Blood Red Shoes: dito

Blood Red Shoes: dito

Jazz Life/[PIAS] Cooperative/Rough Trade

28.02.2014

 

Wertung: 9/12

 

Gebetsmühlenartig wird ja gerne wiederholt, dass sich diese Indie-Duos eigentlich selbst limitieren würden und der Sound sich von Album zu Album wiederholt. Hat nicht jede Band, egal in welcher Besetzung und Konstellation, einen ganz ureigenen Sound? Abgesehen davon ticken die Blood Red Shoes aus Brighton sowieso ein kleines bisschen anders. War das letzte Album noch eine große, bombastische Spielwiese, geht die Reise nun in eine neue Richtung. Natürlich wurde dabei auch wieder Bewährtes aus der Vergangenheit eingepackt.

 

Laura-Mary Carter und Steven Ansell nahmen diese zwölf Songs unter dem Eindruck einer neuen Heimat auf, lebten letztlich aber in einer Art Kokon. Die Einflüsse von außerhalb beschränkten sich dann tatsächlich darauf, dass sie lediglich alles aufsogen, was ihnen Berlin zu bieten hatte. Ansonsten lebten die beiden völlig unabhängig und machten was ihnen immer gerade in den Kram passte. Da war kein Produzent, kein Promoter, kein Labelmensch und auch sonst keiner, der auf irgendeine Art und Weise reinquatschen konnte. Insofern ist es nur konsequent, dass die Platte nur den Namen des Duos trägt.

 

„Welcome Home“ ist zu Beginn dann auch gleich mal eine Ansage. Bedrohlich Klänge fräsen sich da dem geneigten Zuhörer entgegen. Kein Gesang, nur schönster Krach. „Everything All At Once“ drückt weiter auf das Gas. Eine Art Refrain sorgt allerdings dafür, dass die Nummer glatt noch Hitqualitäten hat. Ansonsten drückt und pumpt es, dass sämtliche Stoner Rocker dagegen wie Schulkinder aussehen. Da staunt man schon mal ein bisschen. „An Animal“ kotzt einem Steven Ansell förmlich vor die Füße. Indiemusik der besonderen Art. Live werden einem die Ohren bluten. Die Blood Red Shoes haben unter dem ganzen Radau aber auch immer ganz wundervolle Melodien versteckt. Wo den Ting Tings die Ideen ausgingen, fangen die beiden hier erst an. „Grey Smoke“ packt dann endlich auch noch den Groove aus. Dazu singt Laura-Mary Carter auf ihre geheimnisvolle Art wie aus einem Paralleluniversum.

 

„Far Away“ ist aber schon Pop, oder? So ein Breeders-Pop, also ein Pixies-Songs. „The Perfect Mess“ durchschneidet danach messerscharf wieder sämtliche zarte Bande. Wem die Black Keys zu brav geworden sind, findet bei diesem Duo neue Nahrung. Der gemeinsame Gesang wertet dieses Stück noch mal auf. Wer dazu nicht mit aller Dringlichkeit durch seine Wohnung toben will, muss ein Trauerkloß sein. „Behind A Wall“ ist die so dringend benötigte Verschnaufpause und mit „Stranger“ wird es glatt ein bisschen bealtesesque. „Speech Come“ erinnert an die frühen Yeah Yeah Yeahs, während „Don´t Get Caught“ in all seiner Simplizität ordentliche Hitqualitäten für die Indiedisco an den Tag legt. Zu „Just For A While“ verdüstert sich endgültig der Himmel. Tiefschwarze Nacht breitet sich aus. Das tut weh, ist aber gleichzeitig ganz wundervoll. Die Blood Red Shoes vereinen eben auch kuriose Widersprüche. „Tightwire“ beendet diesen Ritt auf der Rasierklinge mit einer Art Mantra. Durchatmen ist danach nicht die schlechteste Idee, bevor man sich erneut in die Abründe von den Blood Red Shoes begibt.

 

Fazit: Laura-Mary Carter und Steven Ansell haben sich für ihr neues Album alle musikalischen Freiheiten dieser Welt genommen. Keine Beschränkungen, alles ist möglich und alles wird ausgelotet. Das knallt, das scheppert und das ist laut. Da werden Schichten aufgetürmt, nur um diese im nächsten Augenblick wieder einzureißen. Das Duo arbeitet aber nicht mit Taschenspielertricks, denn es brodeln überall wundervolle Melodien, die mit aller Macht an die Oberfläche wollen. Kreuzberg hat den beiden gut getan – zumindest musikalisch.

 

http://www.bloodredshoes.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

Blood Red Shoes: In Time To Voices

Blood Red Shoes: In Time To Voices

Cooperative Music/Universal

VÖ: 30.03.2012

 

Wertung: 9/12

 

Laura-Mary Carter und Steven Ansell sind nun auch in der digitalen Welt angekommen. Der Vorgänger des neuen Blood Red Shoes Albums wurde ja noch weitestgehend mit einer analogen Tape-Maschine aufgenommen, die jetzt bei „In Time To Voices“ traurig in der Ecke verstaubte. Ein digitales Pult sollte es sein und wie das oftmals der Fall bei einem neuen Spielzeug ist, bieten sich ganz neue Möglichkeiten. Die zunächst anvisierten drei Wochen für die Aufnahmen reichten folgerichtig nicht aus.

 

Damit die schöne digitale Welt unter dem Strich aber nicht dafür verantwortlich ist, dass vom rauen Blood Red Shoes Sound nichts mehr übrig bleibt, schleppten die beiden Helden aus Brighton jede Menge Effektgeräte ins Studio. Die Gefahr war also groß, dass die beiden sich verzetteln. Der ganze Kram wollte ja nicht nur ausprobiert werden, sondern auch irgendwie auf „In Time To Voices“ ein Plätzchen finden. Steven Ansell würde vermutlich jetzt noch im Studio frickeln. Gut, dass Laura-Mary Carter den Fokus auf die eigentlichen Songs gelegt hat.

 

Aber jetzt nur keine Berührungsängste, die neue Platte der Blood Red Shoes ist jetzt nicht komplett aus dem Ruder gelaufen oder die totale Abkehr vom bewährten Sound. Es gibt mehr Bombast und der Klang ist insgesamt wesentlich ausgefeilter. Die Punk-Wurzeln verleugnen die beiden mit diesem Album selbstverständlich nicht und wer sagt denn, dass Melancholie nichts im Punk verloren hat? Ja, die Blood Red Shoes entdecken hier eine raue Form der melancholischen Zwischentöne. Das kann auch mal grollen wie bei „7 Years“. Der Titelsong „In Time To Voices“ ist noch der sanfte Einstieg für die Fans. Mit „Lost Kids“ ist dann endgültig ein raumgreifender, bombastischer Sound zu vernehmen. Nicht nur aufgrund der Besetzung Frau/Mann erinnert diese Scheibe auch an das letzte Album von The Kills. Der dreckige Heavy-Rock-Sound von „Cold“ oder das mit viel Pop aufgepeppte „Two Dead Minutes“ gehen jedenfalls in diese Richtung.

 

„Silence And The Drones“ hingegen ist die minimalistische, kaputte Ballade. Es stampft, es röchelt und es tut weh. Bei den Blood Red Shoes schwingt auch immer etwas faszinierendes morbides mit. Auf dieser Ebene ist das Duo aus Brighton unschlagbar. Der Blues ist dabei gar nicht soweit weg wie man denken könnte. „Night Light“ schleppt sich ähnlich langsam daher und scheint in seiner unendlichen Traurigkeit den Sümpfen entsprungen zu sein. Ist auch ganz gut so, denn sonst wäre das Album auch zu eintönig und die Blood Red Shoes würden sich zu sehr limitieren.

 

Fazit: Vielleicht wird der eine oder andere Altfan von „In Time To Voices“ etwas zu sehr überfordert, da die Blood Red Shoes hier jede Menge Effekte auffahren und ihren Sound insgesamt bombastischer ausrichten. Wer ein offenes Ohr dafür hat, bekommt ein tolles Album geliefert, denn natürlich ist unter den ganzen Schichten immer noch der Rotz der Straßen von Brighton versteckt!

 

http://www.bloodredshoes.co.uk/

 

Text: Torsten Schlimbach

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