The Avett Brothers: The Carpenter

The Avett Brothers: The Carpenter

Universal

VÖ: 30.11.2012

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Eine verdammt lange Zeit musste man nun schon auf den Nachfolger von „I and Love and You“ warten. Die Jahre kamen und gingen, nur von The Avett Brothers gab es zunächst nichts Neues. Natürlich konnte man sich immer noch auf den Backkatalog stürzen. Selbiger ist aber derart herausragend, dass man eben nicht genug bekommen kann. „The Carpenter“ macht es einem nun für die Zukunft nicht gerade leichter. Wiedermal hat die Band das beste Album der Karriere aufgenommen. Natürlich. Rick Rubin war auch dabei. Diese Kombination ist nicht nur unschlagbar, sondern passt eben auch perfekt zueinander! Der Druck war diesmal ungleich kleiner, denn mit einem Major im Rücken steigen selbstverständlich auch die Erwartungen – insbesondere natürlich die des Labels. Bei „The Carpenter“ war das also schon ein alter Hut und an die Produzentenlegende hatten sie sich auch längst gewöhnt.

 

Bob Crawford und die beiden Brüder Scott und Seth Avett hatten hinter den Kulissen trotzdem keine leichte und unbeschwerte Zeit. Die Tochter von Crawford erkrankte schwer und die Diagnose einer besonders aggressiven Form von Hirnkrebs stellte alles in Frage. Eine schwierige Zeit für alle, doch die Band machte ihrem Namen alle Ehre und so standen Scott und Seth ihrem Bruder im Geiste jede Minute bei. Schichtweise. Mittlerweile geht es der Tochter wohl besser und Bob Crawford verbindet „The Carpenter“ immer damit. „All diese Worte, und all diese Songs, diese ganzen Gefühle – das alles hat wirklich Gewicht. Weil es echt ist.“

 

Aufgenommen wurde die ganze Kiste in North Carolina. Ist ja auch naheliegend, ist ja schließlich die Heimat der Band. Chad Smith ist übrigens hier ebenso zu hören wie auch Benmont Tench. Natürlich passen die Heartbreakers irgendwie besser zu den Avett Brothers wie die Red Hot Chili Peppers. Und was sagt uns das in Bezug auf „The Carpenter“? Ganz genau! Überhaupt nichts! Schubladendenken gibt es für diese wunderbare Band nicht. Die Songs stehen im Vordergrund und eben nicht die Musiker.

 

Und diese Songs reißen einem mal wieder das Herz heraus. Depressiv und traurig sind sie. Nicht alle, aber eben doch oft. Die Texte lassen doch immer noch ein Stückchen Hoffnung aufkeimen. Überhaupt sind die lyrischen Ergüsse mal wieder höchst unterhaltsam und formidabel. Plattitüden werden gleich ganz vor der Tür gelassen. Es geht um die großen und kleinen Geschichten des einfachen Mannes. Echte Geschichten. Fiktion ist nicht die Welt von The Avett Brothers. Und mal ehrlich, kann es noch eine schönere Hymne für alle Väter der Welt wie „A Fathers First Spring“ geben? Bezaubernd!

 

Musikalisch ist das wieder ein Sammelsurium aus Folk, Country, Americana und Bluegrass. „The One and Future Carpenter“ eröffnet das Album fast schon spartanisch und ist irgendwo zwischen Hank Williams und dem jungen Dylan angesiedelt. „Live And Die“ geht noch weiter zurück. Den Staub von den Klamotten gekloppt und ab in den Saloon. „Winter In My Heart“ ist allerdings etwas zu seicht und verrennt sich in eine unschöne Schlagerecke. Schade eigentlich, aber vielleicht ist es auch genau das, was der Text braucht, der sich immerhin mit einer Depression auseinandersetzt. Wie schön ist doch „Pretty Girl from Michigan“?! Darf man die Jungs jetzt sogar in die Indiepopecke stecken? Die stärkste Phase der Platte beginnt übrigens in der zweiten Hälfte. Das herrlich entschlackte „Through My Prayers“ macht da den Auftakt. Und „Down with the Shine“ sollte demnächst auf jeder Botox-Party gespielt werden, vielleicht geht den Herrschaften dann ja ein Licht auf. Wunderbarer Text, wunderbar arrangiert und instrumentiert. Warum wurde das schmissige „Geraldine“ eigentlich nicht noch länger ausgearbeitet? Vielleicht ist in 1:37 aber auch alles gesagt. Die Nummer hat absolutes Hitpotenzial, ist dafür aber natürlich viel zu kurz. „Paul Newman Vs. The Demons“ ist musikalisch vielleicht die größte Überraschung. Das Ding entpuppt sich ja als kleiner Indierockbrocken. Das herrlich geerdete „Life“ - natürlich – beendet dieses Album dann einfach auf wundervolle Art und Weise.

 

Fazit: „The Carpenter“ von The Avett Brothers ist das lange erwartete neue Werk der Bewahrer der guten und ursprünglichen Rootsmusik. Lyrisch ist das mal wieder ein Hochgenuss. Musikalisch ist das Album vielleicht eine ganz kleine Spur zu glatt geraten. Aber was heißt das in diesem Fall schon? Die Songs sind nämlich dann doch wieder ein Hochgenuss und das Songwriting auf allerhöchstem Niveau. Mit anderen Worten: einen richtigen Ausfall wird man nicht finden. Eine runde Sache und vielleicht ist dies in seiner Gesamtheit gesehen sogar die beste Platte der Band!

 

http://www.theavettbrothers.com

 

Text: Torsten Schlimbach

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