Jan Delay: Hammer & Michel

Jan Delay: Hammer & Michel

Universal

VÖ: 11.04.2014

 

Wertung: 6,5/12

 

Chefstyler Jan Delay ist gerade auf allen Kanälen vertreten. Mit „Hammer & Michel“ haut er jetzt mal eben ein Rockalbum - so sagt er - heraus und führt das weiter, was irgendwann mal vor anderthalb Jahrzehnten andeutungsweise angefangen hat. Pünktlich zur Veröffentlichung hat der Gute dann auch noch ein paar Ratschläge für alle Lebenslagen parat. Höhepunkt sind da sicherlich seine Erziehungstipps. Ja, Jan Delay ist mittlerweile selbst Vater und selbstverständlich weiß der Mann, wie man sich ins Gespräch bringt und die Promomaschine anwirft. Liest sich gut, hört sich gut an, bringt ihn auf die Titelblätter. Inhaltlich kann man das hinterfragen, ist aber ja nicht mehr so wichtig. Die ganze Republik weiß jetzt jedenfalls, dass der Mann die Gitarren für sich entdeckt hat.

 

HipHop, Soul und Funk war gestern, Rock ist heute? So einfach ist das wiederum auch nicht. Die Gleichung geht auch nicht auf, denn „Hammer & Michel“ ist nichts anderes wie ein astreines Album von Jan Delay und seiner Disko No. 1. Die Mittel dazu mögen andere sein, aber unter dem Strich ist dieses Album nicht weit von seinen anderen drei Werken entfernt. Jan Delay wird ja auch kein Rocksänger mehr, er rappt sich hier – mal mehr, mal weniger – wieder näselnd durch die Songs. Und selbstverständlich ist er auch noch der Chefstyler. Der Maßanzug sitzt, auch wenn da ein bisschen Leopardenfell mit hinein geschneidert wurde. Leder gibt es immerhin in Form eines schmalen Schlips.

 

„Hammer & Michel“ ist im Grunde sogar ein Retroalbum. Ein Album, wie es in den 90ern öfters mal im Regal stand. Crossover nannte man dies damals. Wenn die Gitarren bei „Liebe“ angeworfen werden, dann fühlt man sich ein bisschen an Rage Against The Machine und Tom Morello erinnert. Wenn Delay dann seinen typischen Sprechgesang dazu vom Stapel lässt, ist das ganz im Stile des Soundtracks „Judgment Night“ von 93. Dort traf sich die Sperrspitze der alternativen Rockmusik mit den angesagten Rappern jener Tage zum Stelldichein. „Dicke Kinder“ wütet in diesem Stil weiter. Warum sind die Kinder dick? Delay weiß es, weil sie einfach keinen Bock haben Gemüse und Obst zu schnippeln. Noch Fragen?

 

„Sie Kann Nicht Tanzen“ und „Straße“ machen dann auch halben Weg wieder kehrt und rennen dem Rock mit ganz schnellen Schritten wieder in Richtung Funk davon. Lezteres gar in Richtung Möchtegern-Country. Man hatte sich das ja schon gedacht, dass dies kein astreines Rockalbum werden wird – garnicht sein kann. Spätestens nach der Schlagerralley von „St. Pauli“ dämmert einem da schon was. Für die Radiostationen hätte man keinen besseren Song auswählen können. Bevor da jetzt aber ein falscher Zungenschlag reinkommt: wer Jan Delay und seine Musik bisher mochte, wird auch an „Hammer & Michel“ kaum etwas auszusetzen haben. Die bekannten Elemente sind ja auch alle noch da. Gleichwohl der erste Vorbote - „Wacken“ - die Rock-Attitüde mit der Schubkarre in die Gehörgänge gefahren hat. Und dann singt er da auch noch von Dosenbier und Iron Maiden. Nun denn.

 

Was man bei all dem Budenzauber nicht übersehen sollte, ist diese famose Band die Eißfeldt da im Rücken hat. Disko No. 1 können einfach alles! Das Timing ist traumwandlerisch sicher und das gepaart mit einer Spielfreude, die schon beeindrucken kann. Die Songs können es dafür nur bedingt. Mit Rock and Roll hat das auch eigentlich recht wenig am Hut und somit knüpft „Hammer & Michel“ nahtlos an die beiden Vorgänger an. Die Bläser wurden etwas in den Hintergrund gedrängt, dafür dürfen die Gitarren jetzt in allen möglichen Facetten und Schattierungen das Zepter übernehmen. Dies alleine macht aber ja noch lange kein Rockalbum aus. „Action“ wäre mit Sicherheit auch auf dem letzten Werk nicht als Ausreißer aufgefallen. Es nützt ja auch nichts einen Song einfach mal „Scorpions-Ballade“ zu nennen. Der schmalzige Stadionrock mag dabei mit einem Augenzwinkern zu verstehen sein, aber das Stück packt einen höchstens aufgrund des kritischen Textes.

 

„Nicht eingeladen“ hat dann wohl eine Jethro Tull-Gedenkminute eingelegt, bevor noch mal die Morello-Gitarre ausgepackt wird. Joa, ganz nett. „Hertz 4“ ist der Nachfolger von „Für Immer Und Dich“, reicht aber nicht ganz an die alte Ballade heran, ist aber trotzdem gut. Zum Schluss gibt es mit „Kopfkino“ noch mal eine Ballade, die sich über 5 Minuten über sich selbst wundert und langweilt. Rock? „Hammer & Michel“ jedenfalls nicht.

 

Fazit: Viel wurde im Vorfeld über Jan Delay und insbesondere „Hammer & Michel“ geschrieben. Ein Rockalbum sollte es sein. Ist es aber nicht. Es ist ein Album geworden, welches die Mainstreamjünger des Soul, Pop und Funk nicht verschrecken und am Rande dann noch ein paar Mädels und Jungs mit Affinität für die sechs Saiten einsammeln soll. Auf dieser Spielwiese wurde an alles gedacht und so klingt diese Platte leider wie am Reißbrett entworfen und aus dem Baukasten zusammengesetzt. Der große Lichtblick ist die Band, denn was Disko No. 1 hier veranstalten ist schon die ganz große Musikkunst. Die Kapelle kann ja nichts dafür, dass das Songmaterial so bieder ist. Vielleicht beim nächsten Mal die große Jazz-Sause?

 

http://www.jan-delay.de/home/

 

Text: Torsten Schlimbach

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