Chrissie Hynde: Stockholm

Chrissie Hynde: Stockholm

Caroline International

VÖ: 06.06.2014

 

Wertung: 8,5/12

 

Chrissie Hynde gehört längst zu einer aussterbenden Rasse. Wo gibt es denn noch die aufrechten Rockerinnen, die stoisch ihr Ding durchziehen? Wie lange ist die Dame schon in diesem rauen Geschäft unterwegs und hat sich von keinem etwas sagen oder diktieren lassen?! 1977 nahm sie ihr erstes Demo auf und von da an gab es kaum noch ein Halten. Chrissie Hynde hat zwar nicht die typische Superstarkarriere hingelegt, mit den Pretenders aber über viele Jahrzehnte immer wieder gute bis sehr gute Alben aufgenommen und sich eine treue Fangemeinde erspielt. Die Pretenders waren im Grunde immer nur Chrissie Hynde, das Personal drumherum stets nur Erfüllungsgehilfen. Oftmals wurde sie von der Presse gefragt, warum sie denn nicht gleich die Musik unter ihrem Namen veröffentlichen würde, aber sie winkte da immer nur ab. Jetzt, wo keiner mehr damit rechnet, veröffentlicht die große Dame des Rock mit „Stockholm“ ihr erste Soloalbum – mit 63 Jahren! Nein, Chrissie Hynde lässt sich wirklich in kein Rastar pressen.

 

Anhand des Titels kann man es ja schon unschwer erahnen, dass die Platte in Schweden aufgenommen wurde. Sie arbeitete dazu mit Björn Yttling von Peter, Bjorn and John zusammen. Die beiden stachelten sich gegenseitig zu Höchstleistungen an und da Chrissie Hynde ihren Mitstreiter beeindrucken wollte, lotste sie ein paar beachtliche Gäste in das Studio. Björn Yttling ist Tennisfan und man kann sich ungefähr ausmalen wie begeistert er war, als John McEnroe im Studio mit seiner Gitarre aufschlug. Ein anderer prominenter Vertreter ist kein Geringerer als Neil Young! Neil Young ließ sich vorab noch nicht mal den Song - an dem er mitwirken sollte - vorspielen und vertraute Hynde blind.

 

„Stockholm“ ist ein gutes Album geworden, nicht überragend, aber gut. Die Songs gehen über weite Strecken sogar als Pop durch. Das fängt mit dem süßlichen „You Or No One“ recht schmalzig an. Auf „Stockholm“ dreht sich aber sowieso vieles um Beziehungen und Enttäuschungen und dazu gehört natürlich auch so manche kitschige Note. Das rotzige „Dark Sunglasses“ lenkt das Geschehen dann aber in eine andere Richtung. „Like In The Movies“ ist tatsächlich wie ein Roadmovie angelegt und gefällt mit seiner melancholischen Grundnote. Erinnert gar an den großen Tom Petty. „Down The Wrong Way“ ist der vielleicht beste Song auf „Stockholm“. Neil Young macht das was Neil Young eben machen soll. Das Stück rockt, rollt und bollert sich durch die dreieinhalb Minuten. Neil Young schnürt Chrissie Hynde aber nicht die Luft ab, sondern spielt sehr songdienlich. Starke Nummer!

 

„You´re The One“ hätte noch ein paar fetter Bläser vertragen, dann wäre das Stück gar noch zwingender geworden. „A Plan Too Far“ hat dann John McEnroe mit an Bord. Den Part des ehemaligen Weltklassespielers kann man sehr gut heraushören. Das Tempo ist zwar nicht sonderlich schnell und doch macht die rockige Nummer Spaß. Gutes Ding! „In A Miracle“ ist so ein Track, den Chrissie Hynde vermutlich zu jeder Tages- und Nachtzeit aus dem Ärmel schütteln kann. Aufgrund der vielseitigen Instrumentierung und der tollen Arrangements ist das aber selbstverständlich wieder ein Song, der einen vor lauter Demut auf die Knie sinken lässt. „House Of Cards“ fängt sehr vielversprechend an und bratzt ordentlich los, aber dann stottert der Motor etwas und es wird leider keine schöne Sause und man steht etwas im Diesel-Nebel alleine da. „Tourniquet (Cynthia Ann)“ klingt schwer nach Tori Amos. Eine sehr gelungene Ballade, die zudem für Erstaunen sorgt, denn die Stimme von Chrissie Hynde hat sich über all die Jahre kaum verändert und dass sie mittlerweile die 60 überschritten hat, kann man beim besten Willen nicht hören. Danach haut sie mit „Sweet Nuthin´“ erneut einen schmissigen Song heraus. Ganz zum Schluss packt sie mit „Adding The Blue“ auch noch die Lagerfeuerromantik aus. Passender könnte der Abschluss von „Stockholm“ nicht sein.

 

Fazit: Chrissie Hynde legt mit „Stockholm“ ihr erstes Soloalbum vor. Klar, im Grunde war das mit den Pretenders auch nichts anderes, aber auf der Schwedenplatte steht nun erstmals auch nur ihr Name. Es ist ein sehr poppiges Werk geworden, welches hier und da aber sehr schöne Rockausflüge wagt. Gerade die beiden prominente Gäste sind mit ihren Instrumenten wunderbare Farbtupfer. Chrissie Hynde singt immer noch wie eine jugne Göttin und was sie hier musikalisch abbrennt, macht heutzutage ja keiner mehr. In ihrer Nische hat sie es sich seit mehreren Dekaden sehr gemütlich eingerichtet und das ist auch verdammt prima so!

 

http://chrissiehynde.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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