George Ezra: Staying At Tamara´s

George Ezra: Staying At Tamara´s

Sony

VÖ: 23.03.2018

 

Wertung: 7/12

 

George Ezra ist das Paradebeispiel dafür, wie die Radiolandschaft einen interessanten Act kaputt dudeln kann. „Budapest“ und „Barcelona“ hängen einem zu den Ohren heraus. Dafür kann der junge Mann natürlich nichts und er wird sich über den immensen Hiterfolg ganz sicher gefreut haben. Die Songs öffneten ihm ja auch viele Türen, die vorher verschlossen waren. Dies verdankt er aber selbstverständlich seinem großen Talent als Songschreiber. Zudem ist der Mann auch durch die Straßenmusik geschult. Für den Nachfolger zum Debüt hat er sich viel Zeit gelassen, es kommt einem durch die massiven Singles eben nur nicht so vor. „Wanted On Voyage“ erschien aber tatsächlich im Juni 2016. Jetzt folgt mit „Staying At Tamara´s“ das Zweitlingswerk.

 

Nach dem großen Erfolg hatte sich das Leben von George Ezra schlagartig geändert. Er wurde wieder wie ein Kind behandelt und viele Dinge des täglichen Lebens wurden für ihn organisiert. Er musste sich eben um nichts mehr kümmern. Sein Tag war komplett durch getaktet. Irgendwann muss man diese Blase aber wieder verlassen und dann sieht die Realität doch anders aus. Freunde? Sind alle bei der Arbeit und führen ein komplett anderes Leben. George Ezra ereilte der Blues und er machte sich mit seiner Gitarre auf und davon. Sein Ziel war erneut Barcelona. Dort ist Ezra übrigens kein Star und kann somit ein relativ normales Leben führen. Er stieg aber nicht in Hotels ab, sondern suchte sich private Unterkünfte und wohnte dort jeweils mit den Gastgebern zusammen. Ein Zimmer, ein Bett. Leute kamen und gingen. Die Wohnung gehörte einem Mädchen mit dem Namen Tamara.

 

Da das gesamte Album dort also seinen Ursprung hat, kam Ezra schließlich zu dem Albumtitel. Dieser eine Monat in Barcelona wirkte wie eine Frischzellenkur. Danach ging es zurück nach Großbritannien und Ezra fühlte sich nach dem Kontakt mit den ganzen Künstlern, die bei Tamara ein und aus gingen, entschleunigt und wieder gestärkt für eine weitere Runde im Wahnsinn Musikgeschäft.

 

Die Musik von George Ezra lebt vornehmlich von der dunklen Klangfarbe seiner Stimme. Das ist schon ein großes Alleinstellungsmerkmal. Singen kann er natürlich auch. Das können aber ja viele. Dass er Songs schreiben kann, hat er mit dem Debüt ja hinlänglich bewiesen. „Staying At Tamara´s“ klingt beschwingt und ist geradezu euphorisch. Die Gitarre ist auch noch hörbar, trotzdem ist das schon ganz stark im Pop verankert. Noch stärker als es bei dem Vorgänger der Fall war.

 

„Pretty Shining People“ wirkt wie ein Brückenschlag zwischen den beiden Alben. Man fühlt sich sofort heimisch. Der Refrain ist aber schon zu zuckrig, zu sommerlich. Ist da etwa eine Harfe zu hören? Kann man natürlich so machen, gar keine Frage. Der Twang von „Don´t Matter Now“ ist ziemlich entspannt. Die Bläser im Hintergrund passen ganz gut zum Groove. Bei „Get Away“ machen sich aber erste Ermüdungserscheinung breit. Das ist schon alles nach Schema F gestrickt. Das wird dann schnell monoton. Auch „Shotgun“ kommt beschwingt und tanzbar daher, das ist auch mal für einen Song ganz gut, wenn das aber immer auf diesen musikalischen Grundierungen aufgebaut wird, ist es auch langweilig. Auch die Stimme bleibt, trotz des Bariton, dabei seltsam blass. Musik für den Mainstreamhörer. „Paradise“ ist ein weiterer Track, der dies im Grunde bestätigt.

 

„All My Love“ kommt da entspannter und entschlackter daher und ist nicht mehr so überladen. Überhaupt lässt sich die zweite Albumhälfte wesentlich besser an. „Sugarcoat“ ist eine wunderbare unkitischige Ballade. Übrigens hätte jeder Song – für sich gesehen – Hitpotenzial. „Hold My Girl“ ist eine weitere Ballade, die jetzt aber eher in die melancholische Richtung einbiegt. Auch „Saviour“ bleibt auf dieser Schiene. Dieses Klanggewand steht George Ezra wesentlich besser als dieses Mainstreampopgewand für die Radiosender dieser Welt. „Human Rights“ ist wunderbar reduziert, da kommt seine Stimmkraft voll zur Geltung und dabei muss er nicht mal laut werden. Zum Schluss berichtet er dann von „The Beautiful Dream“ und als Hörer ist man um die Erkenntnis reicher, dass die zweite Albumhälfte tatsächlich die wesentlich stärkere ist.

 

Fazit: „Staying At Tamara´s“ ist ein nettes Album, hat aber in der ersten Hälfte für meinen Geschmack zu viel belanglose Popkost zu bieten. Die Stimme alleine reißt das dann doch nicht aus dem Einheitsbrei dieser Tage heraus. Die Perlchen verstecken sich auf der zweite Seite. Alles in allem ordnet sich George Ezra aber zwischen all den anderen Popkünstlern dieser Tage ein.

 

http://www.georgeezra.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

George Ezra: Wanted On Voyage (Deluxe Edition)

George Ezra: Wanted On Voyage (Deluxe Edition)

Sony

VÖ: 27.06.2014

 

Wertung: 9/12

 

Der Name George Ezra mag einem noch nicht so geläufig sein und doch kann man davon ausgehen, dass so ziemlich jeder Radiohörer den jungen Singer/Songwriter und seine Musik schon sehr deutlich wahrgenommen hat. Sein Song „Budapest“ wird ja seit Wochen im Radio hoch- und runtergespielt. Jetzt steht nach zwei EPs sein Debütalbum in den Startlöchern und aufgrund besagter Single hat man schon ein recht ungutes Gefühl in der Magengegend. Bitte nicht noch so einen James Blunt-Verschnitt und Jammerlappen. Die gute Nachricht: „Budapest“ ist der schlimmste und nervigste Song der gesamten Platte! „Wanted On Voyage“ ist tatsächlich eine dicke Überraschung und jetzt weiß man auch, warum dieses junge Talent in der BBC-Prognose „Sound Of 2014“ auf dem fünften Platz landete.

 

Die Stimme von Ezra lässt einen ein bisschen ungläubig zurück. Man kann es kaum glauben, dass diese dunkle und bluesige Klangfarbe zu einem Mann mit Geburtsjahr 1993 gehört! Das optische Erscheinungsbild will auch nicht so recht dazu passen. „Wanted On Voyage“ ist in dieser Hinsicht eine faustdicke Überraschung und auch hier muss man glücklicherweise feststellen, dass „Budapest“ da kein Gradmesser ist! Städtenamen in Songtiteln allerdings schon. Da hätten wir dann noch „Barcelone“ und „Blind Man In Amsterdam“ und von Australien ist im weiteren Albumverlauf auch noch die Rede. Der Mann aus Bristol, der in Hertford aufwuchs, reist eben gerne und tourt dementsprechend auch kreuz und quer durch die Weltgeschichte.

 

Musikalisch ist „Wanted On Voyage“ gar nicht so einfach zu kategorisieren. Hitqualitäten hat so ziemlich jeder Song – allerdings nicht auf diese unangenehme und beliebige Art und Weise des Wegwerfpops dieser Tage. Die Songs von George Ezra gehen wesentlich tiefer. „It´s Just My Skin“ - einer der Bonustracks der Deluxe Edition – ist tief im Blues verankert und berührt einen mit seinem minimalistischen aber sehr nachhaltigen Vortrag ganz tief im Inneren. Das forsche „Da Vinci Riot Police“ ist da schon luftiger und vollends im Popfach zu finden. „Wanted On Voyage“ ist aber auch Folk – man höre dazu bitte das hinreißende und ganz und gar großartige „Blind Man in Amsterdam“ - Country, Americana, Indierock und Pop. „Blame It On Me“ - der einzige Song mit Cello – legt auf der akustischen Gitarre los wie einst Bob Dylan. Dazu wird diese dunkle Stimme gereicht, dass einem Hören und Sehen vergeht. Guter Auftakt. „Cassy O´“ knüpft nahtlos daran an und schon jetzt dürfte klar sein, dass der Mann seine musikalischen Wurzeln eher auf amerikanischem Boden hat.

 

Die feinsinnige Ballade „Barcelona“ schafft zwischen Melancholie und feinstem akustischem Klanggewand und einem bezauberndem Arrangement, genau den richtigen Ton. Und wem das beschwingte „Listen To The Man“ etwas zu seicht ist, kriegt mit „Did You Hear The Rain?“ ein Klagelied aus den tiefsten Sümpfen geboten. Da kann man schon mal einen Kloß im Hals haben. Die Stimme von George Ezra ist ein Pfund, mit dem nicht viele wuchern können. Er trägt diesen Song knapp anderthalb Minuten zwischen Blues und Gospel ganz alleine, erst dann setzt die Musik ein und entwickelt sich in die Indie-Richtung. Der beste Moment der ganze Platten. „Stand By Your Gun“ ist die leichte Sommerpopnummer für zwischendurch – und dies ist bitte als Kompliment zu verstehen. „Spectacular Rival“ ist zwischen Western, Tarantino und Nick Cave in seiner Brillanz ein unfassbar guter Albumabschluss. Man sollte allerdings zur Deluxe Edition greifen, da die besagten Bonussongs keine Spur schlechter sind und einen echten Mehrwert darstellen.

 

Fazit: „Wanted On Voyage“ von George Ezra ist ein tolles Album. Wer von „Budapest“ genervt ist, sollte sich aber nicht täuschen lassen und dieses vielseitige und toll arrangierte Werk zwischen Folk, Country, Blues, Gospel, Indie und Pop auf jeden Fall mal antesten. Wer die Single mag wird schnell merken, dass dieses Werk wesentlich mehr zu bieten hat. Der junge Künstler ist zudem mit einer Stimme gesegnet, um die ihn seine Kollegen beneiden werden. Mit 21 Jahren stehen für den Mann ab jetzt alle Türen der Musikwelt offen.

 

http://www.georgeezra.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch