Noel Gallagher´s High Flying Birds: Chasing Yesterday

Noel Gallagher´s High Flying Birds: Chasing Yesterday

Sour Mash/Indigo

VÖ: 27.02.2015

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Während sein Bruder die eigene Band in die ewigen Musikjagdgründe schickt, hebt Noel Gallagher mit seinen High Flying Birds erneut ab und veröffentlicht mit „Chasing Yesterday“ ein sehr beachtliches Werk. Wer hätte damit gerechnet, dass der Mann tatsächlich noch dazu fähig ist musikalisch zu überraschen? Und dies auf eine durchaus bemerkenswerte Art und Weise! Da muss die Reunion von Oasis wohl noch warten, denn einstweilen braucht Gallagher die Wiederbelebung der ehemals wichtigsten Band aus UK der 90er mit Sicherheit nicht. Und wer „Chasing Yesterday“ hört, wird sich auch nicht danach zurücksehnen. Noel Gallagher steht mit beiden Beinen fest im Hier und Jetzt!

 

Man merkt in der Zwischenzeit, dass der ältere Gallagher merklich ruhiger geworden ist und auch mal Dinge zulässt, die eher früher aus tiefstem Herzen verabscheut hat. Damit ist weniger sein Job als Produzent dieser Platte gemeint, denn seine Rolle als Songschreiber und der Suche nach der richtigen Instrumentierung. Ein Saxophon war bis jetzt ja schon kaum vorstellbar, aber gleich zwei davon? Auf „Chasing Yesterday“ ist eben alles möglich. Natürlich beeilt sich der gute Noel schnell zu betonen, dass man dabei unter keinen Umständen an den Typen von Spandau Ballet denken sollte. Ach Noel, natürlich nicht, das hätte doch nicht wirklich einer erwartet. Und ein bisschen was geht ja immer noch. So kriegt Chris Martin im aktuellen Video ganz zum Schluss auch noch verbal einen mit. Das geht natürlich absolut in Ordnung und es kommt ja immer auf das Wie an. Ganz heimlich möchte man den Mann manchmal einfach mal drücken. Dafür und natürlich für „Chasing Yesterday“.

 

Es ist ja kein Geheimnis, dass sich Gallagher für seine vielen Großtaten gerne und großzügig bei der britischen Musikgeschichte bedient hat. Daraus hat er ja selbst nie einen Hehl gemacht. Er hat im Vorfeld von „Chasing Yesterday“ sogar mitgeteilt, dass es ja im Grunde schön blöd wäre, wenn man sich nicht bei Bowie bedienen würde. Natürlich nur bis zu dem Grad, wo man ihn (Gallagher) verklagen könnte. Trotzdem ist das vorliegende Album keine Bowie-Kopie. Mit etwas gutem Willen kann man das Chamäleon des Pop an vielen Ecken heraushören, aber das ist ja nun beileibe keine neue Erkenntnis.

 

Es ist auch die Erkenntnis nicht neu, dass die Akustiktracks von Gallagher allesamt verdammt noch mal nach „Wonderwall“ klingen. Insofern ist „Riverman“ zunächst der denkbar schlechteste Auftakt für die Platte. Der Song baut sich aber sehr schön auf und wird vom Bass getrieben bis die Gitarren abheben. Man will jetzt nicht unbedingt von Pink Floyd sprechen, aber wenn dann auch noch das Saxophon die Szenerie durchschneidet, dann ist das der Jazz/Prog-Moment in der Karriere von Gallagher. Über allem schwebt dieser melancholische Gesang. Und plötzlich steht man staunend da und kann doch nur attestieren: was für Auftakt! Übrigens ist die Produktion ganz wunderbar gelungen und jedes Instrument und jede Nuance auszumachen. Mit „Riverman“ schwebt man fast über sechs Minuten in dieses Album.

 

„In The Heat Of The Moment“ lässt ein paar Glöckchen läuten – und was soll man sagen? Es passt. Dazu wird ein Disco-Beat gereicht - ja Musik von Gallagher ist 2015 auch tanzbar. Und der Nananana-Singalong sorgt dafür, dass auch die Fraktion mit dem Bierbecher etwas zum Mitgrölen an die Hand kriegt. „The Girl With X-Ray Eyes“ ist eine Hommage an die Ehefrau von Gallagher und ist ganz klar von Bowie inspiriert. Die Zeiten von „Starman“ kommen einem da in den Sinn. Mit „Lock All The Doors“ wird es dann erstmals etwas krachiger. Dafür hat er einen 23-Jahre alten Song ausgebuddelt und vollendet. Die Nummer ist sicher nicht schlecht, aber davon hat der gute Mann mehr als ein Dutzend Songs im Backkatalog die nachhaltiger sind. Da kommt „The Dying Of The Light“ schon wesentlich zwingender. Es ist erstaunlich, dass der Mann mittlerweile derart nachdenklich klingt und in der Mitte seines Lebens angekommen zu sein scheint – und dies nicht nur weil das Geburtsdatum in seinem Ausweis dies hergibt. Noel Gallagher präsentiert sich hier als gereifter Musiker und Sänger und dies auf eine sehr angenehme und schöne Art und Weise.

 

„The Right Stuff“ ist von der Atmosphäre schlichtweg brillant. Das Stück scheint zu schweben und dafür wurde einst der Begriff Space Jazz erfunden. Vor zwanzig Jahren hätte er wohl verächtlich die Nase darüber gerümpft. Gut, dass mit den Jahren ein Umdenken stattgefunden hat. „While The Song Remains The Same“ befasst sich mit dem Manchester, wie es Gallagher in seiner Kindheit erlebt hat und mit der heutigen Stadt im Grunde nicht mehr viel zu tun hat. Kein Wunder, dass die Nummer so schön nostalgisch klingt. „The Mexican“ ist auch nicht mehr ganz so neu und basiert auf einer Arbeit vergangener Tage mit dem Produzentenduo Amorphous Androgynous. Das schwere Gitarrenriff dominiert den Song, welcher sehr amerikanisch ausgefallen ist. „You Know We Can´t Go Back“ hört sich zwar nach Nostalgie an, ist aber im Grunde seines Herzens ein fröhlicher Pop/Rocksong. „Ballad Of The Mighty I“ macht „Chasing Yesterday“ richtig schön rund. Johnny Maar improvisierte im Studio mehr oder weniger dazu, da er vorab keine Informationen über den Track haben und nicht mal den Rough Mix hören wollte. Der krönende Abschluss eines Köingswerks!

 

Fazit: Noel Gallagher hat mit seinen High Flying Birds ein ganz famoses, zweites Album aufgelegt. „Chasing Yesterday“ ist ein ganz fein austariertes und vielfältiges Werk mit einem nostalgischen und melancholischen Unterton. Die Platte klingt dabei aber keineswegs altbacken. Jazz Space, Prog, Pop, Rock, Folk – alles da und das auf die ganz eigene Art von Gallagher. Da kann man nur seinen nicht vorhandenen Hut ziehen! Chapeau!

 

Pre-Stream "Chasing Yesterday"

http://www.noelgallagher.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Noel Gallagher´s High Flying Birds: dito

Noel Gallagher´s High Flying Birds: dito

Sour Mash Records/Indigo

VÖ: 14.10.2011

 

Wertung: 8,5/12

 

Der erste Gallagher hat ja schon bewiesen, dass ein musikalisches Leben nach Oasis möglich ist. Nun legt auch der Bruder nach. Mit Spannung wird ja seit Wochen auf Noel Gallagher´s High Flying Birds gewartet. Wohin geht die Reise? Macht er da weiter, wo er mit Oasis aufgehört hat? Was ist mit der Stimme? Noel hin oder her, aber fehlt nicht auf die Distanz eines ganzen Albums der nölige Gesang von Bruder Liam?

 

Die High Flying Birds werden nun alle Fragen auf einen Schlag beantworten. Oder wirft das jetzt noch mehr Fragen auf? Immerhin hat der gute Noel angeblich schon das nächste Album mit diesem offenen Kollektiv im Köcher. Man sollte dies jedenfalls jetzt nicht als feste Band betrachten. Noel Gallagher ist wohl auf lange Sicht gesehen das einzige Mitglied. Trotzdem hat er sich jede Menge Gäste eingeladen – bis hin zum Chor. Natürlich hört man der Platte von vorne bis hinten an, wer der Urheber ist. Alles andere wäre aber auch sehr seltsam, oder? Trotzdem ist „High Flying Birds“ anders. Man könnte glatt davon sprechen, dass der große Gallagher seine Mitte gefunden hat und um einiges ruhiger ist. Die Abbiegung Richtung Alterswerk ist da nicht mehr so weit entfernt.

 

Trotzdem wagt sich Noel Gallagher auf ein Terrain, welches er mit Oasis nie betreten hätte. Das trifft nicht auf die Lyrics zu, die sind teilweise erschreckend banal. Aber gut, Oasis waren ja nun nie eine Band, die für die große Dichtkunst bekannt ist! Warum sollte dies nun bei dieser Platte anders sein, wo doch der Kopf hinter der erfolgreichsten britischen Band der letzten Jahrzehnte auch dahinter steckt? Das hat man aber auch nicht erwartet. Da ist die musikalische Umsetzung schon viel interessanter. Man legt viel Wert auf einen Breitwandsound, auch wenn die Breitwandgitarren diesmal kaum vorhanden sind. Wie das geht? Nun, neben einem Chor nimmt man auch noch ein paar Streicher und fertig ist die teilweise epische Anlage der Songs.

 

Wer jetzt neue Hymnen erwartet, wird enttäuscht werden. Die gibt es nämlich nicht. Jedenfalls nicht für die Stadien! Zunächst ist man gar ein bisschen enttäuscht. Das legt sich aber schnell, denn die Scheibe wächst und wächst. Es lärmt auch schön durch die Prärie. Kein Wischiwaschi, sondern die Regler bis zum Anschlag aufgedreht. Trotzdem ist dies eher ein rockige Popplatte. Alles was bei seiner früheren Band irgendwie nicht untergebracht werden konnte, hat Gallagher aus der Schublade gezaubert, neu sortiert und nach seinen Vorstellungen angerichtet. Teilweise sind die Songs nämlich schon ein paar Jährchen alt. Den Albumfluss stört dies aber in keinster Weise.

 

Der Opener „Everybody´s On The Run“ ist beispielsweise so ein Ding. Wenn man die Platte erstmals hört, dann knistert die Spannung. Der Songaufbau ist nämlich mit viel Bedacht gewählt und es dauert, bis Noel endlich stimmlich einsteigt. Dazu jubilieren die Streicher und alles in allem wurde das auch ein bisschen psychedelisch angestrichen. Danach groovt und poltert „Dream On“ in bekannter Manier los. Ein bisschen mystisch, ein bisschen düster und fertig ist eine weiterer sehr guter Song des 44-jährigen. „If I Had A Gun...“ schlummerte wohl auch schon länger in der Schublade. Wenn Gallagher die Akustische auspackt, dann hört sich das immer wie „Wonderwall“ an. Zum Glück steigt die Band schnell ein und dann entwickelt sich die Nummer noch zu einem amtlichen Stampfer. Hier hätte man aber definitiv mehr rausholen können. Warum nur hat man die Regler da bis zum Anschlag nach oben geschoben? Die vielen Nuancen des Stücks gehen so nämlich verloren.

 

Mit „The Death Of You And Me“ haut er noch mal richtig einen raus. Das ist vermutlich der beste Song, den er im letzten Jahrzehnt aufgenommen hat! Hier schweift der Blick ganz weit in die Ferne nach New Orleans! Mit einem Brass-Band Sound hätte wohl keiner gerechnet. Da ist der Mann auf seine alten Tage doch glatt noch für Überraschungen gut! „(I Wanna Live In My Dream) Record Machine“ ist ebenfalls älter, aber deshalb nicht schlechter. Na gut, vielleicht gibt es auf dem Album doch eine Hymne für die Stadien – hier ist sie! Mit „Aka...What A Life“ wurde aufgrund des treibenden Grooves und des falsettartigen Gesangs eine waschechte Popnummer aufgenommen. Sieh mal einer an! Seinen Hang zum 60s Pop wird er wohl nie verlieren und somit pendelt „Soldier Boys And Jesus Freaks“ solide zwischen den Kings und Beatles hin und her. Die Bläser sorgen letztlich dafür, dass der Track doch noch aus seiner Lethargie gerissen wird. „Aka...Broken Arrow“ ist danach aber dann tatsächlich eher ein Füller und ein typischer Song aus der Gallagher-Schublade, wenn mal so gar keine Ideen vorhanden sind. So ein Ding schreibt er zwischen dem Wasserlassen und Zähneputzen. Mit „(Stranded On) The Wrong Beach“ gibt es vor dem epischen und ausufernden Ende mit dem tollen „Stop The Clocks“ noch mal einen Stampfer, der nach bekanntem Muster gestrickt ist.

 

Fazit: Noel Gallagher hat mit seinen Mitstreitern ein gutes Album aufgenommen. „High Flying Birds“ ist zwar jetzt nicht die Neuerfindung seiner musikalischen Welt, aber aufgrund der Bläser, Chöre und Streicher hat er einen epischen Sound auf die Beine gestellt, der mit Oasis so nicht möglich gewesen wäre. Zwar gibt es auch den einen oder anderen Füller, aber auch das kennt man ja schon von seiner ehemaligen Band. Man könnte auch sagen: hätten Noel die besten Songs dieser Platte und sein Bruder Liam die besten Songs von Beady Eye zusammen geschmissen, dann wäre dies ein überragendes Oasis-Album geworden. So haben wir eben zwei gute bis sehr gute Platten. Ist ja auch was. Mixen kann ja jetzt jeder für sich selber!

 

http://www.noelgallagher.com/splash/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch