Chrissie Hynde: Valve Bone Woe

Chrissie Hynde: Valve Bone Woe

BMG

VÖ: 06.09.2019

 

Wertung: 9/12

 

Chrissie Hynde ist auch im Rentenalter noch sehr aktiv. Sie steht regelmäßig auf den Konzertbühnen dieser Welt, veröffentlicht aber auch immer wieder neue Alben. Mittlerweile geschieht dies sogar unter ihrem eigenen Namen, gleichwohl es aber auch immer mal wieder neue Musik der Pretenders gibt. Warum sie mittlerweile auch unter ihrem Namen Alben veröffentlicht ergibt nun mit „Valve Bone Woe“ richtig Sinn. Natürlich sind die Pretenders im Grunde auch nur Chrissie Hynde und der Rest der Band besteht aus Mi(e)tmusikern, aber die musikalischen Ausrichtungen sind nun deutlich unterschiedlicher Natur. „Valve Bone Woe“ ist ein Werk mit vielen Jazz-Anleihen. Diese Coversongs wurden von Hynde sorgfältig ausgewählt.

 

Die vierzehn Tracks und ihre ursprünglichen Interpreten würde man sicher nicht sofort mit Chrissie Hynde in Verbindung bringen. Frank Sinatra oder John Coltrane sind bei der Dame mit dem großen Herz für Rockmusik eigentlich nicht unbedingt naheliegend. Die Musik von Charles Mingus war bisher auf einem gänzlich anderen Planeten zu finden. Auf „Valve Bone Woe“ hat nun aber alles seinen Platz im Hynde-Universum eingenommen.

 

Die Stimme von Frau Hynde klingt wie eh und je – jugendlich sogar. So kriegt der alte Schmachtfetzen „I´m A Fool To Want You“ sogar einen frischen Anstrich. Das ist sexy und verrucht, aber auch traurig und mit einer großen Sehnsucht interpretiert. Hynde kann mit der aktuellen Musik, wie sie selbst sagt, kaum noch was anfangen, da ihr einfach gute Melodien fehlen. Darum interpretiert sie auch so eine Nummer wie „How Glad I Am“, um dem jungen Gemüse mal zu zeigen, wie man eine derartiges Stück locker und leicht singen kann. Zudem hat sie eine unglaubliche Chuzpe. Wer „Meditation On A Pair Of Wire Gutters“ auf einem Album unterbringt und den ursprünglich mehr als 20-minütigen Track auf seine Essenz in unter vier Minuten herunterbricht, beweist Mut. Es ist ebenfalls mutig mit „River Man“ einen Song von Nick Drake zu interpretieren. Sie macht das großartig. Die Stimme steht dabei im Vordergrund, untermalt von sanften Pianoklängen, bevor die Musiker das immer weiter in den Jazz vorantreiben.

 

Mit „No Return“ ist sogar ein Song ihres Ex-Gatten Ray Davies vertreten. Mit „Once I Loved“ öffnet sie hingegen dem Chanson sämtliche Türen.  „Wild Is The Wind“ ist mehr als nur Jazz. Das ist Blues und man kann das aufgrund der Art des Vortrags schon als Klagelied und Gospel bezeichnen. „You Don´t Know What Love Is“ oder „Absent Minded Me“ passen perfekt zum Herbst. Überhaupt ist das komplette Album wie gemalt für diese Jahreszeit.

 

Fazit: Chrissie Hynde veröffentlicht mit „Valve Bone Woe“ im weitesten Sinne ein Jazz-Album. Die Songs, die sie sich dafür ausgesucht hat, macht sie durch ihre wunderbare Art der Interpretation zu ihren Songs. Das Werk verfügt aber noch über eine wundervolle Eigenschaft, die in diesen hektischen Zeiten nicht hoch genug bewertet werden kann: Entschleunigung. „Valve Bone Woe“ eignet sich hervorragend dazu sich im Herbst vor den Kamin zu setzen, die Regentropfen zu beobachten und seinen Gedanken nachzuhängen. Ein Album wie eine Therapiestunde.

 

http://chrissiehynde.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Chrissie Hynde: Stockholm

Chrissie Hynde: Stockholm

Caroline International

VÖ: 06.06.2014

 

Wertung: 8,5/12

 

Chrissie Hynde gehört längst zu einer aussterbenden Rasse. Wo gibt es denn noch die aufrechten Rockerinnen, die stoisch ihr Ding durchziehen? Wie lange ist die Dame schon in diesem rauen Geschäft unterwegs und hat sich von keinem etwas sagen oder diktieren lassen?! 1977 nahm sie ihr erstes Demo auf und von da an gab es kaum noch ein Halten. Chrissie Hynde hat zwar nicht die typische Superstarkarriere hingelegt, mit den Pretenders aber über viele Jahrzehnte immer wieder gute bis sehr gute Alben aufgenommen und sich eine treue Fangemeinde erspielt. Die Pretenders waren im Grunde immer nur Chrissie Hynde, das Personal drumherum stets nur Erfüllungsgehilfen. Oftmals wurde sie von der Presse gefragt, warum sie denn nicht gleich die Musik unter ihrem Namen veröffentlichen würde, aber sie winkte da immer nur ab. Jetzt, wo keiner mehr damit rechnet, veröffentlicht die große Dame des Rock mit „Stockholm“ ihr erste Soloalbum – mit 63 Jahren! Nein, Chrissie Hynde lässt sich wirklich in kein Rastar pressen.

 

Anhand des Titels kann man es ja schon unschwer erahnen, dass die Platte in Schweden aufgenommen wurde. Sie arbeitete dazu mit Björn Yttling von Peter, Bjorn and John zusammen. Die beiden stachelten sich gegenseitig zu Höchstleistungen an und da Chrissie Hynde ihren Mitstreiter beeindrucken wollte, lotste sie ein paar beachtliche Gäste in das Studio. Björn Yttling ist Tennisfan und man kann sich ungefähr ausmalen wie begeistert er war, als John McEnroe im Studio mit seiner Gitarre aufschlug. Ein anderer prominenter Vertreter ist kein Geringerer als Neil Young! Neil Young ließ sich vorab noch nicht mal den Song - an dem er mitwirken sollte - vorspielen und vertraute Hynde blind.

 

„Stockholm“ ist ein gutes Album geworden, nicht überragend, aber gut. Die Songs gehen über weite Strecken sogar als Pop durch. Das fängt mit dem süßlichen „You Or No One“ recht schmalzig an. Auf „Stockholm“ dreht sich aber sowieso vieles um Beziehungen und Enttäuschungen und dazu gehört natürlich auch so manche kitschige Note. Das rotzige „Dark Sunglasses“ lenkt das Geschehen dann aber in eine andere Richtung. „Like In The Movies“ ist tatsächlich wie ein Roadmovie angelegt und gefällt mit seiner melancholischen Grundnote. Erinnert gar an den großen Tom Petty. „Down The Wrong Way“ ist der vielleicht beste Song auf „Stockholm“. Neil Young macht das was Neil Young eben machen soll. Das Stück rockt, rollt und bollert sich durch die dreieinhalb Minuten. Neil Young schnürt Chrissie Hynde aber nicht die Luft ab, sondern spielt sehr songdienlich. Starke Nummer!

 

„You´re The One“ hätte noch ein paar fetter Bläser vertragen, dann wäre das Stück gar noch zwingender geworden. „A Plan Too Far“ hat dann John McEnroe mit an Bord. Den Part des ehemaligen Weltklassespielers kann man sehr gut heraushören. Das Tempo ist zwar nicht sonderlich schnell und doch macht die rockige Nummer Spaß. Gutes Ding! „In A Miracle“ ist so ein Track, den Chrissie Hynde vermutlich zu jeder Tages- und Nachtzeit aus dem Ärmel schütteln kann. Aufgrund der vielseitigen Instrumentierung und der tollen Arrangements ist das aber selbstverständlich wieder ein Song, der einen vor lauter Demut auf die Knie sinken lässt. „House Of Cards“ fängt sehr vielversprechend an und bratzt ordentlich los, aber dann stottert der Motor etwas und es wird leider keine schöne Sause und man steht etwas im Diesel-Nebel alleine da. „Tourniquet (Cynthia Ann)“ klingt schwer nach Tori Amos. Eine sehr gelungene Ballade, die zudem für Erstaunen sorgt, denn die Stimme von Chrissie Hynde hat sich über all die Jahre kaum verändert und dass sie mittlerweile die 60 überschritten hat, kann man beim besten Willen nicht hören. Danach haut sie mit „Sweet Nuthin´“ erneut einen schmissigen Song heraus. Ganz zum Schluss packt sie mit „Adding The Blue“ auch noch die Lagerfeuerromantik aus. Passender könnte der Abschluss von „Stockholm“ nicht sein.

 

Fazit: Chrissie Hynde legt mit „Stockholm“ ihr erstes Soloalbum vor. Klar, im Grunde war das mit den Pretenders auch nichts anderes, aber auf der Schwedenplatte steht nun erstmals auch nur ihr Name. Es ist ein sehr poppiges Werk geworden, welches hier und da aber sehr schöne Rockausflüge wagt. Gerade die beiden prominente Gäste sind mit ihren Instrumenten wunderbare Farbtupfer. Chrissie Hynde singt immer noch wie eine jugne Göttin und was sie hier musikalisch abbrennt, macht heutzutage ja keiner mehr. In ihrer Nische hat sie es sich seit mehreren Dekaden sehr gemütlich eingerichtet und das ist auch verdammt prima so!

 

http://chrissiehynde.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

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Dream Out Loud Magazin: © Torsten Schlimbach / Header: © Kai Knobloch