Tired Pony: The Ghost Of The Mountain

Tired Pony: The Ghost Of The Mountain

Universal

VÖ: 16.08.2013

 

Wertung: 9/12

 

Preisfrage: was machen Musiker, die in der Superstarliga agieren und so ziemlich alles erreicht haben, aber immer noch hungrig sind und tonnenweise Songs schreiben, die aber nicht so richtig in das Konzept der eigentlich Band passen? Sie trommeln Kollegen, Freunde und Wegbegleiter zusammen, denen es ähnlich geht und die in alle Richtungen offen sind. Die Geburtsstunde einer Supergroup ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Im Falle von Tired Pony war es 2010 dann soweit. Das Debütalbum wurde überall mehr als wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber kaum einer konnte sich vorstellen, dass Gary Lightbody, Iain Archer, Peter Buck, Scott McCaughey, Richard Colburn, Troy Stewart und Jacknife Lee dieses Projekt weiter verfolgen werden. Gary Lightbody verspürte auf der letzten US-Tour während seiner Hauptbeschäftigung mit Snow Patrol jedenfalls den Drang Tired Pony wieder mit Leben zu füllen und trommelte die Mannschaft erneut  zusammen. Das Ergebnis liegt nun mit „The Ghost Of The Mountain“ vor und übertrifft „The Place We Ran From“ gar noch.

 

Es ist ja immer ein Kreuz mit diesen Supergroups. Oftmals sind die Ergebnisse enttäuschend, was mitunter aber auch an den hohen Erwartungshaltungen liegt. Andere wiederum verlieren sich komplett in einem Kunstansatz, der dann jegliche Natürlichkeit vermissen lässt. Jetzt, da das schwierige erste Album der Supergroup Tired Pony einiges wieder gerade gerückt hat, weiß man ungefähr was man zu erwarten hat und die Truppe dürfte frei von jeglichem Druck gewesen sein. „The Ghost Of The Mountain“ lässt auch keinen anderen Schluss zu. Entstanden ist die Geschichte bei Jacknife Lee in Topanga Canyon, nahe L.A.. Die zwölf Songs entstanden binnen zwei Wochen – wohlgemerkt die fertigen Tracks! Spontaner kann man wohl kaum eine Platte aufnehmen. Der Gedanke, dass dieses Album etwas schluderig wirkt, ist da mitunter naheliegend. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Dieses Werk mag sich simpel gestrickt anhören, aber je öfters man es laufen lässt umso mehr entdeckt man die vielen kleinen Details, die „The Ghost Of The Mountain“ so liebenswert machen.

 

Gerade Gary Lightbody wirkt richtig gelöst. Dies hört man seinem Songwriting, aber auch der Art, wie er die Songs singt, an. Tired Pony scheint hier die Wirkung eines Jungbrunnens zu haben. Die Songs selber sind gegen jegliche Trends gebürstet. Die Zielgruppe ist natürlich klar umrissen, denn natürlich werden Snow Patrol- und R.E.M.-Fans in erster Linie zugreifen. Das liegt ja auch in der Natur der Sache. Tired Pony machen im Grunde aber zeitlose Musik, die sicher nichts für die Schulhöfe dieser Welt ist. Dies ist Musik, die vornehmlich ältere Semester begeistern dürfte und nicht die Jungspunde einsammeln wird. Darüber hat sich die Band aber ganz sicher keine Gedanken gemacht.

 

Es ist sowieso fraglich, ob sich die Herren überhaupt irgendwelche Gedanken gemacht haben. Die Musik hört sich vielmehr nach einfach mal lauf lassen an. Buck sagte im Vorfeld zwar, dass Lightbody wohl ein Folk-Album mit Kalifornien-Einschlag machen wollte und er hingegen an Krautrock gedacht hätte. Vielleicht liegt darin ein bisschen Wahrheit und man hat sich in der Mitte getroffen, aber geplant hört sich das alles nicht an.

 

„The Ghost Of The Mountain“ ist eine weitestgehend ruhige Platte. Die Stimmung ist meist positiv, auch wenn die Texte in die Abgründe der menschlichen Seele blicken und am Ende des Tages ein Paar vor dem Scherbenhaufen ihrer Beziehung steht. Tired Pony kleiden die Schattenseiten des Lebens in wunderschöne Melodien und somit bekommt das irgendwie noch eine positive Wendung.

 

Ganz langsam baut sich „I Don´t Want You As A Ghost“ auf und fungiert als eine Art Türöffner für die Platte. Buck malt mit seiner Gitarre die schönsten Landschaften und die Uhuhuh-Chöre sind aus den Stadien, in denen Snow Patrol schon gespielt haben, mitgebracht worden. Popmusik freilich, aber man ahnt schon hier, dass da noch viel mehr schlummert. Die kleinen, aber sehr feinen Licks bei „I´m Begging You Not To Go“ sind schlichtweg brillant. Überhaupt ergänzen sich die drei Herren an den Gitarren hervorragend. Archer, Buck und Jacknife Lee klingen, als würden sie seit Jahrzehnten zusammen spielen. „The Crash In The Floorborads“ ist abermals Popmusik der Extraklasse. Natürlich winkt da auch immer irgendwo der Folk aus der Ferne, schaut der Country zur Tür herein oder fliegt ein Staubkörnchen des Americana vorbei. Und doch könnte es keine schönere Popmusik auf der ganzen Welt geben wie in diesem Moment von Tired Pony. Das melancholische „All Things All At Once“ ist erstmals etwas weniger fröhlich ausgefallen. Bei R.E.M. und Snow Patrol hätte man dazu geneigt, dies mit jeder Menge Bombast und Pathos anzureichern. Dies hier ist herrlich entschlackt und auf den Punkt gebracht. Das ist einer jener Songs, die völlig unscheinbar verhallen, aber wer einmal davon mit auf die Reise genommen wurde, wird fortan einen treuen Begleiter durch die stürmischen Zeiten haben.

 

Wird denn eigentlich auch gerockt? Bei „Blood“ irgendwie schon und „The Beginning Of The End“ erinnert gar ein bisschen an die Indiemusik der 90er, die wiederum von Roxy Music inspiriert wurde. Müsste man den Aufgang der Frühlingssonne vertonen, dann würde sich dieser ziemlich sicher wie „Carve Our Names“ anhören. So klingt eine Band, die Spaß hat und zudem keinem mehr etwas beweisen muss. „Ravens And Wolves“ schleppt sich etwas dahin, aber mit „Punishment“ werden alle wieder wachgerüttelt. Alle? Alle! Mit „The Ghost Of The Mountain“ und besonders „Your Way Is The Way Home“ (mit Minnie Driver als Sängerin) wurden zwei Glanzlichter zum Schluss gesetzt, die die amerikanische Weite ebenso vertont haben, wie die bedrückende Enge einer Großstadt.

 

Fazit: Tired Pony legen mit „The Ghost Of The Mountain“ ein zeitloses Zweitwerk vor, welches auf einem Popfundament gebaut wurde, aber ohne die Hilfe des Country, Folk und Americana nicht stehen könnte. Die Band muss sich und anderen nichts mehr beweisen und hat dieses Album zwar schnell, aber mit vielen liebevollen Details auf die Beine gestellt. Besser wie der Vorgänger – und noch (be)frei(t)er. Schönes Ding!

 

http://www.tiredpony.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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