Judith Holofernes: Ein Leichtes Schwert

Judith Holofernes: Ein Leichtes Schwert

Sony

VÖ: 07.02.2014

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Was macht eigentlich Judith Holofernes so den lieben langen Tag? Muttersein, ist doch klar. Das kann mitunter ja sehr anstrengend sein, trotz aller Erfüllung. Das dürfte auch einer der Gründe sein, dass ihre Band Wir Sind Helden pausiert. Haben ja jetzt alle irgendwie Kinder. Das alles unter einen Hut zu bringen ist ja nicht so einfach. Wirklich nicht. Unstimmigkeiten sind da quasi vorprogrammiert. Die Holofernes kann vermutlich ein Liedchen davon singen. Darf man das eigentlich schon sagen? Die Holofernes? Ist sie schon in diesen Sphären angekommen? Oder schmeißt man sich da eher kumpelig ran und nennt sie schlicht die Judith? Judith Holofernes ist irgendwie anders als die anderen Sänger-, Musiker-, Songschreiberinnen – kurzum als die gesamte deutsche Damenriege, die sich in diesem künstlerischen Gewerbe verdingt. Auch davon kann sie ein Liedchen singen. Oder zwölf. „Ein Leichtes Schwert“.

 

Ja, Judith Holofernes lässt sich nicht so einfach in eine Schublade pressen. Will sie auch nicht. Auf Marktmechanismen pfeift sich auch gerne mal. Da unterhält sie ihre Fans mit ihrem Blog gar ganz vorzüglich, schreibt über alles, nur nicht, dass sie an neuen Songs arbeitet. Darum kommt „Ein Leichtes Schwert“ jetzt fast ein bisschen plötzlich. Man ist zwar schon seit ein paar Wochen im Bilde, aber über den eigentlichen Entstehungsprozess hat sie mehr oder weniger den Mantel des Schweigens gehüllt. Kurios, wo doch mittlerweile jeder meint, jeden Pups der Weltöffentlichkeit mitzuteilen und über soziale Netzwerke wissen zu lassen. Nicht so die Judith! Also die Holofernes! Irgendwann gab es da ein paar mysteriöse Zeilen, die nichts anderes waren als ein neuer Songtext. „Nichtsnutz“ ward geboren. Eine wunderbare Ode an den Müßiggang. Textlich natürlich gewohnt versponnen. In Zeiten wie diesen ist das auch eine wahnsinnig schöne Geschichte, die da in „Nichtsnutz“ besungen wird. Einfach mal die Seele baumeln lassen, kann das überhaupt noch wer? Haben wir das nicht alle längst verlernt?

 

Und was ist eigentlich mit der Musik? Wir Sind Helden sind nicht weit weg, was natürlich an der markanten Stimme von Judith Holofernes liegt. „Danke, Ich Hab schon“ erinnert mit seinen Stakkato-Strophen durchaus an die Helden. Der Refrain dengelt und brazt sich aber in schönster 90er Indie-Manier durch die Prärie als wären die Breeders der heißeste Scheiß der Saison. Und wenn man sich das so anhört, dann würde man sich wünschen, dass es auch so wäre. Zum Glück gibt es ja diese Solo-Platte von Judith Holofernes. Ein Klavier! Ein Klavier? Ein Klavier! Ach, überhaupt findet man hier so viele Instrumente, wie man sie seit dem Musikunterricht in der Oberstufe nicht mehr gesehen hat. Toll, toll, toll. Dies alles entlädt sich in dem herrlich versponnenen „Opossum“. Dabei wurde die Platte in erster Linie von Jörg Holinghausen und ihrem Mann Pola Roy eingezimmert. Das Album ist wohl nicht so weit von den Demos entfernt, was man bitteschön ausdrücklich als Kompliment verstehen soll.

 

Die Ukulele hat Judith Holofernes jetzt auch für sich entdeckt. Ja, das macht ja spätestens seit Eddie Vedder jetzt jeder, aber die gute Judith hat ihr Herz schon lange an dieses Instrument verloren. „Brennende Brücken“ ist gar ganz entzückend. Da könnte man sich ja glatt reinlegen. Auf der Platte wurden überall ein paar nette Ideen versteckt, die aber nicht unbedingt den normalen Mainstreamhörer begeistern werden. Gut so. Schräge Klänge geben sich die Klinke mit allerlei Gedöns in die Hand und sorgen dafür, dass es für den Zuhörer, aber auch (hörbar) für die Musiker ein Fest ist. Es macht Spaß sich diese Platte anzuhören und man fühlt sich sehr wohl mit dieser.

 

Bei „Pechmarie“ erhält sie von Mama Rosin, eine Cajun/Rhythm and Blues-Formation aus der französischen Schweiz (!), Verstärkung und wie das klingt, kann man sich auf dem Papier zwar ausmalen, aber nicht so schön wie es da letztlich aus den Boxen schallt. „Platz Da“ produzierte Holofernes gemeinsam mit ihrem Freund Tobias Jundt, aka Bonaparte, der auf der Aufnahme mit ihr im Duett singt und Gitarre spielt. So ein bisschen angeschrägter Indierock der 80er weht da durch die Szenerie. Dada-Poesie galore. „Liebe Teil 2 – Jetzt Erst Recht“ wurde nicht umsonst als Single ausgekoppelt. Die Nummer hat natürlich Hitpotenzial, ist aber auch eine gar ganz wundervolle Zustandsbeschreinung, mit der sich vermutlich alle Eltern identifizieren können – irgendwie. Den größten Spaß dürfte Judith Holofernes bei der Komposition und den Aufnahmen von „MILF“ gehabt haben. Warum das so ist? Hören und freuen!

 

Fazit: Jetzt weiß man auch wieder, was einen derzeit so an deutscher Popmusik so nervt: quasi alles, was es auf „Ein Leichtes Schwert“ nicht gibt. Judith Holofernes hat eine ganz famose Indieplatte aufgenommen, die den Bogen vom Blues über die gepflegten Indieklänge der 80er und 90er in das Hier und Jetzt spannt. Dies ist ein Album wie ein Wollpullover. Nein, nicht diese kratzigen Dinger, die man als Kind so gehasst hat, sondern einer der flauschigen Sorte, in den man sich so gerne rein kuschelt. Die Judith? Die Holofernes? Beides falsch, einfach Judith Holofernes und das bitte mit Ausrufezeichen!

 

http://www.judithholofernes.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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