Guns N’ Roses: Appetite For Destruction (Super Deluxe Edition)

Guns N’ Roses: Appetite For Destruction (Super Deluxe Edition)

Geffen/Universal

VÖ: 29.06.2018

 

Wertung: 12/12

Tipp!

 

Als am 21. Juli 1987 „Appetite For Destruction“ das Licht der Welt erblickte und in den Läden stand, war die Rockmusik um eine Attraktion reicher. Zusammen mit „The Joshua Tree“ von U2 dürfte dieses Album mit Abstand die beste Scheibe der 80er sein. Guns N´ Roses waren damals die Straßenköter mit Gangmentalität, die den Rock and Roll-Lifestyle wie keine andere Band pflegte. Dies spiegelt sich auch in den Texten wieder, die sich mit dem perspektivlosen Leben der Bandmitglieder auseinandersetzen. Das Album wurde allerdings erst nach und nach ein Renner. Ein knappes Jahr nach der Veröffentlichung erreichte „Appetite For Destruction“ erst die Spitze der US Billboard-Charts. Längst ist dieses Manifest zu einem Meilenstein der Musikgeschichte avanciert.

 

Duff, Slash und Axl sind mittlerweile wieder gemeinsam auf Tour. Auf ein neues Album wartet man aber bisher vergeblich. Ob es jemals dazu kommen wird, ist überhaupt nicht abzusehen. Aussagen, auf die man die Bandmitglieder festnageln könnte, gibt es auch nicht. Einstweilen feiert man das Live-Comeback und das sehr ausgiebig. Immerhin spielt die Kapelle Konzerte, die nicht selten mehr als drei Stunden dauern. Und man ist pünktlich. Um 19:30 Uhr geht es los! Früher wäre das undenkbar gewesen. Selbstironisch nannte man die Tour „Not In This Lifetime...“. Dieses Jahr waren die Shows in Deutschland allerdings nicht ausverkauft. Die teilweise horrenden Preise schreckten dann doch den einen oder anderen potenziellen Konzertgänger ab. Dies wiederum ist schön für die Fans, die warten konnten, denn so gab es kurz vorher noch mal ein paar Aktionen, bei denen man Tickets zu einem Bruchteil des ursprünglichen Preises erwerben konnte. Ärgerlich natürlich für all jene, die direkt zum Vorverkaufsstart die teuren Karten erworben haben. So ist das eben heutzutage. Es hat sich einiges im Musikgeschäft verändert, die Songs von „Appetite For Destruction“ sind aber immer noch wie in Stein gemeißelt.

 

Da neue Songs nicht in Sicht sind, wird „Appetite For Destruction“ nun in verschiedenen Konfigurationen veröffentlicht. Die „Locked N’ Loaded“ Box schlägt dabei mit fast 1.000 Euro zu Buche! Ob man die Holzbox braucht, muss ja jeder für sich entscheiden. Die Limitierung dürfte auch nicht so klein ausgefallen sein. Die Rede ist hier von einer Auflage von 10.000 Stück! Es geht aber auch eine Nummer kleiner und die Super Deluxe Edition tut es dann vielleicht auch selbst für den Hardcore-Fan. Auch da darf man sich über allerlei Nippes und Kram freuen, den man zwar nicht braucht, der das Fanherz aber höher schlagen lässt.

 

Man kriegt hier über vier CDs mit 73 Tracks - davon 49 (!)Tracks bisher unveröffentlicht - geboten. Das Album wurde remastert. Dies gilt auch für die 12 Tracks der EPs- und B-Seiten. Auf „One In A Million“ hat man wohlweislich verzichtet und der Song glänzt durch Abwesenheit. Fremdenfeindlichkeit und Homophobie? In Interviews bezog Rose jedenfalls nie eindeutig Stellung dazu. Das Fehlen der Nummer kann man nun aus zwei Perspektiven verstehen: einerseits könnte das bedeuten, dass die Band nicht mehr dahinter steht oder man will eben erneuten Diskussionen aus dem Weg gehen.

 

Konzentrieren wir uns also auf die Dinge, die enthalten sind. Da wären beispielsweise auch noch 25 unveröffentlichte Demo-Songs aus den 1986er Sound City Recording Sessions, sowie zwei unveröffentlichte Recordings zu nennen. „Shadow Of Your Love“ ist ja jetzt seit Wochen bekannt. Eine Punk-Haudraufnummer, die perfekt zu jenen Tagen passt.

 

Bei so viel Material sollte man das ursprüngliche Album nicht vergessen. Über die Produktion von Mike Clink wurde sich über die Jahre ja hinlänglich ausgelassen. Nun hat man die Songs also remastert. Eine merkliche Verbesserung zur ursprünglichen Vinyl-Veröffentlichung ist das sicher nicht. Das liegt aber auch daran, dass die Platte damals schon einfach gut klang. Der klinische Sound der CD gehört mit dem Remaster nun aber auch der Geschichte an. Insofern macht das gerade für all jene, die nur die CD besitzen, Sinn. Von „Welcome To The Jungle“ bis „Rocket Queen“ ist das immer noch das perfekte (Hard)Rockalbum. „Nightrain“, „Paradise City“, „My Michelle“ oder „Sweet Child O´Mine“ sind nach all den Jahren immer noch herausragend. So ungestüm wie Guns N´ Roses da zu Werke gehen, ist es immer noch erstaunlich, dass das im Studio nicht vollends explodiert ist und man das irgendwie ordnen und für die Nachwelt festhalten konnte. Das Album lebt natürlich auch von der Authentizität der Songs – textlich, wie auch musikalisch. Die Herren haben ihr damaliges Leben vertont. Nicht mehr und nicht weniger. Ein zutiefst ehrliches Werk!

 

Das Mini-Alben "Live ?!@ Like A Suicide" und „GN’R Lies“ sind hier ebenfalls enthalten. Die Mischung aus ungestümen Live-Songs und ruhigeren Tracks ist immer noch ein schönes und hörenswertes Ding. Die Sound City Session von 1986 ist bisher unveröffentlicht. Hier kann man schon neun Songs hören, die später auch auf dem Album gelandet sind. Der Sound ist noch etwas blechern, die Stimme von Axl noch nicht justiert, aber dafür ist die ganze Sause ziemlich rau, roh und wild. Die Songs sind in musikalischer Hinsicht aber schon ziemlich weit ausgearbeitet. Gerade „Nightrain“ ist ziemlich perfekt. Die Drums bei „Out Ta Get Me“ scheppern quer durch den Gemüsegarten. „Paradise City“ klingt hier nicht nach Stadion, sondern nach versifftem Club – also ziemlich geil! Die Gitarrenraserei zum Schluss ist schon sehr lässig. Und die Stimme von Mr. Rose ist so schön dreckig. „My Michelle“ ist einfach ein Brett und eine Nummer die sträflich unterbewertet ist. „Think About You“ lässt in der 86er Sound City Session-Variante sehr schön Izzy und Slash erkennen. Das Miteinander ist traumwandlerisch sicher. Es ist schon schade, dass Herr Stradlin bei der Reunion nicht mit am Start ist. „You´re Crazy“ ist vom Sound etwas dünn, allerdings ist die Geschwindigkeit atemberaubend. „Anything Goes“ ist mitunter am weitesten von der Albumversion entfernt. Ein sehr schönes Zeitdokument ist das und es weiß sogar mehr zu gefallen als die Albumstudioversion. „Rocket Queen“ ist in dieser Variante ebenfalls dreckiger. Was gibt es noch? Die Aufnahmen des Rolling Stones’ Songs „Jumpin’ Jack Flash” (einmal elektrisch, einmal akustisch) und die zwei niemals fertiggestellten Tracks/Jams „The Plague” und „New Work Tune“. Die beiden Work-inprogress Recording-Versuche des Meisterwerks “November Rain” sind auch noch enthalten. Eigentlich sollte das Stück ja schon auf „Appetite For Destruction“ seinen Platz finden. Wir wissen ja, was daraus später wurde. Die Piano-Balladen-Version - mit dem kratzigen Gesang von Rose - hat was. Und dann wäre da noch die Akustik-Variante, die ein bisschen Lagerfeuerflair verbreitet. Nur, wo haben sie denn den Gesang aufgenommen? In den Sanitäranlagen? Das hat aber durchaus dokumentarischen Charakter und ist somit mehr als nur „nive to have“.

 

Fazit: „Appetite For Destruction“ ist immer noch ein sensationelles Album! Ein Meilenstein der 80er und der Musikgeschichte. Jetzt wird selbiges als Remaster in verschiedenen Konfigurationen und mit allerlei Bonusmaterial veröffentlicht. Die enthaltenen EPs und B-Seiten hat der geneigte Fan natürlich. Es gibt aber auf der Super Deluxe Edition jede Menge unveröffentlichtes Material aus den Sessions. Der dokumentarische Wert kann nicht hoch genug bewertet werden. Dies alles wird im Remastergewand kredenzt. Essenziell!

 

https://www.gunsnroses.com/

www.appetite-for-destruction.de/

 

Text: Torsten Schlimbach

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