My Bloody Valentine: EP´s 1988 - 1991 ( 2CD)

My Bloody Valentine: EP´s 1988 – 1991 (2CD)

Sony

VÖ: 04.05.2012

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Im Zuge der Wiederveröffentlichungen von „Isn´t Anything“ und „Loveless“ gibt es von My Bloody Valentine nun ein ganz besonderes Schmankerl. Die vier EPs „Feed Me With Your Kiss“, „You Made Me Realise“, „Glider“ und „Tremolo“ wurden hier zusammengestellt und mit noch weiteren raren und unveröffentlichten Songs angereichert. Fans sollten sich also nicht ärgern, dass die EPs so nun entwertet werden könnten. Das ist ja auch keineswegs der Fall. So hat man alles unter einem Hut und kriegt auch noch etwas aus der Raritätenkiste geboten.

 

Wer erst langsam in den Kosmos von My Bloody Valentine einsteigen möchte, der wird bei diesen beiden CDs sogar bestens aufgehoben sein. Natürlich zeichnet sich die Band auch hier durch diesen ganz besonderen Klang aus und doch sind sie hier noch viel näher an einem Song dran und wesentlich zugänglicher wie auf den Alben. Im Grunde ist schon alles da, nur springen einen die Melodien noch direkter an.

 

Das famose „Drive All Over Me“ lässt gar den Gesang deutlich in den Vordergrund treten. Könnte glatt eine nette Indiepopsingle sein. Oder nehmen wir „Thorn“. Das werden selbst The Smiths Fans lieben. Anhand dieser EPs kann man die Entwicklung von My Bloody Valentine wunderbar nachvollziehen. „Feed Me With Your Kiss“ geht ja schon deutlich in die spätere Noiserichtung. „I Believe“ und „Emptiness Inside“ sind weitere Belege dafür, dass My Bloody Valentine durchaus Indiehits im Gepäck haben. Ist eigentlich bekannt, ob sich Lou Reed jemals über die Band geäußert hat? Sollte ihm doch – zumindest teilweise – gefallen.

 

Toll, wie sich „I Need No Trust“ dahinschleppt oder „Soon“ rockt oder „Glider“ alles zerstört, was mühsam aufgebaut wurde. Oder! Oder! Oder! My Bloody Valentine zeigen sich jedenfalls in dieser Karrierephase extrem experimentierfreudig. Die arabaischen Klänge beim Popstück „Swallow“ sind da nur ein kleiner Bruchteil des Spektrums. Der „Moon Song“ klingt tatsächlich, als wäre er nicht von dieser Welt. Mit dem groovigen(!) Ambiente-Track „Instrumental No. 2“ und der Krachkaskade „Instrumental No. 1“ gibt es auch die beiden Songs, die den ersten 5.000 Stück der LP „Isn´t Anything“ beilagen. Die Full Length Version von „Glider“ fehlt ebenso wenig und zeigt, dass Prognoise auch möglich ist. Mit „Angel“, „Good For You“ und „How Do You Do It“ gibt es noch mal drei unveröffentlichte Songs die an Sonic Youth erinnern.

 

Fazit: Diese beiden CDs sind eine feine Sache. Für Fans schon aufgrund der raren und unveröffentlichten Songs ein Muss und wer die EPs bisher noch nicht sein eigen nennt, kann diese Lücke nun auch schließen. Wer sich an My Bloody Valentine rantasten und ganz langsam einarbeiten möchte, macht damit auch nichts falsch und mitunter ist dies sogar die bessere Wahl, bevor man zu den regulären Studioalben greift. Vieles ist doch noch zugänglicher!

 

http://www.mybloodyvalentine.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

My Bloody Valentine: Loveless (Special Edition 2CD)

My Bloody Valentine: Loveless (Special Edition 2CD)

Sony

VÖ: 04.05.2012

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Nach den guten Kritiken zu „Isn´t Anything“ und dem Umstand, dass man auf eine relativ treue Anhängerschaft bauen konnte, machten sich My Bloody Valentine in ganz andere Sphären auf. Über die Jahre hält sich immer noch hartnäckig das Gerücht, dass das Nachfolgealbum „Loveless“ Creation Records fast den Todesstoß versetzt hätte. Angeblich haben die Aufnahmen mehrere Hunderttausend britische Pfund verschlungen! Das war zu Beginn der 90er für eine kleine Indieband eine ganze Menge Holz. Das mögen für die Kirmestruppe um Axl Rose die wöchentlichen Ausgaben gewesen sein, aber für My Bloody Valentine?

 

Überhaupt stand die Platte unter keinem guten Stern. Drummer Colm Ó Ciosólg fiel aufgrund eines Nervenzusammenbruchs fast komplett aus. Gerade „Only Shallow“ konnte man noch eintüten, aber das war es dann. Wozu gibt es auch Samples und Loops? Eben, dachte sich auch Mastermind Kevin Shields. Viel Zeit wurde auch auf die Texte verwendet. Ist nur ein bisschen blöd, dass man selbige eigentlich gar nicht verstehen kann. Selbst Muttersprachler dürften sich daran die Zähne ausbeißen. Bilinda Butcher war vermutlich auch wieder hundsmüde, da sie ihre Gesangsparts dann auch mitten in der Nacht aufnahm. Um die Bandchemie war es auch eher schlecht bestellt und dass man in 19(!) verschiedenen Studios aufgenommen hat, trug sicher nicht zu einer entspannten Atmosphäre und Arbeitsweise bei.

 

Eigentlich grenzt es überhaupt an ein Wunder, dass „Loveless“ doch noch das Licht der Welt erblickt hat. Auch hiervon gibt es nun eine Neuauflage, bei der Shields das Remastering übernommen hat. „Loveless“ erscheint nun sogar als Doppel-CD. Die Tracklist ist allerdings identisch und wer hier auf Outtakes oder Raritäten gehofft hat, wird enttäuscht werden. Klangpuristen kommen nun auf der zweiten CD allerdings in den Genuss einer unveröffentlichten Remaster-Version, bei der Shields die originalen Analog-Tapes verwendet hat. Man kann jetzt darüber streiten, bei welcher Ausgabe „Loveless“ nun den besseren oder ultimativen Klang hat. Die Analog-Tapes strahlen sicher mehr Wärme aus. Bei diesem Ritt auf der Rasierklinge zählen aber sowieso andere Dinge.

 

Abwechslung ist es nicht. Da hat „Isn´t Anything“ durchaus mehr zu bieten. Trotzdem zieht einen „Loveless“ in einen Sog von Gitarrenwänden, wie man es nur selten gehört hat. Es wabert und die großflächigen Sound-Wände bringen einen an den Rand des Zumutbaren. Auf die Drums hat man aus den schon beschriebenen Gründen fast gänzlich verzichten müssen. Es entfaltet sich so eine ganz neue Ästhetik, die man bis dato kaum kannte. „Loveless“ ist mehr Experiment denn überhaupt die Summe der einzelnen Songs.

 

Hier wird ein infernalisches Feedback aufgetürmt, dass man dafür keine Worte hat. Die teilweise brachialen Sounds werden auch nicht durch den Gesang aufgebrochen. Dieser wurde nämlich nicht in den Vordergrund gemischt, sondern fungiert vielmehr als gleichberechtigtes Instrument. Auf „Loveless“ findet man eigentlich alles, was später die ganzen Epigonen adaptieren sollten. Und trotzdem zeichnet sich dieses Album auch durch viele harmonische Momente aus. Das mag auch der Grund sein, warum dieses Meisterwerk in den Bestenlisten der 90er immer wieder auftaucht. Und dies sollte nicht nur aufgrund „Sometimes“ sein!

 

Fazit: „Loveless“ von My Bloody Valentine ist eine Album wie ein Rausch. Ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Hier wird die Gitarrenklangästhetik auf ein ganz neues Level gehoben. Ein ganzes Genre wird hier neu definiert und Noise bekommt eine ganz neue Bedeutung. Wer bisher nur die Kinder von My Bloody Valentine kennt, sollte sich nun aufgrund der neuerlichen Veröffentlichung unbedingt mit deren Eltern befassen. Auch, wenn dieses Album nur leidlich erfolgreich war, so ist es doch ein Meilenstein!

 

http://www.mybloodyvalentine.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

My Bloody Valentine: Isn´t Anything (Special Edition)

My Bloody Valentine: Isn´t Anything (Special Edition)

Sony

VÖ: 04.05.2012

 

Wertung: 9/12

 

Shoegazing war in den 00ern eine große Musiksensation. Die jüngere Generation und die Nachgeborenen gehen vermutlich davon aus, dass hier eine neue Schublade aufgemacht wurde, dabei ist das Genre schon Jahrzehnte alt. Die in Dublin gegründete irische/britische Formation My Bloody Valentine gilt für viele als Erfinder dieses Stils. Den Namen hat das Kind freilich von der englischen Musikpresse erhalten.

 

„Isn´t Anything“ erschien ursprünglich 1988 bei Creation Records. Die Band hatte zu diesem Zeitpunkt aber schon jede Menge Songs im Rücken und entsprechend viele Singles oder Mini-Alben veröffentlicht. Das Besetzungskarussell hatte sich bis zum Debütalbum aber auch gehörig gedreht. Mit Kevin Shields, Bilinda Butcher, Debbie Googe und Colm Ó Ciosólg hatte sich vorerst ein fester Stamm heraus kristallisiert, der Großes leistete.

 

Aufgenommen wurde die Platte innerhalb von zwei Wochen zu einem Großteil in einem Studio in Wales. Darf man den ganzen Mythen und Legenden rund um dieses Album glauben, dann schlief die Band während der Aufnahmen pro Nacht nur etwa zwei Stunden. Bilinda Butcher sang ihren Part immer in den frühen Morgenstunden ein und musste dafür geweckt werden. Sie selber sieht darin den Grund, dass der Gesang so schläfrig klingt. Tut er das überhaupt? Er bildet jedenfalls den perfekten Gegenpart zum Feedback oder Noise-Rock.

 

Kevin Shields hat sich den Aufnahmen nun abermals angenommen und diese in den Londoner Metropolis Studios remastered. Klanglich wurde das also noch mal ein wenig optimiert, was allerdings nichts an der Tatsache ändert, dass dieses Debütalbum schwer verdauliche Kost war und natürlich immer noch ist. „Isn´t Anything“ ist auf gar keinen Fall Liebe auf den ersten Blick. Man muss sich schon einarbeiten und ganz genau hinhören. Unter den ganzen wabernden Sounds, dem ganzen Schmutz, Dreck und Lärm, unter den ganzen Soundschichten, Feedback, Krach, der Dekonstruktion und den vielen Breaks und Stimmungswechseln, gibt es Melodien voller Schönheit zu hören. „Isn´t Anything“ ist zudem nicht nur ein hingerotzter Musikklumpen, sondern eine Platte voller Melancholie.

 

Der Vergleich mit den New Yorkern von Sonic Youth liegt natürlich nahe. Lush kann man auch in den Ring werfen. Selbst die Breeders klingen aufgrund des Gesangs hin und wieder ähnlich. Trotzdem würde man My Bloody Valentine nicht gerecht werden, die Band nur als losen Abklatsch abzutun. In gewissem Sinne sind sie Pioniere und „Isn´t Anything“ gilt nicht umsonst bei den Fachleuten als eines der wichtigsten Alben der 80er!

 

Und mal ganz ehrlich „Sueisfine“ hat unter dem ganzen Lärm doch eine schöne Melodie mit Hitqualitäten zu bieten. Und auch, wenn „Several Girls Galore“ mit einem völlig verrückten Gitarrenmotiv die Boxen zerstört, ist das gar ganz nahe an Blondie dran. „You Never Should“ versteckt unter dem ganzen Krach gar eine große Portion Pop. „Nothing Much To Lose“ kracht sich zwar immer noch durch die Melodie und die Harmonien werden eher zerstört und doch schaffen es My Bloody Valentine dies irgendwie zu bändigen.

 

Fazit: „Isn´t Anything“ von My Bloody Valentine ist ganz sicher keine leicht verdauliche Kost und man bringt sogar Verständnis für die Leute auf, die hier nur den Kopf schütteln. Man muss sich diese Platte erarbeiten und wenn man den Schlüssel unter den ganzen Schichten gefunden hat, wird man schier erstaunt über die ganze Schönheit und Melancholie sein. Dieser Indie/Noies-Rock steht sicher für alles, aber nicht für die 80er und doch ist dies eines der besten Alben dieses Jahrzehnts. Bei My Bloody Valentine ist eben alles anders!

 

http://www.mybloodyvalentine.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

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