The Velvet Underground & Nico: dito (45th Anniversary Deluxe Edition)

The Velvet Underground & Nico: dito (45th Anniversary Deluxe Edition)

Universal

VÖ: 26.10.2012

 

Wertung: 12/12

Tipp!

 

Manchmal schreibt das Leben schon seltsame Geschichten. Mittlerweile gilt „The Velvet Underground & Nico“ als eines der prägendsten Alben der Musikgeschichte und immer wieder berufen sich neue Generationen von Bands auf dieses düstere Werk und nennen selbiges als großen Einfluss. Seltsamerweise hat dies zum damaligen Veröffentlichungszeitpunkt kaum einer erkannt und die LP setzte in den Läden dicke Staubschichten an und lag wie Blei in den Regalen. „The Velvet Underground & Nico“ war ein Misserfolg und drohte schon als eines der größten musikalischen Missverständnisse in die Geschichtsbücher einzugehen.

 

Es hätten wohl die kühnsten Optimisten nicht daran geglaubt, dass dieses Album im Jahre 2012 immer noch relevant ist und 45 Jahre nach dem Erscheinen nun mit einem großen Geburtstagsfest geehrt wird. Dieses Album kommt nun gleich in sechs verschiedenen Konfigurationen in den Handel. Natürlich sind die einzelnen Ausgaben allesamt remastert! Man sollte sich aber nicht mit der schnöden Einzel-CD abgeben und mindestens zur Deluxe Edition greifen, die neben dem eigentlichen Album auf zwei CDs noch alternative Versionen, Studio Sessions und Rehearsals aus The Factory von Andy Warhol enthält!

 

Das eigentliche Album liegt auf der Deluxe Version im Stereo Mix vor. Muss gesagt werden, denn es gibt ja Stimmen die meinen, dass dieses Werk nur in der Mono-Version gehört werden sollte, da nur dort die düstere Stimmung so eindringlich eingefangen würde. Man kann sich an der Legendenbildung um dieses Album aber auch einen Bruch heben, denn das Ergebnis ist auch im Stereo Mix herausragend und letztlich auch besser! Es kann sowieso immer wieder auf ein Neues die Frage gestellt werden, ob dieses Album nicht zu sehr gelobt und verklärt wird! Es wird ja immer wieder als eines der 20 größten und einflussreichsten Platten der Populärmusik genannt. Pop-Art-Veteran Andy Warhol hat zur Mythenbildung einen großen Teil beitragen und da ist das weltberühmte Cover mit der Banane nur ein kleines Mosaikstück. Man kann es aber auch schlicht und ergreifend wie Brian Eno auf den Punkt bringen: Only five thousand people ever bought a Velvet Underground album, but every single one of them started a band.”

 

Die neuerliche Ausgabe wurde in den renommierten Sterling Sound-Studios remastert – selbstverständlich von den originalen Masterbändern, alles andere wäre ja auch großer Quatsch. Bill Levinson überwachte den ganzen Prozess. Der Mann weiß was er tut, denn er dürfte so ziemlich an allen Wiederveröffentlichungen von Velvet Underground der letzten Jahrzehnte beteiligte gewesen sein. Es ist also angerichtet. Angerichtet für diesen Wahnsinnsritt in psychedelische Gefilde.

 

Es ist schon verständlich, warum dieses Album derart polarisierte und letztlich die Leute abstieß. Der Einstieg in die Hölle mit „Sunday Morning“ war ja auch alles andere als leicht. Betrachtet man das Datum der ursprünglichen Veröffentlichung, dann muss es zum Ende der 60er wie ein Schlag in die Fresse gewirkt haben. Der Belzebub ist aus den lodernden Flammen emporgestiegen und hat seine Band gleich mitgebracht. Wie bedrohlich muss da erst „Heroin“ gewirkt haben? Das Blut gefriert einem bei den Klängen ja heute noch in den Adern. Der unumstrittene Fixpunkt dieser Platte, der das Junkietum auf den Punkt bringt. Die letztlich für das Album verwendete Aufnahme ist perfekt, wie die interessanten, aber nicht annähernd so düsteren alternativen Mixe zeigen. Und wenn Nico „All Tomorrow´s Parties“ besingt, wird es aufgrund dieser unendlich erscheinenden Traurig- und Hoffnungslosigkeit auch nicht besser. Die Kölnerin legt der Welt ihre ganze Seelenpein und deren Einsamkeit zu Füßen. Bedrückend! Der Song liegt dann auch noch als alternativ Version vor, als Instrumentalmix und die Scepter Studio Aufnahme vom 25. April 1966 hört sich mit dieser beklemmenden Langsamkeit glatt besser wie die eigentliche Albumversion an.

 

Dieses Album ist sowieso so viel mehr als schlichte Musik. „I´m Waiting For The Man“ ist schon die ganz hohe Dichtkunst. Worum es thematisch hier geht dürfte klar sein. Kein Wunder, dass die Nation damals geschockt war. Oder man nehme „Venus In Furs“, der an Intensität – gilt für Text und Musik – kaum zu überbieten ist. „The Black Angel´s Death Song“ und „European Son“ spotten sowieso jeder Beschreibung. Wer die Einstürzenden Neubauten phasenweise für anstrengend hält, sollte in diese Avantgarde-Ritte gar nicht erst eintauchen.

 

Mit Spannung durfte man die unveröffentlichten Rehearsals vom 3. Januar 1966 aus The Factory erwarten. Wunderdinge sollte man hier allerdings nicht auf dem Schirm haben. Der Sound rauscht, der Gesang ist teilweise kaum zu hören, aber als Zeitdokument ist dies aber unverzichtbar und immens wichtig. Hier wird alles geboren, was die nachfolgenden Jahrzehnte die Rockmusik bestimmen sollte. Großartig und wenn Nico vor „There She Goes Again“ belustig sagt „I´ve to learn that“ kriegt die Band fast noch ein menschliches Antlitz. Aber nur fast. Der Teufel hat eben viele Gesichter, auch ein menschliches!

 

Fazit: The Velvet Underground & Nico haben damals - in den 60ern - ein Album aufgenommen, für das die Welt einfach noch nicht bereit war. Ist diese es heute überhaupt? Zum 45. Geburtstag kann man sich anhand der Deluxe Edition ja noch mal davon ein Bild machen und eintauchen in dieses Ungetüm – nur zähmen wird man es nie! Die beiden CDs gehören in jede Sammlung, nicht mehr und nicht weniger!

 

http://olivier.landemaine.free.fr/vu/

 

Text: Torsten Schlimbach

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