Frank Turner: Positive Songs, For Negative People

Frank Turner: Positive Songs, For Negative People

Universal

VÖ: 07.08.2015

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Dave Grohl wird ja gerne als der netteste Mensch im Musikgeschäft bezeichnet. Was ist eigentlich mit Frank Turner? Hat man den Mann schlichtweg vergessen? Er müsste doch in dieser Hinsicht mit Grohl auf einer Stufe stehen – mindestens. Frank Turner gehört zu der Sorte Musiker, die man einfach mögen muss. Alles was der Mann sagt und macht ist irgendwie nett. Jetzt könnte man ja einwerfen, dass dies auch genau das Problem mit Turner wäre. Pah, nur böse Menschen kommen auf solche Gedanken. Jetzt gibt es auch die passende Platte dazu: „Positive Songs, For Negative People“.

 

Frank Turner hat mit „Tape Deck Heart“ so etwas wie den Durchbruch geschafft. Plötzlich war das kumpelige Indieraubein auch im Mainstream angekommen. Frank Turner wurde geliebt. Von allen? Natürlich nicht, denn jetzt krochen wieder alle jene hinter ihrem Stein hervor, die den bösen Ausverkauf witterten. Warum eigentlich? Gute Musik ist gute Musik und wenn diese von vielen Leuten gehört wird, ist das doch umso schöner. Egal, man kennt das ja. Jetzt werden sich einige auch wieder an „Positive Songs, For Negative People“ stören. Das wird schon beim – zugegeben, etwas plakativen – Albumtitel anfangen. Ja, es sind positive Songs. Songs über das Straucheln, aber eben auch über das Aufstehen und wie man es doch noch schafft wieder auf die Füße zu kommen.

 

Musikalisch hat Frank Turner ein bisschen was von seinem Hardcore-Punk-Projekt Möngöl Hörde mit in dieses Album genommen. „Positive Songs, For Negativ People“ ist wieder etwas forscher, in Teilen sogar härter. Das Raubein ist zurück. Man sieht Turner vor dem geistigen Auge, wie er da die Kneipen aufmischt. Die Zeit der Kneipen ist allerdings längst vorbei und mit den Songs könnte er auch in die Stadien drängen. Bei Frank Turner ist aber auch das positiv gemeint. Neben Springsteen ist er wohl der Einzige, der das darf. Wo wir gerade beim Boss sind: „Glorious You“ würde er mehr als wohlwollend abnicken. Das ist die Preisklasse in der sich Turner mittlerweile bewegt. Und er macht das sehr gut. Er wirft sich mit derart viel Verve in die Nummer, dass die Fäuste gereckt werden um dann durch die Bude zu toben.

 

Dabei fing doch alles in einer Telefonzelle an. „The Angel Islington“ klingt jedenfalls so, als wäre das gute Stück dort aufgenommen worden. Mit „Get Better“ punkrockt sich Turner mit seinen Mitstreitern danach aber herrlich bis an den Bühnenrand. Hat er da gerade „bitch“ gesungen? Hat er. Er gönnt sich dazu aber auch noch ein richtiges Rock and Roll-Klavier. Er darf das. Ist nämlich gut. „The Next Storm“ biegt dann wieder ein bisschen in Richtung Popradio ab, aber spätestens wenn er „Rejoice“ brüllt ist die Welt doch wieder in Ordnung. Staub abgeschüttelt und weiter geht es. Beispielsweise mit dem wunderbaren Folk von „The Opening Act Of Spring“. Ist das nicht schön? Eben! „Mittens“ holt mal ein bisschen Luft, denn mit „Out Of Breath“ haut Turner mit seiner Band ordentlich auf die Kacke. Die Stimme überschlägt sich, die Drums rumpeln, der Bass galoppiert und die Gitarre kreischt wie eine Kreissäge. „Demons“ ist der zupackende Rock, für den man Turner liebt – oder hasst. „Josephine“ sollten sich alle The Gaslight Anthem-Fans anhören. Hier ist er, der Song, den eure Band seit einer Ewigkeit zu suchen scheint.

 

„Love Forty Down“ fängt so ein bisschen wie ein U2-Song an, ändert aber schnell das Tempo und galoppiert wieder wunderbar durch die Landschaft. Ein bisschen melancholisch gar. „Silent Key“ rumpelt sich noch mal ins Stadion, während das live eingespielte, traurige „Song For Josh“ das Album beendet. Und das ohne die Peinlichkeitsgrenze zu überschreiten!

 

Fazit: „Positive Songs, For Negative People“ ist ein gutes Album. Frank Turner macht ja auch keine schlechten Alben. Er krempelt die Ärmel hoch und dann wird der Ton auch mal etwas rauer. Man hört der Platte mehr als zuletzt an, wo Turner seine Wurzeln hat. Und wenn es dann doch mal etwas gemächlicher sein darf, dann aber mindestens in der Preisklasse von Springsteen. Der Kneipenfolk ist nicht ganz verschwunden, auch nicht der Pop, aber eben gut versteckt. Frank Turner gehört einfach zu den Guten. Vielleicht sollte er mal mit Dave Grohl eine Platte machen?!

 

http://randomacts.frank-turner.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Frank Turner: Tape Deck Heart

Frank Turner: Tape Deck Heart

Universal

VÖ: 19.04.2013

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Frank Turner ist die letzten Jahre nur noch sehr selten in seiner Heimat Winchester, England anzutreffen. Der Mann tourt eben unermüdlich und lebt quasi aus dem Koffer. Man trifft ihn in den Konzerthallen sowohl solo, wie aber auch mit seinen langjährigen Mitmusikern. Es scheint für ihn auch kaum eine Rolle zu spielen, ob es sich dabei um seine eigene Tour handelt oder um Support-Slots für befreundete Musiker und Bands. Frank Turner ist mit Leib und Seele bei der Sache und trägt seine Songs gerne in die Welt hinaus. Er pflegt dabei einen sehr innigen Kontakt zu seinen Fans, die ihm mittlerweile gar folgen und nachreisen. Mails werden von ihm persönlich beantwortet wie eben auch Fragen in seinem eigenen Forum. Machen auch nicht so viele, jedenfalls nicht mit seinem Status und einem derart vollen Terminkalender. Frank Turner gehört in allen Belangen zu den Guten!

 

Wann schreibt der Mann eigentliche seine Songs? Für sein fünftes Album hatte er immerhin 25 Ideen. Er gibt allerdings auch zu, dass nicht alle davon zu gebrauchen waren. Letztlich wurde das Material auf zwölf Tracks zusammengeschrumpft. Turner wollte sich aber sowieso kurz fassen und in 45 Minuten alles auf den Punkt bringen. Das Material passt nun wunderbar auf eine C90-Kassettenseite. „Tape Deck Heart“ war geboren. Ein Großteil seiner Fans muss zunächst sicher eine Internetsuchmachsine bemühen um dieses – für sie – Relikt aus grauer Vorzeit und seine Funktionsweise zu verstehen. Aufgenommen wurde „Tape Deck Heart“ unter der Regie von Produzent Rich Costey (Muse/Interpol/Franz Ferdinand/Weezer) in den Eldorado Recording Studios von Burbank/Kalifornien.

 

Das Album ist wieder ein Sammelsurium seiner musikalischen Geschichte. Seine Punk- und Hardcorevergangenheit blitzt dabei ebenso durch, wie seine Vorliebe für den Folk. Bestenfalls ist das sogar eine Mischung aus beiden Welten. Frank Turner hat sowieso ein unglaubliches Gespür für tolle Hooklines und schöne Melodien. Dies dürfte auch ein Grund dafür sein, dass sich so viele auf den Mann einigen können: tätowierte Hardcoreler, die Nerds mit den Hornbrillen, Indiekids, Teenpopmädchen, der Altpunk, aber auch die Hausfrau und der Beamte von nebenan. Der Mann und seine Lieder sind eben über alle Maßen sympathisch. Nur belanglos, nein, belanglos ist das ganz sicher nicht.

 

„Tape Deck Heart“ wird sich nicht mit aller Macht in die Radiostationen dieser Welt drängen. Dafür sind diese kleinen Songs auch nicht gedacht. Dafür ist „The Fisher King Blues“ auch viel zu schön. Die Nummer erinnert stark an das famose Solodebüt von Keith Caputo. Hits gibt es natürlich wieder jede Menge. Wie wäre es mit dem fröhlichen „Recovery“, welches zwischen Straßen-Folk, opulent arrangiertem Pop und Punk den Sommer einläutet? Frank Turner singt immer, als ginge es um sein Leben – ohne Netz und doppelten Boden. „Losing Days“ ist einfach mitreißend und wie für die Bühne gemacht. Der melancholische Grundton wird die Damenwelt in Verzückung versetzen und die Herren auf einer langen, einsamen Autofahrt wach halten. Jeder Song besticht durch Qualität und wenn „The Way I Tend To Be“ dann auch noch nach ehrlichem Handwerk riecht, muss man sich schon fragen, ob man den Mann nicht längst in eine Reihe mit den ganz Großen stellen müsste. „Good & Gone“ mag Folk sein, ist in erster Linie aber wunderbares Storytelling. Es wird ja gerne übersehen, dass der gute Frank eigentlich auch in die Singer/Songwriter Sparte fällt. „Four Simple Words“ vereinigt alles unter einem Hut: Folkrock, Punk, Gesang der die alte Hardcoreschule durchblitzen lässt. Hierzu schwingt sogar der alte Opa seine müden Knochen aus dem Sessel und reckt die Fäuste in die Höhe.

 

Und so lange es noch Popsongs vom Schlage „Polaroid Pictures“ gibt, ist die Menschheit noch nicht ganz verloren. „Broken Piano“ kratzt sogar am Post-Rock und Shoegazing. Gibt es eigentlich irgendwas, was Frank Turner nicht kann? Klassik? „Oh Brother“ hat zumindest durch den Pianobeginn einen leichten Ausschlag in diese Richtung, entwickelt sich aber schnell zum straighten Rock. Mit „Anymore“ lässt er zum Schluss dann fast komplett die Hosen runter. Nur Turner und seine Gitarre. Wer in der Vergangenheit schon einen A Cappella Song aufgenommen hat, weiß sowieso wie es geht.

 

Fazit: Auch das fünfte Album von Frank Turner ist wieder äußerst gut gelungen. „Tape Deck Heart“ vereinigt alle seine Stärken unter einem Dach: authentische Musik mit dem Herz am richtigen Fleck, große Melodien, ein bisschen Wut, Punk, Rock, Folk, Singer/Songwriter und schöne Geschichten. Frank Turner ist einer der Besten auf seinem Gebiet und live sowieso eine Wucht. Jetzt hat er neues Material am Start, um seine endlos erscheinenden Touren damit zu beschallen und seine Fans zu erfreuen. Frank Turner ist definitiv einer der Guten - eine Mischung aus Yoda und Obi-Wan.

 

http://frank-turner.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch