The Notwist: Close To The Class

The Notwist: Close To The Class

City Slang/Universal

VÖ: 21.02.2014

 

Wertung: 9/12

 

Deutschland und seine Künstler ist so eine Sache. Deutschland und seine Musiker füllt gleich dicke Bücher. Irgendwie klafft da aber trotzdem eine große Lücke. Es ist schon bezeichnend, dass Can, Kraftwerk oder Neu! überall höchstes Ansehen genießen, nur hierzulande ein müdes Schulterzucken hervorrufen. Ähnlich geht es den Jungs von der gar ganz wunderbaren Band The Notwist. Es gibt zwar eine treue Anhängerschar, dem Großteil ist The Notwist nach all den Jahren aber immer noch kein Begriff. Dabei hat die Band mit „Neon Golden“ eines der besten Alben der 00er Jahre abgeliefert. Wenn man The Notwist etwas vorwerfen kann, dann dass sie so langsam arbeiten. „The Devil, You & Me“ hat immerhin auch schon sechs Jährchen auf dem Buckel. Zieht man das Album hin und wieder aus dem Schrank, dann kann man dort trotzdem immer wieder etwas Neues entdecken und insofern ist der lange Zeitraum bis zu „Close To The Class“ dann auch gerechtfertigt. Dieses Album wird nun erneut dafür sorgen, dass die Synapsen der Hörer mal wieder richtig justiert werden.

 

„Close To The Class“ ist alles andere als leichte Kost. Natürlich nicht. Wir reden hier schließlich von The Notwist. Auf die Idee hätte man nach „Kong“, dem Vorboten des Albums, allerdings schnell kommen können. Dies ist immerhin der schmissige Indiehit mit herzergreifendem Geschrammel. Der Gesang von Markus Acher klingt dazu dann auch noch wie aus dem Belle & Sebastian Lehrbuch entsprungen. Ein Frühlingssong, der nach hinten raus auch noch ein bisschen den Beatles huldigt. Exemplarisch steht diese fluffige Stück aber keineswegs für „Close To The Class“. Das fast 9-minütige „Lineri“ bildet dazu den krassen Gegensatz. Ein Instrumentalstück, welches zudem live auf analogen Synthesizern eingespielt wurde. Da käme man ja im Traum nicht drauf. Zeit und Raum scheinen hier zu verschwinden. Sphärisch flirren die Klänge und nehmen den Zuhörer sanft bei der Hand mit auf eine Reise. Augen schließen und warten was passiert. Großes Stück!

 

Zwischen diesen beiden Welten hat das Album aber unglaublich viel zu bieten. „Signals“ klingt wie der elektronische und fiepende Track, den Radiohead nie gewagt haben. Der Titelsong packt in all seinem Minimalismus noch ein Stück Aggressivität und perkussive Elemente obendrauf. Trent Reznor würde das gefallen. Nach und nach wird dies gar auf wundervolle Weise tanzbar. Das folkige „Casino“ könnte der schönste Song sein, den die Band je geschrieben hat. Könnte? Na gut, er ist es. „Seven Hour Drive“ wirkt dagegen schon wie das Torso, welches Dinosaur Jr bisweilen entfachen. „Run Run Run“ schlägt einen Bogen von The Velvet Underground zum einem James Blake. The Notwist können das mit einer Leichtigkeit, dass einem schwindelig wird.

 

Fazit: The Notwist leben in ihrem eigenen Kosmos. „Close To The Class“ hat so rein gar nicht mit den üblichen Strukturen des aktuellen Musikgeschäfts gemeinsam. Dies ist ein sperriger Brocken, der nach und nach erst seine Schönheit entfaltet. Ein Album, welches in seiner Gänze gehört werden muss! Da steht der Hit neben dem ausufernden Electrocrash. Dem Hörer wird da alles abverlangt, die Belohnung folgt aber auf dem Fuße, wenn wieder die schönsten, wundervollsten und großartigsten Melodien das Herz erfreuen. The Notwist haben eine Gabe auch mit den kühlsten Klängen noch die wärmste und wohligste Atmosphäre zu erzeugen. Seit fast 25 Jahren zählen The Notwist zu den wichtigsten deutschen Bands und an diesem Denkmal wird mit „Close To The Class“ nun weiter gearbeitet.

 

http://notwist.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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