Morrissey: Your Arsenal – Definitive Master (CD/DVD)

Morrissey: Your Arsenal – Definitive Master (CD/DVD)

Warner

VÖ: 21.04.2014

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Das dritte Album von Morrissey stieß seinerzeit in Europa nicht allerorten auf offene Ohren. „Your Arsenal“ war gerade in seiner Heimat teilweise seltsam verhasst. Die Journalisten boykottierten den ehemaligen The Smiths Sänger sogar. Die einstigen Wegbegleiter, die ihm bis dahin wohlgesonnen waren, wendeten sich ab und der Song „The National Front Disco“ trat sogar eine Rassismus-Debatte los. Morrissey, seine Musik und besonders seine Texte sind eben immer für kontroverse Diskussionen gut. Seine sarkastische und zynische Ader stießen schon so manchen zartbesaiteten Zeitgenossen vor den Kopf. Und dann polarisierte „Your Arsenal“ noch aus einem ganz anderen Grund: Morrissey reicherte seinen Sound vermehrt mit amerikanischen Rockelementen an. Dies alles kann man nun noch mal auf der Wiederveröffentlichung von „Your Arsenal – Definitive Master“ überprüfen, nachvollziehen und sich dann erneut in diese Platte verlieben.

 

So sehr ihm in seiner Heimat die Kritik ins Gesicht blies, so sehr empfingen ihn die Amerikaner nach diesem Album mit offenen Armen. Er spielte vor 17.000 Leuten im Hollywood Bowl in Los Angeles. Die Hütte war zudem innerhalb von 22 Minuten ausverkauft. Das schafften nicht viele britische Solokünstler vor ihm und auch nicht viele nach ihm. Morrissey hatte es mit „Your Arsenal“ geschafft. Als Produzent fungierte Mick Ronson, der ehemalige Gitarrist von David Bowie. Ronson hat die Glam-Phase des Thin White Duke mitgeprägt und davon hat er auch einiges bei „Your Arsenal“ eingebracht. Dies ist natürlich keine Glamrock-Platte im klassischen Sinne, aber Elemente davon sind durchaus – besonders im ersten Teil – hier zu finden.

 

Das Album ist jetzt für diese Neuauflage vollständig neu gemastert worden. „Tomorrow“ wurde zudem durch den US-Mix des Songs ersetzt. Dies war übrigens eine von drei Singles. Man hätte hier tatsächlich noch mindestens zwei Songs mehr auskoppeln können - so gut ist das Material. Lyrisch ist „Your Arsenal“ bissiger denn je und Morrissey kotzt sich regelrecht über seine Jugendzeit in den siebziger Jahren aus. Es war nicht immer alles schön da auf der Insel. Die Musik dazu passt perfekt. „Glamourous Glue“ drückt, pumpt, groovt und rockt. Ein bisschen Glam, ein bisschen Indiepop britischer Prägung und eine fette Produktion sorgen dafür, dass einem schwindelig wird – spätestens nach dem Sirenengeheul der Gitarre. „We´ll Let You Know“ fängt wie einer dieser The Smiths Songs für den Sonntagskaffee an, an dem man sich dann doch glatt noch verschluckt. Das Stück nimmt eine dramatische Wendung und ist mehr Soundcollage denn ein herkömmlicher Song. „Morrissey hat zu dieser Zeit durchaus etwas gewagt. „Certain People I Know“ hoppelt beschwingt durch die Prärie. Und „We Hate It When Our Friends Become Successful“ ist ein verdammter Hit. Immer noch. Punkt. „You're The One For Me, Fatty“ steht dem in nichts nach und weiß mit einer tollen Melodie unter den schnittigen Gitarren zu begeistern. „Seasick, Yet Still Docked“ ist durch seine luftige Atmosphäre herrlich entschlackt, mit seiner Dringlichkeit aber auch melancholisch angehaucht. „I Know It's Gonna Happen Someday“ reißt noch mal gänzlich aus. Im Stile der großen Crooner singt Morrissey, als würde er das Titelstück für ein Musical einsingen. Und dann kommt ja noch das großartige „Tomorrow“....

 

„Your Arsenal – Definitive Master“ ist dann auch noch lange nicht beendet, denn man hat diese Veröffentlichung noch mal ein großes Stück durch die beiliegende DVD aufgewertet. Das bisher unveröffentlichte Konzert im The Shoreline Amphitheatre, Mountain View, Kalifonien vom 31. Oktober 1991 zeigt Morrissey in Höchstform. Er ist schon eine gottverdammte Rampensau. Er weiß ganz genau wie er die Leute um den Finger wickelt, in seinem golenden Hemdchen, welches nach und nach immer höher rutscht, aufgeknöpft und dann gegen ein rotes Leibchen eingetauscht wird. Zum Schluss steht Mozzer dann mit freiem Oberkörper da. Zwischendurch windet er sich, klatscht immer wieder die Leute in der ersten Reihe ab, nimmt eine Sonnenblume dankbar entgegen um diese dann sofort in die Show einzubauen oder liegt scheinbar völlig verausgabt auf dem Bühnenboden - nur um im nächsten Augenblick wieder aufzuspringen und die Leute wieder in seinen Bann zu ziehen. Das Bild ist alles andere als perfekt und man sollte keine Angst vor Streifen und Pixelfehlern haben. Darum geht es hier aber ja auch nicht. Es ist eben nicht perfekt, der Gesang von Morrissey ist es auch nicht, aber dafür zelebriert er dieses Konzert wie ein Voodoopriester und alle, die dabei waren, dürften noch heute davon sprechen.

 

Fazit: Mit „Your Arsenal“ eroberte Morrissey den schwierigen US-Markt quasi über Nacht. Mit diesem rockigen Album hatte er dann auch endlich seinen Stil und seine Mitte als Solokünstler gefunden. Die Platte wurde noch ganz klassisch in zwei Hälften geteilt. Die erste Seite ist roh und dreckig, die zweite setzt mehr auf die schönen Momente und Melodien. Produzent Mick Ronson und Morrissey passten perfekt zusammen und haben ein fast perfektes Album auf den Weg gebracht. Die DVD stellt zudem einen echten Mehrwert dar. So sollte eine Wiederveröffentlichung aussehen.

 

http://www.itsmorrisseysworld.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Morrissey: The Very Best Of (CD + DVD)

Morrissey: The Very Best Of (CD + DVD)
EMI

VÖ: 22.04.2011

 

Wertung: 10/12

Tipp!


Der Mann in der Badewanne hat gut lachen. Bei einem derartigen Backkatalog muss man einfach bester Laune sein. Dachte sich auch die Plattenfirma und veröffentlicht nun eine Werkschau von Morrissey. Natürlich handelt es sich hier nur um seine Jahre bei HMV bzw. Parlophone. Diese sind aber derart ergiebig, dass sich da schnell 18 herausragende Songs finden lassen. Nach dem feinen Re-Release von „Bona Drag" gibt es also schon wieder den nächsten Feinkosthappen aus dem Hause Morrissey. Es handelt sich hier übrigens nicht um einen Alleingang des Labels. Der Meister war daran beteiligt und übernahm die Regie bei der Artwork-Gestaltung und wählte teils unveröffentlichte Booklet-Fotos aus.


Die Aufmachung ist dann auch dementsprechend gelungen und nicht nur schnell zusammengeschustert worden. Auch der Inhalt kann sogar noch Fans hinter dem Ofen hervorlocken. Es gibt auf der CD nämlich erstmals die Soloversion von „Interlude" zu hören. Bisher war diese Aufnahme gänzlich unveröffentlicht und nur als Duett mit Siouxsie Sioux bekannt. Das hat was, auch, wenn man ehrlicherweise sagen muss, dass das Duett einfach besser zu der Nummer passt und funktioniert hat. Fairerweise muss man allerdings auch einräumen, dass man den Song eben auch nur so bisher gehört hat. Als weiteres Schmankerl hält die DVD auch „I´ve Changed My Plea To Guilty" aus der Jonathan Ross Show vom Dezember 1990 bereit. Gab es bisher auch nicht auf DVD.

 

Unter den achtzehn Songs ist natürlich so manche Sternstunde von Morrissey zu finden. Egal, ob es der Hit „The Last Of The Famous International Playboys" oder das süßliche „The More You Ignore Me, The Closer I Get" ist. Auch ein stampfendes Rockmonster wie „Glamourous Glue" beeindruckt immer noch. „Girl Least Likely To" ist ein sehr schönes Stück - rar noch dazu, denn dies ist mittlerweile eine gesuchte B-Seite. Überhaupt hat man hier nicht nur 08/15 Versionen genommen. So gibt es beispielsweise von „Tomorrow" den US-Mix und von „My Love Life" die US-Single-Version. Wenn es einen Künstler gibt, der es verstanden hat, griffige Songs in annähernd drei Minuten zu verpacken, dann ist es Morrissey. Was ihn allerdings geritten hat "Moonriver" auf über neun Minuten auszudehnen, bleibt wohl sein Geheimnis. Der Schluss ist absolut verzichtbar und plätschert so dahin. Gut, dass das Stück am Albumende kommt. Der Anfang ist dafür umso genialer.

 

Die DVD hält gleich zwölf Bonusvideos bereit und hat somit sehr viel an Mehrwert zu bieten. Da hat so manches sich seinen Charme behalten. „The Last Of The Famous International Playboys" ist schon nett gefilmt. Morrissey und seine Mitstreiter in einer Art Green-Box (bitte wörtlich nehmen) und dazu wird auch noch eine richtige Geschichte erzählt. Was man mit ein paar Lampen machen kann, die von der Decke runter hängen, zeigt uns Morrissey im schönen „The More You Ignore Me, The Closer I Get". Ein Video seiner Zeit und trotzdem extrem charmant und ästhetisch. Das goldene Hemd von Morrissey im „Glamorous Glue" Video ist modisch eher fragwürdig, aber mit welcher Selbstverständlichkeit er das trägt, ist auch schon wieder sehenswert. Bilder und Melodie passen bei „Suedhead" bestens zusammen und unterstreichen abermals, dass das auch eine Kunstform war, auf die Morrissey sehr viel Wert gelegt hat. Nachdenklich und verloren wirkt er in der verschneiten Landschaft oder einer Scheune. Mittels eines roten Traktors kriegt das Ganze aber schon wieder eine Leichtigkeit, die eben Morrissey auch ausmacht. Man fragt sich sowieso, warum keine Videos mehr in der Art von „Boxers" gedreht werden - bisher übrigens auf DVD auch unveröffentlicht. „Tomorrow" mit seiner schwarzweiß Szenerie ist ebenfalls ein kleines Meisterstück. Der intensive Auftritt bei der Jonathan Ross Show wertet die Geschichte noch mal auf!


Fazit: Normalerweise sind „Best Of"-Veranstaltungen ja eine eher fragwürdige Angelegenheit. Im Falle von Morrissey kann man die vorliegende CD/DVD Version aber ruhigen Gewissens empfehlen. Von der Aufmachung über die Auswahl der teilweise raren Versionen der HMV- und Parlophone-Jahre kann man nicht meckern. Die Videos sind da nur das Sahnehäubchen. Selbst Fans kommen hier auf ihre Kosten. Feine Sache!


http://www.itsmorrisseysworld.com/


Text: Torsten Schlimbach

 

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