Pearl Jam: Twenty

Pearl Jam: Twenty

Hannibal Verlag

VÖ: 22.03.2012

 

Wertung: 10,5/12

Tipp!

 

An Geburtstagen soll man richtig feiern, ganz besonders, wenn es sich dabei um runde Wiegenfeste handelt. Dies haben sich auch die Jungs von Pearl Jam gedacht und wie es sich für eine amtliche Party gehört, wurde dabei auch an alles gedacht. Eine wunderbare Dokumentation lässt noch mal die letzten zwanzig Jahre Revue passieren. Dazu darf die entsprechende Musik natürlich nicht fehlen und der dazugehörige Soundtrack wurde auch noch aufgelegt. Um die ganze Geschichte noch mit dem Sahnehäubchen zu garnieren, hat man dies auch noch alles in Worte gefasst und ein wunderschönes Buch herausgegeben. „Twenty“ ist also so vielfältig wie die Musik von Pearl Jam und für jeden Geschmack ist etwas dabei.

 

Im Hannibal Verlag erscheint nun dieser Prachtband erstmals in deutscher Übersetzung. Wo denn auch sonst? Der Verlag ist schließlich dafür bekannt hochwertige Bücher aus dem Musikbereich in optisch schöner Verpackung zu veröffentlichen. Das Auge isst ja bekanntlich mit und im Falle des schweren Schinkens von „Twenty“ wird ein Feinschmeckermenü kredenzt, dass es einem glatt die Sprache verschlägt. Die Aufmachung ist absolut hochwertig! Und damit ist einstweilen nicht der Inhalt gemeint. Hardcover und Schutzumschlag ist ja mittlerweile Standard, aber dann wäre da noch das wertige Papier und das Großformat von 29 x 25 cm. Damit geht dieses Werk weit über die Taschenbuchausgabe hinaus.

 

Dies ist aber auch absolut notwendig um die vielen – teilweise raren und unveröffentlichten – Bilder, Fotos, Poster, Zeitungsausschnitte, Eintrittskarten, Songtexte, Backstagepässe, Gruppenfotos, Einzelporträts oder Cover-Artworks zu genießen. Selbst, wenn man das Buch gelesen hat, wird man es immer wieder zur Hand nehmen um darin zu blättern und die vielen schönen, großen und kleinen Details zu betrachten. Man kann hier immer wieder auf Entdeckungsreise gehen und in die Welt von zwanzig Jahren Pearl Jam eintauchen. Schon alleine aufgrund dieser formschönen Aufmachung entfaltet sich hier ein (bebilderter) Tagebuchcharakter! Da verzeiht man dann auch gerne, dass sich der eine oder andere Fehler eingeschlichen hat. So wird aus Kurt Cobain dann auch mal Curt Kobain oder aus Jack Irons Jeff Irons. Das kann im Rahmen der Übersetzung sicher passieren und ist eher von untergeordneter Bedeutung.

 

Inhaltlich kann dieser Schinken auch ziemlich viele Punkte einheimsen. Wer jetzt allerdings eine Biografie über jedes Bandmitglied erwartet, wird natürlich nicht auf seine Kosten kommen. Darum geht es hier ja auch nicht, denn schließlich sollen zwanzig Jahre Pearl Jam unter die Lupe genommen werden. Trotzdem kann dieses Werk auch mit vielen Insider-Infos aufwarten, die auch für den Hardcorefan interessant sein dürften. Gerade das erste Drittel ist dabei nicht explizit nur für die Pearl Jam Jünger geeignet, sondern für alle, die sich irgendwie für die damalige Musikexplosion interessieren. Man bekommt doch sehr viele Eindrücke über die Szene in Seattle vermittelt und wie dort die Musikszene Anfang der 90er entstanden ist und wie sich diese entwickelt hat. Das Buch kann den Spirit der damaligen Zeit sehr gut einfangen.

 

Die Bands Shadow und besonder Green River und Mother Love Bone sind für die Geschichte dieser Band natürlich sehr wichtige Bausteine und somit wird dem ausführlich Rechnung getragen. Der Hardcorefan wird jetzt sicher abwinken, da dieser die Geschichte von Pearl Jam vermeintlich besser wie die einzelnen Bandmitglieder kennt. Mag sein, aber durch die vielen O-Töne verfestigt sich das Bild ganz anders. Abgesehen davon ist es äußerst erfrischend zu lesen, wie sich die einzelnen Musiker und Bands zu dieser Zeit geholfen haben. Chris Cornell hat Eddie Vedder quasi an die Hand genommen und nach dessen Umzug von San Diego in Seattle eingeführt. Und wenn es bei dem einst schüchternen Sänger nicht lief, nahm ihn Cornell kurzerhand auf seine Schultern - „hey, seht her, er ist einer von uns“.

 

Interessant ist natürlich auch wie Vedder schließlich nach Seattle kam und dafür der spätere Schlagzeuger Jack Irons im Grunde verantwortlich ist, da dieser ein Tape mit Instrumentalsongs von Gossard und Ament weiterreichte. Vedder schrieb dann die Texte dazu und der Rest ist – wie man so schön sagt – Geschichte. Gossard und Ament spielen ja schon seit Ewigkeiten zusammen, umso erstaunlicher ist es, dass die beiden eigentlich gar nicht so dicke Kumpels waren wie es eben den Anschein hat. Trotzdem lag es in der Natur der Sache, dass die beiden die Band zunächst führten. Bis, ja bis Eddie Vedder aufgrund seines enormen Outputs beim zweiten und dritten Album das Ruder an sich riss. Zunächst widmet sich das Buch aber zu einem Großteil der Vorgeschichte und Mother Live Bone Sänger Andy Wood, der die Szene in Seattle bis zu seinem Drogentod prägte.

 

Das Buch arbeitet sich in der einzigen logischen Konsequenz durch die Bandgeschichte – nämlich chronologisch. So kann man als Leser noch mal den rasanten Aufstieg von Pearl Jam zu einer der wichtigsten Bands des Planeten nacherleben. Die zunehmenden Schwierigkeiten mit der Popularität werden dabei ausführlich beleuchtet. Gerade Vedder hatte darunter enorm zu leiden und schließlich musste er sich sogar eines Stalkers erwehren. Mike McCready hatte ein ernsthaftes Alkohol- und Drogenproblem. Teilweise stand er völlig benebelt im Studio und konnte nicht mehr als einen Song beisteuern. Hier muss man allerdings auch leise Kritik anbringen, denn gerade diese schwierigen Phasen für die Band, aber eben auch für die einzelnen Protagonisten, werden teilweise nur angerissen und kreisen an der Oberfläche. Da hätte man sich noch mehr Hintergründe und Tiefe gewünscht. Auch die stetige Suche nach einem neuen Drummer wird zwar angesprochen, die Gründe dafür aber nur angedeutet. Man erfährt zwar, dass Eddie Vedder die Bodenhaftung nicht verlieren wollte und lieber mit einem Bus von Auftrittsort zu Auftrittsort gefahren ist, während die restlichen Jungs freilich den Flieger genommen haben, zu welchen Spannungen das geführt hat und wie diese bewältigt wurden wird letztlich aber auch nur kurz angesprochen. Ebenso wie die (Presse-)Fehde zwischen Pearl Jam und Nirvana. Die Ticketmaster-Geschichte zieht sich eine zeitlang wie ein roter Faden durch das Buch. Sehr sensibel hat man übrigens die tragischen Ereignisse von Roskilde niedergeschrieben.

 

Auf der anderen Seite bereichern viele Anekdoten und Hintergrundinformationen zu vielen Ereignissen und Konzerten dieses Buch ungemein und hier erhält man tatsächlich den berühmten Blick hinter die Kulissen. Die gemeinsame Tour mit Mike Watt, Pat Smear, Dave Grohl und Eddie Vedder als Gitarrist(!) ist da nur eine der vielen netten Randerscheinungen. Viele Setlistraritäten werden natürlich nicht ausgespart. Auch die Soloausflüge der einzelnen Bandmitglieder werden immer wieder beleuchtet und unter die Lupe genommen.

 

Als ganz großes Plus erweist sich die Umsetzung der Geschichte. „Twenty“ kann nämlich auch als großes Pearl Jam Nachschlagewerk fungieren. Das Register zum Schluss ermöglicht das schnelle Auffinden der gesuchten Inhalte im Buch ohne großes Blättern. Die Jahre sind jeweils in einzelne Kapitel unterteilt und wer so noch mal einen ganz bestimmten Karriereabschnitt nachlesen möchte, kann auch dies ohne großen Aufwand tun. Als besonderes Schmankerl werden zum Schluss die jeweiligen Alben beleuchtet und so kann man den Studioprozess in geraffter Form ganz gut nachvollziehen. „Binaural“ kommt in der Nachbetrachtung nicht ganz so gut weg, aber warum „No Code“ immer noch sträflich unterschätzt wird bleibt rätselhaft. Alles in allem aber sehr aufschlussreich!

 

Fazit: „Twenty“ von Pearl Jam ist ein Prachtband von den Bandanfängen (und darüber hinaus) bis ins Hier und Jetzt über die Veteranen der 90er. Die liebevolle Gestaltung und Aufmachung kann mir sehr vielen Raritäten aufwarten. Selbst für den Hardcorefan dürften sich noch neue Aspekte und Anekdoten auftun. Auch als Nachschlagewerk eignet sich dieses Buch bestens. Alles in allem erweist sich dieser Schinken als die beste Veröffentlichung aus dem Hause Pearl Jam der letzten zehn Jahre – mindestens! Und der obligatorische Kater nach der Geburtstagsfeier bleibt sogar aus! Nachträglich alles GUTE!

 

http://www.pearljam.com/

http://www.hannibal-verlag.de/

 

Text: Torsten Schlimbach

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