Robert Plant: Lullaby and...The Ceaseless Roar

Robert Plant: Lullaby and...The Ceaseless Roar

Warner

VÖ: 05.09.2014

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

So unterschiedlich können die Lebensentwürfe nach dem Erklimmen des Rock-Olymps sein. Während Jimmy Page immer noch in der Vergangenheit festhängt und den vielleicht besten Backkatalog der Rockgeschichte mit leuchtenden Augen grandios verwaltet, hängt John Paul Jones lieber mit Dave Grohl oder Josh Homme rum und dabei fällt dann auch noch ein beachtliches Album für das Hier und Jetzt ab. Und Robert Plant? Robert Plant hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht die Weltmusik in den Rock zu holen. Das kann mal Bluegrass sein, orientalische Klänge oder der Sound Afrikas. Spätestens seit „Kashmir“ dürfte sein Faible für exotische Klänge bekannt sein. Plant mag älter geworden sein, seine äußere Erscheinung lässt aber sein junges Ich immer noch erahnen und doch ist er manchmal meilenweit von diesem übergroßen Frontmann der besten Rockband der 70er entfernt. Wie kaum ein Zweiter ist er in Würde gealtert und legt jetzt mit „Lullaby and...The Ceaseless Roar“ ein beeindruckendes Zeugnis davon ab!

 

Auf dem Cover prangt zwar nur sein Name, der Einfluss seiner Band The Sensational Space Shifters, die sich aus alten und langen, aber auch neuen Weggefährten zusammensetzt, ist aber nicht zu unterschätzen! „Lullaby and...The Ceaseless Roar“ wäre ohne genau diese Musiker nicht möglich gewesen. Aber auch das kennt man von Plant, er braucht immer Menschen um sich an denen er sich reiben und mit denen er sich austauschen kann. Das Songschreiben läuft dann fast wie von Geisterhand. Und auf diesem Album sind tolle Songs. Songs die weit von seiner Vergangenheit bei Led Zeppelin entfernt sind, aber auch welche, die dem ganz nahe sind. Es ist eine abwechslungsreiche Platte und Plant entpuppt sich abermals als Suchender und Visionär in Personalunion.

 

„Lullaby and...The Ceaseless Roar“ ist ein Ritt durch den Nebel. Wie in Trance schält sich ein Stück wie „Arbaden (Maggie´s Babby)“ aus den Boxen. Da wird gekoppelt, da hört man einen rauschhaften Loop, da schwebt eine U2-Gitarre und Plant singt die Wortfetzen wie ein aufgekratzter Teufel. Dies ist aber nicht immer der Fall. Meist agiert er sehr songdienlich und zurückhaltend. In gewisser Weise setzt er seine Stimme als weiteres Instrument ein, spielt sich dabei aber keineswegs in den Vordergrund. Die Rhythmen kommen aus Afrika, der Folk und der Blues aus Amerika und über all dem schwebt eine Art Wüsten-Trance. Eine Platte im Rausch.

 

„Little Maggie“ ist eigentlich ein Traditional, welches Plant hier wieder zu Tage gefördert hat. Was die Musiker da veranstalten ist herausragend. Als Zuhörer wird man in diesen faszinierenden Strudel gerissen. Man unternimmt gar nicht erst den Versuch sich dagegen zu wehren, denn Perkussion-Ekstase, die Gypsy-Elemente und die afrikanische Aura, die dazu in ein fernöstlich Gewand getaucht wird, sind derart spannend und mitreißend, dass einem da schon mal die Kinnlade auf den Tisch klappen kann. „Rainbow“ ist auf seine sensible Art wunderschön und ein Zwischenstopp auf diesem aufregenden Tripp. Mit „Pocketful Of Golden“ lässt er textlich zunächst liebevoll seine Vergangenheit bei Led Zeppelin aufleben. Zwischen Trip-Hop und den Sound-Flächen und einer dynamischen Rhythmik hebt dieses Stück wieder bravourös in sphärische Welten ab. „Embrace Another Fall“ ist sogar ein Stück in eine New Age-Ecke zu verorten, lässt dann aber die Gitarren aufheulen als gilt es in Knebworth eine halbe Millionen Menschen zu unterhalten. Die vielen kleinen Brüche halten den Spannungsbogen immens hoch. Und dann fällt Julie Murphy auch noch mit diesem tieftraurigen Gesang ein – berührend.

 

„Turn It Up“ kommt anschließend mit einer Loopschleife daher, ist aber im Grunde ein sattes Rockstück mit bluesigen Wurzeln. Die Klavierballade „A Stolen Kiss“ ist auf seine erhabene Weise frei von jeglichem Kitsch und einfach nur schön. „Somebody There“ packt dann noch mal die Gitarren aus, geht aber schnell in die Singer/Songwriterschiene über, erinnert in seiner Grundstruktur aber am ehesten an den alten Plant. Die Nummer hat einen schönen Refrain und somit gar Hitpotenzial. Natürlich läuft so etwas heutzutage nicht mehr im Radio. Das Leadbelly-Cover „Poor Howard“ ist selbstredend großartig. Da hat Plant mal wieder einen Schatz gehoben und aufbereitet. „House Of Love“ ist der erste Song, der zwar recht gefällig und nett ist, einem aber auch nicht mehr als ein Schulterzucken entlockt. „Up On The Hollow Hill (Understanding Arthur)“ schwingt sich dann aber noch mal in neue Welten auf und scheint zwischen Raum und Zeit zu schweben.

 

Fazit: „Lullaby and...The Ceaseless Roar“ wird sicher weniger Aufmerksamkeit wie die letzten Plant Alben bekommen. Dies liegt aber keineswegs an der Qualität. Diese elf Songs sind eben auf ein sehr spezielles Fundament erbaut worden. Hier wird mit afrikanischen Rhythmen gearbeitet, sanft elektronische Klänge verbreitet, sphärische Welten erbaut und dies alles auf Folk, Blues und Rock gestellt. The Sensational Space Shifters legen Plant hier einen musikalischen Teppich aus, der brillant ist. Plant fühlt sich innerhalb eines Bandkorsetts eben doch am wohlsten, auch wenn er seinen Kopf alleine dafür hinhält.

 

http://robertplant.warnerreprise.com/eu/

 

Text: Torsten Schlimbach

 

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