The Who: Live At Fillmore East 1968

The Who: Live At Fillmore East 1968

Universal

VÖ: 20.04.2018

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Als The Who am 05. Arpil 1968 nach New York für das Tour-Finale kamen, war Amerika im Aufruhr. Dr. Martin Luther King wurde am 06. April 1968 ermordet und The Who entschlossen sich kurzerhand zwei Konzerte zu streichen. Eigentlich waren The Who für vier Shows an zwei Tagen gebucht, aber aus Angst vor Unruhen einigte man sich auf jeweils eine Show pro Abend. Die Band hatte mit Keith Moon zudem noch einen Problemfall in der Band, der großen Gefallen an Böllern gefunden hatte und damit gerne mal die Türen des jeweiligen Hotels, in dem die Band gastierte, in die Luft zu jagen. The Who mussten während dieser Tage somit dann auch noch drei Mal umziehen! Trotzdem durfte die Band als erste britische Kapelle als Headliner in Bill Grahams legendärem Club Fillmore East in Manhattans Lower East Side auftreten. Graham hatte den Club erst im März eröffnet. Ein Jahr zuvor spielte das Quartett zwar auch schon in dieser Örtlichkeit, aber da war es noch das Village Theatre.

 

Eigentlich sollten die Konzerte gefilmt werden. Die Idee dazu stammte von Manager Kit Lambert, der aber später feststellen musste, dass vom ersten Abend nur ein Teil mitgeschnitten wurde. Immerhin lag der zweite Abend vollständig vor. Nun hat Soundengineer Bob Pridden, der auch bei den Konzerten im Fillmore East an den Reglern stand, es von den original 4 Spur-Bändern komplett restauriert und neu gemixt. Zum 50. Jubiläum dieser legendären Konzerte wird das nun erstmals offiziell veröffentlicht. Zu Beginn der 70er machte ein Bootleg dieser Konzerte die Runde und trug maßgeblich zum legendären Ruf, The Who seien eine der besten Live-Bands, bei.

 

Nun gibt es vierzehn Songs zu hören, die sich auf zwei CDs erstrecken. Dies liegt aber natürlich auch daran, dass „My Generation“ sich mehr als eine halbe Stunde ausbreitet. Der Song wird da in seine kompletten Einzelteile zerlegt. Das ist ein irrsinniger Jam und Keith Moon und Pete Townshend werden zu wilden Tieren an und hinter ihren Instrumenten. Eine derartige Raserei ist wie der Tanz auf einer Rasierklinge. Entwistle hält auf magische Art und Weise noch zusammen, was zu jeder Sekunde droht komplett auseinanderzubrechen. Zum Schluss tut es das dann auch und Schlagzeug und Gitarre wurden (hörbar) zerlegt.

 

Die damalige Tour muss, auch aufgrund der Aktivitäten drumherum, ziemlich kräftezehrend gewesen sein. Umso überraschend ist es, dass die Band sich hier derart in die Songs werfen kann. Das fängt schon mit der Coverversion des Eddie Cochran-Songs „Summertime Blues“ an. Das gleicht ja einem Torso. Aber einem strukturierten. The Who gehen äußerst aggressiv zu Werke. Es gibt zwar auch mal ruhige Passagen, wie bei „Tattoo“, aber dafür schlägt Townshend dann in den lauten die Saiten derart hart an, dass dies schon alleine das Eintrittsgeld wert war. „I Can´t Explain“ klingt dann auch nicht mehr so brav wie in der Studioversion. „Happy Jack“ lässt zwischendurch mal eine kurze Verschnaufpause zu. Dafür wird mit „Relax“ dann über epische elf Minuten alles niedergewalzt - wie ein Bulldozer fegen The Who über die Zuhörer hinweg. Das nimmt auch einiges von dem vorweg, was in den 90ern auf dem Alternativsektor los war. „I´m A Boy“ schafft die Balance zwischen dem Britpop der 60er, hat aber auch schon einige Klänge zu bieten, die man ein gutes Jahrzehnt später unter Punk verbuchen konnte. „A Quick One (While He´s Away)“ gibt es in einer sensationellen langen Version mit voller Breitseite auf die Ohren. Die Coverversionen „C´mon Everybody“ und „Shakin´ All Over“ reihen sich da perfekt ein.

 

Fazit: „Live At Fillmore East 1968“ von The Who ist ein tolles und historische Zeitdokument. Die Band prescht hier durch die Songs und das Set, als wäre es da allerletzte Konzert der Rockmusik. Der Sound wurde liebevoll restauriert, kann aber selbstverständlich nicht mit heutigen Maßstäben gemessen werden. Trotzdem kann man die einzelnen Instrumente sehr gut heraushören, was aufgrund der Aggressivität, wie selbige gespielt werden, schon schwer genug war herauszuarbeiten. Insgesamt ist das ein tolles Livedokument einer Band, die spielt als ginge es um ihr Leben.

 

https://www.thewho.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

The Who: Pete Townshend´s Classic Quadrophenia

The Who: Pete Townshend´s Classic Quadrophenia

Deutsche Grammophon/Universal

VÖ: 05.06.2015

 

„Quadrophenia“ von The Who ist eine der großen Rock-Opern, da ist es nur konsequent, dass das vorliegende Projekt irgendwann realisiert wurde. Das Meisterwerk von The Who ist ja wie gemalt für ein Orchester, eine klassische Umsetzung - gar für eine Oper. Pete Townshend möchte dies, da er nun im Herbst seines Lebens angekommen ist, auch in treue Hände abgeben. Er bat Rachel Fuller, mit der er seit Jahren befreundet ist, eine Orchesterpartitur dafür zu schreiben. Dies sollte aber nicht nur für die ganz große klassische Bühne funktionieren, sondern auch für eine einfache Umsetzung mit Klassikaufführung am Klavier hinhauen. Das Ergebnis liegt nun einstweilen in der Form von „Classic Quadrophenia“ vor.

 

Fans von The Who und von „Quadrophenia“ finden sich schnell zurecht, man braucht allerdings eine Vorliebe für eine große Orchestrierung, für den klassischen Gesang und den Bombast. Mit Rock hat diese Umsetzung ja nichts mehr zu tun. Die Stimme für den Leadgesang schlug übrigens Mark Wilkinson von der Deutschen Grammophon vor. Mit Alfie Boe hat man da sicher die richtige Wahl getroffen. Überraschenderweise wirkt aber auch Billy Idol auf vier Songs mit. Bei genauer Betrachtung passt das aber ganz gut und Herr Idol ist auch im fortgeschrittenen Alter noch gut bei Stimme und wenn man sich seine letzten Auftritte anguckt, dann ist er sogar in der Form seines Lebens.

 

Pete Townshend singt bei „The Punk And The Godfather“ und spielt bei „I´m One“ und „Drowned“ Gitarre. Dies geht allerdings fast unter. Hier wird das ganz große Orchester-Besteck herausgeholt und Alfie Boe dominiert gesanglich „Quadrophenia“ auf eine sehr nachhaltige Art und Weise. Man höre sich nur die Opulenz von „I´ve Had Enough“ an! Er singt da sehr facettenreich, lässt Idol aber auch noch genug Raum sich zu entfalten, auch wenn seine Stimme alles überstrahlt. Muss sie aber auch, bei der üppigen Instrumentierung des Royal Philharmonic Orchestra. Es fehlt letztlich die Rotzigkeit von Roger Daltrey, aber dafür ist der Gesang eben perfekt ausgebildet. Der Chor im Hintergrund sorgt dann dafür, dass das Stück auch mit genug Pathos beladen wird und sich eine Gänsehaut einstellt – sofern man sich darauf einlassen kann.

 

Die Schönheit von „Quadrophenia“ zeigt sich im Beginn von „5:15“, der fast zärtlich ausgefallen ist. Danach gibt es kein Halten mehr und auch im Klassikgewand ist das eine amtliche Raserei. Nach all dem Bombast des bisherigen Albums ist „Sea And Sand“ eine Wohltat für die Ohren. Zeit zum Durchatmen braucht es auch mal! „Drowned“ ist in dieser Form etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch hier zeigt sich, dass Pete Townshend damals tatsächlich Musik geschaffen hat, die keine Genrefesseln kennt.

 

Die Leistung von Rachel Fuller zeigt sich in dem epischen „Doctor Jimmy“. Den ruhigen Part nach 2 Minuten und 40 Sekunden so zu schreiben, ist schon ein Genuss für die Ohren. Klassikfans kommen bei diesem Projekt definitiv auf ihre Kosten. „Love Reign O´Er Me“ ist ein Klassiker von The Who, aber in dieser Form wird es den einen oder anderen Fan verstören, da wird doch ganz dick mit der Klassik-Keule aufgetragen. Das passt aber natürlich als großes Finale und bildet den perfekten Kontrast zu der Eröffnung mit „I Am The Sea“.

 

Fazit: „Pete Townshend´s Classic Quadrophenia“ ist ein Mammutprojekt, welches sich im Grunde schon vor Jahrzehnten angekündigt hat. Rachel Fuller hat nun Orchesterpartituren für diese Rock-Oper geschrieben. Das vorliegende Album ist insofern auch mehr für Fans von opulenter Klassik geeignet, dann für The Who-Fans ein Fest. Mit Rock hat das nichts mehr zu tun, gleichwohl das Material und die Umsetzung natürlich erstklassig sind! Eine Wertung entfällt an dieser Stelle, da die Klassik-Kenntnisse nicht ausreichend genug sind!

 

http://www.petetownshend.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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The Who: Quadrophenia (Deluxe Edition)

The Who: Quadrophenia (Deluxe Edition)

Universal

VÖ: 11.11.2011

 

Wertung: 10,5/12

Tipp!

 

Bilder und Musik sagen manchmal mehr als viele Worte! Im Falle von „Quadrophenia“ von The Who ist dies gar eines der Paradebeispiele dafür. Was die Band und ganz besonders Pete Townshend 1973 aus dem Hut gezaubert hatten, ist nicht nur aller Ehren wert, sondern gehört längst zu den Klassikern der Rockmusik. Oder noch besser: der Rockoper! Die Geschichte des jungen Mod Jimmy auf seinem Weg zum Erwachsenwerden sprach nicht nur vielen Jugendlichen seinerzeit aus dem Herzen, sondern ist immer noch erstaunlich aktuell. Themen wie Entfremdung und Wut werden sicher allzeit die Themen der Heranwachsenden sein.

 

Nun gibt es eine umfassende Neuauflage von „Quadrophenia“. Hier wurde aber nicht nur wild was zusammengestellt, sondern die Geschichte durch die Demo-Versionen verfeinert und von Pete Twonshend höchstpersönlich produziert, betreut und autorisiert. Man sieht schon alleine an der Aufmachung, dass man sich hier alle erdenkliche Mühe gegeben hat. Die Deluxe Edition liegt als Digipack vor und beinhaltet zwei Booklets! Das ist sicher ein Novum! Zunächst kann man sich von der bildgewaltigen Fotostory mit auf die Reise nehmen lassen, die ältere Zeitgenossen von der LP kennen dürften. Es bedarf keiner Worte um den Inhalt an den Betrachter zu transportieren. Das zweite Booklet ist schon fast ein kleines Büchlein. Zunächst gibt es eine ausführliche Einleitung und dann einen Track-By-Track Guide zu den Demos von Pete Tonwshend höchstpersönlich!

 

„Tommy“ oder „Quadrophenia“? Daran scheiden sich die Geister und die Gelehrten, also die Fans, streiten und diskutieren immer wieder über diese beiden Mammutprojekte. Es scheint so, als hätte „Tommy“ zumindest vom Bekanntheitsgrad das Rennen gemacht. Man muss diese beiden Geschichten aber nicht vergleichen. Fakt ist jedenfalls, dass „Quadrophenia“ wie aus ein Guss wirkt – immer noch – und sehr ausgewogen ist. Die Balance wird zu jeder Zeit gehalten und es schimmert an allen Ecken und Ende durch, dass The Who eben eine Rockband sind. Das Remastering lässt schon hörbar einen deutlichen Unterschied zur Original-Platte erkennen. Zwar ist das jetzt nicht die erste Überarbeitung, aber die Wucht, mit der diese Platte jetzt aus den Boxen kommt ist dem Werk angemessen. Hinzukommt, dass der Klang sehr transparent ist und sehr viel Wärme verströmt.

 

Musikalisch sind The Who hier auf einem ihrer vielen Höhepunkte. Gerade das Spiel von Keith Moon ist immer wieder faszinierend. Entwistle hält den Laden ganz cool zusammen und Townshend überzeugt nicht nur an der Axt, sondern auch am Klavier und allen Instrumenten, die er zur Umsetzung seiner musikalischen Vision aufgefahren hat. Das darf auch gerne mal ein Synthesizer sein. Erstaunlich, dass es sich manchmal gar so anhört, als spiele die Band live!

 

Auf diesem Album gibt es eine große Bandbreite. Da hätten wir Instrumentalstücke wie „Quadrophenia“ oder „The Rock“, aber eben auch ungezügelten Rock wie bei „The Real Me“, „Dr. Jimmy“ oder „The Punk And The Godfather“. Kompositorisch hat sich Townshend gerade bei den langsameren Stücken ausgetobt und somit führen einen „I´m One“ oder „Love Reign O´er Me“ in ganz neue The Who Sphären!

 

Von den Demo-Versionen überzeugt das dramatische „Anymore“. Das ist ein Stück für eine Rockoper wie es im Buche steht! Beeindruckend. Aber auch das rockige „I´ve Had Enough“ versteht es zu überzeugen. Oder ist es am Ende doch wieder kein Rock? Die Nummer dauert immerhin über sechs Minuten. Anhören und genießen! Für Demos ist das höchst beachtlich! Man könnte sich gar die Frage stellen, ob „Drowned“ nun in der Album-Version oder doch als die nicht genutzte Demo-Version besser ist. Der Klaviereinstieg von „Love Reign O´er Me“ kommt hier übrigens richtig gut zur Geltung!

 

Fazit: „Quadrophenia“ von The Who war ein Meilenstein für die Band und auch für die Rockoper! Nun wird dieses fantastische Album erneut aufgelegt und mit umfangreichen Bonusmaterial erneut in den Handel gebracht. Die Songs überzeugen kompositorisch und hier wird eine richtige Geschichte erzählt. Die Umsetzung war sicher nicht einfach und umso überzeugender und faszinierender ist das Ergebnis. Neben der tollen Aufmachung gibt es nun noch jede Menge Bonusmaterial. Die Deluxe Edition ist schon sehr überzeugend, wer aber so überhaupt nicht genug bekommen kann, greift bitte gleich zur Box!

 

http://www.thewho.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch