Philip Boa And The Voodooclub: Blank Expression (Deluxe Edition)

Philip Boa And The Voodooclub: Blank Expression (Deluxe Edition)

Universal

VÖ: 16.09.2016

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Philip Boa hat in der deutschen Musiklandschaft stets einen ganz besonderen Platz eingenommen. Dies liegt auf der einen Seite an seiner Musik und seinem künstlerischen Schaffen, aber eben auch daran, dass er ein bisschen kauzig ist und seinen ganz eigenen Weg beschritten hat. Manche bezeichnen den Mann oftmals als schwierigen Zeitgenossen. Damit wird man ihm aber kaum gerecht, denn er hat sich eben nicht so vereinnahmen lassen, wie es eine Vielzahl seiner Kollegen tut. Man kann Boa jedenfalls kaum vorwerfen, dass er glattgebügelt war und ist. Jetzt folgt mit „Blank Expression“ ein neues Album. Hinter dem Titel verbirgt sich aber zunächst nichts anderes als eine Ansammlung von Singles. Boa wäre aber nicht Boa, wenn er dann nicht doch noch überraschen würde. Die zweite CD – „Fresco“ betitelt - der Deluxe Edition ist nämlich ein neues Album, welches dann auch noch den Zusatz „A Collection Of 12 New Songs“ trägt.

 

Die Singlesauskopplungen der letzten dreißig Jahre hat der geneigte Fan natürlich längst im Schrank stehen. Trotzdem wird diese Spezies „Blank Expression“ mit schwitzigen Händen nach Hause tragen. „Fresco“ ist ja nun auch Grund genug um einen mittelschweren Schweißausbruch zu kriegen. Wer nicht zu dem ganz harten Kern der Anhänger zu zählen ist oder Boa erst jetzt für sich entdeckt, kann gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Singleskollektion und neues Album. In der heutigen Zeit, da Albumverkäufe ja eigentlich kaum noch eine Rolle spielen, ist diese Veröffentlichungspolitik mitunter ein ganz geschickter Schachzug!

 

Ob diese Veröffentlichung nun tatsächlich von Beginn an so geplant war, sei dann mal dahingestellt. Angeblich war zunächst nur eine EP vorgesehen, aber dann sprudelte die Kreativität nur so. Das Ergebnis kriegen wir nun zu hören. Die Singles-Zusammenstellung ist natürlich eine sichere Bank. Man sollte an dieser Stelle allerdings den Voodooclub nicht vergessen, denn dieses Musikerkollektiv ist Herrn Boa seit der Gründung im Jahre 1985 doch sehr behilflich bei der Umsetzung seiner Visionen. Der Voodooclub ist dann auch maßgeblich am guten Ruf von Philip Boa in UK beteiligt. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass man sich schon mit vielen Genregrößen die Bühne geteilt hat.

 

Die erste Scheibe hat dann auch so Genreklassiker wie „This Is Michael“, „Love On Sale“, „Kill Your Idols“, „Container Love“, „Albert Is A Headbanger“ und „Rome In The Rain“ zu bieten. Das rockt mal durch den Indiegarten, ist verschroben oder elektronisch angehaucht, künstlerisch aber immer derart weit draußen, dass dies schon eine ganz eigene Nische bedient. Neunzehn Songs, die auch heute noch faszinierend und auf ihre Art sogar als zeitlos zu bezeichnen sind. Klassiker eben. Die einzelnen Tracks wurden aber keineswegs einfach so aneinander gereiht. Die ganze Geschichte wurde sorgfältig von den Originaltapes remastert. Die 19 ausgewählten Songs hat man klanglich noch nie so gut auf die Ohren bekommen. Dies gilt auch für die Nummern neueren Datums wie „Diamonds Fall“, „Loyalty“ oder „Standing Blinded On The Rooftops“. Remastert wurde dies nämlich nun erstmalig im aktuellen High-End-Sound!

 

Aus den fünf Songs für die EP sind innerhalb kürzester Zeit zwölf geworden. „Der Plan war, pro Song in nur vier Tagen aus dem Nichts eine Idee zu entwickeln und einzuspielen; nur aus dem ursprünglichen Textfragment und der Melodie.“ Ein Schnellschuss also, der nicht verkopft und überproduziert werden sollte. Die Songs strahlen dann auch eine gewisse Rohheit aus und schließen nahtlos an seine letzten Studioproduktionen an. Die elektronischen Elemente sind dabei weitestgehend vor der Studiotür geblieben.

 

Mit „Death Is A Woman“ geht es mit New Wave Gitarre und goovigem Unterbau standesgemäß auf dem neuen Album los. Der Song – besonders der Refrain – ist ein verdammter Ohrwurm. Das ist aber im Grunde über jeden Song zu sagen. „Broke & Sons“ ist schon stark, aber „Against The Sun“ schießt den Vogel ab. Ein Popohrwurm, der in einer gerechten Welt durch die Decke gehen und auf allen Sendern mehrmals täglich laufen würde. „Twisted Star“ gefällt nicht nur durch das oftmals verwendete Stilmittel männlich/weiblicher Gesang, sondern auch durch eine düstere Atmosphäre. Nebenbei bemerkt: schönes Klaviermotiv. „Wanna No No“ ballert ordentlich rein. Trent Reznor dürfte das gefallen.

 

Es sind aber meist die luftigen Tracks auf „Fresco“, die besonders hervorstechen. Selbige überzeugen dann meist mit einer Geradlinigkeit, die den Songs sehr viel Luft zum Atmen lässt. „Sister Under The Sea“ und auch „Blackout“ sind in dieser Hinsicht ja fast schon phänomenal. „This Pain“ hat eine dieser unwiderstehlichen Hooklines, die bei Boa immer so spielerisch wirken. Ein bisschen erinnert das gar an den großen Bowie. „Kill Your Vacation“ plätschert allerdings dahin, doch schon mit dem dunklen „Le Brigadier“ kommt er in die Nähe eines Nick Cave. „Fake Burberry Scarf“ ist ganz zum Schluss eine Dampfwalze. Boa und sein Voodooclub lärmen wie frisch aus der Garage – ohne dabei auch nur im Ansatz peinlich zu sein.

 

Fazit: „Blank Expression“ ist eine überraschende Veröffentlichung. Mit einem neuen Album als Zugabe zu der Singles-Kollektion hatte wohl kaum einer gerechnet. Die Singles der letzten dreißig Jahre darf man sich sowieso gerne in die Sammlung stellen. Philip Boa ist ja einer der wichtigsten Indiekünstler aus deutschen Landen. Das neue Album - „Fresco“ - ist abermals ein sehr gutes Album von Herrn Boa und seinem Voodooclub. Die Songs sind roher als zuletzt. Tolle Melodien und Hooklines, atmosphärisch sehr dicht, aber auch mal mit dem nötigen Augenmaß für ein paar ruhige und luftige Passagen – all das ist „Fresco“.

 

http://www.phillipboa.de/

 

Text: Torsten Schlimbach

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