Roger Waters: The Wall

Roger Waters: The Wall (OST)

Sony/Legacy

VÖ: 20.11.2015

 

Wertung: 9/12

 

“The Wall” von Pink Floyd ist eines jener unsterblichen Meisterwerke. Eigentlich ist das erste richtige Konzeptalbum der Band aber nichts anderes als ein Solowerk von Roger Waters. Die Erzählung über das Leben der Hauptfigur Pink - ein traumatisierter Rockstar, der nicht über den Tod seines Vaters hinwegkommt, der im Krieg verstarb und den er deshalb nie kennenlernen durfte -, basiert ja sowieso auf Waters´ persönlicher Geschichte. Von 2010 bis 2013 hat Waters „The Wall“ zurück auf die Bühne gebracht und mit seiner Band 200 Shows gespielt. Erstmals seit 1990 wurde dieses epochale Werk also wieder zur Gänze aufgeführt. Die eigentliche Tour von Pink Floyd zu „The Wall“ umfasste in den Jahren 80 bis 81 ja nur 31 Konzerte in vier Städten, da die aufwändige Produktion einfach nicht mehr zuließ. Jetzt gibt es „The Wall“ von Waters dann auch noch mal im Livegewand für die heimische Anlage käuflich zu erwerben. Das Album ist zudem der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Roger Waters und Sean Evans.

 

Man kennt sie ja, die kritischen Stimmen, die gebetsmühlenartig wiederholen, dass „Comfortably Numb“ nur von einem gespielt werden könnten, nämlich von Meister Gilmour höchstpersönlich. Dieses Album hier beweist nicht unbedingt das Gegenteil, aber trotzdem ist jeder dazu eingeladen die Augen zu schließen und bei dem Solo für mehr als drei Minuten abzuheben und zu fliegen. Musik kann so viele Emotionen vermitteln, hier gibt es die ganze Bandbreite. Es ist und bleibt einfach ein Jahrhundertsong und in dieser Version hier ist das auch ein verdammtes Meisterwerk! Auch ohne den Meister!

 

Natürlich kann man sich jetzt die Frage stellen, inwieweit denn dieses Live-Dokument nun ohne die visuelle Umsetzung funktioniert. Die Live-Inszenierungen des Pink-Floyd-Konzeptalbums dürfte selbst aus der Konserve bei Betrachten der Show eine dicke Gänsehaut erzeugen. Man sollte sich von daher vorab gut überlegen, ob man nicht besser mit der Blu-ray/2 CD-Version fährt. Die Musik verzaubert einen als Zuhörer selbstverständlich auch losgelöst von den kraftvollen Bildern. Schon bei der Eröffnung mit „In The Flesh?“ fällt auf, dass der 72-jährige Waters immer noch extrem gut bei Stimme ist. Er war zwar nie mit der kräftigsten Stimme gesegnet, aber er weiß geschickt damit umzugehen und selbige einzusetzen. Im Gegensatz zu einer Vielzahl seiner Kollegen kann man hier dann tatsächlich von einem Sänger im eigentlichen Sinne sprechen.

 

Etwas zu kurz kommt bei diesem Doppel-Album allerdings das Publikum. Erst nach dem ruhigen und schwebenden „Mother“ stellt sich für kurze Zeit so etwas wie ein Konzertatmosphäre ein. Die Übergänge unterscheiden sich – und das war bei diesem Projekt auch nicht anders möglich – im Grunde nicht sonderlich vom Studioalbum. „Another Brick in the Wall (Part 1)“ wird mit Hubschraubersounds und Soldatengeschrei in „The Happiest Days of Our Lives“ übergeleitet und von dort geht es nahtlos über in „Another Brick in the Wall (Part 2)“. Zu dem Klassiker muss man ja nicht mehr viel sagen. Auch hier wird man vermutlich David Gilmour schmerzlich vermissen. Auf CD wird man ja nicht durch die beeindruckende visuelle Umsetzung abgelenkt und wenn man sich voll und ganz auf die Musik konzentrieren kann, dann wird man das Fehlen dieses unvergleichlichen und gefühlvollen Gitarrenspiel eventuell bemerken. Nichtdestotrotz ist dieses auch auf dem Soundtrack zu „The Wall“ grandios und nur die Hardcorefans werden da mitunter Unterschiede ausmachen.

 

Der Akustikpart von „Goodbye Blue Sky“ ist in Verbindung mit dem Chorgesang ein Genuss. Das psychotische „Empty Spaces“ verbreitet danach eine gänzlich andere und bedrückende Stimmung. Augen schließen und Kopfkino anwerfen! Bei „Don´t Leave Me Now“ zeigt sich noch mal, dass Waters auch im Großvateralter noch gut bei Stimme ist, denn er meistert den dissonanten Gesang hier vorzüglich. Danach kehren die Musiker zum dritten Mal zum Thema von „Another Brick In The Wall“ zurück, bevor „Last Few Bricks“ und „Goodbye Cruel World“ mit sparsamer Instrumentierung die erste Hälfte beenden.

 

Wie auch auf dem eigentlichen Album, wird auch hier die zweite CD mit dem melodischen „Hey You“ eröffnet. Die balladeske Nummer „Is There Anybody Out There?“ überzeugt auch in dieser Live-Variante durch das famose Fingerpicking. Überhaupt ist die vorherrschende und ruhige Atmosphäre in dieser Phase sehr bestimmend. Erst mit dem symphonischen „Bring The Boys Back Home“ wird es wieder treibender. Aber wer will schon das traurige Gitarrensolo von „Hey You“ missen? Gänsehaut. „The Show Must Go On“ ist auch live ein beschwingter Popsong, während „Run Like Hell“ das Gaspedal wieder durchtritt – auch hier wird der eine oder andere Gilmour erneut vermissen. „The Trial“ ist mit seinem klassischen und symphonischen Unterbau das genaue Gegenteil. „Outside The Wall“ markiert letztlich den seltsamen aber konsequenten Schluss – und da fehlt die visuelle Unterstützung dann doch.

 

Fazit: „The Wall“ ist einer der Meilensteine der Rockmusik. Roger Waters ist mit dem Album von 2010 bis 2013 um die Welt getourt und hat dieses Ereignis selbstverständlich auch für die Nachwelt festgehalten. Wem es nur um die Musik geht wird mit dem Soundtrack zum eigentlichen Film sicher gut bedient werden. Das Album wird originalgetreu nachgespielt. An der einen oder anderen Stelle dürften die Fans das filigrane und feinfühlige Gitarrenspiel von Gilmour vermissen, aber letztlich ist das hier natürlich schon in der ersten Liga angesiedelt. Leider stellt sich kaum ein Livegefühl ein, da die Zuschauer praktisch zu keiner Zeit zu hören sind. Und es zeigt sich auch mal wieder, dass „The Wall“ – und so ehrlich muss man dann auch sein (dürfen) – zu lang ausgefallen ist und gerade in der zweiten Hälfte der Spannungsbogen immer wieder etwas verflacht. Insgesamt ist und bleibt das aber ein Meisterwerk – auch live und nur mit Roger Waters.

http://rogerwaters.com/sde/

 

Text: Torsten Schlimbach

Roger Waters: The Rogers Waters Collection (7 CDs/1 DVD)

Roger Waters: The Rogers Waters Collection (7 CDs/1 DVD)

Sony

VÖ: 17.06.2011

 

Wertung: 11/12

Tipp!

 

Roger Waters tourt momentan mit seinem ambitionierten Konzept „The Wall“, so wie er sich das immer vorgestellt und gewünscht hat. Wer sein Soloschaffen bisher verpasst hat, der bekommt nun auch aus der Konserve die einmalige Möglichkeit sich das alles auf einen Schlag zu gönnen. „The Roger Waters Colletciton“ hat nämlich seine drei Solo-Alben zu bieten, sein Ausflug in die Klassik mit „Ca Ira“ und die Doppel-Live-CD „In The Flesh“ sind auch dabei. Mit anderen Worten, man findet in dieser hochwertigen Box sieben CDs vor. Damit aber noch nicht genug, denn „In The Flesh“ liegt eben auch als DVD bei! Man beachte dabei auch den Anschaffungspreis von knapp 30 €! Da kann man nicht meckern. Das feine Teil stellt man sich doch gerne in den Schrank.

 

Wer einen Eindruck über den Künstler und Visionär Roger Waters kriegen möchte, der legt sowieso zuerst die DVD in den Player. Aufgenommen wurde das Spektakel am 27. Juni 2000 in der Rose Garden Arena in Portland/Oregon. Der Sound ist bombastisch! Absolut klar und transparent sind die einzelnen Instrumente zu vernehmen. Trotzdem wurde auch darauf geachtet, dass das auch druckvoll und wuchtig austariert ist. Ganz großes Kino! Das gilt auch für die Kameraführung. Mit ruhiger Hand wurde das alles in Szene gesetzt. Die einzelnen Musiker wurden ebenfalls sehr gut eingefangen und so darf man beispielsweise auch dem Schlagzeuger häufiger bei seiner Arbeit zusehen. Selbstverständlich wird auch die aufwändige Bühnenshow und die Projektionen im Hintergrund eingefangen, sodass man auch diesen Teil der Show auf der Couch genießen kann! Die teilweise neu arrangierten Pink Floyd Klassiker reichen zwar nicht an die Originalen ran, aber imposant ist das schon. Das Beste aus den Solo- und Pink Floyd-Sachen kriegt man hier geboten. Aber auch hier hat Waters sich etwas gedacht und die Songs werden in einzelnen Blöcken gespielt. Immerhin eine Spielzeit von über 2 ½ Std.! Man wird völlig in den Bann dieser tollen Musik gezogen. Auch das visuelle Konzept ist großartig! Und wenn gar nichts geht, spielen die Herren eben Karten auf der Bühne. Das Making Of ist auch sehr sehenswert! Diese DVD ist ein absolutes Muss!

 

Schön, dass man nicht vergessen hat, der Box auch dieses Ereignis als Live-CDs beizulegen. Dieser perfekte Klang macht einen fertig. Toll! Toll! Toll! Das gilt auch für seine Oper in drei Akten „Ca Ira“! Auf dieses Werk haben die Fans viele Jahre gewartet. Die Spannung war immens groß, denn man traute Waters da durchaus ein Meisterwerk zu. Er befasste sich hier übrigens mit der französischen Revolution! Eingespielt wurde die Oper unter Mitwirkung hervorragender Solisten. Man muss allerdings schon ein Faible dafür haben. Pink Floyd und ganz besonders Roger Waters Fans sollten dafür aber offen sein. Dann kann man hier mal wieder ein wahres Klangerlebnis genießen! Orchester und Gesang machen diese Oper zu einem besonderen Erlebnis. Man tut sich allerdings teilweise etwas schwer der Geschichte zu folgen. Musikalisch ist das Genie von Waters aber immer präsent.

 

Den Auftakt der drei Solo-Alben macht „The Pros And Cons Of Hitch Hiking“. Diese Platte von 1984 war der Beginn der Solokarriere von Waters. Dieses Werk emanzipiert ihn in gewisser Weise von seiner Vergangenheit. Gerade durch das Mitwirken von Eric Clapton kriegt die Scheibe doch einen gehörigen Blues-Einschlag. Ehrlicherweise muss man festhalten, dass dies kein Meisterwerk für die Ewigkeit ist, was die Songs aber nicht schlecht macht. Im Gegenteil, das wirkt insgesamt doch sehr erdig und nach den vielen Soundexperimenten scheint Waters wieder etwas auf dem Boden der Tatsachen angekommen zu sein. Hervorzuheben wäre auch das exzellente Saxofon-Spiel von David Sanborn. Die Hinweise zu „The Wall“ bzw. „The Final Cut“ sind allgegenwärtig, was bei dieser Entstehungsgeschichte auch nicht weiter verwundert. Trotzdem geht es auch auf zu neuen (bluesigen) Ufern.

 

„Radio K.A.O.S“ - Pink Floyd Fans mögen mir verzeihen – ist eher ein Griff in das berühmte Klo. Irgendwie ziellos mäandern die Songs durch die Gegend. Da hatte das Genie wohl mal Ruhepause und Waters orientierte sich an den furchtbaren 80ern mit all den Synthies. Mit diesem Album wollte er wohl auf der Höhe der Zeit sein. Der Versuch angesagt zu sein, steht ihm aber nicht ganz so gut zu Gesicht. Irrungen und Wirrungen der Popzeit und nicht mehr als eine Randnotiz im formidablen Backkatalog. Wer will schon Drum-Computer auf einem Roger Waters Album derart ausgeprägt hören?

 

Mit „Amused To Death“ hat er glücklicherweise dann wieder die Kurve bekommen. Abermals hat er hier ein Konzeptalbum aufgenommen. Basierend auf dem Buch von Neil Postman sind ihm dabei ganz vorzügliche Songs geglückt. Vom ersten bis zum letzten Ton ist dieses Album wie aus einem Guss geraten. Die Klangflächen knüpfen glatt an alte Großtaten an. Hier gibt es auch wieder die Gitarrensoli, die man so sehr liebt. Die sozialkritischen Texte sind sicher teilweise etwas übertrieben und zu pessimistisch, aber die Musik dazu ist schlicht und ergreifend brillant.

 

Fazit: Es soll ja noch Menschen geben, die sich bisher nicht mit der Musik von Roger Waters auseinandergesetzt haben. Diese kriegen nun durch diese hochwertige Box die Möglichkeit dazu, ganz tief in die Welt von Waters einzutauchen. Die Musik ist – abgesehen von ein paar Ausnahmen – brillant. Das visuelle Erlebnis ist dabei aber auch von immenser Bedeutung. Diesem Umstand wird mittels der hervorragenden DVD Rechnung getragen. Absolut empfehlenswert!

 

http://www.roger-waters.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

S U C H E
Loading

Empfehlen Sie diese Seite auf:

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch