Bob Dylan: The Very Best Of

Bob Dylan: The Very Best Of

Sony

VÖ: 02.12.2016

 

Bob Dylan kommt aus der Feierei ja überhaupt nicht mehr heraus. Sein 75. Geburtstag stand 2016 an und dann kriegt er nächste Woche auch noch den Literaturnobelpeis verliehen. Bisher ein Novum! Mit „The Real Royal Albert Hall 1966 Concert“ erscheint nun auch noch ein bisher unveröffentlichtes Konzert vom 26. Mai 1966. Und dann wäre da natürlich auch noch die obligatorische „The Very Best Of“. Ja, das Weihnachtsgeschäft will ja auch noch mitgenommen werden. Aber liebe Leute von der Plattenfirma, muss man das denn wirklich mit "das Album zum Literaturnobelpreis" betiteln? Ernsthaft? Das ist ja schon wieder unfreiwillig komisch.

 

Und wie kann man bitteschön auf die Idee kommen, dass man einen der besten Backkataloge der Musikgeschichte mit einer CD abbilden kann? Das ist einfach ein Unding. Immerhin gibt es „The Very Best Of“ auch als Doppel-CD bzw. Deluxe Edition. 35 Songs hat man da zusammengestellt. Das Booklet ist natürlich eine Farce. Es gibt die Trackliste, drei bekannte Bilder und Werbung(!) für andere Dylan-Alben. Leute, Leute.

 

Die Songs sind natürlich allesamt über jeden Zweifel erhaben! Das gehört zum Kanon der Musikgeschichte und Kulturgut der Menschheit. „Like A Rolling Stone“ steht in vielen Bestenlisten ja nicht ohne Grund ganz vorne. „Blowin´ In The Wind“ wird an den Lagerfeuern dieser Welt auch im Jahre 2016 gesungen und in hundert Jahren wird das auch nicht anders sein. „Knockin´On Heaven´s Door“ und „All Along The Watchtower“ wurden bisher schon sehr oft von einer Vielzahl seiner Kollegen gecovert und natürlich zählen „Maggie´s Farm“, „I Shall Be Released“ oder „Forever Young“ zu den bekannten Dylan Songs. Immerhin wurde die Tracklist gut durchgemischt und auch seine neueren Arbeiten bedacht.

 

Fazit: Natürlich kann man mit einer „The Very Best Of“ von Bob Dylan nicht viel falsch machen. Die hier vertretenen Songs sollte man schon kennen und im Schrank stehen haben. Das ist das Minimum. Im Grunde gehört aber in jede vernünftige Musiksammlung das eine oder andere Album von Dylan. Da gibt es doch so manches Meisterwerk, welches als Ganzes genossen gehört! Warum man jetzt „The Very Best Of“ allerdings noch mit dem Literaturnobelpreis in Verbindung bringen muss, sei dann doch mal kritisch hinterfragt. Hier wird auf das obligatorische Weihnachtsgeschäft geschielt – nicht mehr und nicht weniger. Das dürftige Booklet hat ja nicht mal einen Songtext zu bieten.

 

http://bobdylan.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Bob Dylan: The Best Of The Cutting Edge 1965 -1966 The Bootleg Series Vol. 12

Bob Dylan: The Best Of The Cutting Edge 1965 -1966 The Bootleg Series Vol. 12

Sony

VÖ: 06.11.2015

 

Wertung: 12/12

Tipp!

 

Jetzt geht „The Bootleg Series“ also in die nächste Runde und mit dieser zwölften Ausgabe wird dann endlich der heilige Gral gefunden. Einstweilen zumindest. Die heilige Dreifaltigkeit, bestehend aus „Bringing lt All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ hat die Populärmusik nachhaltig beeinflusst und verändert. Diese Alben darf man mit Fug und Recht als essenziell bezeichnen. Die Kreativität schien bei Dylan und seiner Poesie zu dieser Zeit keine Grenzen zu kennen, denn immerhin entstanden diese drei Meisterwerk in einem Zeitraum von vierzehn Monaten. Mit „Blonde On Blonde“ war dann sogar noch ein Doppelalbum dabei. Dylan war zu jener Zeit auf dem Zenit angekommen und nicht umsonst befassen sich viele Bücher über Dylan nur mit diesen zwei Jahren oder einzelne Songs.

 

Man könnte ja jetzt auf die Idee kommen, dass eigentlich schon vieles aus der Phase über den einen oder anderen Kanal den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Weit gefehlt. „The Bootleg Series Vol. 12“ gibt es nun nämlich in der einfach gestrickten Variante „The Best Of The Cutting Edge“, aber eben auch in einer 6 CD-Version. Das ist sicher schon ganz nett, aber wer da richtig tief eintauchen will, der greift dann gleich zur 18(!) CD-Box, die man allerdings nicht bei den einschlägig bekannten Online-Shops bestellen kann. Wie dem auch sei, das ist auf jeden Fall mal eine Ansage und eine teure Angelegenheit obendrein. Weihnachten steht aber vor der Tür und da wird der geneigte Hardcore-Fan sicher schon seinen Wunschzettel geschrieben haben. Die Box ist allerdings auf 5.000 Stück limitiert. Schnell sein, liebes Christkind.

 

Als Zuhörer wird man in diese Phase der Produktivität reingeworfen und dies ohne Netz und doppelten Boden. Das Piano Demo von „I´ll Keep It With Mine“ alleine ist ja schon das Eintrittsgeld wert. Die obligatorische Mundharmonika darf da keinesfalls fehlen. Und natürlich hat dieses Set sehr viel Charme. Der Lachanfall bei „115th Dream“ zeigt, dass es zu dieser Zeit durchaus unbeschwert zuging. Wie Dylan dann noch mal solo und akustisch loslegt lässt einem kaum Zeit durchzuatmen. Da dürfte so manche Rapper vor Neid erblassen. Dylan feuert die Worte nur so raus, dass es einem die Schuhe auszieht. Der erste Take von „She Belongs To Me“ ist – wie so vieles hier – bis auf das Grundgerüst reduziert. Der erste Take von „Subterranean Homesick Blues“ ist derart zwischen Folk, Blues, Americana und Western ausgefeilt, dass man das Stück auch so auf Platte hätte pressen können. Zu bewundern gibt es sowieso sehr viel auf dieser Zusammenstellung. „Outlaw Blues“ ist einfach nur großartig.

 

Von den ganz großen Klassikern seines umfangreichen Kanons gilt es auch noch jede Menge zu entdecken. „Mr. Tamourine Man“ wird mit Band vorgetragen, der dritte Take ist allerdings auch nicht komplett. „Like A Rolling Stone“ - in der Box gleich mit einer eigenen CD vertreten – wird mit Take 5 (1:45 Minute!) und Take 11 gewürdigt. Und dann wäre da ja noch das Demo von „Desolation Row“, wo sich Dylan am Piano begleitet, sowie eine epische Fassung über elf Minuten eben jenes Meisterwerks.

 

„Visions Of Johanna“ ist auch so ein Höhepunkt des Sets. Man kennt die Version auf „Blonde On Blonde“, die nichts mit der hier vertretenen Fassung zu tun hat, denn Dylan versucht das Stück in Rockgefilde zu treiben. Lustig und erhellend sind die vielen Kommentare zwischen den Stücken, wo sich Bob Johnston dann auch schon mal nach den Namen erkundigen muss. Es gab zu dieser Zeit ja eben auch unglaublich viel neue Musik von Dylan, da konnte man im Studio eben noch nicht alles verinnerlichen. Manches war allerdings auch schon recht ausgereift, wie beispielsweise „I Want You“, denn die Version ist schon sehr nahe an der Albumvariante dran. „Just Like A Woman“ hingegen shuffelt sich noch fröhlich durch die Prärie. Beendet wird das Set mit „Highway 61 Revisited“ - also irgendwie jedenfalls.

 

Die Aufmachung des Sets ist ganz in der Tradition der bisherigen Veröffentlichungen dieser Reihe gehalten. Das dicke Büchlein gibt einem dann weitere Einblicke in den Produktionsprozess und diese immens kreative Phase von Dylan und lässt einen noch etwas tiefer in die damalige Zeit eintauchen. Ein Stück Zeitgeschichte wird auch auf diesem Wege kongenial eingefangen. Viele Fotos runden das dann wunderbar ab.

 

Fazit: „The Best Of The Cutting Edge 1965 -1966 The Bootleg Series Vol. 12“ ist, der Titel lässt es mehr als nur erahnen, eine Zusammenstellung der eigentlichen Werkschau dieser Dylan-Phase, deren üppigste Ausgabe dann gleich 18 CDs zu bieten hat! Der Inhalt ist für die Populärmusik von unschätzbarem Wert! Für den Zuhörer ist es so, als würde man mit Dylan im Studio stehen und an dem Aufnahmeprozess teilhaben. Faszinierend und auf seine Weise sicherlich einzigartig. Essenziell in jeglicher Hinsicht und dies nicht nur für Hardcore-Fans!

 

http://www.bobdylan.com/de

 

Text: Torsten Schlimbach

Bob Dylan: The Basement Tapes Complete – The Bootles Series Vol. 11

Bob Dylan: The Basement Tapes Complete – The Bootleg Series Vol. 11

Sony

VÖ: 31.10.2014

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Um die Sessions von Bob Dylan und seiner Band aus dem Jahre 1967 ranken sich viele Mythen und Geschichten. Die sogenannten „Basement Tapes“ beschäftigen die Kritiker und Fans seit vielen Jahrzehnten und es werden immer wieder neue Dinge überliefert. Man erzählt sich da wahre Wunderdinge und es war bis jetzt immer ein Traum, dass die daraus resultierende Musik in Gänze zugänglich gemacht wird. Hoffnungen in dieser Hinsicht waren die letzten Jahre durchaus berechtigt, denn spätestens seit die grandiose „Bootleg Series“ in losen Abständen veröffentlicht wird, deuteten immer wieder einige Zeichen in diese Richtung. Bisher fehlten allerdings einige Aufnahmen und somit schien dieses Unterfangen dann doch fast unmöglich. Dass es nun doch klappt, liegt an folgender Tatsache: die Originalbänder wurden einer sorgfältigen Restauration unterzogen, wovon einige erst kürzlich entdeckt wurden!

 

Es ist ja hinlänglich bekannt, dass sich Dylan im Juli 66 bei einem Motorradunfall schwer verletzte. Zur Genesung zog er sich komplett zurück und verschwand somit erstmals wieder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Gemeinsam werkelte er im Kellergeschoss eines kleinen Hauses in New York mit Robbie Robertson, Rick Danko, Richard Manuel, Garth Hudson und Levon Helm an vielen Songs herum. Dieser Prozess zog sich über mehrere Monate hin und am Ende konnten die Herren auf mehr als 100(!) Songs zurückblicken. Darunter waren viele Traditionals und Coverversionen zu finden, aber auch schon sehr viele Dylan-Songs, die später zu Klassikern werden sollten.

 

Was damals an dem Aufnahmeort, der Big Pink getauft wurde, entstand, beschäftigt die Dylanologen bis zum heutigen Tag. 1975 wurden zwar schon mal 16 Songs auf einem Doppelalbum mit dem Titel „The Basement Tapes“ veröffentlicht – allerdings auch mit acht Tracks von The Band, ohne Dylan – aber erst jetzt dürften alle glücklich strahlen, denn die ganze Geschichte wird nun in einer aufwendigen 6-CD-Box veröffentlicht, die optisch sowie inhaltlich keine Wünsche mehr offen lassen dürfte.

 

Von der ganzen Sause gibt es nun aber auch noch eine Art „Best Of“, was immerhin auch noch 38 Songs bedeutet! Wie es bei dieser wunderbaren Serie üblich ist, gibt es ein wirklich herausragendes Booklet, welches in kleiner Buchform geliefert wird. Das macht alles einen sehr wertigen Eindruck. Das dicke (Hochglanz-)Papier hält einige rare Bilder und einen sehr erhellenden Text für den geneigten Käufer bereit. Schon hiermit kann man sich über Stunden beschäftigen.

 

Von den Songs darf man jetzt klanglich keine Quantensprüngen erwarten. Von vielen Tracks findet man hier aber wunderbar restaurierte Versionen wieder. Ein Teil der Songs wurde gar erstmals digital bearbeitet. Wer Dylan schätzt, wird sich in diese Veröffentlichung verlieben. Es gibt so beispielweise von „I Shall Be Released“ eine frühe Version zu hören, die sich textlich von den bekannten Veröffentlichungen des Stücks unterscheidet. „Blowin´ In The Wind“ liegt in einer Country-Version vor, die einem die Schuhe auszieht. Selbstverständlich bisher ebenfalls nicht veröffentlicht. Oder „Folsom Prison Blues“ mit seiner mitreißenden Art – ein Hochgenuss. „One Too Many Morning“ und „I Don´t Hurt Anymore“ sind schon Gründe genug sich diese neuerliche Ausgabe der „Bootleg Series“ anzuschaffen – brillant. Die vielen alternativen Versionen sind genial. Von „Odds And Ends“ über „Too Much Of Nothing“, „You Ain´t Going Nowhere“ bis hin zu „Don´t Ya Tell Henry“ wurde hier eine Schatzkiste geöffnet, die viele Menschen sehr glücklich machen wird.

 

Fazit: Es ist geschafft! Bis auf ganz wenige und unbrauchbare Aufnahmen ist jetzt endlich alles von Dylan veröffentlicht, was damals in Big Pink aufgenommen wurde. „The Basement Tapes“ ist endlich komplett! Die abgespeckte Version ist aber schon sehr hörenswert. Der Sound wurde liebevoll restauriert, kann aber natürlich nicht mit heutigen Produktionen mithalten, hat dafür aber unglaublich viel Seele. Manche Stücke werden nun erstmals veröffentlicht, andere liegen in aufregenden, alternativen Versionen vor. Essenziell und für jeden Dylanologen ein absolutes Muss!

 

http://www.bobdylan.com/de

 

Text: Torsten Schlimbach

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Bob Dylan: The 30th Anniversary Concert Celebration (Deluxe Edition)

Bob Dylan: The 30th Anniversary Concert Celebration (Deluxe Edition)

Sony

VÖ: 28.02.2014

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Am 16. Oktober 1992 traf sich im New Yorker Madison Square Garden die erste Garde der Rockmusikanten um den König aus den eigenen Reihen zu ehren. Bob Dylan hatte geladen und alle sind sie gekommen. Gefeiert wurde das 30. Jubiläum von Bob Dylans erstem Album auf Columbia Records. Die Show dauerte mehr als vier Stunden und wurde weltweit übertragen. Das historische Musikevent in Starbesetzung wurde in einem neuen High-Definition-Videomaster mit digital optimiertem Ton umgesetzt und ermöglicht es nun, dass die Sause zum ersten Mal auf DVD und Blu-ray erscheint. Die CD-Ausgabe darf dabei natürlich auch nicht fehlen, angereichert mit Bonusmaterial.

 

Hört man sich diese Reiusse nun an, dann wird man den Eindruck nicht los, dass da erfreulicherweise ordentlich am Ton geschraubt wurde. Die ganze Kiste kommt jetzt wesentlich druckvoller und fetter daher. Die ursprüngliche Geschichte war in dieser Hinsicht ja leider etwas schwach auf der Brust. Man muss sich nur mal die Konzertversion von „Don´t Think Twice, It´s Alright“ von Eric Clapton anhören, da geht einem ja das Herz auf. Klarer Sound und fein austariert. Jedes Instrument ist deutlich auszumachen und dann auch noch mit ordentlich Wumms dahinter. So soll es sein. Auf der ersten CD gibt es als Bonus auch noch den Soundcheck dieser Nummer von Clapton zu hören. Sehr schön. Ebenfalls liegt noch „I Believe In You“ in einer sehr reduzierten Version von Sinead O´Connor vor – auch vom Soundcheck. Eine sehr schöne und rohe Fassung, inklusive Klarinette. Als CD-Abschluss ist das allerdings eine seltsame Wahl, da dieser Platz doch eigentlich dem Meister gehören sollte, dem dieser ja auch mit „Girl From The North Country“ reserviert war.

 

Höhepunkte gibt es hier viele. „All Along The Watchtower“ von Neil Young gehört sicher dazu. Sehr schön ist auch „My Back Pages“ mit Roger McGuinn, Tom Petty, Neil Young, Eric Clapton, George Harrison und natürlich Bob Dylan. Da fehlt ja nur noch Bruce Springsteen und es wären alle versammelt gewesen. „Rainy Day Women #12 & 35“ ist natürlich wie gemalt für Tom Petty. Musikalisch hält er sich da ganz an die Vorlage und auch stimmlich orientiert er sich da sehr stark bei Dylan, was ja keine Überraschung sein dürfte. Schön, wie die Fans zum Refrain immer wieder miteinsteigen.

 

Eddie Vedder und Mike McCready sind übrigens die Einzigen die hier dabei sind, die aus einer ganz anderen Musikergeneration stammen und eine elegische Version von „Masters Of War“ abliefern. Kein anderer außer Lou Reed konnte „Foot Of Pride“ interpretieren. Er macht den Song zu einem – na klar – Lou Reed Ding. John Mellencamp und Kris Kristofferson dürfen auf so einer Party natürlich auch nicht fehlen. Das musikalische Gerüst dieser Veranstaltung besteht aus drei Mitgliedern von Booker T. & The M.G.'s, G.E. Smith an der Gitarre sowie Jim Keltner und Anton Fig an den Drums. Besser geht es kaum!

 

Fazit: „The 30th Anniversary Concert Celebration (Deluxe Edition)“ ist in der Reissue Fassung eine sehr schöne Überraschung. Der Sound scheint deutlich verbessert, es gibt zwei Bonustracks und die Riege der auftretenden Künstler ist natürlich ganz exquisit. Im Grunde sollte man sich die ganze Sause natürlich auch angucken und somit direkt zu den beiden DVDs oder der Blu-ray greifen.

 

http://www.bobdylan.com/de

 

Text: Torsten Schlimbach

Bob Dylan: Another Self Portrait (1969 – 1971) The Bootleg Series Vol. 10

Bob Dylan: Another Self Portrait (1969 – 1971) The Bootleg Series Vol. 10

Sony

VÖ: 23.03.2013

 

Wertung: 11/12

Tipp!

 

Bob Dylan hat es seinen Fans zu Beginn der 70er nicht gerade leicht gemacht. „Self Portrait“ rief seinerzeit viele Emotionen hervor, positive waren selten dabei. Die Kritiker zerrissen das Album nach allen Regeln der Kunst und selbst die Hardcorler mussten sich eingestehen, dass dieser Zuckerguss kaum etwas mit den großartigen Platten des Meisters aus dem zurückliegenden Jahrzehnt zu tun hatte. Was bezweckte Dylan damit? Ein gewisses Kalkül könnte dahinter gesteckt haben und vielleicht hatte er es auch einfach nur satt das Sprachrohr einer ganzen Generation zu sein. Wenige Monate später rückte er die Verhältnisse mit „New Morning“ wieder gerade, aber da war das Kind einstweilen schon in den Brunnen gefallen.

 

Jetzt darf der geneigte Dylan-Fan Bauklötze staunen, denn „Another Self Portrait“ rückt die Verhältnisse wieder gerade. Die zehnte Runder von „The Bootleg Series“ ist abermals eine Offenbarung und ein weiteres Mosaiksteinchen um die Welt von Dylan zu verstehen. Natürlich wird – gerade vor dem Hintergrund von „Self Portrait“ - die Verwirrung nur wieder größer werden. Bei richtiger Zählung liegen dann auch siebzehn Songs von „Self Portrait“ hier vor – alle sind besser wie das veröffentlichte Pendant auf dem eigentlichen Album. Man kann einfach nur zum dem Schluss kommen, dass Dylan vor 43 Jahren ganz bewusst für seine Fans ein unhörbares Werk aufgenommen hat. Der ganze Kleister, die schrecklichen Overdubs und der ganze unnötige Krimskrams fehlt gänzlich. Entsprechend ist hinter den einzelnen Tracks dann auch der Zusatz Without Overdubs zu finden. Siehe da, die Songs sind in ihrer nackten Reduziertheit fantastisch!

 

Dazu gesellen sich alternative Versionen und unveröffentlichte Stücke. „New Morning“ und „Nashville Skyline“ (mit einer alternativen Version von „Country Pie“) sind ebenfalls bedacht worden. Mit den Demoversionen von „Went To See The Gypsy“ und „When I Paint My Masterpiece“, sowie zwei Aufnahmen vom Isle Of Wight Festival, wird „Another Self Portrait“ komplettiert. Und noch eine ganz andere Tatsache wird abermals unterstrichen: Dylan kann singen! Er muss es natürlich wollen, sowie bei „This Evening So Soon“. „Only A Hobo“ ist gesanglich auch ganz vorzüglich. Ansonsten kann man diese Nummer immer dann hervorholen, wenn man mal wieder die Frage beantworten soll, wie denn wohl die uramerikanische Musik so klingt. „Minstrel Boy“ dürfte diese Frage auch ausreichend beantworten, ist klanglich allerdings keine Offenbarung. In dieser Hinsicht ist die Qualität von „Another Self Portrait“ variierend und der Bogen wird von ganz okay bis gut gespannt. Das entspannte „I Threw It All Away“ dürften nur die Dylanologen dem Meister zuordnen. Hier legt er ja fast schon Croonerqualitäten an den Tag.

 

„Time Passes Slowly“ kommt in dieser alternativen Versionen regelrecht roh daher. Kaum ein anderer Künstler kann das mit einer derartigen Leichtigkeit aus dem Ärmel schütteln. Auch nicht der andere große Amerikaner, der die letzten Jahre eine ähnliche wie Dylan Verehrung erfährt wie. Wo bei Bruce Springsteen schon der Schweiß rinnt, muss Dylan die Heizung höher drehen, damit ihm nicht kalt wird. Wer ist nun der Boss?

 

Mit dem rührigen „If Not For You“ und besonders dem wundervollen Country-Stück „If Dogs Run Free“ legt er ein rührendes, aber keineswegs rührseliges Zeugnis ab, dass er auch die Herzen der Menschen immer erreichen konnte. Ein Schätzchen ist selbstverständlich das unveröffentlichte „Working On A Guru“ mit seinem leichten Rock-Twang, welches er zusammen mit George Harrison spielt. Klasse! Bei der Pianoversion von „When I Paint My Masterpiece“ ist Dylan ganz bei sich. Nur er und sein Instrument. Die Bläsersektion von „New Morning“ lässt den Song zu einer kleinen Sternstunde werden. Man kann es nicht oft genug sagen, alles von „Another Self Portrait“ ist besser wie die ursprünglichen Veröffentlichungen. Für jede Sammlung essenziell – nicht nur für die Dylan-Sammlungen dieser Welt.

 

Die Aufmachung ist natürlich gewohnt hervorragend. Ein dicker Pappschuber umschließt die CD-Hülle und deren Inhalt und das umfangreiche Booklet sehr sicher. Ein Vorwort gibt es ausgerechnet von Greil Marcus, der seinerzeit fragte, was denn der Scheiß mit "Self Portrait" nun soll. Mit dem Booklet kann man sich über Stunden beschäftigen. Viele Fotos und ein erhellender Text geben Einblick in die damalige Welt von Dylan. Ein gewisser Frank Turner scheint sich optisch übrigens immer mehr dem Dylan jener Tage anzunähern – dies nur mal als Einwurf am Rande. Insgesamt ist diese formidable optische Umsetzung erneut ein Fest!

 

Fazit: „Another Self Portrait (1969 – 1971) The Bootleg Series Vol. 10“ gleicht einer Offenbarung. In dieser Rohheit und diesem reduzierten Gewand gehören die furchtbaren Versionen endlich der Vergangenheit an. Dylan ist ganz bei sich und mit sich und seiner Welt im Reinen. Großartige Versionen, alternative Takes, Demos und unveröffentlichtes Material lassen „Another Self Portrait“ zu einem weiteren Höhepunkt der Bootleg Serie werden. Die beiden CDs gehören in dieser Reihe auf jeden Fall in die Top 3! Pflichtveranstaltung!

 

http://www.bobdylan.com

 

Text: Torsten Schlimbach

Bob Dylan: Tempest (Deluxe Edition)

Bob Dylan: Tempest (Deluxe Edition)

Sony

VÖ: 07.09.2012

 

Wertung: 11/12

Tipp!

 

Bob Dylan hat in seiner langen, langen Karriere viele prägende und wegweisende Alben aufgenommen und veröffentlicht. Bei ihm sind die guten und sehr guten Platten schon weniger wert als bei seinen Kollegen. Es gab aber auch mal eine Zeit, da hat er öfters daneben gegriffen und da war auch so manche Vollkatastrophe dabei. Dies gehört glücklicherweise der Vergangenheit an und für seine letzten Veröffentlichungen wurde er mit Lob und Anerkennung förmlich überschüttet. Fast schon unheimlich, was der Mann da im Herbst und Winter seiner Karriere aufnimmt. „Tempest“ ist nun drei Jahre nach „Together Through Life“ der nächste Volltreffer.

 

Wie bei kaum einem anderen Künstler sind die Texte immens wichtig. Dylan, der alte Zyniker! Oder doch Dylan, der alte Romantiker? Augenzwinkern oder ist das alles für bare Münze zu nehmen? Wie immer, kann man den Meister in die ein oder die andere Richtung interpretierten. Eins ist sicher, „Tempest“ ist ein ziemlich düsteres Album und doch gibt es auch immer wieder das berühmte Licht am Ende des Tunnels. Es geht um Mord, um Totschlag, Irrungen und Wirrungen. Und um den Untergang der Titanic.

 

Sein letztes Album „Together Through Life“ war eher die brave Platte zum Sonntagskaffee. „Tempest“ ist das genaue Gegenteil. Angriffslustig, rau, roh und ein bisschen dreckig. Angepasst war der alte Dickkopf ja noch nie, aber mal eben 45 Strophen beim Titeltrack „Tempest“ runter zu singen hat selbst er noch nicht geschafft. Richtig, einen Refrain gibt es nicht! Nicht mal im Ansatz! Trotzdem werden die knapp vierzehn Minuten nie langweilig. Dafür sorgt schon die reichhaltige Instrumentierung. In dieser Hinsicht ist das gesamte Album gar als klassisch zu bezeichnen. Banjo, Mandoline, Akkordeon gehören neben Drums, Bass, Gitarre und Schlagzeug selbstverständlich auch dazu!

 

„Tempest“ ist zwar der längste Song der Platte, aber auch „Narrow Way“, „Scarlet Town“, „Tin Angel“ und „Roll On John“ sind allesamt über sieben Minuten lang - „Tin Angel“ schafft es sogar die neun Minuten zu knacken. Man ahnt, dass der alte Poet und Dichter seinen Zuhörern eine ganz Menge zu erzählen hat. Gammler, Spieler Outlaws und die Gestrandeten der Gesellschaft – alle sind sie wieder da. Und John Lennon in „Roll On John“, übrigens keine Hommage.

 

Musikalisch ist dieser antiquiert erscheinende Sound vermeintlich in ein Retrogewand gekleidet. Ist er das wirklich? Dylan offenbart hier einmal mehr seine tiefe Liebe und Verbundenheit zur amerikanischen Musik: Folk, Country, Jazz, Singer/Songwriter oder schlicht und ergreifend Americana. „Duquesne Whistle“ nimmt den Hörer zunächst bei der Hand und lässt diesen zu Jazzklängen ganz sanft in die Platte gleiten. Die Ballade „Soon After Midnight“ offenbart anschließend gar eine noch schönere Seite. Dann ist aber Schluss. Zu „Narrow Way“ bellt, krächzt und zischt Dylan wie man es von seinen letzten Konzerten kennt. Das Stück rockt und rollt – so simpel ist das. „Pay In Blood“ gehört gar zum Besten, was der Meister das letzte Jahrzehnt gemacht hat. Und der alte Kauz weiß doch, wie man einen Song arrangieren muss, damit es künstlerisch wertvoll ist, aber eben auch mal zugänglich. Seine Singstimme bildet einen guten Kontrast dazu, die verabschiedet sich nämlich fast gänzlich. „Early Roman Kings“ beschwört den Blues, wie es auch ein John Lee Hooker getan hat. Das düstere „Tin Angel“ strahlt dazu durch eine spärliche Instrumentierung und seinen spröden Charme eine große Erhabenheit aus. Und hier wird einem noch mal eindrucksvoll vor Augen geführt, warum Dylan diese Ausnahmestellung genießt.

 

Fazit: Dylan hat mittlerweile 35 Alben aufgenommen. Er hat allerdings lange nicht mehr so angriffslustig geklungen wie mit „Tempest“. Diese düstere Platte ist bisweilen episch. Der rohe und raue Sound ist meilenweit vom versöhnlichen letzten Album entfernt. Ein beeindruckendes Spätwerk! Die Deluxe Edition im Schuber enthält übrigens mehr als 30 Reproduktionen von Bob-Dylan-Zeitschriftencovern aus den ersten zehn Jahren seiner Karriere! Dies gleicht das spärliche Booklet – neben dem Cover die einzige Enttäuschung von „Tempest“ - wieder aus!

 

http://www.bobdylan.com/us/home

 

Text: Torsten Schlimbach

Bob Dylan: Pure

Bob Dylan: Pure

Sony

VÖ: 21.10.2011

 

Wertung: 10/12

Tipp!

 

Mit Bob Dylan Alben um die Weihnachtszeit ist das immer so eine Sache. Weihnachtszeit? Das Musikgeschäft rüstet sich jedenfalls so langsam für die Gaben unter der Tanne und genau das ist oft eine ziemlich traurige Angelegenheit. „Best Of“, „Greatest Hits“ und „Ultimate Collection“ Zusammenstellungen überfluten mal wieder den Markt. Von Bob Dylan gibt es unzählige solcher seltsamen und zweifelhaften Alben. Musste da nun abseits seiner regulären Platte schon wieder so ein Ding sein? Ja, verdammt! „Pure“ ist nämlich völlig anders.

 

Über die Beweggründe kann man natürlich jetzt streiten, klar. Auf der anderen Seite hat man sich ganz viel Mühe gegeben. Dies ist keine der üblichen Werkschauen und wer nur mal eben die siebzehn bekanntesten Songs vom Meister haben möchte, der sollte hier nicht zugreifen. Auf „Pure“ gibt es nämlich die Perlen! Dieses Album lädt zu einer Entdeckungsreise in den Dylan Kosmos ein. Wer nicht gerade ein ausgesprochener Anhänger des großen Poeten ist und eben nicht alles im Schrank stehen hat, wird dieses Album als kleine Schatztruhe ansehen können. Die üblichen Verdächtigen gibt es woanders, hier gibt es Dylan ungeschliffen, roh und rar!

 

Der Albumtitel gibt ja schon die Richtung vor. Man hat sich also tatsächlich etwas dabei gedacht als man sich an die Zusammenstellung machte. Der Untertitel „An Intimate Look At Bob Dylan“ kommt auch nicht von ungefähr. Das hat alles Hand und Fuß. Zudem hat man der ganzen Geschichte einen dramaturgischen Aufbau verpasst. Der rote Faden ist also immer vorhanden. Mit anderen Worten, man hat „Pure“ nicht chronologisch angeordnet, sondern auf den Albumfluss geachtet. Dies ist insofern beachtlich, da hier fast fünf Dekaden Bob Dylan zu finden sind.

 

„Pure“ bietet dem geneigten Fan und solchen, die es noch werden möchten, Raritäten und Songs, die eben nicht so im Fokus standen und stehen, am laufenden Band. Das geht schon mit dem bluesigen und dunklen „Trouble In Mind“ los. Die Nummer wurde bisher nicht offiziell auf CD veröffentlicht. Das ist insofern interessant, da bei dem Stück von 79 Mark Knopfler mit dabei ist. Dylan klingt aggressiv wie selten und der Frauenchor im Hintergrund entpuppt sich als die großen Voodoo-Beschwörerinnen. Danach geht es zurück zu den Anfängen. „Girl From The North Country“ ist immerhin von 63 – nur Dylan. Mundharmonika und seine Gitarre, mehr brauchte es nicht. Weiter geht der Zeitsprung ins Jahr 89. Dies ist ja die Dekade, die nicht gerade zu den glorreichen von Dylan zu zählen ist. Das eindringliche „Most Of The Time“ ist allerdings mal wieder eine seiner Sternstunden. Der ruhige Stil und die Zusammenarbeit mit Daniel Lanois haben sich doch als gute Wahl erwiesen. „Billy 1“ dürfte hingegen ein Song sein, der Springsteen den Weg gewiesen hat. Zudem unterstreicht Dylan hier, dass er sehr wohl in der Lage ist, seinen Gesang zu variieren. Auch neuere Stücke wie „Sugar Baby“ von 2001 oder „This Dream Of You“ von 2008 unterstreichen, dass der Mann immer noch zu den ganz Großen zu zählen ist. Wenn man erklären müsste, wie Amerika wohl musikalisch vertont klingen würde, dann könnte man „Tomorrow Night“ nennen ohne dabei die Gesichtsfarbe zu wechseln. Ja Bob, Hank und Woody wären stolz auf Dich! Selbst die Balladen funktionieren. „Born In Time“ mit Bruce Hornsby am Piano ist ganz groß!

 

Fazit: „Pure“ ist die etwas andere Zusammenstellung und genau aus diesem Grund eine sehr erfreuliche Geschichte. Man bekommt viele Raritäten oder Lieder geboten, die eben nicht so bekannt sind. Das enorm große Spektrum von Dylan wird ganz dick unterstrichen! Das dürfte eine der besten Compilations des Meisters sein! Wer noch nicht alles im Schrank stehen hat, kriegt somit endlich mal ein paar Schmankerl geboten. Selbst für Fans lohnt sich die Anschaffung – und wenn es nur wegen der Knopfler-Geschichte ist. Feine Sache!

 

http://www.bobdylan.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

S U C H E
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