf ziemlich coole Konzerte, weil deren Lieblingsband immer noch – übrigens wie gehabt als vier Freunde und ohne Wechsel im Line-up – Alben aufnimmt und herausragende Konzerte spielt. Oftmals überirdisch gute Konzerte! Wer einmal das Leuchten nach einem U2-Konzert bei den anderen Konzertbesuchern gesehen hat, wird das bestätigen. Auch mit „Songs Of Experience“ wird die Band wieder auf Tour gehen und man darf sich auf das neue Material in seiner Live-Umsetzung freuen. Sind wir mal ehrlich: die uncoolen Kids waren schon damals die cooleren Kids, weil deren Soundtrack des Lebens auch nach mehr als dreißig Jahren später immer noch weiter geschrieben wird! Mit diesem Album hier wird er sogar verdammt gut weiter geschrieben!

 

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Text: Torsten Schlimbach

U2: The Joshua Tree (30th Anniversary – 2CD Deluxe Edition)

U2: The Joshua Tree (30th Anniversary – 2CD Deluxe)

Universal

VÖ: 02.06.2017

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Es gibt sehr gute Alben, es gibt Meilensteine und dann gibt es noch jene Alben, die ein ganzes Jahrzehnt und eine ganze Ära geprägt haben. In den 80ern gab es in der Rockmusik genau zwei jener Alben, die sich dann auch noch über alle Genregrenzen hinwegsetzten und zu einem weltweiten Massenphänomen wurden. Das eine Werk ist „Appetite For Destruction“ von Guns n' Roses, das andere „The Joshua Tree“ von U2. Während der Sänger der einen Band dem Größenwahn verfiel und eine Reinkarnation von Led Zeppelin werden wollte (und die Band schließlich implodierte), begegnete die andere Kapelle dem ganzen Wahnsinn mit Ironie und einer Neuerfindung des eigenen Sounds. Von Guns n´ Roses kam nichts mehr, von U2 eine ganze Menge – oftmals sogar etwas ganz Großes! Im Jahre 2017 sind diese Bands interessanterweise beide auf Tour. U2 hörten freilich nie damit auf, auch wenn die Pause zwischen den Alben und Touren nicht mehr mit der Schlagzahl der 80er zu vergleichen sind. Im Hause U2 wird der 30igste Geburtstag von „The Joshua Tree“ mit einer Tour und jeder Menge Neuauflagen des Meisterwerks gefeiert.

 

Man muss die Feste eben feiern wie sie fallen. „The Joshua Tree“ waren ein monumentales Album und der phänomenale Erfolg machte die vier Iren zur größten Band auf dem Planeten. Viele Fans werden sicher nie vergessen haben, wann sie diesen Meilensteine das erste Mal gehört haben und was sie in diesem Moment gemacht haben. „Auf dem Bett mit geschlossenen Augen gelegen“ dürfte da nicht selten genannt werden. Warum das so war, erschließt sich auch heute noch, denn die Songs haben nichts an ihrer Kraft, Leidenschaft und teilweise erschreckenden Aktualität verloren. Die Musik geht unter die Haut und berührt einen immer wieder auf ein Neues. Wie oft hat man diese Nummern nun schon gehört? Zählen kann man das nicht mehr. Und doch gibt es an der einen oder anderen Stelle immer noch diese wohlige Gänsehaut.

 

Die beiden Gesichter von Amerika sind die zentralen Themen vieler Songs. Die Faszination vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten übte ja schon immer eine ganz besondere Anziehungskraft auf die Iren aus. Gleichzeitig klingt vieles aber auch angewidert von der dunklen Seite der USA. Aufgrund der Ereignisse der letzten Monate, Tage und Stunden, ist das ein erschreckend aktueller Bezug. Mit „Where The Streets Have No Name“ und „In God´s Country“ werden zudem auch noch zwei weitere Phänomene vertont: die Anonymität der Großstädte und die Weite des Landes - speziell der Wüste. Natürlich kommt mit „Bullet The Blue Sky“ und „Mothers Of The Disappeared“ auch die politische Seite nicht zu kurz. „Running To Stand Still“ ist eine berührende Beschreibung einer Drogenabhängigen, während sich Red Hill Mining Town“ mit den Minenarbeiterfamilien auseinandersetzt.

 

Im Grunde ist jeder Songtext auf diesem Album unglaublich ausdrucksstark. Mal ist es die Trauer um Greg Carroll in „One Tree Hill“ oder der Seelenstriptease von Bono in „With Or Without You“. Und nein, „The Joshua Tree“ ist kein trauriges Album. Eine gewisse Melancholie liegt über manchem Song, andere wiederum sind wütend und kraftvoll. Die Symbiose aus der Musik und den Texten ist sehr stimmig und lässt das zu einem zeitlosen Klassiker werden, der so überhaupt nichts mit dem musikalisch furchtbaren Jahrzehnt zu tun hat. Guns n´ Roses mögen die Rolling Stones des Jahrzehnts gewesen sein; U2 waren und sind mit all ihrer aufrichtigen Leidenschaft und Kreativität die Beatles der 80er! Und im Zweifelsfall sind die Beatles immer die bessere Wahl!

 

Zur Besprechung wurde uns die 2CD Version geschickt (zur Super Deluxe Box hat der Kollege unten noch sehr detailliert eine Rezension verfasst). Hier gibt es noch einen bisher unveröffentlichten Mitschnitt aus dem Madison Square Garden vom 28.09.1987 zu hören. Leider ist das – wie es bei U2 an der Tagesordnung ist – kein komplettes Konzert. „Exit“ ist gar vom zweiten Abend im Garden. Warum man die beiden epischen Songs „Bad“ und „The Unforgettable Fire“ nicht auch noch veröffentlicht hat – und sei es als Download – bleibt mal wieder eines der ungelösten U2-Rätsel. Da dies nun ausgerechnet auch noch zwei Fan-Favoriten sind, ist das umso ärgerlicher. Da fragt man sich besser gar nicht erst, warum man „Sundy Bloody Sunday“ zerstückelt hat. Man darf sich allerdings über die wirklich exzellente Klangqualität freuen. Die unglaubliche Präsenz, welche die Band nun mal hat, kommt hier mit voller Wucht beim Hörer an. „With Or Without You“ ist in dieser Form immer noch ein Brett! „I Will Follow“ sehr kraftvoll und mit dem berührende „Running To Stand Still“ gibt es ein wirklich sehr schönes Kleinod zu hören. „Exit“ bläst – im Gegensatz zur Albumversion – alles weg und mit „40“ gibt es den Konzert-Closer von U2 schlechthin endlich mal in einer ordentlichen Qualität zu hören. Es ist unglaublich schade, dass man im Hause U2 die Chance verpasst hat ein ganzes Konzert in dieser Klangqualität zu veröffentlichen! Die Band war damals in Hochform.

 

Fazit: „The Joshua Tree“ verdient immer die Höchstwertung. Immer. Warum es dafür hier nicht ganz gereicht hat? Es gilt ja hier das vorliegende Material zu bewerten und da gibt es kleine Abzüge in der B-Note, weil der Live-Mitschnitt etwas zerstückelt wurde. Die beeindruckende Klangqualität macht es sogar noch ein bisschen tragischer, da man gerne die fehlenden Songs und das komplette „Sunday Bloody Sunday“ in dieser Form gehört hätte. Die schnuckelige kleine Box, die zum 20-jährigen Jubiläum 2007 veröffentlicht wurde, ist übrigens inhaltlich immer noch die bessere Wahl, weil dort das damals lange gesuchte Video zu „Red Hill Mining Town“ und das Konzert aus Paris auf DVD beilagen. Nach der „Über Box“ zu Ehren von „Achtung Baby“ musste man sich aber was einfallen lassen und so gibt es nun auch von „The Joshua Tree“ eine fette und wertige Box mit allerlei Klimbim.

 

Text: Torsten Schlimbach

 

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U2: The Joshua Tree (Super Deluxe Boxset)

“The high school crowd hasn't been too happy with our product lately. I can't blame them. They want new material. Our stuff's been repeated too many times. You can't sell the same stuff to the same old crowd forever.”
(U2, 1993, Numb [Emergency Broadcast Network Mix])

“Yes, you can.”
(U2, 2017)

U2‘s “The Joshua Tree” erscheint heute zum wiederholten Male in diversen Jubiläumseditionen auf CD und Vinyl als Box-Set, als einfache Doppel-CD sowie digital. Über das Album an sich, welches dieses Jahr 30 wird, brauche ich wohl keine großen Worte mehr zu verlieren. Es ist das wichtigste Album von U2, ein Klassiker und Meilenstein der Rockmusik, mit 11 grandiosen, zeitlosen Songs. Von seiner Faszination hat es seit der ersten Veröffentlichung im März 1987 nichts verloren. Musik für die Ewigkeit.

 

Die Neuauflage beinhaltet die bereits 2007 veröffentlichte remasterte Version des Albums, klanglich hat sich also nichts verändert, was aber angesichts der hervorragenden Qualität auch nicht nötig gewesen wäre.

 

Die Doppel-CD beinhaltet einen bisher unveröffentlichten Live-Mitschnitt der 1987er Tournee aus dem Madison Square Garden vom 28.09.1987. Leider wurde das Konzert (bzw. der Zusammenschnitt zweier Abende, „Exit“ wurde erst am 29.09. gespielt) auf CD-Länge gekürzt, so dass die Trackliste nicht der Setlist eines kompletten Konzerts entspricht.

 

Das ausgerechnet „Bad“ und „The Unforgettable Fire“, an beiden Abenden gespielt, der Kürzung zum Opfer fiel ist umso ärgerlicher. Zudem ist „Sunday Bloody Sunday“ zwar enthalten, aber ebenfalls gekürzt (bei Minute 3:00), und zwar so dilettantisch, dass es gleich beim ersten Hören auffällt.

 

Wirklich neue Live-Songs gibt es auch nicht, einen Großteil der Joshua-Tree-Tracks gab es schon auf der im 2007er-Boxset enthaltenen DVD aus Paris, später auch als digitaler Audio-Download veröffentlicht. Die Paris-DVD ist übrigens in dem neuen Box-Set nicht mehr dabei.

Dennoch eine tolle, kraftvolle Liveaufnahme von sehr guter Klangqualität. Die unglaubliche Energie, die U2 live entfachen, begeistert immer wieder und ist hier schön nachzuempfinden. Highlight ist neben dem Opener „Where The Streets Have No Name“ das als Zugabe erneut gespielte „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ mit dem New Voices Of Freedom Gospel Chor. Eine wahnsinnig intensive Performance.

 

Die weiteren CDs des Box-Sets enthalten sämtliche Bonus-Tracks (abgesehen von der gekürzten und überflüssigen Single-Version von „Where The Streets Have No Name“) der 2007er-Ausgabe, also alle (wirklich hervorragenden) B-Seiten der damaligen Singles, bis 2007 unveröffentlichte Outtakes und den damals neuen Track „Wave Of Sorrow“.

 

Neu hinzugekommen sind zudem 7 neu produzierte Remixe (u. a. von den Album-Produzenten Brian Eno und Daniel Lanois) sowie Steve Lillywhites (seinerzeit für den Mix einiger Tracks verantwortlich) bisher unveröffentlichter alternativer Mix von „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“. Dieser klingt mit der hervorgehobenen Akustik-Gitarre stärker als die Album-Version nach einem Folk/Gospel-Song eines rastlosen Wanderpredigers.

Ansonsten gehen die Remixe teils in Richtung Electronic / Ambient („One Tree Hill“ von Brian Eno und St. Francis Hotel, „With Or Without You“ von Daniel Lanois), teils in die elektronisch-rockige Richtung („Bullet The Blue Sky“ von Jacknife Lee).

 

Steve Lillywhites Mix von „Red Hill Mining Town“ bleibt dicht am Original, mit leicht verändertem Ende, von Bono neu eingesungenen Strophen und dezentem Bläser-Einsatz. Gut vorstellbar, dass 1987 tatsächlich eine Single-Version so geklungen hätte.

 

Der “Running To Stand Still” Remix von Daniel Lanois ist mein Highlight. Noch reduzierter und zerbrechlicher als die Albumfassung, ein wundervolles Kleinod.

 

Flood, neben Steve Lillywhite seinerzeit am Mix des Albums beteiligt, hat mit “Where The Streets Have No Name” leider einen eher uninspirierten Remix beigesteuert, der die Energie des Originals nicht erreicht und sich zudem durch eine teils bewusst schlecht abgemischte Gesangsspur auszeichnet.

 

Insgesamt sind aber alle Remixe durchaus hörbar, wirklich Pflichtprogramm sind sie jedoch nicht.

Musikalisch gibt es also eher wenig Neues zum 30jährigen. Aber es ist ja nicht nur die Musik, die so ein Box-Set ausmacht, sondern auch das Set als solches, und das ist dem Album angemessen.

Der große, stabile schwarze Schuber mit dem golden folierten Joshua Tree macht einen wertigen Eindruck.

 

Neben den CDs befinden sich noch Fotodrucke von Anton Corbijn sowie ein 84seitiges Hardcover-Buch mit persönlichen Fotos aus der Fotosession zum Albumcover in der Mojave-Wüste, aufgenommen von The Edge, in der Box.

 

All das ist hochwertig verarbeitet und lässt jedem Fan das Herz aufgehen.

Das Box-Set ist damit vor allem für Hardcore-Fans, die wirklich alles von U2 brauchen, und zudem Freude an hochwertigen Sammler-Boxen haben interessant. Vinyl-Sammler freuen sich zudem über die (mit Ausnahme der 1987 auf den Maxi-Singles veröffentlichten B-Seiten) erstmals auf Vinyl erhältlichen Bonus-Tracks.

 

Wen nur das Live-Konzert interessiert dem sei die Doppel-CD (oder der Download) empfohlen. Die Remixe können bei Interesse aus dem digitalen Deluxe-Set einzeln gekauft oder auch bei den gängigen Streaming-Diensten abgerufen werden.

 

Insgesamt eine schöne Jubiläums-Ausgabe, aber die hohe Zweitverwertungsquote, das unglücklich gekürzte Konzert und der Wegfall der Paris-DVD kosten dann doch Punktabzug.

Zur wirklich ultimativen „The Joshua Tree“ Edition ist noch Luft nach oben. Aber das Album wird ja schon in zwanzig Jahren 50.

 

Wertung : 7/10 Bäumen

 

Text: Stephan Hardt

 

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U2: Achtung Baby (20th Anniversary)

U2: Achtung Baby (20th Anniversary)

Universal

VÖ: 28.10.2011

 

Wertung: 13/12

Tipp!

 

Für viele U2 Fans feiert in diesen Tagen ein ganz besonders Album 20-jähriges Jubiläum. Für manche ist es das mit Abstand beste und wichtigste Werk der Iren. Andere gehen sogar soweit und ordnen dieses Album als das Nonplusultra der Musikgeschichte ein. Mit Sicherheit hat diese Platte vor knapp zwanzig Jahren so manches Leben nachhaltig geändert, beeinflusst und Türen aufgestoßen die bis dahin nicht mal erahnt wurden. Zwei Worte reichen aus um immer noch für glänzende Augen zu sorgen: Achtung Baby!

Manch einer mag sich die berechtigte Frage stellen, wo die letzten zwanzig Jahre geblieben sind. Ist das wirklich schon so lange her? Es ist in der Zwischenzeit viel passiert. Nicht nur im Hause U2, sondern auch bei den Fans. Die politische Lage hat sich extrem gewandelt und gar eine ganz neue Fangeneration wurde geboren. Mittlerweile trifft man auf den Konzerten Fans, die waren zur Veröffentlichung von "Achtung Baby" nicht mal in Planung. Und ein nicht ganz unwesentlicher Aspekt im Falle dieser Platte ist der rasante technische Fortschritt, der uns den Alltag mittlerweile erleichtert und verschönert - aber eben auch Segen und Fluch zugleich ist.

Was wären wir heute nur ohne das Internet? Was das mit "Achtung Baby" zu tun hat? Eine ganze Menge! Es wird der Tag kommen, da wird man in Foren, Blogs und den vielen Gabelungen des Netzes lesen können, dass Bono gleich Song X schreiben wird. Die Fans sind mittlerweile eben besser informiert wie die Band selbst. Geheimnisse und Überraschungen sind folglich nicht mehr an der Tagesordnung. Und jetzt drehen wir die Uhren wieder zurück! Zurück ins Jahr 1991! Man muss sich nämlich immer wieder vor Augen halten, dass der Informationsfluss seinerzeit recht schleppend war. Man suchte sich mühsam das Nötigste zusammen und stöberte meist die internationalen Zeitungen am Bahnhof nach neuen Informationen von und über U2 durch. Die Erfolge waren zu dieser Zeit recht überschaubar.

Und dann waren da noch folgende Worte von Bono: "We've had a lot of fun, just getting to know the kinda music that we didn't know so much about. I was explaining to people the other night, but I might have gotten it a bit wrong, that this is just the end of something for U2, and that's why we're playing these concerts. We're throwing a party for ourselves and for you. It's no big deal, we have to go away and just dream it all up again.” Für Fans schwer zu schlucken! Was hatte dies zu bedeuten? Für viele Menschen – der Legende nach waren es wohl 300 Millionen die das legendäre New Years Eve Konzert an den Radiogeräten dieser Welt verfolgten – waren die Klänge des Konzerts die letzten, die man von U2 gehört hatte. Gut, man kannte noch die erste Single von "Achtung Baby" - "The Fly". Aber das musste ein Fehler im U2-System sein. Auch dieses komische kleine Bildchen von Bono im Innenteil war vermutlich nur schlecht fotografiert. Irgendwas war eben seltsam.

Ruft man sich das alles in Gedächtnis zurück und vor dem Hintergrund, dass man praktisch überhaupt keine Informationen hatte, ist es eigentlich immer noch unglaublich was U2 zu dieser Zeit für einen Mut bewiesen haben. Das bunte Jahrzehnt der 80er hatte einen nicht darauf vorbereitet. Und die musikalische Explosion, die durch "Nevermind" und Nirvana und die fortschreitenden 90er folgen sollte, war noch nicht vorhanden. Die eigene musikalische Welt, das Wissen und Verständnis war noch recht überschaubar. Die letzten Albumklänge von U2 waren übrigens "All I Want Is You" von "Rattle and Hum" – trotz des Infernos zum Schluss eine eher leise und wunderschöne Ballade.

Alles zurück auf Anfang also! Und nun kann man sich ansatzweise vielleicht denken, wie es gewirkt hat, als man "Achtung Baby" das erste Mal mit klatschnassen Händen auf den Teller des Plattenspielers gelegt hat. Die Nadel aufgesetzt und dann.....? Da rollten diese düsteren Industrial-Klänge von "Zoo Station" über einen hinweg. Man war sprachlos. Irgendwas stimmte doch hier nicht. Es ist kein Mythos, dass viele ihre Musikanlage für defekt hielten. Genau so war es! Auf der einen Seite "All I Want Is You" und jetzt "Zoo Station"? Das war zu viel. Und dann diese verzerrte Stimme. War das überhaupt Bono? Das Gitarren-Geheul bei "Even Better Than The Real Thing" machte es auch nicht gerade besser. Was bitte sollte das sein? Wo war der "Roots"-Rock gepaart mit den typischen U2 Merkmalen der letzten beiden Alben hin? Einzig "One" ließ einen aufatmen. Man spürte, dass diese Nummer zu Größerem geboren war. Dass dies mal einer der wichtigsten – wenn nicht gar DER wichtigste - Song von U2 werden würde, konnte man sowieso noch nicht ahnen. Das düstere "Until The End Of The World" rockte zwar wie Hölle, aber wenn man da beispielsweise "Desire" im Hinterkopf hatte, war dies doch eine ganz andere Baustelle – man betrat zusammen mit U2 Neuland! "Wild Horses" überzeugte zwar mit einer schönen Melodie, aber auch da war ein Rauschen, ein Fiepen, ein Dröhnen, wie man es eben von U2 überhaupt noch nicht gehört hatte. Mit "So Cruel" folgte der nächste völlig untypische Song. Piano schön und gut, aber wo war der Refrain? Überhaupt, wo waren die Hymen? "So Cruel" sollte einer jener Songs bleiben, die sich erst ganz spät erschlossen. Und sang da Bono nicht konsequent an der Melodie vorbei? Die Frage nach Larry und Adam stellte sich zudem auch noch. Dass die beiden bei diesem Album zur Höchstform aufliefen hörte man unter diesen schockähnlichen Umständen zunächst nicht. Dafür war man viel zu sehr mit diesen anderen komischen Klängen befasst.

Irgendwie schlugen zwei Seelen in der Brust. Ganz weit im Inneren spürte man, dass dieses Album etwas ganz Besonderes ist, aber man war auch persönlich betroffen, denn schließlich waren das nicht mehr die U2, die man in der Vergangenheit so sehr geliebt hatte. "The Fly" schlug einem wie eine schallende Ohrfeige ins Gesicht und was bitte sollte "Mysterious Ways" sein? U2 zum TANZEN! Was war passiert? "Tryin' to throw your Arms around the World" war zunächst etwas unscheinbar und ging etwas unter, gerade neben den letzten drei Krachern des Albums. "Ultra Violet" passte wie die Faust auf das Auge zu diesem Werk. "Acrobat" bestach mit einer düsteren Faszination und dann kam "Love Is Blindness". Diese epochale Meisterwerk fuhr einem durch alle Glieder und so manch einer dürfte sich die eine oder andere Träne aus dem Augenwinkel gewischt haben. Es gibt Musik, die kann man körperlich spüren, die verändert einen für einen Moment, die lässt die Welt da draußen still stehen, die wie ein Schlag in die Magengrube wirkt, die einen sprachlos macht - "Love is blindness" fällt in diese Kategorie!

Es ist auch kein gern erzähltes Märchen, dass so mancher U2 Fan nach dem ersten Vollkontakt mit "Achtung Baby" sein Fansein für ein paar Tage an den Nagel hing. Trotzdem spürte man, dass dies eine ganz, ganz große Platte IST! U2 waren ihrer Zeit und einem Großteil der Fans weit voraus. Die Musikwelt war darauf einfach nicht vorbereitet. Die U2 der ausgehenden 80er hatten sich stark an amerikanischer Musik orientiert und jetzt kam das europäische "Achtung Baby" mit industriellen, düsteren und schwermütigen Klängen wie aus dem Nichts!

Düster rollt das grandiose "Zoo Station" mit seinen Industrial-Klänge los. "Even Better Than The Real Thing" und ganz besonders "Mysterious Ways" geben sich ganz und gar danceorientiert und mit "The Fly" und "Until The End Of The World" orientieren sich U2 sogar am Heavy Bereich. Guckt man sich die Entwicklung der Musikgeschichte an, dann kamen so Dinge und Modeerscheinungen wie Crossover, Britpop, Techno, House, Dance, Dubstep, Indie, Alternative, New Soul, Nu-Metal und wie sie auch alle heißen mögen. Vor diesem Hintergrund kann man sich noch mal "Achtung Baby" anhören – fällt was auf? Nein, U2 sind sicher nicht die Pioniere und Erfinder dieser Genre-Schubladen, aber erstaunlich dürfte trotzdem sein, dass man dies auch alles in feinen Nuancen auf "Achtung Baby" findet.

Diese Platte ist aber noch aus einem weiteren Grund ein absolutes Meisterwerk! Auch aus lyrischer Sicht befand man sich auf dem Höhepunkt. Songs wie "One", "Acrobat", "So Cruel" oder "Love Is Blindness" sind durchzogen von Zerrissenheit und gescheiterter Liebe. Düster und schwermütig sind dies Sternstunden der Dichtkunst. Die ganzen Umständen, die dazu führten – Scheitern von Edge's Ehe, das Innenleben der Band war auch nicht gerade auf Heiterkeit gepolt, die ganzen obskuren Situationen in Berlin, die eher zu einer handfesten Depression taugten – erfuhr man erst nach und nach, als dies alles von den Medien in nur allen erdenklichen Facetten beleuchtet wurde. Allgemein war die Rede von den "neuen U2". So ein kleiner Treppenwitz der U2-Geschichte und die Sicht der Medien auf die vier Iren hält "Achtung Baby" auch noch bereit. Wurde die Band zuvor noch als die griesgrämigen Gebetsbrüder verspottet, war nun angeblich eine deutliche Kurskorrektur zu vernehmen. Auf den Text und die Verweise von und in "Until The End Of The World" hat wohl keiner geachtet.

Der letzte Baustein, der dieses Album zu einem perfekten Gesamtkonzept macht ist das Artwork. Klar, die Fotos von Anton Corbijn aus der Vergangenheit waren toll. Aber mal ehrlich, so richtig viel Spaß machte das Durchblättern der CD-Booklets nicht gerade. Ganz anders "Achtung Baby"! Man konnte und kann sich über Stunden mit dem Artwork, den vielen Fotos und Texten beschäftigen. Man verliert sich förmlich darin. Dies stellte für viele Fans damals zunächst auch eine Herausforderung dar. U2 in Frauenkleidern, Sonnenbrillen über das ganze Gesicht ("The Fly"), Schminke, Trabbis und die Haare waren ab (na gut, zumindest kürzer und im Falle von Adam wieder blond). "Achtung Baby" ist in allen Belangen ein Gesamtkunstwert! Wer es nicht kennt, hat tatsächlich eine Sternstunde der Musikgeschichte verpasst!

Dies war aber nur der Auftakt eines wahnwitzigen Rauschs für Band und Fans. Die Videokunst wurde auf ein neues Level gehoben, die Livekonzerte glichen einem Overkill für die Sinne und dazwischen wurde einfach mal so und völlig unerwartet das Album "Zooropa" nachgeschoben. U2 trieben es mit Nummern wie "Numb", "Lemon" oder "Daddy Gonna Pay For Your Crashed Car" auf die Spitze. Ein Wahnsinnsritt auf der Rasierklinge. Mit "Stay" war immerhin ein Song dabei, der alle U2 Fans rechts und links am Wegesrand einsammelte. Dieser andauernde Rausch trieb U2 schließlich an den Rande der psychischen und physischen Belastbarkeit und mündete fast in einem Desaster. Bono trieb sich in Japan an komischen Orten rum – Opiumhöllen, wie er es selbst nennt – und die traurige Geschichte von Adam in Sydney dürfte ja bekannt sein. U2 wurden von ihrer eigenen Ironie überrollt.

Wer "Achtung Baby" bisher verpasst hat, sollte diese musikalische Bildungslücke nun mit der "20th Anniversary Edition" schließen. Im Vorfeld gab es viel Wirbel um remastered oder nicht. Das Booklet teilt dazu mit: 20th Anniversary Edition: Mastering directed by The Edge.

Es fällt schwer, bei den einzelnen Formaten den Überblick zu behalten. Mit vielen Raritäten und Schmankerln wurden die neuerlichen Editionen ausgestattet. Wer diese Phase der Band liebt, darf im Grunde nichts verpassen. Man kann dieses Album nämlich noch mal ganz neu entdecken. Dies war ja auch die Zeit der Remixe und B-Seiten. Die dürfen hier natürlich nicht fehlen und somit gibt es einen ganzen Reigen – gerade "Even Better Than The Real Thing" und "Mysterious Ways" geben da eine ganze Menge her. Der B-Seiten Kracher "Lady With The Soninng Head (UVI)" fehlt dabei ebenso wenig wie die Coverversionen. Hier zeigt sich dann auch, dass U2 das unsichtbare Band zu den Helden der Musikgeschichte nicht verloren hatten. "Satellite Of Love" von Lou Reed, "Paint It Black" der Stones oder "Fortunate Son" von John Fogerty sind folgerichtig hier nicht vergessen worden. Es ist immer wieder interessant, diese Songs in einem "Achtung Baby" Gewand zu hören. Die Cole Porter Nummer "Night And Day" war seinerzeit ja schon ein Fingerzeig in Richtung "Achtung Baby" - ebenfalls auf den CDs hier zu finden. Alles in allem ist das aber für den Hardcore-Fan nichts Neues und das steht bestenfalls schon mehrfach im Schrein.

Interessanter sind da schon jene Tracks, die bisher unveröffentlicht sind oder noch völlig unbekannt. Endlich hat man es geschafft und "Blow Your House Down" offiziell auf einem Tonträger untergebracht. Für Fans ist die Nummer natürlich kein unbekannter Song, aber eben unveröffentlicht. Das Ding rockt im Refrain schön durch die Prärie und macht eine Menge Spaß. Kann man sicher nicht mit den Sternstunden auf dem eigentlichen Album vergleichen, aber trotzdem eine feine Geschichte, dass man das Ding nun doch noch raus haut. Gleiches gilt für die Ballade "Heaven And Hell" welche noch einen Hauch Sessions- und Fragmentcharakter an den Tag legt. Das düstere "Oh Berlin" fängt die Ästhetik jener Zeit perfekt ein. Der höchst melodische Refrain steht dabei in krassem Gegensatz zu den gesprochenen Strophen (hallo Lou Reed). Erinnert sich noch einer an "Boomerang"? In gewisser Weise hat man nun auch einen Nachfolger gefunden. Und wer schon immer "Numb" mit der Stimme von Bono hören wollte darf nun Bauklötze staunen. Die größte Überraschung dürfte die Soul-Nummer "Everybody Loves A Winner" sein. Musikalisch erinnert das stark an "Time Is On My Side" der Stones. Der Track könnte die Lager wieder spalten und für die einen wird es eine wunderschöne Ballade sein, während der Rest hingegen von Katzengeheul sprechen wird.

Ist "Achtung Baby" eigentlich erwachsen? Muss ja, denn es gibt noch eine weitere höchst beachtliche Version: Willkommen im Kindergarten! "Kindergarten – The Alternative Achtung Baby" gab vorab Rätsel auf. Was ist das, worum geht es und VORALLEM wie wird es sich anhören? Roher! Rauer! Mehr von der Stimme dominiert! Noch nicht so ausgereift! Die Handschrift von Eno und Lanois ist noch nicht derart deutlich erkennbar wie beim eigentlichen Album. Die Texte sind teilweise auch anders und noch bruchstückhaft. Kennt man das eigentliche Album, dann ist es extrem spannend, diese Songs in diesen Versionen zu hören. Man lernt die Platte so noch mal völlig neu kennen. U2 nehmen den Zuhörer hier an die Hand, gehen mit diesem durch die Tür und gewähren einen Blick hinter die Kulissen: "guck mal, was wir später daraus gemacht haben!". "One" ist hier beispielsweise noch weit von der überlebensgroßen Hymne entfernt. In diesem Entstehungsstadium verbreitet das mitunter eine Lagerfeuerromantik. Bei den "Wilden Pferden" ist Bono nicht nur auf der Suche nach dem passenden Text, sondern auch der richtigen Stimmlage, denn den Refrain singt er zunächst wesentlich tiefer. "So Cruel" wirkt schon überraschend ausgereift und auch "The Fly" und "Mysterious Ways" sind nah an der Entscheidungsfindung zur finalen Version dran. Das kann man von "Tryin' To Through Your Arms Around The World" nicht gerade sagen. Love, Peace and Happiness? Musikalisch auf alle Fälle! "Ultra Violet (Light My Way)" und "Acrobat" bewegen sich hingegen in bekannten Gefilden. Die größte Überraschung ist das epochale "Love Is Blindness" mit über sieben Minuten – absoluter Anspieltipp! Willkommen in den Abgründen der menschlichen (und musikalischen) Seele! Dieser Kindergarten macht Spaß und ist sehr aufschlussreich. Diese ganze Entstehungsgeschichte ist ja gerade durch die ganzen Bootlegs mit den Studio-Sessions bestens dokumentiert und trotzdem schafft es gerade dieses zusätzliche Album ein anderes Licht auf "Achtung Baby" zu werfen!

Fazit: "Achtung Baby" ist das Meisterwerk von U2 und ebenfalls eines der Musikgeschichte. Die tiefgründige, dunkle, teils schwermütige Musik und lyrische Dichte zählt zu den Sternstunden der letzten Dekaden. Das Artwork vervollständigt das Gesamtkonzept kongenial! Der Geburtstag zum 20. wird nun gebührend gefeiert und mit viel Liebe zum Detail und so mancher Rarität angereichert. Die 20th Anniversary Editionen sind dem Anlass entsprechend großartig ausgefallen. Mehr als die Höchstwertung geht ja eigentlich nicht, aber dies hier hat mindestens 13/12 verdient!

 

www.u2.com


Text: Torsten Schlimbach

Bono And The Edge: Music From Spider-Man Turn Off The Dark

Bono And The Edge: Music From Spider-Man Turn Off The Dark

Universal

VÖ: 10.06.2011

 

Wertung: 7/12

 

Wenn man über das Spider-Man Musical spricht, dann landet man schnell bei Pleiten, Pech und Pannen. Schon lange geistert das ambitionierte Projekt im Orbit herum. Jetzt wird doch noch alles gut, auch wenn man gefühlt ein ganzes Jahrzehnt darauf warten musste. Moment! Wer hat denn überhaupt darauf gewartet? Die unzähligen Fans des Spinnenmannes oder waren es doch die vielen U2-Fans? Wer diesem Projekt sehnsüchtiger entgegen gefiebert hat, sei mal dahingestellt. Ermüdungserscheinungen machten sich jedenfalls in allen Lagern breit und man hat neue Meldungen über dieses Projekt eher mitleidig hingenommen. Gewollt war dies bestimmt nicht.

 

Man kann es sich jetzt einfach machen und den Eimer mit der Häme schon mal bereitstellen. Vielleicht hat der eine oder andere auch schon den Verriss in der Schublade liegen. Immerhin gilt es hier Bono und The Edge von U2 ans Bein zu pinkeln. Warum in aller Welt müssen die nun auch noch an diesem unsäglichen Musical mitarbeiten? Gegenfrage: warum denn nicht? Früher oder später landet irgendwie jeder Musiker in Klassikgefilden oder eben bei einem Musical. Diese Tradition wurde mit den Rockopern beschritten. Von McCartney über Roger Waters bis hin zu Sting hat jeder schon mal in diesem Becken gefischt – mal mehr, mal weniger erfolgreich und gelungen.

 

Betrachtet man nun „Music Form Spider-Man Turn Off The Dark“ unter den gegebenen Umständen, dann müssen alle Kritiker kleine Brötchen backen. Nein, natürlich wird das Rad nicht neu erfunden und schon gar nicht die Musikgeschichte oder jene von U2 umgeschrieben, aber als Musical-Musik funktionieren diese vierzehn Songs hervorragend. Unter dem Strich ist es dies, was letztlich zählt. Bei diesem Projekt ging es nicht darum ein neues Hitalbum zu schreiben, nein, die Songs sollen schließlich die Geschichte transportieren und musikalisch untermalen. Dieser Aspekt sollte dabei nicht in Vergessenheit geraten, auch wenn es bei dem einen oder anderen U2-Fan ein langes Gesicht geben wird. Unter der Oberfläche finden aber auch die zahlreichen Anhänger von Bono und The Edge genug Elemente, die es eben auch bei der Hauptband zu entdecken gibt. Alles andere wäre vermutlich auch eine faustdicke Überraschung gewesen.

 

Eingesungen wurden die einzelnen Stück allesamt von den Schauspielern des Musicals. Wer ein ausgesprochenes Faible für Musicals hat, wird damit bestens bedient werden. Unter diesem Gesichtspunkt funktioniert das sogar ohne die visuelle Umsetzung. Vielleicht sogar besser, denn einige dramaturgische Schwächen fallen so weniger ins Gewicht und auf. Produziert wurde die Kiste von Steve Lillywhite. Diese Wahl war für dieses Vorhaben hier genau richtig. Der Mann hat in der Vergangenheit ja schon so manchen U2-Song glattgebügelt, was dem Spider-Man Projekt aber dann wieder gut zu Gesicht steht.

 

Bono und The Edge sind auf auf den Tracks „Rise Above 1“, „Picture This“, „Sinistereo“ und „A Freak Like Me Needs Company“ zu hören. „Rise Above“ ist überhaupt das zentrale Stück der Musik. „Boy Falls From The Sky“ entpuppt sich dann sogar als waschechter U2-Song, zumindest haben alle vier Bandmitglieder daran mitgeschrieben. Teile der Stücke liegen ja sowieso seit Jahren in der Schublade und der geneigte U2-Fan hat diese schon mal irgendwo gehört. Interessant ist auch, dass The Edge auch Motive aus seiner Arbeit für Batman – dem anderen Superhelden – verwendet hat.

 

Zurück zu „Rise Above“. Man kann es drehen und wenden wie mal will, aber Wiedererkennungswert hat das Stück auf jeden Fall und stellt somit auch den Fixpunkt dieser Geschichte dar und hat auch das Potenzial für sich alleine zu stehen. Als einmalige Musical-Geschichte kann man den Songschreibern sicher keinen Vorwurf machen. „Picture This“ ist eine leichte Nummer, die sich gar noch mal vom U2-Track „Fast Cars“ inspirieren ließ. Das düstere „Sinistero“ gibt sicher am meisten her, während „A Freak Like Me Needs A Company“ mit einem Disco-Beat aufwarten kann. Der Refrain ist für sich gesehen furchtbar, aber als Musical-Stück funktioniert es dann doch wieder. Der Rest ist eben in ein Musicalgewand gepresst und letztlich ist somit eine Punktlandung geschafft worden, denn nur darum geht.

 

Fazit: Lässt man mal die ganzen Horrormeldung über das Spider-Man Musical außen vor und betrachtet es nur unter Glasglocke eben eines Musicals, dann muss man anerkennen, dass diese vierzehn Songs dem Vorhaben voll und ganz gerecht werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! So langsam sollten Bono und The Edge ihre Kirmesbühne einpacken und eine lange Pause einlegen, damit die Ohren frei vom ganzen Kleister werden, denn das nächste U2 Album darf sich gerne anders anhören!

 

www.u2.com

www.u2tour.de

 

Text: Torsten Schlimbach

S U C H E
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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch