Steve Vai: Modern Primitive / Passion And Warfare (25th Anniversary Edition)

Steve Vai: Modern Primitive / Passion And Warfare (25th Anniversary Edition)

Sony

VÖ: 24.06.2016

 

Wertung: 8/12

 

Der ehemalige Schüler von Joe Satriani, Steve Vai,  wird entweder verehrt oder verflucht – dazwischen gibt es nichts. Dabei hat der Mann im Verlaufe seiner Karriere immer wieder bewiesen wie vielfältig und wandlungsfähig sein Gitarrenspiel ist oder sein kann. Frank Zappa hat nicht ohne Grund auf seine Dienste zurückgegriffen. Na gut, Zappa war sowieso immer offen für verrückte Dinge, aber eben auch ein sträflich unterschätzter Gitarrist. Wenn ein solcher Virtuose einen anderen mit ins Boot holt, dann darf man ruhig davon ausgehen, dass das Hand und Fuß hat. Solo hat Vai mit „Passion And Warfare“ sein vermutlich bestes Album abgeliefert. Selbiges kommt nun unter dem Titel „Modern Primitive/Passion And Warfare“ als 25th Anniversary Edition erneut in den Handel.

 

Das Jubiläum wird hier gebührend gefeiert, denn zum ersten Mal sind da auch Songs und Aufnahmen enthalten, die auf Songskizzen basieren. Wenn man so will, sind das unfertige Arbeiten von Vai, die er 1984 geschrieben und aufgenommen hatte. Das ist nun alles auf der ersten CD mit dem Titel unter dem Titel „Modern Primitive“ zusammengefasst worden. Die zweite CD enthält dann das eigentliche Album, welches selbstverständlich remastert wurde. Neue Liner Notes vom Meister höchstpersönlich gibt es zusätzlich.  Dort erklärt er, dass er „Modern Primitive“ quasi als Verbindungsglied von „Flex-Able“ und eben „Passion And Warfare“ sieht und versteht.

 

Die Aufmachung der – nunmehr - Doppel-CD ist ganz nett. Das Digipack hält dann auch noch für jedes Album ein eigenes Booklet bereit. Jenes von „Passion And Warfare“ dürfte ja bekannt sein. „Modern Primitive“ bekommt aber auch noch ein eigenes spendiert. Hier gibt es die Informationen zu den einzelnen Songs, die Texte (sofern vorhanden) und viele Fotos – wohl auch aktuelle – zu bewundern. Fans dürfte das sicherlich erfreuen.

 

Insgesamt ist „Modern Primitive“ zu lang ausgefallen. Auf der anderen Seite möchte man so ein Mörderteil wie „Bop!“ nicht missen. Die Töne, die Vai da seiner Gitarre entlockt sind schon fett. Er stellt sein Instrument aber ganz in den Dienst der Instrumentalnummer. Der Bass ist im Grunde das treibende Element, die Gitarre werden viele gar nicht als solche wahrnehmen. Funk der besonderen Art. „Dark Matter“ geht in eine gänzlich andere Richtung. Da hat sich der gute Steve sehr viel bei Hendrix geliehen. Kann man ja mal machen. „Mighty Messengers“ ist dann die erste Nummer mit Gesang. Oberflächlich betrachtet geht das sogar als Pop durch. Geschwindigkeit kennt da aber keine Grenzen. Im Gegensatz zu  „The Lost Chord“, welches sich langsam dahinschleppt. „Upanishads“ ist eher nur was für Hardcorefans. „Fast Note People“ hört sich an, als hätte Sting irgendwo ein obskures Outtake ausgegraben. „And We Are One“ hat einen ganz guten Flow, böse Zungen würden da wohl von esoterisch sprechen.  „Never Forever“ flirrt sehr atmosphärisch dahin und geht gut ins Ohr. „Lights Are On“ ist danach endlich wieder ein Gitarrenbrett. Leider fehlt da aber die Seele. Der Hardrock von „No Pockets“ kommt lässig daher, dreht mittendrin aber völlig ab. Mit „Pink And Blows Over“ gibt es eine dreigeteilte Suite, deren Mittelteil sich über dreizehn Minuten ausbreitet, teilweise mit dem Klavier als Kerninstrument. Anstrengend, aber darum wurde das ja auch an den Schluss gesetzt.

 

Zum eigentlichen Album muss man ja nicht mehr viel sagen. Wer Steve Vai verehrt, bekommt hier die Vollbedienung. Vielleicht gibt es etwas zu viel von Allem: Heavy- und Hardrock, Jazz, asiatische Klänge, Funk und Pop. Das alles ist natürlich in ein 80er Jahre Gewand verpackt, klar. Vielseitigkeit wird das ganz groß geschrieben und von straighten Tracks bis hin zu astreinen Balladen ist es auf diesem Werk kein weiter Weg! Vai macht mit „Answers“ und „The Riddle“ selbst vor progressivem Rock nicht Halt. Er kann eben alles spielen. Ob so etwas wie „Ballerina 12/24“ aber wirklich sein muss(te)? Wem das alles zu anstrengend ist, der hört eben „I Would Love To“. Das hätte auch Whitesnake oder Bon Jovi damals nicht besser machen können. Es braucht ja nicht immer Gesang. Vai hatte da aber auch famose Mitstreitet im Boot. „Greasy Kid´s Stuff“ ist ein Brett, keine Frage. Die singende Gitarre liefert den Trademarksound ab. Bass und Drums können da aber spielend folgen. Da sind echte Virtuosen am Werk. Die Songs  „Liberty”, „The Audience Is Listening” und „For the Love of God” sind nicht ohne Grunde die bekanntesten von Vai. Die ganze Platte zählt ja sowieso als Blaupause für den Instrumentalrock. „Blue Powder“ hat dabei schon eine lange Reise hinter sich, denn die Nummer wurde bereits 1986 aufgenommen.

 

Fazit: „Modern Primitive / Passion And Warfare” ist eine schöne Veröffentlichung – besonders für Fans von Steve Vai. Die Aufmachung ist durchaus ganz nett und auch „Modern Primitive“ kann über weite Strecken überzeugen. Die Vielfalt von Vai ist schon beachtlich. „Passion And Warfare“ sollte ja sowieso jeder Gitarrenanhänger kennen und im Schrank stehen haben. Wer da noch eine Lücke hat, kann diese nun schließen und kriegt zusätzlich noch mehr Einblick in die Virtuosität, aber auch Musikalität von Vai.

 

http://www.vai.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Steve Vai: Stillness In Motion – Live In L.A.

Steve Vai: Stillness In Motion – Live In L.A. (2 CDs)

Sony/Legacy

VÖ: 03.04.2015

 

Wertung: 7/12

 

Steve Vai und Sony können es miteinander. Einer der letzten großen Labels hat mit dem Gitarrenhexer einen Vertrag über mehrere Alben abgeschlossen, was in der heutigen Zeit ja schon wieder die Ausnahme darstellt. Die erste Veröffentlichung ist nun allerdings nicht etwa ein neues Studioalbum, sondern ein Live-Dokument von seinem Können. „Stillness In Motion – Live In L.A.“ liegt als CD und DVD vor – jeweils im Doppelpack. Aufgezeichnet wurde das Konzert am 12. Oktober 2012 im Club Nokia in Los Angeles. Die damalige „Story of Light World“-Tour erstreckte sich fast über zwei Jahre und umfasste insgesamt 253 Konzerte in 52 Ländern. Dieser Mitschnitt hier war das 49. Konzert.

 

Steven Wilson hat kürzlich gesagt, dass David Gilmour nur einen Ton spielen muss, und ihm die Tränen kommen, während ein Steve Vai ein ganzes Konzert spielen könnte, dies aber nichts in ihm auslösen würde. Man kann es in gewissem Sinne nachvollziehen. Steve Vai ist unbestritten einer der Großen an der Axt, aber irgendwie hat man immer den Eindruck, dass Herz, Seele und Gefühl da auf der Strecke bleiben. Gitarrenwichserei in Formvollendung. „Stillness In Motion – Live In L.A.“ unterstreicht dies, straft einen aber auch wiederum Lügen. „Racing The World“ und „Velorum“ verkommen so zur puren Leistungsshau. Da wird auf ganz dicke Hose gemacht. „Building The Church“ wiederum zeigt den Mann aber auch von einer gefühlvolleren Seite und dann nimmt einen diese rein akustische Irrfahrt auch mit auf eine Reise. Auch so ein Brett wie „Gravity Storm“ kann durchaus für Emotionen sorgen. Der Sturm baut sich ganz langsam auf, erreicht seinen zerstörerischen Höhepunkt und ebbt dann wieder ganz langsam ab. „Weeping China Doll“ sammelt anschließend die Scherben ein. Das ist vom Konzert- und Spannungsaufbau zudem ganz toll umgesetzt worden.

 

„John The Revelator“ ist dann so etwas wie eine Frischzellenkur. Durch den Blues, den Dreck und nicht zuletzt durch die Art des Gesangs setzt die Nummer ein dickes Ausrufezeichen. Mit „The Animal“ nähert sich Vai auf seine verspielte Art sogar dem Funk. Der Sound ist übrigens erstklassig, dies muss an dieser Stelle ja auch mal gesagt werden. „Whispering A Prayer“ klingt mittendrin allerdings etwas windschief, was wiederum an der Art des Spiels von Vai liegt. Letztlich kann man sich von dem Stück auf eine verträumte Reise über elf Minuten mitnehmen lassen.

 

„The Audience Is Listening“ wird zunächst vom Bass getrieben, bevor es ordentlich Wah-Wah auf die Ohren gibt. Das rockt mal ordentlich und justiert einem die Synopsen neu. „Rescue Me Or Bury Me“ - ein weiterer Track mit Gesang – mäandert allerdings etwas ziellos daher. „Sisters“ ist auch eher eine Fingerübung. Die Akustikgitarre, besonders im Flamencostil, ist auch ein Steckenpferd von Vai. „Treasure Island“, „Salamanders In The Sun“ oder „Pusa Road“ mit Sitar und Harfe kriegen eine ganz besondere Note. „Frank“ verläuft eher unspektakulär und kann im Livegewand nicht so recht zünden. „The Ultra Zone“ ist dann die nächste Schnellfingerübung, der nette Percussionteil rettet das Stück allerdings wieder. „Build Me A Song L.A.“ ist allerdings lässig und „For The Love Of God“ ist noch mal tonnenschwere Gitarrenarbeit. „Taurus Bulba“ ist der der famose Schlusspunkt einer variantenreichen Show.

 

Fazit: „Stillness In Motion – Live In L.A.“ spiegelt das ganze Live-Spektrum von Steve Vai wieder. Das ist mal die pure Leistungsschau ohne Herz und Seele, auf der anderen Seite zeigt der Mann aber auch, dass er nicht nur schnelle Finger hat, sondern auch durch viele gefühlvolle Momente überzeugen kann. Licht und Schatten und letztlich bleibt Vai ein Gitarrenvirtuose. Für Fans ist diese Veröffentlichung sicherlich eine schöne Sache, dann aber als DVD.

 

www.vai.com

 

Text: Torsten Schlimbach

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