Die Toten Hosen: Ballast der Republik

Die Toten Hosen: Ballast der Republik

JKP/Warner

VÖ: 04.05.2012

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Als eine kleine Düsseldorfer Kapelle vor gut und gerne dreißig Jahren sich aufmachte mit ein paar Liedern ungestüm durch die Gegend zu lärmen, da konnte ja keiner ahnen, was daraus mal werden sollte. Dilettantisch, aber mit dem Herz am richtigen Fleck und im Punkrock verwurzelt startete in der verbotenen Stadt einer der größten und beispiellosesten Karrieren, die die deutsche Rockmusik je gesehen hat. Im Jahre 2012 sind die Die Toten Hosen immer noch da. Stets waren sie und ihre Musik streitbar, aber meist eben auch ehrlich. Dies dürfte auch der Grund sein, warum die große Anhängerschaft stets treu zur Seite stand.

 

Zählt man alles zusammen, dann kommt man in dreißig Jahren auf 23 Alben! Natürlich finden sich darunter auch Live-Platten, Zusammenstellungen und ein Weihnachtsalbum als Die Roten Rosen gab es ja auch noch. Trotzdem ist das mal eine Ansage! Nun also „Ballast der Republik“. Dem Vernehmen nach soll das neue Werk keine leichte Geburt gewesen sein. Wobei sich diese Tatsache ja sowieso durch die gesamte Karriere zieht. Man kann natürlich jetzt wieder die Frage stellen, ob dies denn nun noch Punkrock ist!? Geschenkt, daran kann man sich über Tage abarbeiten und wird doch keine eindeutige Antwort finden. Es sind die Die Toten Hosen – fertig!

 

Es stand ja zu befürchten, dass die Düsseldorfer zu diesem besonderen Jubiläum alles perfekt haben wollten und die Platte dann einfach zu gewollt klingt. Man weiß nicht, wie sie es gemacht haben, aber derart frisch klang schon lange kein Hosen-Album mehr. Geschmeidig schießen sie einem die Songs locker und leicht aus der Hüfte entgegen. Darf man bei der Band jetzt schon von einem Spätwerk sprechen? Man muss! Und es ist ein verdammt gutes geworden! Und wieder kann man streiten, ob es das Beste ist. Davon haben sie viele im Backkatalog – also von den Besten!

 

Eins zeigt „Ballast der Republik“ ganz deutlich, die Jungs sind längst nicht mehr die Dilettanten, die sie vielleicht zu Karrierebeginn waren. Hier wird nicht stumpf drauflos gelärmt. Nein, im Jahre 2012 wissen sie ganz genau wie das mit abwechslungsreichen Arrangements geht. Ganz klammheimlich haben sie sich zu Musikern entwickelt. Man wächst ja auch an und mit seinen Aufgaben. Thematisch wird es entweder politisch, wie beim Albumsnamensgeber „Ballast der Republik“ bei dem der Rapper Marten „Marteria“ Laciny Campino unter die Arme greift oder beim Flüchtlingsdrama „Europa“. Laciny hat dem Hosen Sänger übrigens öfters ausgeholfen und die eine oder andere Schreibblockade gelöst. Die beiden könnten altersmäßig Vater und Sohn sein, vielleicht hat die Verbindung deshalb derart gut gefruchtet.

 

Das andere große Thema ist mittlerweile die Vergänglichkeit, Moral und ein nostalgischer Rückblick. Die Gefahr war groß, dies alles mit dem verklärten Blick „früher war alles besser“ missionieren zu wollen. Die Klippe haben sie meilenweit umschifft und erstaunlicherweise sind gerade diese Songs alles andere als die peinliche Bestandsaufnahme von alten Männern. Ein Großteil der Songs ist mit einer großen Portion Melancholie versehen. Sehnsucht schwingt in Songs wie „Tage wie dieser“, „Traurig einen Sommer lang“ oder „Altes Fieber“ mit, aber deprimierend ist dies keineswegs. Die Toten Hosen schreiben nämlich Hymnen und jeder Refrain lässt sich immer noch aus Tausend Kehlen grölen.

 

Wer jetzt befürchtet, dass dies musikalisch in die Bussi Bär Abteilung gehört, irrt aber gewaltig. „Zwei Drittel Liebe“ ist ein Brecher der alten Schule. „Schade, wie kann das passieren“ ein straighter Rocker der ohne Umschweife auf den Punkt kommt. Wie ausgefeilt die Arrangements mittlerweile sind unterstreicht das vielseitige und groovige „Reiß dich los“. Natürlich ist das Popmusik, aber eben keine von der Ramschtheke. Und ja, im Jahre 2012 sind die Balladen der Hosen frei von Pathos. Das rührende „Draußen vor der Tür“ ist eine würdevolle Aufarbeitung der Vater/Sohnbeziehung. Und nochmals ja, auch ein Cello passt mittlerweile gut in diesen Kontext. Das wunderschöne „Das ist der Moment“ wiederum ist aus der Sicht von Campino als Vater, aber eben auch als Rockstar geschrieben. Eine schlichte Bestandsaufnahme, die nichts verklärt und auch musikalisch frei von Kitsch geradeaus über die Autobahn rockt. Ein bisschen Britrock muss auch mal sein, nachzuhören bei „Ein guter Tag zum Fliegen“. Und jetzt gibt es auch von Düsseldorfern eine Hommage an „Oberhausen“ - zumindest im Titel. Bis zum letzten Aufgalopp mit „Vogelfrei“ ist „Ballast der Republik“ einfach ein gelungenes Album.

 

Fazit: Spätwerk? Alterswerk? Gutes Werk? Letzteres kann man mit einem Ja und dicken Ausrufezeichen beantworten! „Ballast der Republik“ zählt ab jetzt zu den besten Alben von den Hosen. Abwechslungsreiche Arrangements, klischeefreie Texte und wieder jede Menge Hymnen. Ist das noch Punkrock? Ist doch wohl scheißegal! Ist doch wahr! Es ist gut, fertig! Manchmal wünscht man sich doch Unendlichkeit!

 

http://www.dietotenhosen.de/

 

Text: Torsten Schlimbach

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