Neil Young: Live At The Cellar Door

Neil Young: Live At The Cellar Door

Warner

VÖ: 06.12.2013

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Neil Young erfreut seine zahlreichen Anhänger mit einer weiteren Runde seiner hochgeschätzten „Archives“-Serie. Auch diesmal geht die Reise wieder zurück in die Vergangenheit. Eigentlich unvorstellbar, dass die Aufnahmen von „Live At The Cellar Door“ weit mehr als vier Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Zwischen dem 30.1. und 02.12.1970 gab der Meister ein paar Monate nach dem Release des Jahrhundertalbums „After The Gold Rush“ sechs Live-Performances in einem Kellerclub(!) in Washington D.C., wovon jetzt ein Teil den Musikinteressierten zugänglich gemacht wird. Am Nikolaustag – wie passend.

 

Es ist ja bekannt, dass der alte Grantler ein Sound-Fetischist vor dem Herrn ist. Es ist aber doch erstaunlich, dass „Live At The Cellar Door“ eine derart klangliche Offenbarung ist. Schließt man die Augen, dann könnte man glatt auf die Idee kommen, dass der Kanadier neben einem auf der Couch sitzt und diese dreizehn Songs nur für einen selbst spielt. Intimer geht es sicher nicht. Ruft man sich dabei noch mal ins Gedächtnis, dass man es hier immerhin mit Live-Aufnahmen von 1970 zu tun hat, dann gleicht das schon einem Wunder. Abgesehen davon, waren von den Konzerten ja auch keine Veröffentlichungen geplant und diese nur für das eigene Archiv mitgeschnitten worden. Neil Young hatte damals ganz sicher nicht im Hinterkopf, dass diese Songs in ferner Zukunft irgendwann mal das Licht der Welt erblicken sollten. Es ist trotzdem ein klanglicher Hochgenuss. Punkt!

 

Neil Young gehört ja auch zu dem auserwählten Kreis, der in der „MTV Unplugged“ Reihe auftreten durfte und dort natürlich ein dickes Ausrufezeichen setzte. Dies hatte – natürlich unbewusst – alles seinen Ursprung in dieser Zeit, als Young sich gerade auch als Solokünstler etablierte. Bei „Live At The Cellar Door“ reichen ihm Klavier oder Akustikgitarre völlig aus. Seine geliebte Mundharmonika bleibt dabei auch vor der Tür. Das Publikum lauscht andächtig und ist nur zwischen den Stücken zu hören wenn es ehrfurchtsvoll klatscht. Die besondere Atmosphäre dieser Konzerte ist auch heute noch zu spüren und die Intensivität greifbar. Neil Young befand sich zu dieser Zeit nach einer beendeten Beziehung auch irgendwo im Tal der Tränen, auch das mag erklären, warum die Songs so klingen wie sie hier vorliegen.

 

Bei der Aufmachung von „Live At The Cellar Door“ hat man keine Experimente gewagt und wer die bisherigen Veröffentlichungen der „Archives“-Serie kennt, weiß was ihn erwartet. So sehr sich Neil Young auch auf die klangliche Umsetzung fixiert, so sehr schludert er eben auch bei der optischen Gestaltung. Ein Hingucker ist dieses Album nicht gerade! Das CD-Format als Pappschuber - ohne Booklet - und mit kaum nennenswerten Informationen ausgestattet, ist schon sehr spartanisch ausgefallen. Das mag im Vinyl-Format schon besser wirken, aber es ist natürlich auch bekannt was Neil Young von CDs hält: nämlich nichts! Da wäre wie immer noch etwas Luft nach oben gewesen, fügt sich auf der anderen Seite natürlich perfekt in die bisherigen Veröffentlichungen ein.

 

Im Fokus steht hier sein Meisterwerk „After The Gold Rush“. Neben dem Titeltrack gibt es noch herausragende Versionen von „Tell Me Why“, „Only Love Can Break Your Heart“, jenes Stück, welches seine damalige Situation perfekt eingefangen hat und voller Inbrunst vorgetragen wird, „Birds“ und „Don´t Let It Bring You Down“ mit hoher Kopfstimme. Aus dem Album „Everybody Knows This Is Nowhere“ – ebenfalls längst ein Klassiker – gibt es die Meilensteine „Cinnamon Girl“ und „Down By The River“ zu hören. Vor „Cinnamon Girl“ weist Young mit viel Selbstironie daraufhin, dass seine Fähigkeiten am Klavier eher begrenzt sind und er den Song auf diese Art und Weise so noch nie gespielt hätte. „Live At The Cellar Door“ ist somit gar noch ein Stückchen historischer als es sowieso schon ist. Mit „Bad Fog Of Loneliness“ spielte er zudem einen Song, der regulär nie als Studioversion veröffentlicht wurde und erst 2007 auf „Live At Massey Hall“ das Licht der Welt erblickte. „Old Man“ war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls unbekannt und fand sich erst zwei Jahre später auf dem bahnbrechenden „Harvest“ wieder. Mit „See The Sky About To Rain“ gibt es gar noch eine kleine Rarität, denn die Nummer von „On The Beach“ ist weitestgehend unbeachtet – sofern man nicht zum Kreise der Hardcorefans zählt. Überhaupt spiegelt „On The Beach“ nicht gerade die beste Lebensphase von Neil Young wieder, gleichwohl die Platte wesentlich besser wie ihr Ruf ist. Das wiederum ist aber ein anderes Thema, denn auch „See The Sky About To Rain“ passt ganz wundervoll auf „Live At The Cellar Door“.

 

Fazit: „Live At The Cellar Door“ ist eine weitere Sternstunde aus der „Archives“-Serie von Neil Young. Diesmal werden dem geneigten Fan und Hörer dreizehn Songs in sehr intimen Rahmen präsentiert, die klanglich – mal wieder – eine Offenbarung darstellen. Abgesehen davon hat man den Kanadier und die teilweise unveröffentlichten Songs selten so verletzlich, ungeschliffen und gleichzeitig so intensiv gehört. „Live At The Cellar Door“ ist für Fans ein absolutes Muss und wer da bisher nicht zugeschlagen hat, sollte zumindest das Christkind oder den Weihnachtsmann bemühen. Wer einen Kamin im Wohnzimmer stehen hat, sollte ganz genau hingucken, es könnte ja sein, dass Neil Young das Geschenk persönlich vorbeibringt!

 

http://www.neilyoung.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Neil Young with Crazy Horse: Psychedelic Pill

Neil Young with Crazy Horse: Psychedelic Pill

Warner

VÖ: 26.10.2012

 

Wertung: 10,5/12

Tipp!

 

Das kann sich auch nur Neil Young erlauben. Kein Dylan. Kein Springsteen. Nur Young kann innerhalb weniger Monate zwei Alben veröffentlichen von dem das zweite Werk derart episch ist, dass es eigentlich schon wieder unhörbar erscheint. Im Vorfeld der Veröffentlichung von „Psychedelic Pill“ ließ der gute Neil verlauten, dass er wieder rocken wolle. Und wie könnte er dies besser bewerkstelligen als mit seiner alten Radautruppe von Crazy Horse? Eben, weiß er natürlich auch selber und darum hat er die Truppe zusammengetrommelt und einen Brocken aufgenommen, wie vielleicht noch nie.

 

Und sie haben es getan! „Driftin´ Back“ dürfte der längste Song seiner Karriere sein. Das will schon was heißen! Young hat in seinem Backkatalog den einen oder anderen längeren Track und bei weit mehr als 30 Studioalben kommt natürlich von Hause aus schon eine ganze Menge an Material zusammen. Dieser Brocken zieht sich nun aber über 27 Minuten! Natürlich ist dieser epische Monolith zu lang. Das dürfte auch Young wissen. Es ist so gewollt. Die Pferde gehen hier sprichwörtlich mit den Herren durch. Es rumpelt krachend durch die Prärie, es poltert und Young bellt, als würde er den Teufel jagen – nicht umgekehrt. Wenn dies der Fall ist, weiß man, dass Großes ansteht. Endlose Jams ziehen einen unaufhörlich in ihren Bann, die Rückkopplungen bringen einen um den Verstand und insgesamt auf eine andere Eben. Ein ganzes Universum von einem Song.

 

Derer gibt es gleich drei auf diesem Doppel-Album. „Ramada Inn“ begibt sich auf einen Road-Trip, der sich gewaschen hat und dies sowohl musikalisch, wie eben auch textlich. Ein fast schon romantisches Stück über ein altes Paar, welches sich auf besagten Trip begibt und dabei noch so verliebt wie zu ihren Anfangstagen ist. Eben nur fast, wäre da nicht die Musik, die sich durch dieses elegische Stück lärmt. Alles schön und auch gut, aber die zentrale Nummer von „Psychedelic Pill“ ist „Walk Like A Giant“! „Cortez The Killer", „Like A Hurricane", „Cowgirl In The Sand" und „Down By The River" gehören wohl unstrittig zu seinen besten Songs. „Walk Like A Giant“ kann man in diese Reihe stellen. Ein Monolith von einem Musikstück. Ein mit scheppernden Drums, sägenden Gitarren und pumpendem Bass in Stein gemeißeltes Mammutwerk! Dies dürfte der beste Song von Neil Young seit einer gefühlten Ewigkeit sein. Ohne Poncho Sampedro (Gitarre), Billy Talbot (Bass) und Ralph Molina (Drums) wäre dies aber nicht möglich. In dieser Konstellation und Form ist dies schlicht und ergreifend die beste Band der Welt! Punkt!

 

Dagegen mutet das 8-minütige „She´s Always Dancing“ fast schon kurz an. Dieser höchst melodischer Rocksong überzeugt dann auch noch mit tollem Backinggesang. Dieses Album hat alle Facetten von Neil Young & Crazy Horse zu bieten und das auch noch auf einen Schlag! Und ja, dazu gehört auch das Album „Harvest“ welches hier durch „For The Love Of Man“ wunderschön geehrt wird. Ist aber auch bitter nötig, dass man seinen Ohren auch mal eine Ruhepause gönnen kann und man selber auch mal durchatmet. Natürlich ist der Song auch ein Stück kitschig, aber nie auf eine unangenehme Art. Im Kleinen ist dies eben ein ganz großes Ding. „Twisted Road“ schunkelt sich grandios dahin und erinnert gar – und jetzt Achtung! - an den Titelsong von „Ein Colt Für Alle Fälle“. Manchmal möchte man den Onkel Neil einfach nur mal drücken. Dieser elektrifizierte Folk war ja schon immer eine Domäne, die so nur diese Band beherrschte. „Born In Ontario“ lässt aber auch noch den Country aus der Garage. Dieses Album hat tatsächlich alles zu bieten! Übrigens sollte man den Titelsong, der gleich in zwei Versionen vorliegt, nicht vergessen. Dieser straighte Rocker dringt glatt in die Dimensionen von „Cinnamon Girl“ vor!

 

Fazit: Die Pferde reiten wieder – und wie! „Psychedelic Pill“ ist ein nicht zu zähmender Brocken, der mit „Walk Like A Giant“ den besten Song von Neil Young seit langer Zeit enthält. Groß und episch! Dieses Album liefert über die gesamte Distanz alles ab, wofür man Crazy Horse so liebt und dies auch noch in erstklassiger Verfassung. „Psychedelic Pill“ bezieht seinen Reiz aber noch durch eine ganz andere Tatsache. Der warme und erdige Sound ist schon nahe am Liveerlebnis dran. Überhaupt hört sich dieses Album so an, als hätte vor den Aufnahmen das Grundgerüst gestanden und der Rest wäre dann im Freispiel, sprich bei endlosen Jams, erarbeitet worden. Neil Young & Crazy Horse ist im Winter der Karriere tatsächlich noch mal ein großes Album gelungen!

 

www.neilyoung.com

 

Text: Torsten Schlimbach

Neil Young with Crazy Horse: Americana

Neil Young with Crazy Horse: Americana

Warner

VÖ: 01.06.2012

 

Wertung: 8/12

 

Der alte Mann und das MEHR! Neil Young reitet wieder mit Crazy Horse durch die Prärie! Und genau mit dieser Band scheint Mr. Young erst komplett zu sein. Er hat mit so vielen anderen gespielt von den Herren Crosby, Stills und Nash bis hin zu Pearl Jam. Es fühlt sich aber erst alles richtig an, wenn das verrückte Pferd wieder reitet. Was für Bruce Springsteen die E Street Band ist und für Tom Petty seine Heartbreakers, ist Crazy Horse für Neil Young. Auffallend dabei ist, dass diese Solisten erst mit den Mannen im Hintergrund zur Höchstform auflaufen und im Verbund jeweils eine der besten Formationen des Rocks darstellen.

 

Neil Young ist ja bekanntlich ein Kauz und erfüllt selten Erwartungen. Er macht, was ihm gefällt und Crazy Horse folgt ihm bereitwillig. Gemeinsam wurde nun ein Album aufgenommen, welches schon im Titel erkennen lässt, wohin die Reise diesmal geht. Oftmals wird Herr Young ja sowieso schon in das Americana-Fach einsortiert, warum also nicht gleich ein ganzes Genre-Album aufnehmen? Eben, dachte sich auch der knarzige Kanadier! Und da er auch für beißende Ironie bekannt ist, gibt es auf dem ersten gemeinsamen Album seit knapp neun Jahren auch keine neuen Songs zu hören. Potzblitz!

 

„Americana“ ist prädestiniert für lange Gesichter. Man sollte der Platte auf jeden Fall mehr als eine Chance geben – und laut hören! Der Onkel Neil hat mit seiner Lärmtruppe nämlich einfach ganz alte und weniger alte amerikanische Folkstücke neu vertont. Keine andere Band scheint dazu im Stande die amerikanische Seele und die Weiten des Landes derart einzufangen. Es holpert und es darf auch mal ungestüm poltern. Im Geiste sind die Gründerväter aber ebenso gegenwärtig, wie auch die Ureinwohner des Landes.

 

Billy Talbot und Ralph Molina halten stoisch den Rhythmus wie man es sonst nur von AC/DC kennt, während sich Frank „Poncho“ Sampedro mit Neil Young die Gitarrenmotiv um die Ohren haut. Freilich schweben diese immer etwas schräg und schief durch Raum und Zeit, aber das zeichnet diese Band aus. Es gibt viele markante Sänger, es gibt auch Musiker die für ihren markanten Sound bekannt sind, aber keine andere Band spielt derart markant wie Crazy Horse. Dies machen einem die ersten Klänge von „Oh Susannah“ mal wieder bewusst. Man kann durchaus unterscheiden, wenn Young mal wieder auf Solopfaden wandelt oder eben seine drei Mitstreiter mit im Boot hat.

 

„Americana“ ist beileibe kein Meisterwerk, aber wie die Folklore – denn genau dies sind die Stücke – hier gespielt und in das Crazy Horse Gewand gepresst wird, ist schon eine Show für sich. Ausfälle gibt es auch. „This Land Is Your Land“ war bei einem derartigen Projekt ja eigentlich zu erwarten, aber musste das denn wirklich sein!? Mag sein, dass die Woody Guthrie Nummer der amerikanischen Seele ein musikalische Gesicht wie kein anderer Song gibt, aber diese Interpretation hier ist doch reichlich lahm. „God Save The Queen“ ist auch eher ein zweifelhaftest Vergnügen. Überraschend, klar, denn dass dies auch mal eine Art American Anthem war, ist mittlerweile kaum noch bekannt. Die Band bollert sich auch zünftig durch das Stück, aber spätestens der Kinderchor macht es einem schwer diese Version ins Herz zu schließen. Passt nicht.

 

Der Rest? Bisweilen schon gut bis großartig! Das geht los beim lärmenden „Oh Susannah“ in bester Garagenbandmanier über das dringliche „Clementine“, welches gar an vergangene Meisterwerke des Backkatalog erinnert bis „Tom Dula“ (im Original eigentlich „Tom Dooley“), der sich wie ein alter Klepper über acht Minuten schleppt und die jungen Hengste doch alle recht alt aussehen lässt. Das allseits bekannte „Get A Job“ bahnt sich mit galanter Ruhe den Weg durch das Dickicht und „High Flyin´ Bird“ ruft Erinnerungen an die Zeit von „Like A Hurricane“ hervor. Der schönste Song von „Americana“ ist ausgerechnet die Akustiknummer „Wayfarin´ Stranger“. Nachdenkliche Töne schweben zum Sonnenuntergang durch die Prärie. Groß!

 

Fazit: Neil Young hat mit Crazy Horse mal wieder eine Platte aufgenommen. Diesmal widmen sich die Musiker der amerikanischen Musikgeschichte. Welche Band könnte das auch besser? Fans hatten vielleicht andere Erwartungen an die erste gemeinsame Arbeit seit gut und gerne neun Jahren, aber seit wann hat der Onkel Neil sich jemals um Erwartungshaltungen geschert? Im umfangreichen Backkatalog ist das letztlich nur eine Fußnote, aber eben auch eine schöne.

 

www.neilyoung.com

 

Text: Torsten Schlimbach

Neil Young: A Treasure

Neil Young: A Treasure

Warner

VÖ: 10.06.2011

 

Wertung: 12/12

Tipp!

 

Welcher Musikfan hat nicht den geheimen Wunsch einmal in den Archiven seines Helden zu stöbern? Man mag sich gar nicht ausmalen, was dort überall für Material schlummert und einen Dornröschenschlaf hält. Eines ist definitiv gesichert, Neil Young hat ein Archiv randvoll mit Zeug, welches dem geneigten Fan wohl die Tränen in die Augen treiben dürfte. So nach und nach lässt der Meister nun auch den Rest der Welt daran teilhaben. Was diesmal allerdings auf dem Plan steht, gleicht einer kleinen Offenbarung. Ach was, sagen wir es wie es ist: „A Treasure“ ist eine große Offenbarung. Hoffen konnte man ja, aber mit diesem Livefest hätten wohl nur die kühnsten Optimisten gerechnet.

 

Warum? Die Live-Qualitäten von Neil Young sind ja allgemein bekannt und unbestritten. Gar keine Frage, aber „A Treasure“ deckt schließlich eine Zeit ab, die gemeinhin nicht gerade als die stärkste Phase dieser langen Karriere gilt. Die Songs wurden immerhin 84/85 aufgezeichnet und so manchem Anhänger und Kritiker dreht sich da heute immer noch der Magen um, wenn man nur an die Studioalben dieser Zeit denkt. In der Nachbetrachtung muss man allerdings auch mal sagen, dass sich Young immerhin etwas getraut hat und nicht an alten Mustern festgehalten wurde. Und wer sagt denn, dass spätere Meisterwerke möglich gewesen wären, wenn Young sich eben nicht auch in diesen Alben verirrt hätte?

 

Das gilt nun auch für „A Treasure“. Dies ist mal wieder eine gänzlich andere Komponente vom Folk- und Rockhelden. Diese Platte spielt die ganze Klaviatur des Country-Genres hoch und runter. Erstaunlicherweise hat das immer noch keinen Staub angesetzt und klingt auch im Jahre 2011 extrem frisch. Woran das liegt? Ganz sicher an dem exzellenten Songmaterial, aber eben auch an der Spielfreude von Neil Young und ganz sicher sogar an der famosen Band, die er im Rücken hat.

 

Die „International Harvesters“ - so die Bandbezeichung – setzt sich dann auch aus der Sperrspitze der Country-Musik zusammen. Wer Spooner Oldham für die Tasten in seinen Reihen hat oder einen Ben Keith für die Pedal Steel und Slide Guitar, macht sicher nichts falsch. Ein heimlicher Höhepunkt der Platte stellt auch das Geigenspiel von Rufus Thibodeaux dar. Aber im Grunde könnte man auch jetzt jeden beteiligten Protagonisten hervorheben. Was letztlich aber zählt ist der Verbund und da greift ein Rädchen traumwandlerisch in das andere. Ein Ohrenschmaus ist es, diesen Songs und dieser Band zu lauschen.

 

Und wer denkt, dies wäre eh alles ein alter Hut, der irrt aber ganz gewaltig! Satte fünf Songs waren bis heute nämlich gänzlich unveröffentlicht. Das ist doch mal eine ganz gute Quote für ein Livealbum! Wer Neil Young für sein ausgeprägtes und spezielles Gitarrenspiel liebt, kommt auf „A Treasure“ nicht gänzlich zu kurz. Zum Schluss gibt er bei „Grey Riders“ noch mal das Rumpelstilzchen an der Klampfe. Unverkennbar Young!

 

Der Rest ist zum Niederknien gut. Die Aufnahme besticht mit einem satten Klang. Die Spielfreude ist extrem groß – kurzum: ein weiteres Meisterwerk im umfangreichen Young Oeuvre. Für Traditionalisten ist dieser Roots-Country/Rock das neue musikalische Manifest für eine lange Zeit. Wie kann man die fast acht Minuten von „Southern Pacific“ auch nicht ins Herz schließen? Erdiger und authentischer geht es nicht mehr. Oder das formvollendete und wunderschöne „It Might Have Been“. Da bekommt man glatt Fernweh nach den unendlichen Weiten der Prärie. Die bekannteste Nummer dürfte zweifelsohne „Are You Ready For The Country?“ aus seinem Meisterwerk „Harvest“ sein. Hat man das Stück aber schon mal mit einer solchen Anmut gehört? Diese Darbietung ist einfach formvollendet.

 

Fazit: Kommen wir zur Punktevergabe! Man kann jetzt lange darüber diskutieren, wann man die Höchstnote ziehen sollte und wann nicht. Erst, wenn ein Album zu einem Meilenstein der Musikgeschichte zu zählen ist? Wenn die musikalische Welt aus den Angeln gehoben wird? Muss man das in einem Gesamtkontex stellen? Man kann es für „A Treasure“ drehen und wenden wie man will, das Album ist in seiner Gesamtheit ein Prachtwerk und perfekt so wie es ist. Jetzt setzt sich Neil Young sogar noch auf den Countrythron. Was kommt da noch aus den Archiven...?

 

www.neilyoung.com

 

Text: Torsten Schlimbach

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