Tom Petty and the Heartbreakers: Mojo (Limited Tour Edition)

Tom Petty and the Heartbreakers: Mojo (Limited Tour Edition)

Warner

VÖ: 08.06.2012

 

Wertung: 11/12

Tipp!

 

Tom Petty muss ein überaus glücklicher Musiker sein. Frei von allen Zwängen des Geschäfts trommelt er seine alte Mannschaft wieder zusammen und schüttelt mit „Mojo“ ein Album aus dem Ärmel, welches nach keinem Marketingplan entworfen wurde und unter Garantie auch nicht irgendwelche Käuferschichten im Auge hatte. Letztere ergibt sich durch die Fanbasis zwar wie von selbst und trotzdem hört man der Scheibe einfach an, dass hier jeder Ton genau so ist, wie ihn die Mannen um Petty haben wollten.

 

Neil Young hat Crazy Horse, Bruce Springsteen die E-Street Band und Tom Petty seine Heartbreakers. Zwar machen sich diese alten Recken der Rockmusik auch immer wieder auf, die Welt auf Solopfaden zu beglücken, aber immer wieder finden sie in den Schoß der Band zurück. Bei Petty dauerte dies nun geschlagene acht Jahre, aber nun wurde das alte Feuer bei allen Beteiligten wohl wieder entfacht. „The Last DJ“ datiert immerhin von 2002. In der Zwischenzeit waren Mike Campbell und Benmont Tench beispielsweise für die „American Recordings“ Aufnahmen von Johnny Cash im Einsatz.

 

Dann stand ja noch das Mammutprojekt der 4-CD-Box „The Live Anthology“ an und schließlich kam Petty auch noch die Idee in den Sinn, die Southern-Rock-Gruppe Mudcrutch wiederzubeleben. Dies alles dürfte nachhaltigen Einfluss auf „Mojo“ gehabt haben. Dieses Album klingt nämlich fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Overdubs? Fehlanzeige! Musiker, die sich nicht das Studio teilen und mittels moderner Kommunikationsmittel ihren Part von A nach B schicken? Fehlanzeige! Die sechs Bandmitglieder standen gemeinsam im Studio und spielten die Scheibe live ein. Das muss man sich mal vorstellen – LIVE! Die jüngere Musikergeneration weiß vermutlich gar nicht mehr, wie man dies in einem Studio handhaben soll.

 

So ist letztlich mit „Mojo“ ein Werk entstanden, welches von Musikliebhabern über alle Maßen geschätzt werden wird. Sicherlich ist dies nur eine Scheibe für Menschen jenseits der 30, böse Zungen würden vielleicht sogar das Wort Altherrenmusik in den Mund nehmen. In letzter Konsequenz ist dies einfach ein uramerikanisches Album, welches die verschiedenen Spielarten unter einen Hut bringt. Man darf dann auch durchaus das Wort zeitlos in Bezug auf „Mojo“ in den Mund nehmen. Die fünfzehn Songs sind nämlich erdig, authentisch und vermitteln die pure Freude an der Musik!

 

Zwischen Country, Blues, Southernrock und natürlich auch den einen oder anderen Folkelementen kristallisiert sich ein Werk heraus, welches zutiefst im Americana verankert ist. So gut waren Tom Petty and the Heartbreakers schon lange nicht mehr. Man spürt einfach die besondere Energie, die von den Musikern ausgeht, wenn sie zusammenspielen. Das ist selten und wertvoll! Schon der bluesige Auftakt „Jefferson Jericho Blues“ lässt allen Heartbreakers genug Spielraum zur Entfaltung. Getragen von dem Harmonicaspiel eines Scott Thurston läuft auch gerade Mike Campbell zur Hochform auf. „First Flash Of Freedom“ lässt die Melodien schwirren und fliegen und ist die pure musikalische Entspanntheit. Das Gitarrenspiel nimmt übrigens schon Züge des Progrock an. „Running Man´s Bible“ wandelt erneut auf den Spuren des Blues, bevor das wunderbare „The Trip To Pirate´s Cove“ sich in Balladengefilde aufmacht. Was heißt überhaupt Ballade? Das ist heute ja meist negativ behaftet. Diese musikalische Vielfältigkeit, mit der die Musiker hier zu Werke gehen, hat eine ganz andere Qualität. Zurücklehnen, Augen schließen und genießen.

 

„Candy“ steht dann ganz in der Tradition der letzten Bob Dylan Alben. Petty kopiert aber nicht nur, sondern ist auf eine Stufe mit dem Meister zu stellen. Die Rhythmussektion mit Ron Blair und Steve Ferrone treibt die Nummer unaufhörlich nach vorne. Mike Campbell tobt sich dazu immer wieder auf seiner Spielwiese aus und legt die eine oder andere Gitarrenfigur auf das Tablett, dass es eine schiere Freude ist. „No Reason To Cry“ ist abermals im Balladenfach anzusiedeln, nur um anschließend mit „I Should Have Know It“ den ersten richtigen Rocksong von der Leine zu lassen – mit allem was dazugehört. „U.S.“ klingt gar wie aus den ganz großen Zeiten des Blues entsprungen. Und immer dann, wenn man denkt, jetzt müsste die Platte aber abfallen, kommt schon der nächste Kracher um die Ecke. So einen Stampfer wie „Takin´ My Time“ kriegen einfach nur die ganz Großen aus dem Handgelenk geschüttelt – und zwar ohne, dass es peinlich oder aufgesetzt wirkt. „Let Yourself Go“ und „Don´t Pull Me Over“ sind sehr guter Heartbreakers-Standard, bevor einen „Lovers Touch“ glatt in eine verrauchte Bar entführt. Ach so, rauchen darf man da ja gar nicht mehr. Die Scheibe klingt aber ebenso. Und nach Whiskey, nach Schweiß, nach Staub der Straße und nach der Schwüle der Sümpfe! „High In The Morning“ zieht das Tempo dann glatt noch mal an. „Something Good Coming“ biegt in Springsteen-Manier auf die Zielgerade ein und „Good Enough“ ist schließlich der tieftraurige und großartige Abschluss.

 

Die Limited Edition enthält nun noch eine zusätzliche CD mit Livesongs. Seit einer gefühlten Ewigkeit beehrt der Meister nun noch mal die deutschen Fans und da macht sich dieses Doppelset natürlich ganz gut, gerade aufgrund der Tatsache, dass die zwölf Aufnahmen auch recht aktuell sind und während der Tour 2010 aufgezeichnet wurden. Wer sich „Mojo“ bisher also noch nicht zugelegt hat kann sich freuen und nun auf die limitierte Ausgabe zurückgreifen. Auf welchen Fan trifft diese Tatsache denn zu? Eigentlich wären hier kritische Töne mehr als gerechtfertigt, da man mittlerweile ja gar nicht mehr weiß, wann denn nun der richtige Zeitpunkt ist ein Album käuflich zu erwerben. Es ist ja nun schon an der Tagesordnung, dass nach relativ kurzer Zeit immer wieder die eigentlichen Alben mit jeder Menge Bonusmaterial – sei es nun live, Outtakes oder Remixe – erneut auf den Markt geschmissen werden. Der Fan guckt dabei oftmals in die Röhre und muss in den sauren Apfel beißen und sich das Ding im Zweifel erneut kaufen. In Zeiten von sinkenden Abverkäufen und wenig Vertrauen in die Branche ist das eine Unart, die nicht besonders schön ist.

 

Im vorliegenden Fall liegen die Dinge allerdings etwas anders, denn man bekommt dieses 2-CD Set zum Preis einer Einzel-CD. Wer „Mojo“ also schon im Regal stehen hat, kann also ruhig ein zweites Mal zugreifen, da die zweite CD im Grunde ein vollwertiges Livealbum ist! Ein verdammt gutes zudem! Unbedingt laut hören! Wie gut ist bitte diese Abmischung und der Klang?! Hier ist jeder Ton deutlich zu vernehmen.

 

Gerade bei den alten Heulern wie „Listen To Her Heart“, „You Don´t Know What It Feels“, „I Won´t Back Down“ oder „Refugge“ und „American Girl“ könnte man ja denken, dass man die von Petty und den Heartbreakers schon bis zum Erbrechen gehört hat. Umso überraschender ist es, dass die Songs derart frisch und zum Teil noch um feine Nuancen umarrangiert klingen. Nichts ist mit lieblos runtergespielt. Das macht verdammt noch mal eine ganze Menge Spaß! Auch die neueren Tracks fügen sich gut in das Gesamtbild ein. Das ist stimmig und bei den zwölf Stücken zeigt sich abermals, dass dies eine der besten Formation ist, dieses Genre zu bieten hat. Herausragend ist „You Don´t Know What It Feels“ - die Mundharmonika ist das Eintrittsgeld schon alleine wert!

 

Fazit: Mit „Mojo“ ist Tom Petty and the Heartbreakers ein vorzügliches Album gelungen. Die sechser Bande taucht ganz tief in die amerikanische Musik ein. Dies ist garantiert nichts für den schnellen Konsumenten, da man sich in die Scheibe reinwühlen kann und muss und es zudem an jeder Ecke etwas zu entdecken gibt. Erdig und authentisch bahnt sich die Band ihren Weg bis an die Wurzel allen musikalischen Ursprungs ihres Mutterlands. Hier präsentiert sich eine Formation, die frei von allen Zwängen Songs nach ihrem Gusto aufgenommen hat. Die Live-CD verkürzt die Wartezeit bis zu den Konzerten, steigert die Vorfreude aber zugleich noch mal ungemein!

 

10. Juni - Hamburg, O2-World
25. Juni - Köln, Lanxess Arena
30. Juni - Mannheim, SAP Arena

 

www.tompetty.com

 

Text: Torsten Schlimbach

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