Serj Tankian: Harakiri

Serj Tankian: Harakiri

Warner

VÖ: 06.07.2012

 

Wertung: 8/12

 

Das gute Gewissen der Rockmusik vermeldet „Harakiri“. Bezieht Serj Tankian das nun auf die eigene Person? Wohl kaum, denn der Mann hat immer das große Ganze im Sinn und nicht weniger als die gesamte Menschheit auf dem Schirm, wenn er seine Finger in die tiefen Wunden des blauen Planeten legt. Gaia ist da das Stichwort. Auf seinem neuerlichen Soloalbum geht es wieder um den Umgang der Menschen untereinander, aber in erster Linie mit unserem Heimatplaneten. Es dreht sich um die Verschmutzung unserer Umwelt. Natürlich spart er dabei thematisch den Umgang mit Religionen nicht aus und Ökonomie ist selbstverständlich auch ein zentraler Baustein von „Harakiri“.

 

Alles wie immer also bei dem guten Serj? Nicht ganz! Seine bisherigen Solosachen waren oftmals der kitschige Versuch eine große Rockoper zu kredenzen. Dieser Mummenschanz wurde aber immer wieder als die übermotivierte Soße entlarvt, die letztlich an den Ambitionen seines Schöpfers zu ersticken drohte. Das ist nun tatsächlich anders. Die anstrengenden Streicherarrangements hat er diesmal weitestgehend vor der Tür gelassen. Auch seine Versuche mittels elektronischen Spielerreien etwas Kunstvolles zu schaffen, hat der nun auf das Nötigste reduziert. Die Produktion ist natürlich gewohnt amerikanisch-amtlich. Daran wird sich vermutlich auch nichts mehr ändern. Der Bombast sitzt eben immer mit im Beiboot.

 

Schon erstaunlich, dass Serj Tankian im Vorfeld von „Harakiri“ immer wieder betont, dass er Teile der Platte auf einem iPad geschrieben hat. Es erstaunt daran weniger die Tatsache, dass er die modernen Technologien und Errungenschaften der Menschheit für sich nutzt, sondern vielmehr das eigentliche Werkzeug und deren Hersteller. Die Symbolik, dass sich ganze Spezies in großem Maße selbst ausgemerzt haben, hat Serj emotional jedenfalls sehr berührt und ist zum grundlegenden Thema des gesamten Albums geworden und da kann man vor so Kleinigkeiten wie einem iPad eben nicht zurückschrecken - schon klar!

 

Man muss die ganze Theatralik von Serj Tankian natürlich mögen, denn sonst wird man sich mit seinen musikalischen Visionen immer schwer tun. Ausgerechnet „Harakiri“ ist musikalisch nun ziemlich direkt ausgefallen. Auch hier gab es im Vorfeld viele Meldungen, die Einflüsse von Gothic bis zum New Wave der 80er als Ventil nannten. Am Ende des Tages ist das ein Rockalbum – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das hätte man Tankian nach seinen letzten Werken derart konsequent sicher nicht mehr zugetraut. „Uneducated Democracy“ ist gar ein astreines Punkrockbrett. Selbst der eigenwillige Gesang übertüncht das nicht mehr. „Cornucopia“ geht in eine ähnliche Richtung. Schnell, gut, auf den Punkt gebracht.

 

Schwere Metalgitarren rollen bei „Figure It Out“ über einen hinweg. Die typischen folkloristischen Einlagen erfreuen einen natürlich auch bei „Harakiri“ wieder. Wer das nicht mag, wird davon allerdings auch nicht zu sehr belästigt. Zum rapartigen „Ching Chime“ passt es allerdings ganz gut. Übrigens kommt keiner der elf Songs an die fünf Minutenmarke heran. Das spricht auch dafür, dass sich hier auf das Wesentliche konzentriert wurde. Auch, wenn es sich in erster Linie um ein Rockalbum handelt, sind Songs wie „Harakiri“ und „Occupied Tears“ eindeutig auch von Popmelodien und Harmonien bestimmt. Erfreulicherweise hält sich Tankian mit seiner für ihn typischen Jammerei und Falsettgesang zurück. So ganz kann er das nicht ausblenden und ab und an nimmt er auch die Abbiegung in Richtung große Oper, kriegt aber immer im richtigen Moment die Kurve. „Deafening Silence“ ist der einzige Ausreißer. Elektronische Elemente dominieren dieses – weitestgehend – Duett. Das Stück geht ansonsten übrigens deutlich in die Musicalecke.

 

Fazit: „Harakiri“ von Serj Tankian ist nach all den oftmals zu ambitionierten Arbeiten endlich mal wieder ein astreines Rockalbum. Wer hätte gedacht, dass der Mann noch in der Lage ist mit seiner Musik kurz und knackig auf den Punkt zu kommen? Natürlich muss man seine theatralische Art mögen und seinen Hang zur Weltrettung ebenfalls. Seine Texte sind allerdings auch oftmals humorvoll aufbereitet. Alles in allem dürften System Of A Down Fans an diesem Album große Freude haben. Demnächst soll ja noch ein Klassikalbum, eine elektronische Scheibe und eine Jazzplatte von Tankian kommen. Es wird also wieder vielseitig und sicher auch anstrengend. Was macht eigentlich Mike Patton? Oder hat er den Job jetzt komplett an Serj Tankian abgetreten?

 

http://www.youtube.com/watch?v=ZZRhMxUAo4o

www.serjtankian.com

 

Text: Torsten Schlimbach

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