Tom Odell: Wrong Crowd (Deluxe Edition)

Tom Odell: Wrong Crowd (Deluxe Edition)

Sony

VÖ: 10.06.2016

 

Wertung: 8/12

 

Die Unschuld hat Tom Odell längst verloren. Nach dem Megaerfolg seines ersten Albums „Long Way Down“ sind die Erwartungen an den Songwriter exorbitant. Die bekannte Drucksituation, die sich der Künstler aber eben auch selber auferlegt. Hinzu kommt bei Odell dann auch noch eine schier endlos erscheinende Promoreise für das Debüt. Da kann man dann auch mal schnell ausbrennen. Odell zog die Reißleine und machte sich auf in das ferne New York. Hier konnte er in die Anonymität der Großstadt untertauchen und erste zaghafte Songwriterversuche für „Wrong Crowd“ beginnen. Zurück in London packte ihn aber schnell das Fernweh und es ging nach Los Angeles. So langsam nahm „Wrong Crowd“ Konturen an. Die Aufnahmen fanden letztlich in den Rockfield Studios in Wales statt.

 

Nach dem Hit ist bekanntlich vor dem Hit. „Silhouette“ ist so ein Ding, welches da eher nach Reißbrett klingt. Das ist furchtbare Popmusik, die sogar knapp am Schlager vorbeischrammt. Letztlich war die Sorge aber unberechtigt, dass Odell vielleicht den falschen Weg eingeschlagen hätte. Die Songs mögen opulenter sein, üppiger ausgearbeitet und das ein oder andere poppige Element mag auch Einzug in den Sound gehalten haben. Letztlich lässt „Wrong Crowd“ aber immer noch sein Singer/Songwriterherz erkennen. Und rocken kann er auch. „Daddy“ lärmt schon ganz ordentlich. So ein bisschen Muse blitzt da durch.

 

„Here I Am“ ist allerdings auch von allem zu viel. Streicher. Backgroundgesang. Pop. Der Titeltrack „Wrong Crowd“ eröffnet das neue Werk aber sehr schön und erinnert teilweise an Barjazz. „Magnetised“ kommt sogar als Gospelstück daher. Dann schwingt sich Odell auf in den Pophimmel. „Concrete“ fährt ein paar Gänge runter und kommt sehr soulig rüber. „Constellations“ ist die Art Klavierballade, bei der Odell seine stimmliche Brillanz in die Waagschale schmeißen kann. „Sparrow“ bringt abermals ein paar Popelemente unter, schwingt sich gesanglich aber auch in unschöne Höhen auf.

 

„Still Getting Used To Being On My Own“ kommt an die großen Showsongs eines Billy Joel heran. „Here I Am“ ist ganz gefällig und „Somehow“ beendet das eigentliche Album sehr theatralisch. Gut, dass die Deluxe Edition noch vier weitere Songs beinhaltet. „She Don´t Belong To Me“ passt, „Mystery“ erinnert aber auch Katzengejammer. „Entertainment“ stellt die Balance wieder her. Odell flötet zu den Klavierklängen sogar. Letztlich mag das unspektakulär sein, aber das entschlackte Gewand steht Odell ungemein gut. „I Thought I Knew What Love Was“ lässt das Werk wunderschön ausgleiten. So wie es begonnen hat, wird „Wrong Crowd“ beendet.

 

Fazit: Damit hätte Tom Odell dann auch das zweite Album gemeistert. „Wrong Crowd“ will viel, schafft aber auch viel: Pop, Rock, Gospel, Soul und Jazz. Die Höhen, in die sich der gute Tom bisweilen aufschwingt, sind auch mal unschön – das kennt man aber ja schon von ihm. Der Schunkelpop ist neu und nicht immer das gelbe vom Ei. Das sind aber nur Nuancen, denn über weite Strecken kann „Wrong Crowd“ überzeugen und die opulente Ausarbeitung passt. Die Deluxe Edition hat vier Bonustracks am Start, wird in einem Schuber geliefert, dem ein Faltblatt beiliegt: die eine Seite entpuppt sich als Poster, die andere enthält die Texte.

 

https://www.tomodell.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Tom Odell: Long Way Down

Tom Odell: Long Way Down

Sony

VÖ: 21.06.2013

 

Wertung: 8,5/12

 

Tom Odell aus dem südenglischen Chichester ist durch die harte Mühle des Klinkenputzens gegangen. Seine Auftritte organisierte er sich ganz alleine. Einfach mal in einem Pub nach Auftrittsmöglichkeiten fragen oder bei jeder Open Mic Veranstaltung aufzuschlagen dürfte einen Teenager schon einiges an Überwindung kosten. Tom Odell hat schon ganz früh diesen Weg für sich gewählt. Mit dreizehn Jahren fing er an Songs zu schreiben und dieser Prozess hielt knapp ein Jahr lang an. So lernte er immerhin einen Teil von Brighton und seiner Szene kennen, denn dorthin war er mittlerweile umgezogen. Ein weiterer Umzug nach London veränderte schließlich noch mal alles. Eine Anzeige am Schwarzen Brett des Goldsmiths Colleges war schließlich die Initialzündung dafür, dass er es als ernsthafter Musiker versuchen wollte. Sein Debütalbum „Long Way Down“ hatte hier seinen Ursprung und viele Ideen zu den Songs schwirrten schon damals in seinem Kopf herum. Jetzt ist Tom Odell 22 Jahre jung und gilt als einer der großen musikalischen Hoffnungsträger für das Jahr 2013

 

Im Fernsehen war er erstmals in der TV-Show „Later… with Jools Holland“ zu sehen. Es gibt sicher schlechtere Sendungen um sich ins Gespräch zu bringen. Eine Tour mit Jake Bugg und Michael Kiwanuka eröffnete ihm noch mal ganz neue Möglichkeiten und dann kam sein Song „Another Love“ bei Modeschauen des Fashionlabels Burberry und auch als BBC TV-Trailermusik zum Einsatz. Selbige Nummer kann man mittlerweile auch bei uns im täglichen Fernsehprogramm hören. Ein Telefonriese nutzt nun nämlich auch „Another Love“ um damit eine TV&Onlinekampagne musikalisch zu untermalen. Es scheint fast so, als wäre Tom Odell zur Zeit der Liebling der Medienbranche. Dies ist allerdings auch schon wieder mit großen Erwartungshaltungen verbunden, die er nun mit seinem Album „Long Way Down“ erfüllen soll.

 

Erfreulicherweise ist „Another Love“ nicht der beste Song von „Long Way Down“. Das Stück zieht einen zwar unweigerlich in seinen Bann, ist aber auch schnell nervend und wahrscheinlich schon längst überspielt. Die Stimme von Tom Odell läuft sowieso Gefahr den falschen Nerv zu treffen. Sein oftmals jammernder Stil wird nicht jedem gefallen und ist James Walsh von Starsailor nicht unähnlich. Perfekt ist anders, aber Tom Odell liebt auch das Unperfekte und das ist gleichzeitig auch die große Stärke von „Long Way Down“. Seine überschwängliche und euphorisierende Art ist ansteckend. „Hold Me“ holt einen komplett ab. Große Melodien, großer Bombast und große Gesten sind Odell nicht fremd. Er garniert dies aber mit einem schrägen Gitarrensolo und malträtiert das Klavier, als wollte er die ganze Freude der Welt dort reinlegen.

 

Aber nicht nur überschwappende Freude regiert hier, denn das tieftraurige „Sense“ scheint mit seinem ganzen Kummer getränkt zu sein. Odell legt in seine Songs seine ganze Emotionen rein. „Can´t Pretend“ spielt dann auch die Klaviatur einmal hoch und runter. Von leise bis laut. Von traurig bis euphorisch. Von ambitioniert bis leicht drüber. Die Nummer erinnert nicht von ungefähr an eine Oper. Muse hat Odell in seinem Leben sicher auch schon mal häufiger gehört. Ist „Grow Old With Me“ nicht einfach schön? Hier trifft er auch den richtigen Ton. Britische Popmusik wie sie besser nicht sein könnte. Eigentlich ist Odell noch zu jung dafür und auch seine Stimme klingt wesentlich reifer, als sein tatsächliches Alter vermuten ließe. Und dann packt er auch noch immer einen tollen Refrain in seine Songs. „I Know“ gräbt sich dabei nicht nur ganz tief in die Ohren, nein, das erreicht auch das Herz. „Long Way Down“ ist ein zutiefst ehrliches und glaubhaftes Werk. Manchmal übertritt der Musiker und Sänger zwar die Grenzen des Erträglichen und übertreibt es bisweilen ein bisschen und dann übernimmt das Pathos die Führung. So lange es aber gelebte Emotionen sind, geht auch das voll und ganz in Ordnung, denn es gibt schon genug Musiker die nur nach Schema F arbeiten. Hoffentlich behält sich Odell seine unbekümmerte Art bei.

 

Fazit: Tom Odell mag schon seit seinem siebten Lebensjahr eine musikalische Ausbildung im Klavierspielen genossen haben und auch der Besuch des renommierten Institute of Modern Music hat sicher dazu beigetragen, dass er selbstsicher in dem wurde, was er musikalisch veranstaltet. Was man nicht erlernen kann ist Talent und davon hat er eine ganze Menge in die Wiege gelegt bekommen. Tom Odell macht handgemachte Popmusik britischer Prägung die sämtliche Emotionen hoch- und runterspielt. Manchmal etwas zu viele, aber dafür immer authentisch.

 

http://tomodell.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch