Arcade Fire: Everything Now

Arcade Fire: Everything Now

Sony

VÖ: 31.07.2017

 

Wertung: 8,5/12

 

In Indiehausen sind sehr viele Menschen mächtig sauer. Sauer auf die netten Leutchen von Arcade Fire. Jetzt haben sich Kanadier doch glatt erdreistet ein Popalbum aufzunehmen. Man stolpert ständig über Vergleiche mit ABBA. Ja gut, der vorab veröffentlichte Titeltrack „Everything Now“ könnte in das Popumfeld der Schweden einsortiert werden. Man muss ABBA nicht mögen, aber das Quartett hat der Welt – und das ist hoffentlich unstrittig – sehr viele schöne Popsongs beschert. Das neue Album von Arcade Fire ist davon weit entfernt. Warum? Weil es totaler Quatsch ist dem kompletten Album den ABBA-Stempel aufzudrücken.

 

Win Butler, Will Butler, Régine Chassagne, Jeremy Gara, Tim Kingsbury und Richard Reed Parry machen auf jedem Album ein paar Schlenker, die nicht jeder mitgehen will. Die Band hat auch nie behauptet Musik nur für eine Nische im Indiebereich zu schreiben. Große Melodien gab es schon immer. Manche drängten sogar unaufhaltsam in die Stadien. Da sei doch bitte an alle Gralshüter die Frage gestellt: warum auch nicht? Aufgenommen wurde das neuerliche Werk in den Boombox Studios in New Orleans, Sonovox Studios in Montreal und im Gang Recording Studio in Paris. Wem „Reflektor“ zu verkopft war, mit der grundsätzlichen Richtung aber einverstanden war, kriegt mit „Everything Now“ nun endlich sein Lieblingsalbum von Arcade Fire geliefert. Es bleept, es beept und derart viele Loops gab es bei den Kanadiern noch nicht zu hören. Jedenfalls nicht in dieser Fülle. Das muss man mögen, klar. Immerhin versuchen sie gar nicht erst sich zu wiederholen.

 

Ähnlich wie bei Radiohead, stellt sich hier auch die Frage: ist das Kunst oder kann das weg? Wo die einen (Radiohead) zeitweise immer sperriger wurden, öffnen sich die anderen (Arcade Fire) immer mehr für die Masse. „Everything Now“ ist in seiner vollen Pracht aber ganz sicher kein Mainstreampopalbum. Den Namensgeber des Albums klammern wir da mal aus. Das wunderschön getragene „Put Your Money On Me“ hätte mitunter das Zeug mal etwas Qualität in den Dudelfunk zu bringen, ist aber natürlich zu lang. „Peter Pan“ passt eher in den Tanzschuppen. Dubstep im Arcade Fire-Gewand. Wenn man dem Album schon unbedingt einen Stempel aufdrücken möchte, dann darf man da gerne Disco draufpappen. Daft Punk sind da nicht so weit weg. „Chemistry“ setzt der Geschichte die Krone auf und klingt wie zeitgemäßer Rocksteady mit Reggae-Versatzstücken im Electronikgewand – eingespielt mit Instrumenten. Alles klar soweit? Kommt der Hörer da noch mit? Kommt drauf an. Wer sich darauf einlassen kann, kriegt ein paar sehr schöne Sommersongs geboten, die allerdings auch in der dunklen Jahreszeit mehr als nur ein Lächeln in die Gesichter zaubern werden.

 

Und dann walzt „Infinite Content“ über einen hinweg als würden The Killers gerade aus einer Garage stolpern. „Infinite_Content“ ist dann für den entspannten Teil zuständig und läutet geschmeidig und schwülstig die zweite Hälfte ein. „Electric Blue“ wird den Indiekids natürlich nicht gefallen. Zu viel Chic ist da drin. Dazu singt Régine Chassagne wie ein japanisches Mangamädchen. Lässiger Track. „We Don´t Deserve Love“ plätschert allerdings auch etwas dahin. Mit „Everthing Now (Continued)“ wird das Album ganz sanft beendet. Es entschwebt, aber entgleitet nicht.

 

Fazit: Den Stellenwert, den Arcade Fire mittlerweile haben, lässt sich anhand der Erwartungen an „Everything Now“ ablesen. Zu Arcade Fire hat jeder Musikhörer mittlerweile eine Meinung. Das neue Album wird sicherlich kontrovers aufgenommen werden. Die Kanadier drängen in die Disco, scheuen dabei aber nicht davor zurück auch manchen kunstvollen Schlenker einzuweben. Stillstand gibt es nicht, aber ein Blick zurück in die Discos der 70er und 80er. Trotzdem wird das auch locker in das Hier und Jetzt übertragen. Die dringlichen Gitarren sind weg, dafür gibt es jetzt auch eine Panflöte zu hören. Das Musikerkollektiv spielt das alles extrem versiert ein, nutzt aber auch alle Möglichkeiten des Studios. Übrigens hat Herr Butler mit seinen gesellschaftskritischen Texten eine ganze Menge zu sagen, wäre schade wenn das untergehen würde. „Everything Now“ ist nicht das beste Album von Arcade Fire, aber das war auch nicht zu erwarten, da der Backkatalog ja voll von besten Alben ist. „Everything Now“ ist trotzdem gut! Und sehr schön aufgemacht.

 

http://www.everythingnow.com/

 

Text: Torsten Schlimbach

Arcade Fire: Reflektor

Arcade Fire: Reflektor

Universal

VÖ: 25.10.2013

 

Wertung: 11/12

Tipp!

 

Das sagenumwobene „Reflektor“ steht endlich in den Regalen. Jenes Album, welches schon seit geraumer Zeit in den Köpfen der Internetgemeinde verankert ist. Die letzten Wochen verging ja kaum ein Tag, an dem nicht mindestens ein kleines Video den Heißhunger auf „Reflektor“ noch weiter schürte. Arcade Fire haben verstanden, verstanden wie man die neuen Medien nutzen kann und muss. Da wird einfach mal so ein Song im Netz veröffentlicht - mit einem Gastbeitrag von David Bowie. Ein weiteres Video beinhaltet einen Cameo Auftritt von Ben Stiller und Bono. Bono? Genau, der Gesangsvorstand von U2 weiß schon ganz genau wer im Musikgeschäft heutzutage Maßstäbe setzt. Und wer wird gerade nicht mit dem neuen Album fertig? Eben! Vielleicht eine nette Randnotiz, aber man darf schon davon ausgehen, dass jeder Künstler der „Reflektor“ gehört hat, im Hinblick auf das eigene Schaffen kalte Füße bekommt und ziemlich bedröppelt aus der Wäsche guckt. „Reflektor“ ist das musikalische Kunstalbum des Jahres!

 

Eigentlich müsste „Reflektor“ eine Gebrauchsanweisung beiliegen. Anschnallen, festhalten und auf einen Wahnsinnsritt gefasst machen! Arcade Fire pflügen sich hier einmal komplett durch die Musikgeschichte und wieder zurück. Als Zuhörer fühlt man sich da leicht überfordert und wie auf einem schweren Tanker, der in der stürmischen See mal richtig schön durchgeschüttelt wird. Man kennt ja die Floskeln, wenn man fremde Personen nach den musikalischen Vorlieben befragt. Oft genug hat man da schon „ich höre alles - von Abba bis Zappa“ als Antwort erhalten. Das braucht es jetzt nicht mehr, es reicht ja „Reflektor“ aufzulegen.

 

Das Potenzial von Arcade Fire war ja schon immer immens groß, wenn man aber ganz ehrlich ist, dann hatten die bisherigen Alben auch so manche Schwachstellen und der eine oder andere Totalausfall hat sich auf den Platten auch schon mal versteckt. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Man kann jetzt spekulieren woran das liegt, das gerne genommene und simple Argument, dass die Band über die Jahre gewachsen und besser geworden ist mag einer der Gründe sein. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass Produzent James Murphy (Ex-LCD Soundsystem) einen erheblichen Anteil daran hatte. Bei aller Begeisterung für „Reflektor“ muss man auch mal sagen dürfen, dass die Songs, die in Haiti, Jamaika und New York geschrieben und aufgenommen wurden, nicht immer ganz so großartig sind und sich hier und da scheinbar ein kleines bisschen Mittelmaß ausbreitet. Das wird aber direkt im Ansatz erstickt und da kommt wohl Murphy ins Spiel. Arcade Fire gingen in der Vergangenheit ja gerne mal wie die Axt im Walde zu Werke und polterten mit einem lauten Hallo zur Tür herein. Dies ist jetzt nicht mehr der Fall, jetzt wird das Augenmerk auch auf den Songaufbau gelenkt. Nicht jeder wird diesen neuen Weg mitgehen können und wollen. Arcade Fire sind jetzt nämlich noch tanzbarer und legen den Fokus vermehrt auf die perkussiven Elemente, Rock kommt dabei manchmal nur noch unterschwellig vor.

 

Angeblich konnte die Band aus einem Fundus von 60(!) Songs schöpfen. „Reflektor“ ist auch ein Doppel-Album geworden, was insofern kaum überraschen dürfte. Überraschend ist aber die Tatsache, dass sich die ganze Geschichte nur aus dreizehn Songs zusammensetzt. Man kann sich da leicht ausrechnen, dass die Songs von der Länge schon in progressive Gefilde vordringen. „Supersymmetry“ erstreckt sich dabei sogar auf über elf Minuten. Immerhin kommen „Flashbulb Eyes“ und „Here Comes The Night Time Part II“ kurz und knackig unter drei Minuten auf den Punkt. Der Rest nimmt sich alle Zeit der Welt. Wenn man mal ehrlich ist, dann gibt es auf dieser Platte auch keine Single im herkömmlichen Sinne. Die Radiostationen werden sich kaum an diese Brocken herantrauen. Dieses Album ist sicher für alles gut, aber unter Garantie nicht für Ohrwürmer im klassischen Sinne.

 

Mal gucken, was hat diese Wundertüte denn alles so zu bieten? Dub der Marke Lee-Scratch-Perry beispielsweise. Man höre sich dazu nur das wahnwitzige „Flashbulb Eyes“ an. Das tolle „We Exist“ reitet auf einem Beat herum, der Michael Jackson zu Thriller-Zeiten sicher gefallen hätte. Das überragende „Here Comes The Night Time“ lebt zunächst von seinem perkussiven Ansatz, schraubt die Stimmung und die Atmosphäre aber unaufhörlich nach oben und klingt dann, als hätten The Cure und Vampire Weekend zusammen im Studio gestanden, nur um dann irgendwo kurzfristig die Abbiegung in alte Britpop-Gefilde zu nehmen. Man sitzt da ein bisschen ungläubig und sabbernd vor der Anlage – bis man die eigenen wippenden und zuckenden Gliedmaßen erst bemerkt. Ja, das Stück ist unglaublich tanzbar und hat einen tollen Groove - bevor es sich in Richtung Samba der PC-Generation verabschiedet. Was machen Arcade Fire da mit einem? Bazinga! „Normal Person“ empfängt dann den Rock mit offenen Armen - allerdings so wie es David Bowie oder Roxy Music machen würden. Arcade Fire entdecken Glamrock und schämen sich nicht dafür. Warum auch? „You Already Know“ kommt recht beschwingt daher und spannt den Popbogen von den 60ern bis in das Jahr 2013. „Joan Of Arc“ tritt einen zunächst ordentlich in den Allerwertesten und startet rotzig in der Garage nur um sich im nächsten Moment auf einer 80ies Yuppie-Pop-Party wiederzufinden. Wer hätte das vermutet, als sich dieses Album mit dem Titelsong „Reflektor“ über sieben aufbaute? Und was sich alles liest, als wäre dies ein großes Durcheinander, ist in Wirklichkeit derart schlüssig und homogen, dass man schon wieder den Mund offenstehen hat.

 

Nachdem die erste CD geschafft ist, ändern Arcade Fire wieder die Richtung. Es wird gemütlicher. Ruhiger. Die Tracks scheinen zu schweben. „Here Comes The Night Time Part II“ läutet die Ambiente-Phase ein. „Awful Sound (Oh Eurydice)“ geht in die Bowie/Eno Ecke und „It´s Never Over (Oh Orpheus)“ lässt den Ethno-Kitsch von Peter Gabriel von der Leine – überzeugt aber auch mit einem tollen Beat. An dieser Stelle übertreiben es Arcade Fire allerdings auch etwas. Win Butler und Régine Chassagne übernehmen die Rollen von Orpheus und Eurydice. Kleiner hatten sie es wohl nicht? Auf der anderen Seite ist „Reflektor“ in seiner ganzen Machart und Präsentation natürlich auch ein Konzeptalbum – von daher passt es schon wieder. Es gibt auch einen Song der auf den wunderschönen Namen „Porno“ hört. Möchte man dazu? Nein, möchte man nicht! Im Lichterkegel zucken allerdings schon. In den Morgenstunden. Zu dem musikalisch gottgleichen „Afterlife“ kann man eigentlich nicht viel sagen: laut aufdrehen, sich fallen lassen und in eine andere Welt entschweben. So ungefähr könnte es klappen. Man muss ja auch irgendwie auf den letzten Brocken vorbereitet sein. „Supersymmetry“ entschwebt zum Schluss als Klangcollage dem Universum. Geschafft. Und dann? „Reflektor“.

 

Fazit: „Reflektor“ ist ein Album welches sich wohl nie ganz erschließen wird. Man hat das Gefühl, dass man auch nach Jahren noch neue Nuancen und liebevolle Kleinigkeiten und Details entdecken wird. Dieses monumentale Werk ist be- aber nicht überladen. Es würde eigentlich trotzdem für drei Alben reichen. Wer kommt schon auf die Idee field recordings aus haitianischen Straßenzügen auf ein Album zu packen? Saxofon, Bongos, Congas, Marimba, Streicher stehen dazu in schöner Eintracht neben den elektronischen Spielereien. Dazu wird alles mögliche gereicht: Art Rock, Soft Rock, Garage Rock, Glam Rock, Ambiente, Dubstep, Pop, New Wave – ein Ritt durch die Musikgeschichte. Textlich bleibt es oftmals nur vage, Butler deutet mehr an als er ausspricht und lässt den Zuhörer mit den Leerstellen alleine. Verkehrt ist das nicht. „Reflektor“ wird von den Indiekids ebenso geliebt werden wie von den Clubgängern oder dem Feuilleton. Ein klassischer Anwärter für das Album des Jahres. Dieser Titel geht aber nicht an Arcade Fire, denn da hat Nick Cave mit „Push The Sky Away“ zu Beginn des Jahres uneinholbar vorgelegt. Cave hat nämlich eine Gabe, die Arcade Fire (noch) abgeht: die Herzen und die Seelen zu berühren. Wenn sie das eines Tages auch noch schaffen, dann ist es die beste Band aller Zeiten und die Menschheit in der Lage den Mars zu besiedeln. Vielleicht sind Arcade Fire aber auch gar nicht menschlichen Ursprungs?

 

http://arcadefire.com/reflektorpreorder/eu/

 

Text: Torsten Schlimbach

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