Niedeckens BAP: Lebenslänglich

Niedeckens BAP: Lebenslänglich

Universal

VÖ: 15.01.2016

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Wolfgang Niedecken ist BAP und BAP ist Wolfgang Niedecken. Die Grenzen sind da seit einer Ewigkeit fließend. Das war auch 1979 so, als das Debüt „Wolfgang Niedeckens BAP Rockt Andere Kölsche Leeder“ ein eigenes Genre begründete. Der Kölschrock war geboren und mit ihm zog einer der wichtigsten Vertreter der Stadt Köln hinaus in die Welt um von der Domstadt zu berichten. Die schönen Dinge, aber auch die hässlichen Seiten sollten dabei nicht unerwähnt bleiben. Der junge Wolfgang war aber auch stets wütend, wütend auf das, was in diesem Land passierte und seiner Meinung nach aus dem Ruder lief. Mit BAP nahm er wichtige politische Songs auf. Die Band aus Köln wurde zu einer Art Sprachrohr und Teil der politischen Musikbewegung. Die Themen haben leider immer noch nichts an Aktualität eingebüßt. Die Menschen haben sich anscheinend kein Stück weiterentwickelt. Technisch schon, klar, aber Denken und Handeln eben auf erschreckende Art und Weise nicht. Wolfgang Niedecken hat sich entwickelt. Sein neues Album „Lebenslänglich“ macht dies deutlich – und dies gleich mehrfach.

 

Es schließt sich jetzt zum 40. Jubiläum auch ein Kreis. BAP ist Geschichte. Jedenfalls als Band. Dies war und ist eben schon immer das Kind von Wolfgang Niedecken gewesen. Jetzt, da es sowieso keine feste Besetzung mehr gibt, kann man das auch gleich so kommunizieren: Niedeckens BAP. Der Mann ist damit „Lebenslänglich“ verbunden. Guckt man sich das Covermotiv an, dann scheint das nicht unbedingt eine Freude (gewesen) zu sein. Warum guckt der gute Wolfgang denn so grimmig? Er kann mehr als nur stolz darauf sein, dass ihn dieses Projekt ein ganzes Künstlerleben eingebuchtet hat. Irgendwann wird man ihm in Köln nämlich ein Denkmal setzen. Setzen müssen! Wie kaum ein anderer hat es Wolfgang Niedecken nämlich geschafft den Gefühlen einer ganzen Stadt textlich und musikalisch Ausdruck zu verleihen. Wolfgang Niedecken hat dabei stets den richtigen Ton getroffen.

 

Was sich wie ein Nachruf liest, ist aber nur als Rückblick gedacht. Auf „Lebenslänglich“ blickt auch Wolfgang Niedecken zurück, zurück auf sein Leben. Ist das nun melancholisch und nostalgisch? Auch, aber eben auf eine sehr schöne und angenehme Art und Weise – weit entfernt von weinerlich. Wer seinen siebzigsten Geburtstag so langsam schon herannahen sieht – Niedecken wurde 1951 geboren – der darf das sicher auch. Abgesehen davon hat er zeitlebens immer mal wieder in den Rückspiegel nach hinten geguckt.

 

Musikalisch hat er das mit seinen Mitstreitern in ruhige Töne verpackt. Es ist ein amerikanisches Album geworden. Der große Dylan und Springsteen-Fan kann aber auch gar nicht anders. Folk und Americana bestimmen das Klangbild von „Lebenslänglich“. Zwei Konstante in seinem Künstlerleben. Insofern ist es auch keine Überraschung, dass „Komisch“ die kölsche Version von „Simple Twist Of Fate“ vom Dylan Album „Blood On The Tracks“ ist. Die Musik für dieses Album stammt größtenteils nicht von Niedecken, sondern von Anne De Wolff und Ulrich Rode, die das Werk auch noch produzierten.

 

Er konnte sich so im Wesentlichen auf die Texte konzentrieren. Eigentlich wollte er in der Türkei schreiben, aber nach vier Wochen stand der Zähler immer noch auf Null. Eine Schreibblockade kündigte sich an. Auf dem Rückflug in die Heimat sollte es dann doch noch klappen und „Lebenslänglich“ wurde auf den Weg gebracht.

 

Mit der melancholischen Rückschau „Alles Relativ“, die zudem sehr zurückhaltend instrumentiert ist, startet das Album mit der Lebensgeschichte von Niedecken. Er hat hier seine ganz eigene Relativitätstheorie zu Papier gebracht. Und am Anfang hört man den Rhein plätschern – natürlich, wen auch sonst?! „Absurdistan“ lässt anhand des Titels ja schon erkennen was Sache ist. Als er den Text geschrieben hat, wird er um die schauerliche Aktualität noch nicht gewusst haben. Umso mehr passt „Kyrie Eleison“ – „Gott erbarme dich“ auf dieses Album und in diesen Januar 2016. Hier wird übrigens nicht nur Kölsch gesungen – man kann den Aufschrei der Fangemeinde bis hierhin hören. Geschenkt.

 

„Dä Herrjott Meint Et Joot Met Mir“ ist die Rückkehr zum üblichen Thema: Unterwegs, Autobahn und Rückblick auf das war und ist. Das Stück rockt sogar mit amtlichem Gitarrensolo. Damit nimmt die Nummer gar eine Art Sonderstellung ein. „Die Ballade Vom Vollkasko-Desperado“ nimmt direkten Bezug zur heutigen Fanlandschaft. Eine Calexico-Trompete, Banjo und Dobro setzen das musikalisch kongenial um. Und ja, Niedecken ist angefressen. Man kann ihn verstehen. Danach folgt mit „Miehstens Unzertrennlich“ eine wunderschöne und unkitschige Ballade. Auch hier ist der Blick rückwärts gerichtet, nämlich zur ersten Jugendliebe. Im Americana-Gewand gibt es dann mit „Et Ess Lang Her“ noch mal einen melancholischen Blick in die Vergangenheit. Es geht um die Vater- und Sohn-Geschichte, die hinter „Verdamp Lang Her“ steht. Nach all den sanften Tönen darf dann mal wieder gerockt werden. Die Hommage „Dausende Vun Liebesleeder“ wurde von Cat Ballou und „Et Jitt Kei´ Woot“ inspiriert. Niedecken wird auf eine gute Art altersmilde. „Auszeit“ verbreitet musikalisch und textlich eine luftige und leichte Stimmung. Müßiggang ist ja auch mal schön. „Vision Vun Europa“ befasst sich noch mal mit dem Flüchtlingsdrama. Nordafrikanische Percussions-Instrumente sorgen dabei für die richtige musikalische Untermalung.

 

Mit „Zeitverschwendung“ macht er seiner Frau Tina eine wunderschöne Liebeserklärung, die Ulrich Rode musikalisch dezent in Szene gesetzt hat. Mit „Schrääsch Hinger Mir“ folgt die nächste Liebeserklärung. Das traurige Lied ist diesmal aber eine für den langjährigen Drummer Jürgen Zöller. Das lässige „Sankt Florian“ klingt nach New Orleans – nämlich saucool. „Unendlichkeit“ beendet dieses Werk und die Textzeile „Lebenslänglich Sucht Man Zuversicht“ hat dem Album schließlich seinen Namen gegeben.

 

Fazit: Eigentlich wird das Wörtchen schön viel zu selten verwendet, wenn es darum geht ein Fazit zu ziehen. „Lebenslänglich“ ist genau das und man sollte es dann auch bitteschön so kommunizieren – schön! Die Platte ist musikalisch zwischen Folk, Country, Americana und Singer/Songwriter ein wunderschönes, oftmals ruhiges und reduziertes Werk – rockige Ausbrüche inbegriffen. Textlich hat Wolfgang Niedecken immer den richtigen Ton getroffen und die Themen seines Lebens in sehr schöne Worte gekleidet. Und ja, das muss ja nicht immer auf Kölsch sein. Auch die politischen Schlenker sitzen. „Lebenslänglich“ ist ein sehr schönes Alterswerk und dies ohne alt zu klingen. Wolfgang Niedecken ist und bleibt einer der wichtigsten und relevantesten Künstler der Stadt Köln! Wie war das mit dem Denkmal? Es wird Zeit dafür!

 

http://www.bap.de/start/

 

Text: Torsten Schlimbach

Niedecken: Zosamme Alt

Niedecken: Zosamme Alt

Universal

VÖ: 13.09.2013

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Nachdem Wolfgang Niedecken sich von seinem Schlaganfall und dem damit verbundenen Schock erholt hatte, war die Zeit gekommen über das eigene Sein und das Leben zu reflektieren. Welche Träume sind noch unerfüllt? Was und wer ist wichtig? Man könnte ja denken, dass für einen Mann, der in seiner Karriere so ziemlich alles erreicht hat, diese Fragen nicht so leicht zu beantworten sind. Für den Kölner lagen die Dinge vermutlich schnell auf der Hand. Es ging nach Woodstock und an diesem heiligen Ort wurde dann ein Akustik-Album aufgenommen. Wo denn auch sonst? Der große Dylan-Fan hatte ein Ziel vor Augen und musste einfach an dieser geschichtsträchtigen Stätte sein nächstes Projekt angehen. Eine Herzensangelegenheit. Ein Teil wurde allerdings auch in New York bewerkstelligt.

 

Es entstand „Zosamme Alt“ jener Songzyklus, der sich über knapp 25 Jahre erstreckt. Er konnte dabei mit Legenden wie Larry Campbell, der auch schon für Dylan arbeitete oder Stuart Smith, der bei den Eagles in Lohn und Brot stand, aufnehmen. Dieses Album ist nun eine Liebeserklärung an seine Frau Tina, womit auch die zweite Frage geklärt wäre. Niedecken hat jetzt aber kein kitschiges und schmalziges Werk aufgenommen! Wie könnte er auch? Das Songmaterial ist ja größtenteils bekannt. Die BAP-Lieder hat man sogar schon in mehreren Versionen gehört, aber unter Garantie noch nie wie auf „Zosamme Alt“.

 

Eingespielt wurden die Tracks übrigens in chronologischer Reihenfolge - und das auch noch in einer Kirche, die zum Studio umgebaut wurde. Im Booklet kriegt man einen klitzekleinen Eindruck davon, wie toll es gewesen sein muss, an diesem Ort zu musizieren. Gottes Segen hat „Zosamme Alt“ dann irgendwie auch noch erhalten. Braucht diese Platte aber sowieso nicht, denn diese alleine ist Segen genug. Schön, dass es solche würdevolle Alben noch gibt.

 

Wolfgang Niedecken wirkt auf diesem Album nie verbittert und strahlt immer eine Zuversicht aus, die schon ansteckend ist. Mit der Albumeröffnung und dem Titelstück „Zosamme Alt“ blickt er gar hoffnungsvoll auf den Herbstbeginn des Lebens. Ein neuer Song, der in der Türkei geschrieben wurde. Natürlich kennt man die anderen Songs und deren Texte haben sich eingebrannt. Es ist diese wunderbare akustische Instrumentierung, die diese BAP-Klassiker ganz neu erstrahlen lässt. „Rääts Un Links Vum Bahndamm“ mit Dobro und Vibraphon hat dieses nerviges Gitarrengejaule früherer Tage abgelöst. „Griefbar Noh“ mit Mandoline und Violine hat einen herrlich entspannten und neuen Anstrich bekommen. Die Lieder sind jetzt durch und durch amerikanisch gefärbt, aber das war bei dieser Konstellation und unter diesen Voraussetzungen ja sowieso klar. Die Pedal-Steel bei „Nöher Zo Mir“ lässt den Song herrlich schweben. Die melancholische Grundnote berührt zutiefst.

 

„Paar Daach Fröher“ passt wunderbar zum Abendgetränk auf der Veranda und „Lena“ ist jetzt endlich in den Südstaaten angekommen. Da war das Stück von Anfang zu verorten, aber erst jetzt hat es den richtigen Southernrock-Anstrich. Und natürlich ist gerade ein Dylan-Track auf diesem Album einfach Pflicht. „Alles, Wat Ich Zo Jähn Wöhr“ wurde von Niedecken selbstverständlich in das Kölsche übertragen.

 

Der schönste Song und das Herzstück dieser Platte ist „Do Jeht Ming Frau“. Kann ein Song liebevoller als mit den Worten „Luhr, do jeht se enn ihrem aquamarinblaue Kleid. Hoore hujesteck, luhr, wie stolz se dat Klein Om Ärm dräät“ beginnen? Der ganze Text (und die Musik) drücken eine unglaubliche Liebe, Stolz und Zufriedenheit aus, die einem einen wohligen Schauer über die Haut jagen, gleichzeitig aber auch für einen dicken Kloß im Hals sorgen. Dies ist einer jener Kunstwerke, die Wolfgang Niedecken zu einem der bedeutendsten Künstler von Köln machen. Irgendwann, wenn wir alle längst für immer gegangen sind, wird Wolfgang Niedecken noch nicht vergessen sein. Neben Heinrich Böll ist er ein ganz großer Sohn der Domstadt und die Kunst der beiden wird einst für eine bestimmte Epoche der Stadt stehen.

 

Fazit: Wolfgang Niedecken legt mit „Zosamme Alt“ ein wundervolles Folk- und Americanaalbum vor. Der Kölner ist schon lange in der komfortablen Situation, dass er das machen kann was ihm gefällt. Trends sollen doch bitteschön andere setzen. Es ist ein würdevolles Liebes- aber auch Alterswerk. Die Stadt Köln kann stolz auf seinen Sohn sein – seine Frau auch, aber aus ganz anderen Gründen. „Zosamme Alt“ ist in seiner nackten Schlichtheit unglaublich schön. Chapeau!

 

http://www.bap.de/zosamme-alt/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch