Nine Inch Nails: Hesitation Marks

Nine Inch Nails: Hesitation Marks

Universal

VÖ: 30.08.2013

 

Wertung: 9/12

 

Trent Reznors Talent kommt in die Nähe eines modernen Mozarts. Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler hat er seine musikalischen Spuren in verschiedenen Medien hinterlassen und dies auch noch auf nachhaltige Art und Weise. Es gibt nicht so viele Komponisten, die neben einem Grammy einen Oscar auf dem Kaminsims als Staubfänger stehen haben. Trent Reznor hat zudem das Kunststück geschafft einen Film durch seinen Score entscheidend zu beeinflussen und in eine bestimmte Richtung zu lenken. Zusammen mit Atticus Ross hat er „The Social Network“ seine Handschrift aufgedrückt. Mittlerweile wäre der Film ohne den Beitrag von Reznor undenkbar. Den Videospielemarkt hat er zudem auch stets im Auge und dann wäre da ja noch seine Band, die Nine Inch Nails. Mittlerweile bezieht sich das allerdings nur auf die Live-Konstellation. Nine Inch Nails ist einzige und alleine Trent Reznor.

 

Trent Reznor war die letzten Jahre derart beschäftigt, dass die Nine Inch Nails etwas kurz kamen und auf Eis lagen. „The Slip“ markierte dahingehend das letzte richtige Lebenszeichen. Das Jahr 2012 nutzte Reznor dann um im stillen Kämmerlein „Hesitation Marks“ aufzunehmen. Mehr als ein paar Gerüchte gab es nicht, bis schließlich die Katze aus dem Sack gelassen wurde. Fans sollten sich besser anschnallen, denn ab jetzt ist nichts mehr wie es mal war. „Hesitation Marks“ wird für einige Verwirrung sorgen – und für schlaflose Nächte, nur eben anders wie gedacht! Reznor macht mal wieder was er will. Erwartungshaltungen werden beiseite geschoben. Dies sagen zwar immer alle, dass sie es genau so handhaben, aber ein Reznor redet nicht davon und macht einfach mal.

 

Preisfrage: was war bisher bei den Nine Inch Nails ein ungeschriebenes Gesetz? Egal wie vielseitig die Klänge, Soundlanschaften und Randgebiete der herkömmlichen Rockmusik auch ausgelotet wurden, eine latente Aggressivität war – mal mehr, mal weniger – immer vorhanden. Dies schien bis zum Ende aller Tage in Stein gemeißelt zu sein. So ändern sich die Zeiten. Was ist passiert? Oder andersherum, warum sollte Reznor auch aggressiv sein? Scheint dem Mann nicht die Sonne aus dem Allerwertesten? Plattenmillionär, ein schönes Heim, glücklicher Vater, liebender Ehemann, erfolgreicher Geschäftsmann und von allen Seiten wird er in den höchsten Tönen für seine Kunst gelobt und ausgezeichnet – ja, hier wohnt einer auf der Sonnenseite des Lebens. Seine Allkohol- und Drogensucht hat er auch längst hinter sich gelassen, also wo sind da noch die Gründe für diese aggressive Note? Man kann auch davon ausgehen, dass er „Scream“ von Chris Cornell nicht sehr oft auflegt. Machen wir uns also nichts vor, die Zeiten des Bluthochdrucks sind im Hause Reznor längst vorbei. „Hesitation Marks“ ist alles, aber eben nicht aggressiv.

 

„Hesitation Marks“ ist zuweilen erstaunlich ruhig ausgefallen. Wie stellt der Meister zu Beginn der Platte doch mit einer gehörigen Portion Selbstironie so treffend fest? „I Am Just A Copy Of A Copy Of A Copy“. Selbstreflexion oder Mittelfinger in die Richtung all jener, die dieses Projekt im Vorfeld schon abgeschrieben hatten? Früher wäre ganz sicher nur die letzte Option in Frage gekommen. Damals eben, als er sich selbst zu zerstören schien. Heute, austrainiert und mit gesunder Gesichtsfarbe, kann man davon ausgehen, dass da eine gehörige Portion Wahrheit versteckt ist -  besonders vor dem Hintergrund, dass dieses Album den langen Weg zurück bis zu „Pretty Hate Machine“ geht! Die Gitarren treten auf „Hesitation Marks“ nämlich dezent zur Seite. An dieser Stelle fragt man sich auch, wie Lindsey Buckingham da ins Bild passt, denn der Herr von Fleetwood Mac hat seine Klampfe für dieses Werk hier nämlich auch ausgepackt und gespielt.

 

Elektronische Rhythmen dominieren dieses Album, gar so, als wäre EBM gerade erst erfunden worden. Clubtauglich ist das allemal, „Satellite“ beispielsweise. Dieser, von Trent Reznor ganz alleine zusammengezimmerte Track, passt auf den Dancefloor. Zu den minimalistischen Klängen dürften die Körper der Tanzwilligen im Stroboskoplicht zucken. „Running“ geht auch in diese Richtung, ist aber wesentlich durchgedrehter. Einen waschechten Hit gibt es hier übrigens auch. Nein, nicht so einen, wie man es erwartet hätte, zumindest nicht, wenn da Nine Inch Nails draufsteht. „Everything“ lärmt zwar schön und hat sich auch mal kurz was bei The Cure geliehen, aber im Grunde seines Herzens ist das eine fröhliche Popnummer! Potzblitz, da hat der Trent, die alte Socke, aber alle mal ganz schön dran gekriegt. Man hört förmlich den Aufschrei der Fangemeinde. Das darf und kann doch nicht wahr sein. Ist es aber!

 

Aber keine Sorge, „Hesitation Marks“ ist natürlich jetzt kein Partyalbum. Diese bedrückende Schwere und Düsternis ist wieder da. Im ersten Teil des Albums wird in dieser Hinsicht noch etwas zurückhaltender agiert, aber „Various Methods Of Escape“ macht keine Gefangenen mehr. Die menschlichen Abgründe liegen vor einem und im Nine Inch Nails Gewand scheinen diese gleich noch beklemmender zu sein. Der Gesang ist oftmals sehr zurückgenommen und kurz vorm Flüstern. Dadurch ergibt sich eine schöner Kontrast. „Copy Of A“ klingt wie frisch aus einem David Lynch-Epos entsprungen. Die verwackelte Kamera schwenkt von der Straße auf den Randstreifen wo eine undefinierbare Gestalt läuft und läuft und läuft...

 

Depeche Mode könnten sich übrigens mal eine Scheibe bei den Nine Inch Nails abschneiden. So ein Ding wie „Came Back Haunted“ hätte der letzten Platte ganz gut getan. „Hesitation Marks“ ist sowieso das bessere Spätwerk, da kann das zahnlose Depeche Mode Ding nicht mal im Ansatz gegen anstinken. „Find My Way“ hätte sich auch gut auf „Year Zero“ gemacht und „All Time Low“ groovt wie Sau, als hätte man versucht R&B, Funk und Soul auf den Electrobereich zu übertragen. Sexy. Bei „Various Methods Of Escape“ muss man ganz nahe an die Boxen rutschen, zum Refrain hin aber bitte nicht erschrecken. Man vergisst ja gerne, dass Trent Reznor ein Multiinstrumentalist ist. Zu „While I´m Still Here“ greift er noch mal ganz tief in seine Schatztruhe und holt sein Saxofon heraus. Jenes Instrumente also, welches er tatsächlich vor grauer Vorzeit erlernt hat. Er ist ein Tausendsasa und eine Wundertüte, dieser moderne Mozart.

 

Fazit: „Hesitation Marks“ dürfte kontroverse Diskussionen hervorrufen. Zieht sich Trent Reznor und sein Baby, die Nine Inch Nails, jetzt auf das Altenteil zurück oder schafft es hier ein Künstler tatsächlich seine Glaubwürdigkeit zu behalten? Je öfters man sich diese Songs anhört, umso klarer liegt die Antwort vor einem. Mit dieser Platte wird die Glaubwürdigkeit eines Künstlers untermauert wie man es nur selten gehört hat. Erwartungshaltungen werden nicht erfüllt und es wird auch nicht weiter an den üblichen Schrauben gedreht. Warum den Leuten auch etwas vorspielen, was sowieso nicht mehr vorhanden ist? „Hesitation Marks“ mag vordergründig ein ruhiges Werk sein, unter der Oberfläche brodelt es aber ganz gewaltig. Die Nine Inch Nails melden sich mit einem Knall zurück ohne dabei laut zu sein. Der Hörer wird ganz langsam eingewickelt und becirct. Ein weises Werk eines großen Künstlers!

 

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Text: Torsten Schlimbach

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