Prag: Kein Abschied

Prag: Kein Abschied

TYNSKA Records/Tonpool

VÖ: 16.01.2015

 

Wertung: 9/12

 

Da sind sie wieder, diese Verrückten von Prag. Verrückt, weil sie eben Musik aus einer anderen Zeit machen und in keinster Weise einem Trend folgen oder auch nur im Ansatz bei der zeitgenössischen Musik anklopfen. Verrückt, weil sie das alles ganz alleine stemmen und auch das zweite Album beim eigenen Label TYNSKA Records erscheint. Verrückt, weil das eigentlich alles kommerzieller Selbstmord ist. Es tut verdammt gut, dass es solche Verrückte gibt. Und Träumer. Nora Tschirner, Erik Lautenschläger und Tom Krimi leben mit Prag nämlich auch ihren musikalischen Traum und da redet bitteschön kein anderer mit. Es mag vielleicht den einen oder anderen erstaunen, dass Prag nach ziemlich genau zwei Jahren schon wieder ein Album veröffentlichen, aber wer sich „Premiere“ genau angehört hat wird sagen, dass „Kein Abschied“ die logische Weiterentwicklung war.

 

Mit „Der Dunkle Weg“ gibt es sogar eine Neuerung im Sound. Mystisch schleicht sich dieser an. Nora Tschirner haucht die Wörter mehr als sie diese singt. Über allem liegt der Schleier des Geheimnisvollen. Betörend. „Aus Versehen“ ist auf eine verspielte Art sogar in ein reduziertes Klanggewand gekleidet. Interessante Entwicklung, denn mit „Wenn Nur Die Seele“ startet das Album auf gewohntem Prag-Terrain. Es fängt langsam an, nimmt dann an Fahrt auf und wächst opulent an, bis die Orchestrierung die Gehörgänge umschmeichelt. Prag wirken auf einen wie das grandiose deutsche Pendant zu den famosen Belle & Sebastian.

 

„Dieser Himmel“ klingt nach einer Frühlingswiese im Morgentau. Die aufgehende Sonne hüllt das Gras in ein gelbes Antlitz und dann erwacht die Welt und begrüßt einen mit freudiger Erwartung. Erwartung was der Tag wohl bringen wird. Solche Assoziationen ruft die Musik von Prag hervor - ein schöneres Kompliment kann es eigentlich nicht geben. Musik, die so viel mehr bietet als klangliche Hintergrunduntermalung. Na klar, „Film Noir“ ist auf seine leichte Art dem Schlager nicht unähnlich, aber das darf ja auch mal sein. Wie toll sind da doch die Arrangements bei „All Die Narben“! Schön. Traurig. Melancholisch. Nachdenklich. Und dann dieser Text. Puh, was für ein schwelgerischer Song, der einen zu Tränen rührt.

 

Überall diese verrückten Ideen, die hier lauern. „Kein Abschied“, also der Song, ist voll davon. In einer besseren Welt würde „Halt Die Luft An“ im Radio gespielt werden. Französisch angehaucht und mit Pathos beladen, aber auf eine gute Art und Weise. „Sieh Da Nicht Hin“ klingt nach Filmmusik, das könnte man sich auch gut in einem Abspann vorstellen. „Spaziergängerin“ ist dann erstmals unspektakulär und nun ja, langweilig. Das liegt in erster Linie aber an der Großartigkeit der übrigen Lieder, denn natürlich ist auch die „Spaziergängerin“ ein schönes Kleinod. „Was Fällt Dir Eigentlich Ein“ schafft es auch nicht mehr den Spannungsbogen zu erhöhen und dann kommt „Das Letzte Haus“. Was ist das bitte für ein ganz und gar wundervoller Albumsabschluss?!

 

Fazit: „Kein Abschied“ ist die logische Fortsetzung von „Premiere“. Der Überraschungseffekt ist zwar dahin, aber das macht ja nichts. Das zweite Album ist ein ganz wundervolles Werk. Es fehlt vielleicht der Hit, den es auf dem Debüt mit „Sophie Marceau“ gab, aber das macht ja nichts. „Kein Abschied“ weiß mit verschrobenen Ideen zu gefallen und geht ans Herz. Lieder und Musik voller Seele und Wärme. Wer sich wundert warum es einen Punkt weniger als bei der ersten Platte gibt: „Kein Abschied“ schwächelte ganz unscheinbar und kurz auf der Zielgeraden, aber was heißt das schon bei derart wundervoller Musik!

 

http://prag-music.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Prag: Premiere

Prag: Premiere

Tynska Records/Tonpool

VÖ: 25.01.2013

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Hach, ist das schön. Man fragt sich, wie man es bisher ohne Prag aushalten konnte. Nein, die Stadt ist nicht gemeint! Selbstverständlich nicht! Selbige bietet zweifelsohne immer wieder einen Anlass für einen Besuch, aber das soll nicht das Thema sein. Das Thema ist die Albumpremiere dieser wunderbaren Musikerformation die auf den schönen Namen Prag getauft wurde. Und weil Prag keine Band wie jede andere ist, wurde das Debüt auch gleich „Premiere“ genannt. Befasst man sich etwas näher mit den drei Charakterköpfen, dann hätte auch kein andere Titel so sehr gepasst wie dieser!

 

Würde es Prag nun nicht geben, man müsste diese Band glatt erfinden. Das ist ja alles wie gemalt. Nicht nur das Cover - einfach alles! Schon alleine die Namen. Lautenschläger und Krimi. Ist das nicht fantastisch? Klar, Erik Lautenschläger kennt man schon von Erik & Me und auch Tom Krimi dürfte spätestens seit Stereo Deluxe in der Musiklandschaft ein Begriff sein. Wie wunderbar ist es aber jetzt, dass diese beiden Herren nun gemeinsam musizieren?! Und dann wäre da ja noch der weibliche Part von Prag. Man traut sich ja fast gar nicht den Namen zu nennen, da die Vermutung nahe liegt, dass sich nun alle auf Prag stürzen – nur wegen ihr. In diesem Fall ist das die einzigartig Nora Tschirner. Genau, jene Nora Tschirner, die mit ihrer charmanten Schnoddrigkeit so manchem Film das Sahnehäubchen aufgesetzt hat. Jene Nora Tschirner, die der einzige Grund ist einen romantischen Til Schweiger Film zu überstehen.

 

Ohne auch nur einen Ton von „Premiere“ gehört zu haben, kann man sich ungefähr vorstellen, welche Stimmung hier eingefangen wurde und wie es ungefähr klingt. Aus der Zeit gefallen – natürlich! Erik Lautenschläger und Tom Krimi werkeln ja nun auch schon länger zusammen herum. Ihre gemeinsame Liebe für die Boheme der 50er und 60er, aber auch zu Jaques Brel und Ennio Morricone ebnete den musikalischen Weg für Prag schon recht früh und da war Nora Tschirner nicht mal mit an Bord.

 

Und wie klingt „Premiere“ nun? Nach Berlin, Paris, Prag (natürlich) und nach Western. „Leisestreichler“ könnte man auch nehmen und so in den nächsten Tarantino-Western stellen – falls er jemals noch mal auf die Idee kommen sollte erneut in diese Richtung etwas zu drehen. Um die weibliche Hauptrolle müsste er sich dann auch nicht weiter bemühen, würde er ja ebenfalls bei Prag fündig werden. Kann es eigentlich dieses Jahr noch eine schönere, tollere und bezaubernde Single wie „Sophie Marceau“ geben? Dramaturgisch ist die Nummer ganz vorzüglich aufgebaut. Man höre sich nur die Instrumentierung an – ist diese nicht toll? Überhaupt ist die ganze Platte ein Füllhorn der Kuriositäten oder hat man schon viele Alben gehört auf dem Hackbretter, Hörner, Mandolinen und das Prager Filmorchester zu hören sind? Nein? War klar!

 

„Zeit“ ist auch so ein Kleinod, welches die Sonne aufgehen lässt. Wie sich hier in den Gesang geschmissen wird, erfordert schon viel Herzblut. Davon gibt es auf „Premiere“ natürlich viel. Und dann dieser Wortwitz! Diese charmante Arroganz schafft doch glatt den Ritt auf der Rasierklinge und trägt nicht mal den kleinsten Kratzer davon. Das träumerische „Zweiter“ ist höchst entzückend und „Drehbuch“ hat die Chupze auch kurz bei den Garagenklängen der Rock and Roller nachzugucken, ob noch alles in Ordnung ist. Wie ein düsterer Umhang legt sich „Vögel“ um den Zuhörer und umspielt die Ohren mit einem schwelgerischen Gesang, wie man es lange nicht mehr gehört hat. Konstantin Gropper ist bei Get Well Soon immer auf der Suche nach dieser Perfektion, Prag schafft es.

 

Gut, es mag auf „Premiere“ nicht alles großartig sein. „Einfach“ ist eben dann auch nur ein Lied. Aber was heißt das schon? „Bis Einer Geht“ verzaubert und „Einkauf“ verbreitet dieses Berliner-Flair, dass es nur so eine Art hat. Schön! Das simple „Warten“ bringt es mit seiner vermeintlichen Lagerfeuerromantik direkt auf eine unbekümmerte Art auf den Punkt. Verspielt sind sie auch, diese Spielmannsleute von Prag. „Einfach“ schafft es trotz allem Pathos immer noch eine Leichtigkeit an den Tag zu legen, dass es schon wieder ganz wundervoll ist. Die Schwere von „Ende“ setzt schließlich den dunklen Schlusspunkt.

 

Fazit: Prag ist mit „Premiere“ eine ganz wunderbare Platte gelungen, die nicht dem Zeitgeist entspricht, das Herz aber am richtigen Fleck hat. Aus der Zeit gefallene Musik, die einen betört und umschmeichelt. Diese drei Menschen passen als Musikanten perfekt zusammen. Man kann nur hoffen, dass dieses Projekt eine Fortführung findet! Bis dahin wird „Premiere“ noch oft im Player rotieren.

 

http://www.prag-music.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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