elbow: The Take Off And Landing Of Everything

elbow: The Take Off And Landing Of Everything

Universal

VÖ: 07.03.2014

 

Wertung: 12/12

Tipp!

 

Es sind die kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die diese Welt ein bisschen schöner und zu einem besseren Ort werden lassen. elbow - jene wunderbare Band aus Manchester - gehört bestimmt dazu. Seit mehr als zwanzig Jahren schaffen es die fünf Herren immer wieder ihre Zuhörerschaft zu verzaubern. Der Kreis der Anhänger war zunächst noch recht überschaubar und die Band nahm sich für das erste Album auch noch ein paar Jährchen Zeit. „Asleep In The Back“ erschien erst im Jahre 2001. Man kann nicht gerade behaupten, dass elbow damit durch die Decke gegangen sind. Erst mit dem vierten Werk „The Seldom Seen Kid“ sollte sich das ändern und plötzlich waren sie in aller Munde. Mit „Build A Rocket Boys!“ lieferten die fünf Freunde dann gar noch ein weiteres Meisterwerk ab. Aber was heißt das schon? „The Take Off And Landing Of Everything“ ist anders, aber nicht minder interessant und in mancherlei Hinsicht sogar besser.

 

Eigentlich sind elbow ja sowieso schon als Leisetreter bekannt. Die lauten Töne sind nicht gerade ein Markenzeichen von ihnen. Es galt aber ja schon früher auf dem Schulhof: wer am lautesten schreit wird zwar gehört, ist aber nicht immer im Recht. Recht haben elbow mit allem was sie da auf „The Take Off And Landing Of Everything“ veranstalten, denn hier ist alles stimmig. Und so toll der Vorgänger auch war, jetzt erst merkt man was darauf gefehlt hat: die Leichtigkeit. Nach dem Erfolg von „The Seldom Seen Kid“ standen sie wohl etwas unter Zugzwang und konnten nicht ganz frei von der Leber weg agieren. Jetzt scheint diese Unbekümmertheit zurückgekommen zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass jetzt nicht nur im Kollektiv gearbeitet wurde und jeder eigene Ideen weiter verfolgt und dem Rest dann den fertigen Song präsentiert hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass Guy Garvey jetzt zeitweise auch in Brooklyn wohnt, weit weg also von Manchester. Vielleicht hat Keyboarder Craig Potter, der hier erneut die Produktion übernommen hat, auch nicht mehr so viel nachgedacht und poliert. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Fakt ist jedenfalls, dass „The Take Off And Landing Of Everything“ keine Schwächen hat und dabei auch noch eine überraschende Natürlichkeit an den Tag legt. Kommt selten vor. Andere wollen künstlerisch relevant sein und schrauben derart lange an ihrer Musik herum, bis davon kaum noch etwas übrig bleibt und nur noch künstlich wirkt. Die Jungs von elbow trifft man immer noch im Parka beim Bier im Pub. Keine Spur von Allüren. Sie wollen doch nur Musik auf natürlich Art und Weise machen.

 

Mit „This Blue World“ setzen elbow gleich zu Beginn schon ein dickes Ausrufezeichen. Nicht laut. elbow sind die Meister der leisen Klänge. Aber wie! Da wird sich alle Zeit der Welt genommen und das Stück ganz langsam aufgebaut. Guy Garvey ist ein Magier darin mit ganz wenig ganz viel zu erreichen. Er singt nie laut, bisweilen herrlich entrückt, aber mit einer Ausdrucksstärke, die einem eine dicke Gänsehaut beschert. Mit dem souligen „Charge“ zeigt sich anschließend auch, dass der Sound nun wesentlich direkter ist. Die Rhythmik und die Klangwelten, die elbow da immer noch zaubern, sind dabei so komplex wie eh und je. Mit „Fly Boy Blue/Lunette“ wagen sie sich sogar ein bisschen in den Folk vor. Die zackige Gitarre durchschneidet zwischendurch die Szenerie, während die Rhythmussektion fast schon stoisch den Takt hält. Nach und nach entwickelt sich die Nummer zu einer Art Indieoper, nur um im nächsten Moment wieder bei der Ausgangssituation zu landen. Das epische „New York Morning“ ist eines jener seltenen Stück die Leben retten können. Ehrlich. Wer diesen Song hört, kriegt neuen Lebensmut, egal wie beschissen es auch gerade laufen mag. Das herrlich entschlackte „Real Life (Angel)“ oder das verschlafene „Honey Sun“ stehen dem in nichts nach. „My Sad Captains“, jenes Stück über verlorene Freunde, dürfte so ziemlich die komplette Musikerriege auf der Insel vor Neid erblassen lassen. Alle. Mit dem kürzesten Track, "Colour Fields", beweisen elbow dann auch noch, dass sie quasi im Vorbeigehen den Pop neu justieren. Auf ihre ureigene Art und natürlich nicht im Sinne des Mainstreams, aber eben auf eine Weise, die einen in Erstaunen versetzt. Und dann auch noch auf derart leisen Sohlen. Lauter wird es ausgerechnet mit dem Titelstück. Dann gibt es auch den berühmten elbow-Hall. Vermutlich ist das auch die einzige Band, bei der Art- und Prog-Pop nicht aufgesetzt wirkt, sondern völlig natürlich erscheint. „The Blanket Of The Night“ kehrt zu jener Grandezza zurück, die diese Band schon immer so außergewöhnlich erscheinen ließ. Zwischen Musical, Oper, Klassik, Disney-Film, verträumten Pop und Progrock ist da alles drin.

 

Fazit: „The Take Off And Landing Of Everything“ ist eine ganz, ganz tolle Platte geworden. elbow kehren hiermit zu ihren Wurzeln zurück, kopieren dabei aber keineswegs Vergangenes. Das klingt alles so leichtfüßig und natürlich und dabei ist das doch oftmals sehr komplex. Ob dieses Album jemals in die Musikgeschichtsbücher eingehen wird oder nur eine Randnotiz des Musikjahres 2014 bleibt, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Hier und heute ist das die beste Platte, die es dieses Jahr geben wird. Eine Platte, die einem den Glauben an die gute Musik zurück gibt. Eine Platte, die einfach vom Anfang bis zum Ende perfekt ist. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Vielleicht werden viele nie etwas von diesem Album erfahren, wer selbiges aber in sein Herz geschlossen hat, hat damit einen treuen Begleiter für alle Lebenslagen gefunden! Chapeau und vielen Dank für diese Musik!

 

http://www.elbow.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

elbow: Build A Rocket Boys!

elbow: Build A Rocket Boys!
Universal

VÖ: 15.04.2011

 

Wertung: 11/12

Tipp!


„The Seldom Seen Kid" war eines der Alben der letzten Jahre, die man in Großbritannien haben musste und Elbow waren die Band, auf die sich irgendwie alle einigen konnten. Sie konnten nicht nur sämtliche relevanten Preise auf der Insel abräumen und am 18. September 2009 in der ausverkauften Evening News Arena in Manchester das größte Konzert in der Bandgeschichte spielen, sondern auch eine Menge prominenter Fürsprecher gewinnen - ganz vorne Michael Stipe.


Nun soll also der nächste Schritt folgen. „Build A Rocket Boys!" ist über Jahre gewachsen. Die Band arbeitete daran schon auf der Tour und der Promoreise zur letzten Platte. Das ging sogar soweit, dass sie sich bei jedem einzelnen Konzertstopp ein Mini-Studio aufbauen ließen. Nach einer kleinen Pause fing man an sich durch die Flut der Demoaufnahmen zu wühlen. Der Ansatz für die neuen Songs war eigentlich recht simpler Natur. Bandkopf Guy Garvey teilte dazu lapidar mit: „Wir haben uns wie jedes Mal darauf konzentriert, ein Album aufzunehmen, das einen mitnimmt auf eine Reise, das einen im Idealfall nach dem Anhören an einen anderen Ort transportiert hat. Wir sind in erster Linie immer noch eine Band, die Alben macht." Man kann Elbow nur beglückwünschen, denn dies ist auf ganzer Linie geglückt!


„Build A Rocket Boys!" ist definitiv die etwas andere Platte. Welche Band dieser Größenordnung hat beispielsweise bei mehr als der Hälfte der Songs einen Jugendchor mit an Bord? Bei sechs von elf Nummern ist nämlich der Jugendchor des Hallé-Orchesters dabei. Elbow sind überhaupt eine Band, die sich über das Album als Einheit Gedanken macht. Die Texte sind dabei enorm wichtig und von immenser Bedeutung. Dies geht sogar soweit, dass Guy Garvey diese erklärt. Mit einer schlichten Übersetzung ist es auch nicht getan, denn dafür bieten die Texte zu viele Interpretationsmöglichkeiten. So erfährt man, dass „The Birds" auf der Beobachtung von Vögeln beruht. Die Hauptfigur des Songs ist ein 85-jähriger Mann, der an eine gescheiterte Beziehung zurückdenkt. Guy Garvey ist übrigens 36 Jahre alt. „With Love" hingegen steht im Gegensatz zu den traurigen Liedern des restlichen Albums. Garvey wollte an einem sonnigen Tag einfach mal wieder ein positives Stück aufnehmen. Ein gemeinsames Wochenende mit seinem Kumpel und Saufkumpanen Pete Jobson von I Am Kloot sollte dafür Pate stehen. „The Night Will Always Win" sollte laut Garvey als Warnung verstanden werden sich in der Nacht nicht zu sehr und alleine mit schwermütigen Dingen zu befassen. Ausschlaggebender Punkt war die Trauer um den verstorbenen Freund Brian Glancy.


Guy Garvey zählt zu den Guten, er macht sich um seine Umwelt immer Gedanken und legt immer viel Wert auf das Wohlbefinden seiner Umgebung. Dazu zählen auch die Fans von Elbow. Es nützen aber die besten textlichen Verrenkungen nichts, wenn die Musik dazu nicht funktioniert. Diese Gefahr besteht auf „Build A Rocket Boys!" zu keiner Zeit. Dies ist ein höchst ambitioniertes Album, welches mit einer unglaublichen Tiefe besticht.


Elbow machen es sich mit diesem Album auch nicht leicht. Das ist ganz sicher keine Hitansammlung nach Schema F. Von morbider Schönheit werden diese sperrigen Songs durchzogen. Synthies gibt es zwar viele, aber trotzdem strahlt dieses Album sehr viel Wärme aus. Auf diesen wunderschönen progressiven Auftakt mit „The Birds", welcher sich über acht Minuten zieht, folgt mit „Lippy Kids" ein Song, der sämtliche Körperhaare ins Achtung stellt. Die E-Piano-Ballade lässt einen alles vergessen. Über sechs Minuten jagt einem eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken hoch und runter. Minimalistisch und intim geht es los und wenn dann nach anderthalb Minuten die Gitarre so richtig deutlich wird, sitzt man da und ist von so viel Schönheit völlig geplättet. Ein Elbow Meisterwerk!


Dieses Album täuscht einen. Man könnte öfters den Eindruck gewinnen, dass dies alles ziemlich minimalistisch instrumentiert ist. Ist es gar nicht. Die Handclaps und den Chor bei „With Love" und die vielen kleinen Hintergrundgeräusche nimmt man nur derart intensiv wahr, dass man zunächst die ganzen Schichten nicht fassen kann. Ja, Elbow türmen auch gerne mal Schichten aufeinander, mit dem Unterschied zu anderen Bands, dass sie es wirklich können. „Neat Little Rows" klingt hingegen eine ganze Spur bedrohlicher. Hört man da aus der Ferne gar ein kleines bisschen „I Feel You" von Depeche Mode? Ist beim Glöckchen-Refrain aber sowieso wieder hinfällig. Mit „Jesus Is A Rochdale Girl" haben Elbow gar ein Stück in Singer/Songwritermanier aufgenommen. Text und Musik passen zudem immer perfekt zusammen, besser hätte beispielsweise „The Night Will Always Win" nicht umgesetzt werden können. Oder nehmen wir das tieftraurige „The River", welches vor Melancholie übersprudelt. Mit dem positiven, gleichwohl nachdenklichen „Dear Friends" entlassen Elbow einen aus diesem tollen Album mit jeder Menge neuer Gedanken. Danke dafür!


Fazit: „Build A Rocket Boys!" von Elbow ist ein großartiges Album. Ob es viele Hits abwirft ist dabei völlig egal. Es sollte sowieso an einem Stück gehört werden. Ob es dieses Jahr noch mal ein schöneres und traurigeres Album geben wird, darf bezweifelt werden. Diese Songs bestechen durch Tiefe und Wärme. Es sind gerade die leisen Töne, die diese Scheibe zu etwas ganz Besonderem machen. Solche Alben sind mittlerweile rar, denn es handelt sich hierbei um einen treuen Begleiter durch sämtliche stürmischen Lebenslagen!


www.elbowmusic.de


Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch