The Gaslight Anthem: Handwritten

The Gaslight Anthem: Handwritten

Universal

VÖ: 20.07.2012

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Mit „American Slang“ sind The Gaslight Anthem aus den Kellern in die großen Clubs und die Radiostationen gespült worden. Plötzlich berichtete jeder über die Truppe und erstmals mussten die Jungs sogar zwangsläufig Erfahrungen mit der Yellow Press sammeln. Insbesondere Brian Fallon wurde dabei zur Zielscheibe auserkoren und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Sein Glauben und seine Ansichten dazu wurden reichlich ausgeschlachtet. So ist das wohl, wenn man sich über Nacht in der Riege der Superstas wiederfindet. Nicht immer schön. Auf der anderen Seite weckt dies natürlich auch Begehrlichkeiten und so ist das neue Album „Handwritten“ die erste Veröffentlichung beim führenden Major Universal. So kann es gehen.

 

Ein weiterer Vorteil dürfte die Tatsache sein, dass sich mittlerweile die Leute um die Band reißen und ein jeder mit The Gaslight Anthem arbeiten möchte. „Handwritten“ wurde in Nashville mit keinem Geringeren wie Brendan O´Brien aufgenommen. Das ist mal eine Hausnummer – für beide Seite. Und na klar, das passt natürlich wie der Allerwerteste auf den Eimer. Das hätte zu Karrierebeginn nicht besser in den Drehbüchern stehen können. Natürlich werden die Springsteen Vergleiche so nicht über Bord geworfen. Man kann sich aber auch die Frage stellen, ob sie es überhaupt müssen? Nein! Wenn es eine Band schafft die amerikanische Seele in Musik zu kleiden, dann ist es The Gaslight Anthem. Hemdsärmlig eben, wie es auch der Boss über all´ die Jahrzehnte immer wieder getan hat. Mit „Handwritten“ ist dies sogar mehr denn je der Fall. Fallon hat sich dabei bei der Arbeiterklasse gar zu einer Art Volkshelden gemausert.

 

Was den Sound betrifft, ist der Anteil von Brendan O´Brien nicht zu unterschätzen. „Handwritten“ klingt so direkt wie noch kein anderes Album von The Gaslight Anthem zuvor. Man sieht die Songs schon förmlich durch die Stadien schwirren. Mehr Hymnen hatte die Band noch auf keinem Album untergebracht. Allerdings haben sie auch das Kunststück geschafft mit dem längsten Track „Too Much Blood“ einen Stampfer auf die Beine zu stellen, der über fünf Minuten so dahin scheppert – in der Mitte der Straße. Mit der kürzesten Nummer „Howl“ hingegen ist ihnen ein sauberer Powerpunkpoptrack gelungen. Zwei Minuten reichen ja auch aus, um alles zu sagen, was es eben zu sagen gibt. Insgesamt fallen aber gerade diese beiden Songs gegenüber der restlichen Platte doch etwas ab. Das sagt viel über „Handwritten“ aus, denn schlecht sind diese beileibe nicht! Das gilt natürlich auch für die Single „45“ die sich auf bekanntem Terrain bewegt. Und ja, wer mit dieser Band bisher noch nie etwas anfangen konnte, wird nun auch nicht von „Handwritten“ umgehauen. Da kann man mal wieder bemängeln, dass sich die Platte dann doch zu gleichförmig anhört.

 

Und wie immer, muss man sich erst in dieses Album einarbeiten. Kein Wunder, denn hier wird ja auch das alte Klischee bedient: die Band arbeitet Rock and Roll! Und wie! Das Werk ist reich an Höhepunkten. Da wäre natürlich der Titelsong „Handwritten“, der trotz sein Rauheit und Inbrunst eine verdammte Hymne ist. Und wer immer wieder behauptet, dass die Band nur nach Schema F verfährt, wird auch eines Besseren belehrt – toller und vielseitiger Aufbau. Das gilt auch für „Here Comes My Man“, der am Anfang einem Folksong nicht unähnlich ist. Ganz groß ist auch „Mullholland Drive“, der mal kurz die 70er, 80er und 90er zusammenfasst. „Keepsake“ ist endgültig beim Grunge angekommen. Ist übrigens „Smile“ von Pearl Jam nicht unähnlich und die waren zu dieser Zeit – wir sprechen von „No Code“ - stark von Neil Young beeinflusst. Ein weiteres Nationalheiligtum, trotz seiner kanadischen Herkunft. So schließt sich auf „Handwritten“ immer wieder der Kreis. „Biloxi Parish“ stellt dem dominierenden Bass ein verzerrtes Gitarrensolo gegenüber, wie man es seit den 90ern nicht mehr zu Gehör bekommen hat.

 

Auf „Handwritten“ gibt es zudem an jeder Ecke ein Wooohooo-Chor, ein Mitsingrefrain, eine Melodie oder eine Hookline für die andere ihre Oma verkaufen würden. Reifer sind die Songs, so ein melancholischen Brocken wie „Mae“ hat man in der Vergangenheit vermisst. Ausgerechnet mit dem rein akustischen „National Anthem“ ist der schönste Song ganz am Schluss versteckt worden. Im Interview zum letzten Album erzählte uns Benny (hier zu lesen), dass die Texte natürlich nicht nur reine Fiktion sind und die Heimat der Band extremen Einfluss auf die Lyrics hat. Daran hat sich natürlich auch auf „Handwritten“ nichts geändert. The Gaslight Anthem nehmen immer noch die Themen der Leute von der Straße auf. Willkommen in der Arbeiterklasse! Es ist rau dort, vielleicht auch schmutzig, aber immer ehrlich! Schöner Ort!

 

Fazit: Ist „Handwritten“ nun das Meisterwerk nach dem Meisterwerk? Ja und nein! Reifer und direkter aber schon. Songs für die Bühne. Songs die einen live umblasen werden. The Gaslight Anthem sind momentan die ehrlichste, authentischste und amerikanischste Band des Planeten. Jedenfalls unter den Jungspunden. Hinter Crazy Horse, E Street Band und den Heartbreakers brauchen sie sich keinesfalls zu verstecken und so ganz nebenbei lassen sie den Grunge auch so ein bisschen wieder aufleben. Brendan O´Brien hat mitunter nun eine neue Band für eine lange Zusammenarbeit in seinem Notizbuch stehen. Freuen wir uns drauf - das passt!

 

http://www.universal-music.de/the-gaslight-anthem/home

http://gaslightanthem.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

The Gaslight Anthem: Handwritten

The Gaslight Anthem: American Slang

Side One Dummy/Cargo Records

VÖ: 18.06.2010

 

Wertung: 10,5/12

Tipp!

 

Es geschehen in musikalischer Hinsicht noch Zeichen und Wunder. Hand aufs Herz, im Rockbereich passiert da drüben momentan doch nicht sonderlich viel, was sich zu hören lohnen würde, oder? Mit da drüben sind die USA gemeint, ein Land, welches jeden Monat Unmengen von Rockbands ausspukt und wieder verschluckt. In den letzten Monaten blieb dabei aber zusehends die Spannung auf der Strecke und meistens wurde nur kopiert und ein Sicherheitsalbum nach dem anderen auf den Markt geschmissen. Alte Haudegen mussten da schon kommen, um zumindest eine Spur Begeisterung auszulösen. Und dann ist da plötzlich ein neues Album von The Gaslight Anthem und stellt alles auf den Kopf.

 

Es ist ja nicht so, dass „American Slang“ die Musikgeschichte umschreiben würde oder hier nicht bereits bekannte Zutaten in den Musiktopf geschmissen würden, nein, im Grunde kennt man das alles so oder so ähnlich. Es ist die Attitüde, die Haltung und das Herz, mit dem die Band hier einen Song nach dem anderen dem Hörer vor die Füße knallt. Zudem hat dieses Album eine ganze LKW-Ladung an tollen Melodien und Arrangements zu bieten. Die Band hat den Dreh einfach raus und klingt nicht wie der zweifelhafte Versuch die Erfolgsspur einzuschlagen. Man nimmt den Jungs einfach ab, was sie da machen. Der Erfolg wird sich so ganz sicher schon von selber einstellen.

 

Mittlerweile dürfte sich ja herumgesprochen haben, dass der Boss The Gaslight Anthem ganz fest in sein Herz geschlossen hat und die Bandmitglieder – Brian Fallon im Speziellen – ihrerseits ebenfalls Fans sind. Und ja, es handelt sich um den einzig wahren Boss: Bruce Springsteen. Man könnte nun natürlich schnell etwas konstruieren und die Band in diese Ecke einsortieren. New Jersey bietet sich da gar als der kleinste gemeinsame Nenner an. Das hymnenhafte „Bring It On“ geht dann auch tatsächlich als Hommage für Springsteen und seine E-Street-Band durch. Soweit so gut. Man hat aber ganz öfters eine andere Band auf dem Zettel: Social Distortion. Auch stimmlich kommt einem oftmals Mike Ness in den Sinn.

 

Jetzt ist aber auch gut mit den Vergleichen, denn The Gaslight Anthem und die Musik sprechen ganz alleine für sich. Dem düsteren Unterton schwingt immer eine große, große Prise Hoffnung mit und da darf zu „American Slang“ auch gerne mal herzhaft die Faust in den Nachthimmel gereckt werden. So hat ehrliche Rockmusik zu klingen. Punkt! Diskussion nicht erlaubt! Die Punkwurzeln werden selbstverständlich nicht links liegengelassen und so zieht „Stay Lucky“ das Tempo unaufhörlich an. Auch, wenn die Amerikaner die deutschen Kollegen nicht kennen, darf man sich gerne an eine englischsprachige Berliner Band erinnert fühlen. Ja ich weiß, keine Vergleiche. Was soll man machen, wenn diese so nahe liegen?

 

Und wie entspannt die Jungs doch sein können. Locker aus der Hüfte hauen sie „The Diamond Church Street Choir“ raus und haben mal eben locker und lässig einen Refrain im Gepäck, für den andere Bands Haus und Hof verkaufen würden. In ähnlich Gefilden ist zwar auch „The Queen Of Lower Chelsea“ anzusiedeln, kommt aber eine ganze Spur melancholischer und düsterer rüber. Das Leben ist eben kein Ponyhof und The Gaslight Anthem stehen dem Arbeiter nun mal näher wie der feinen Gesellschaft. Das ist im Übrigen ungemein geerdet, authentisch und ehrlich. Einen doppelten Boden und ein Fangnetz hat die Band gar nicht erst nötig. Ein straighter Rocker wie „Orphans“ kommt dann genau richtig und lässt den Putz ordentlich von den Wänden bröckeln. Diese Refrains werden einen noch um den Schlaf bringen. Verdammte Axt, sind die nachhaltig und so verdammt gut! Ach, was sag ich, das trifft auf jeden Ton hier zu. Die Gitarren von „Boxer“ fräsen sich unaufhörlich in die Gehörgänge und verlassen selbige auch so schnell nicht mehr. Wurde eigentlich schon erwähnt, dass die Musik auch enorm tanzbar und sexy ist? Nein? Bitte „Old Haunts“ anhören – und ab dafür! „The Spirit Of Jazz“ hält das Niveau so gerade noch auf diesem hohen Level, bevor „We Did It When We Were Young“ das breite Spektrum der Band zum Schluss hin auffährt. Mehr geht nicht! Gut, dass man das Album nach zehn Tracks beendet hat und nicht der Fehler begangen wurde, die Scheibe mittels Füller künstlich zu verlängern. Mit diesem Werk hat The Gaslight Anthem aber auch wirklich alles richtig gemacht. Chapeau!

 

Fazit: Wer den Glauben an die gute amerikanische Rockmusik verloren hat, kann beruhigt aufamten. The Gaslight Anthem legen mit „American Slang“ eines der besten Alben des Jahres in dieser Sparte vor – wenn nicht sogar das BESTE und wer will, darf durchaus noch seit Jahren als Zusatz hinzufügen. Zehn Hymen für die Stadien und die schwülen Arbeiterclubs dieser Welt. Ehrlich bis auf das nackte Skelett!

 

http://gaslightanthem.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch